Bericht von der Bruderhof-Konferenz

02.09.2010

Heile das Zerbrochene

„Ich habe den Nazis vergeben“, das war einer dieser Sätze von Eva Kor, die einem im Gedächtnis hängen bleiben, die einen nicht loslassen und über die man immer wieder nachdenkt.
Eva Kor, Überlebende von Auschwitz, ist Opfer der medizinischen Tests, die dort von dem KZ- Arzt Josef Mengele durchgeführt wurden. Sie war die Hauptreferentin auf der Konferenz  mit dem Titel „Heile das Zerbrochene – Repair the Future“, die am 21. August 2010 in Weimar stattfand. Die außergewöhnliche und in ihrer Art einzigartige Konferenz wurde veranstaltet von der Holzland Gemeinschaft in Bad Klosterlausnitz, einer auf Eberhard Arnold zurück gehenden christlichen „Bruderhof“- Lebensgemeinschaft. Der Themenbereich „Versöhnung – Vergebung – Heilung – Frieden“ ist schon seit langem ein Grundanliegen der Gemeinschaft. Doch in dieser Konferenz ging es um ein ganz besonderes Thema: um den Holocaust, um die Opfer und Täter und um ihre Nachfahren. Und es ging um die Aufgabe der Vergebung.

„Was schreibe ich einem Nazi, der für den Tod meiner Schwester verantwortlich ist?“ Eva Kor berichtete auf schlichte, eindringliche Weise von ihrem Leidensweg und dem Ausweg, den sie aus ihrer Opferrolle fand – durch Vergebung. Dabei war es ihr wichtig, mit den Zuhörern Kontakt aufzunehmen, denn, so sagte sie, jeder ist beteiligt, jeder muss sich mit den Fragen des Holocaust und der Vergebung auseinander setzen. Unter den etwa 150 Teilnehmenden waren viele, die als Nachfahren von Opfern, aber auch Tätern des Holocaust direkt betroffen waren. Es war viel zu spüren von dem Schmerz, von Schuldgefühlen und tiefer Trauer, als ein Gesprächsbeitrag nach dem anderen von dem schrecklichen, unfassbaren Geschehen in den Vernichtungslagern berichtete. Noch schmerzlicher fast war die Erkenntnis, dass es immer noch sehr wenig gelingt, im familiären, persönlichen Bereich des Privatlebens dieses Geschehen zu reflektieren und zu bearbeiten. Kaum jemand möchte oder über das sprechen, was im persönlichen Leben geschehen ist, und welche Auswirkungen dies in den Familien und in der ganzen Gesellschaft bis heute hat. Immer wieder war die emotionale Spannung im Raum greifbar, und immer wieder gelang es Eva Kor, mit dem ihr eigenen Humor diese Spannung aufzulösen.

Denn der Grundtenor der Konferenz war bei allem Schmerz über das Geschehene eine starke Hoffnung für die Zukunft. Es gibt einen Weg aus der Spirale von Schuld, Grauen und der Ohnmacht der Opfer. Es ist möglich zu vergeben und damit das eigene Leben mit neuer Kraft in die Hand zu nehmen. Durch Vergebung erlebt ein Opfer Befreiung aus der Abhängigkeit vom Täter. Der Sohn eines SS- Mannes aus Deutschland, der erst nach dem Tod des Vaters dieses schreckliche Familiengeheimnis aufdeckte; oder die Rabbinerin aus New York, die über die zerstörerische Kraft von Vorurteilen sprach; die Großnichte von Hermann Göring, die mit dem Namen und dem schrecklichen Erbe ihres Großonkels leben lernen musste, oder Eva Kor und ihr Sohn, die den weiten Weg angereist waren, um den Deutschen ihre Hand entgegen zu strecken – sie alle sprachen von der Kraft der Vergebung und von dem dringenden Gebot, diese Botschaft der Vergebung zu allen Betroffenen zu tragen.

Eva Kor ist kein religiöser Mensch. Der Glaube, so sagte sie auf der Konferenz, spielt für sie bei der Vergebung keine Rolle. Das klang fremd in meinen Ohren, doch war ihr abzuspüren, dass sie wirklich ehrlich und tief im Herzen diese Vergebung lebt, von der sie redet. Wenn schon ihr menschlicher Geist zu dieser Vergebung fähig ist, wie viel mehr könnte Gottes Geist durch Versöhnung mit Menschen und mit Gott Befreiung schenken! Und wie tragisch ist es, dass unter Christen, die es doch eigentlich wissen müssten, oft so wenig von Vergebung zu spüren ist.

Einige Vertreter des BEFG waren der Einladung zu der Konferenz gefolgt, die in „Bund aktuell“ veröffentlicht worden war. Wir mussten gestehen, dass auch in unseren Gemeinden wenig zu spüren ist von einer bewussten Aufarbeitung der Ge schichte und einer aktiven Suche nach Vergebung und, wo möglich, auch Versöhnung. Als alle Konferenzteilnehmer zur nahen KZ- Gedenkstätte Buchenwald fuhren, um dort einen Kranz niederzulegen, der Opfer zu gedenken und ein Versprechen zu geben, uns für die „Heilung des Zerbrochenen“ einzusetzen, da wussten wir: hier ist heiliger Boden! Die Saat wurde an diesem Tag ausgesät. Sie wird aufgehen in den Herzen der Teilnehmenden und sich ausbreiten, damit Vergebung die Oberhand gewinnt – im Namen Gottes!

Regina Claas


Weitere Informationen finden sich unter: http://www.heile-das-zerbrochene.de/www.heile-das-zerbrochene.de

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