Ein Bericht von Andrea Schneider
Mein ÖKT fand - neben der Moderation eines Forums des geistlichen Netzwerks „Miteinander für Europa“ - hauptsächlich in der Projektkommission „Eröffnungsgottesdienste“ statt. In fünf ganztägigen Sitzungen beschäftigte sich dieses vom Gemeinsamen Präsidium eingesetzte Gremium mit Organisation und Liturgie der drei Open-Air Gottesdienste zum Start des ÖKT. Ca. 15 Menschen, u.a. katholische und evangelische Liturgiewissenschaftler, Leiter von Gottesdienstinstituten, ein Kirchenmusikdirektor, ein Posaunenchorverbandschef, ein Popmusiker – und ich als freikirchliche Rundfunkpastorin mittendrin. Das war manchmal ganz schön anstrengend. Was ist grundlegend wichtig für einen Gottesdienst? Wie kann ein Gottesdienst aussehen für Menschen, die gerade erst in München aus dem Zug gestiegen sind? Wie können dieser sperrige Leittext aus dem ersten Petrusbrief und das Motto von der Hoffnung anschaulich werden? Die Meinungen gingen oft ziemlich auseinander. Und immer wieder mussten wir uns verständigen, nicht einfach das machen zu wollen, was „bei uns“ so üblich ist, sondern wirklich etwas Gemeinsames zu entwickeln. Ein echter ökumenischer Lernprozess. Z.B. suchten wir lange ein verbindendes Zeichen, das die Hoffnung ausdrückt. Eine Tauferinnerung mit Wasser konnte und sollte es nicht sein. Vielleicht eine Art „Trockensegen mit Kreuz“, wie wir etwas flapsig sagten in der Gruppe? Können Sie das mittragen, Frau Schneider? Ich konnte.
Irgendwann dann wurde ich gebeten, gemeinsam mit dem Kirchentagspastor Joachim Lenz die liturgische Gesamtleitung des zentralen, im Fernsehen übertragenen Eröffnungsgottesdienstes zu übernehmen. Ich habe gern zugesagt - auch weil ich es ein schönes ökumenisches Zeichen fand, uns als Baptisten an dieser herausgehobenen Stelle zu beteiligen. Nach fünf Sitzungen stand das Gottesdienstprogramm immer noch nicht so richtig! Aber dann reduzierte sich die Vorbereitungsgruppe auf einen „harten Kern“ und wir wurden so richtig kreativ. Eine „Hoffnungslitanei“ wurde erdacht mit kurzen Kernsätzen bekannter Hoffnungszeugen – aus baptistische Sicht konnte ich hier Martin Luther King einbringen. Persönliche Statements sollten diese Sätze aktualisieren und während die Gemeinde immer wieder in den Taizégesang „Meine Hoffnung und meine Freude“ einstimmt, sollten Jugendliche große bunte Luftballons vom großen Kreuz in der Mitte des Platzes vor die Gemeinde tragen – als „Hoffnungsregenbogen“. Und auch die Fürbitten wollten wir wieder mit dem Kreuz, dem Ort unserer Hoffnung, in Verbindung bringen. Lange dachten wir über große Tafeln nach, auf denen Stichworte unserer Gebete stehen und die zum Kreuz getragen werden sollten.
Immer wieder wurde der Ablaufplan überarbeitet. Spät, aber doch rechtzeitig kam das Predigtmanuskript der beiden Münchner Ortsbischöfe Friedrich und Marx, die sich für ihre Predigt – sehr zu unserer Überraschung und Freude – tatsächlich auf einen Dialog eingelassen hatten. Eine besonders schöne Erfahrung von Geschwisterlichkeit über konfessionelle Grenzen hinweg war für mich die Zusammenarbeit mit meinem evangelisch-landeskirchlichen Mit-Liturgen. Er meinte: „Du sollst das Eingangsvotum sprechen, das erste offizielle Wort des ÖKT. Die katholischen Geschwister sollen sehen, dass das geht.“ Ich war einverstanden.
Viele Menschen kamen auf die Theresienwiese. Am Ende wohl ca. 60.000. Sie haben mitgesungen, mitgebetet. Bis hin zum Bundespräsdenten haben viele mitgemacht bei der Aktion, Umstehenden ein Kreuzzeichen auf die Stirn oder in die geöffneten Hände zu zeichnen mit dem Segensspruch: „Damit du Hoffnung hast“. Das waren bewegende Minuten auf der Wies'n, untermalt von Judy Bailey mit „Amazing grace“. Ich bin dabei auf der Bühne gern u.a. auf Erzbischof Marx zugegangen. Und er hat gelächelt, als ich ihm das zu sprach: „Damit zu Hoffnung hast“.
Es war bitterkalt und windig auf der großen Bühne. Aber Joachim Lenz hat nach dem Gottesdienst augenzwinkernd gesagt: „Wir haben quasi in der metereologischen Antarktis liturgische Wärme erzeugen können – Gott sei Dank!“.
Pastorin Andrea Schneider, Oldenburg
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