Ein Bericht von Siegfried Großmann
Insgesamt fand ich den 2.ÖKT nachdenklich und weniger stark vom Eventcharakter bestimmt als die meisten Kirchentage, die ich erlebt habe. Durchgehend wurde der Stillstand der Ökumene auf der Ebene der Kirchenleitungen und der dogmatischen Fragen beklagt, und die Teilnehmer machten aus dem ÖKT eher ein fröhliches gemeinsames Glaubensfest. Es wird sich weitert entwickeln, daß die konfessionelle Zugehörigkeit weiter abnimmt und sich eine allgemeine christliche Identität weiter entwickelt.
Es hat sich sehr positiv bemerkbar gemacht, daß wir als Baptisten zusammen mit den anderen Freikirchen in der ACK zu den Veranstaltern gehörten und nicht nur Gäste waren wie beim ersten ÖKT. In diesen sieben Jahren hat sich auch das Bewußtsein weiter entwickelt, daß die freikirchliche Gemeindepraxis eine unverzichtbare Seite der Ökumene ist, deren Bedeutung zunehmen wird.
Ich habe an sechs Veranstaltungen mitgearbeitet und will die Erfahrungen dabei in Stichworten beisteuern:
1. Do. 16.00 "Betreten der Baustelle verboten"
Hier ging es um die Frage, ob Reformprozesse in den Kirchen die Ökumene voranbringen. Ich war hier auf dem Podium. Natürlich gehen Reformen in den Volkskirchen langsamer und sind strukturierter, und es wurde auch deutlich, daß bei den Orthodoxen nur kleine Veränderungen möglich scheinen. Die Art und Weise, wie ich von Reformprozessen berichten konnte, kommt der Hoffnung, auf welche die Basis setzt, natürlich näher, und so war die freikirchliche Sicht für das Podium durchaus relevant. Wir waren alle überrascht, daß dieses Thema eine große Halle gefüllt hat.
2. Do., 19.00 "Verleihung des Ökumene-innovativ-Preises"
Als Mitglied der Projektkommission "Zentrum Ökumene" hatte ich angeregt, einen Ökumenepreis zu vergeben, der ein besonders innovatives Projekt auszeichnet. Das Präsidium nahm den Gedanken auf, und wir verbreiteten die Ausschreibung überall da, wo es ging. Es war eher ein Abenteuer, denn niemand wußte so recht, ob das Projekt laufen würde. Aber es kamen 87 Bewerbungen, eine interessanter als die andere, und als dreiköpfige Jury (katholisch, evangelisch und ich als Baptist) wählten wir 5 Bewerber aus, die zum ÖKT eingeladen wurden. Sie trugen am Abend vor einem großen Publikum ihre Projekte vor, unter denen auch zwei mit starker baptistischer Beteiligung waren. Das Publikum wählte den Preisträger aus. Den Preis bekam die Initiative "Gemeinde hoch drei". Hier haben zwei katholische und eine evangelische Kirchengemeinde in Schloß Neuhaus seit sechs Jahren ihre Gemeindebriefe zusammengelegt, die seitdem an alle Haushalte gehen.
Daraus ist ein erstaunlich lebendiges und sehr missionarisches Gemeindeleben entstanden, sozusagen als eine Art ökumenische Volkskirche. Viele der eingereichten Projekte sind so gut, daß wir eine Veröffentlichung überlegen, denn wir wollen ja mit dem Preis die Entwicklung der Ökumene an der Basis unterstützen. Der Preis wurde von den beiden Generalsekretären des Ev. Kirchentags und des Katholikentags überreicht, und ich schilderte in einem Interview die Zielsetzung dieser Aktion, die viel Interesse fand.
3. Fr. ganztägig "Forum Zeichen der Hoffnung"
"Miteinander für Europa", ein seit 10 Jahren existierendes Netzwerk von geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen in Europa (inzwischen ca. 250 Gemeinschaften), in dessen deutschem Leitungskreis ich mitarbeite, veranstaltete im Auftrag des ÖKT ein ganztägiges Forum in der Eissporthalle. Ich hielt hier ein Impulsreferat über die Frage, ob die Ökumene der Kirchen von der Ökumene der Bewegungen lernen könne. Im "Miteinander" geht es darum, den gegenseitigen Glauben zu erkennen und eine geistliche Gemeinschaft zu bilden. Erst daraus gewinnen wir eine Nähe, die uns erlaubt, sinnvoll über die uns trennenden Erkenntnisse zu sprechen und sie zu überwinden. Das Referat machte die geistliche Identität des "Miteinander-Netzwerkes"
deutlich und wurde intensiv diskutiert (auf dem Podium: Bischof Johannes Friedrich, München; Bischof Radkovsky, Pilzen; Maria Voce, Präsidentin der weltweiten Focolöarbewegung und Gerhard Proß, einer der Sprecher des Miteinander. In diesem Netzwerk ist es selbstverständlich, die Erfahrungen der vier Kirchenfamilien (katholisch, evangelisch, freikirchlich und orthodox) miteinander zu teilen.
4. Sa. 11.00 "Interview beim Christinnenrat"
Dieses Netzwerk der kirchlichen Frauenwerke, zu dem auch unser Frauenwerk gehört, veranstaltete in der Agora halbstündliche Interviews, jeweils mit zwei Personen aus verschiedenen Kirchen.
Zusammen mit dem katholischen Bischof von Trier diskutierten wir über den aktuellen Zustand der Ökumene. Ich nannte meine Beobachtungen eine"Ökumene der zwei Geschwindigkeiten" und setzte mich dafür ein, die offenen Türen an der Basis zu nutzen, um (ähnlich wie beim
"Miteinander") das gegenseitige Verständnis und die gemeinsamen geistlichen Erfahrungen zu nutzen, in einer größeren Nähe und einem gereiften Verständnis die trennenden Fragen anzugehen.
5+6. Sa. 14.00 und 16.00 "Podium und Workshop: Leben aus der Taufe -
ein Weg zueinander"
Für beide Veranstaltungen hatte ich die Moderation übernommen, für dieses Thema hatte der ÖKT den DÖSTA (Deutscher Ökumenischer Studienausschuß der ACK) beauftragt. Auch hier waren Referenten der vier Kirchenfamilien vertreten, für die Baptisten war Prof. Andrea Strübind auf dem Podium. Wir machten deutlich, daß die gegenseitige Taufanerkennung von Magdeburg nicht für die täuferischen Freikirchen und einige orientalisch orthodoxe Kirchen gilt und auch bei den Unterzeichnern nach wie vor sehr verschiedene Deutungen und Praktiken bei der Taufe herrschten. Die Diskussion machte aber deutlich, daß gerade darin wesentliche Ergänzungen liegen, nicht in dem Sinn, die eigene Tradition aufzugeben, sondern Erfahrungen der Anderen mit der eigenen Praxis in Verbindung zu bringen. Trotz des schwierigen Themas vermittelte das erstaunlich gut besuchte Podium die Hoffnung, daß auch bei einer noch nicht erfolgten Anerkennung das "Leben aus der Taufe", also der geistliche Weg des Einzelnen, uns bei dem Weg zueinander hilft. Mir fiel dabei auf, wie stark nicht nur die Referenten, sondern auch das Publikum (über die Anwältin des
Publikums) nicht bei der Diskussion über die Unterschiede stehen blieb, sondern an der jeweils anderen Auffassung interessiert war, um eine ökumenische Ergänzung zu erleben.
Meine eigene Erfahrung unterstützt das, was ich von vielen anderen hörte, daß der zweite ÖKT eine weithin geistlich engagierte Veranstaltung war, bei dem "Glauben heute" und "Verantwortung für die Welt von heute" eine intensive Verbindung eingingen.
Pastor Siegfried Großmann, Seesen
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