„Handlungsspielräume und Luft zum Atmen“

Interviews: Gemeindeberatung aus zwei Perspektiven

Seit 2004 gibt es im Dienstbereich Gemeindeentwicklung das Netzwerk „Beratung von Gemeinden“. Siegfried Abel ist einer von bundesweit 70 Beratern. Jan-Dieter Kampen hat mit seiner Gemeinde Beratung in Anspruch genommen. BEFG-Öffentlichkeitsreferent Michael Gruber hat sich mit beiden unterhalten.

Sie haben in Leitungsverantwortung für ein großes  Telekommunikationsunternehmen gearbeitet. Jetzt machen Sie ganz was anderes, Gemeindeberatung.

SA: So anders ist das gar nicht! Bei Management geht es auch darum, dass andere Menschen erfolgreich werden. Mit wachsender Führungsverantwortung hat in meinem Beruf auch die Beziehung zu den Mitarbeitern eine immer größere Rolle gespielt. Das hilft mir nun bei der Gemeindeberatung. Einen guten Teil meiner Qualifikation habe ich aus meiner beruflichen Aus- und Fortbildung. Außerdem habe ich in der Gemeindearbeit viel gelernt.


In allen Gemeinden sind ganz unterschiedliche Menschen mit vielen Begabungen. Warum ist da überhaupt ein Berater von außen nötig?

SA: Vermutlich kennt das jeder: Man hat ein Problem, man vertraut sich einem Freund an, und im Gespräch gewinnt man neue Erkenntnisse und kommt ein Stück weiter. So ähnlich ist das auch bei der Gemeindeberatung: Irgend etwas treibt mich als Gemeindeleitung um, ich trete auf der Stelle und suche mir jemanden, mit dem ich darüber reden kann, der von außen einen anderen Blick auf die Dinge hat.


Mit welchen Anliegen wenden Gemeinden sich an Sie?

SA: Oft geht es um Konflikte, um die Frage: Wie können wir besser miteinander umgehen? Ein zweites häufiges Thema ist, wie eine Gemeinde mit ihren begrenzten Ressourcen ihre vielen Aufgaben meistern kann. Da geht es um Strukturen und Organisation. Und schließlich brauchen Gemeinden oft Hilfe dabei, diese Bereiche mit ihrem Glaubensanspruch zusammenzubringen.


Wie läuft so eine Beratung ab?

SA: Unser Bund hat sich auf die Fahnen geschrieben, dass die Beratung prozessorientiert sein soll. Das bedeutet: Der Berater zwingt seine Ideen der Gemeinde nicht auf, sondern diese entscheidet, wie der Prozess läuft. Und so kommt ein Berater vielleicht über Jahre immer wieder regelmäßig in die Gemeinde, oder es gibt nur zwei Treffen.


Wie helfen Sie einer Gemeinde, in der Streit herrscht?

SA: Am Anfang steht immer ein Zuhören und das Bemühen, die anderen am Konflikt Beteiligten zu verstehen. Wenn das gelingt, kann man in aller Regel nebeneinander stellen, was die Spannung ausmacht, die Positionen benennen und darüber reden. Ist die Sprachfähigkeit erst einmal hergestellt, ist es zur eigentlichen Lösung meist kein allzu großer Schritt mehr. Bei strukturellen Fragen geht es vor allem darum, für Klarheit in den Strukturen zu sorgen: Wofür bin ich verantwortlich, wo hört meine Verantwortung auf?

Was sind für Sie die größten Herausforderungen in der Gemeindeberatung?

SA: Wenn persönliches Leid eine erhebliche Rolle spielt, geht mir das besonders nahe. Herausfordernd ist es auch, wenn Menschen Angst vor Veränderung bekommen. Wenn eine Gemeinde sich entscheidet, nichts zu ändern, dann muss ich das akzeptieren, und das fällt mir nicht immer leicht.

Aber Gott sei Dank überwiegen die Erfolgserlebnisse. Es macht viel Freude, die Früchte zu sehen und mitzubekommen, wie Gemeinden Handlungsspielräume zurückerobern und Luft zum Atmen bekommen. Und wie Gott mit seinem Geist Dinge tun kann, die vorher nicht mehr möglich waren.

 

Jan-Dieter Kampen, Sie sind geschäftsführender Ältester der EFG Lübbecke. Warum haben Sie Gemeindeberatung in Anspruch genommen?

JDK: Wir hatten Nachwuchssorgen. Es ist uns unglaublich schwer gefallen, Geschwister für Leitungsdienste in der Gemeinde zu finden. Wir waren zwei Älteste und zwei Diakone, und wir wussten, dass wir auch irgendwann aufhören müssen. Wir fühlten uns richtig alleine gelassen. Mit unserem Problem haben wir uns an Hans-Günter Simon vom Netzwerk „Beratung von Gemeinden“ gewendet.


Was hat sich für Ihre Gemeinde nun geändert?

JDK: Nach dem Ende des Beratungsprozesses konnten wir vier neue Älteste und fünf neue Diakone berufen. Viele Arbeitsbereiche sind nun wirklich gut besetzt. Wir sehen eine große Bereitschaft in der Gemeinde, Verantwortung zu übernehmen  und mitzugestalten. Außerdem ist die Aufgabenverteilung nun klar geregelt, wir haben unser ganzes Leitungskonzept überarbeitet.


Wie lief der Beratungsprozess ab?

JDK: Zunächst gab es ein paar Treffen im kleinen Kreis. Mit dabei waren Dietmar Schäfer, der uns damals für ein Jahr als Pastor unterstützte, die beiden Ältesten und der Berater. Wir haben die Situation unserer Gemeinde angeschaut, uns mit Wünschen und Sorgen der Mitglieder und den Stärken und Schwächen der Gemeinde beschäftigt. Aus diesen Überlegungen haben wir ein Konzept erstellt, wie wir Geschwistern Mut machen können, Leitungsverantwortung zu übernehmen. Wir haben beschlossen, eine Schulung für Mitglieder anzubieten, die an Leitungsarbeit interessiert sind. Hans-Günter Simon hat dafür eine Art Stundenplan erstellt.


Haben sich denn Interessierte gefunden? Vorher war die Bereitschaft ja nicht so groß.

JDK: Entscheidend war, dass mit der Teilnahme an der Schulung nicht die Verpflichtung verbunden war, später auch in der Gemeindeleitung mitzuarbeiten. Wer bereit war, etwas neues zu lernen, durfte unverbindlich mitmachen. Und tatsächlich stieß unser Konzept in der Gemeindeversammlung auf große Offenheit. Zehn Geschwister, die vorher keine Leitungsposition hatten, haben sich für die Schulung angemeldet, außerdem haben alle bisherigen Verantwortlichen teilgenommen. Ein Jahr lang gab es regelmäßig Treffen, und insgesamt sind nur zwei Teilnehmer abgesprungen. Die anderen acht haben nicht nur bis zum Ende mitgemacht, sondern sich danach sogar als Älteste oder Diakone berufen lassen. Auch eine Schwester, die nicht an der Schulung teilgenommen hat, hat sich zur Diakonin wählen lassen.


Um welche Themen ging es denn bei der Schulung?

JDK: Erst haben wir uns damit befasst, was eigentlich das Neue Testament über Gemeindeleitung sagt. Dann ging es z. B. darum, wie man mit Konflikten oder Kritik umgeht, wie gute Kommunikation aussieht, wie man mit eigenen Stärken und Schwächen umgehen kann – all das, was man für eine Leitungsaufgabe braucht. In Rollenspielen haben wir vieles ganz praktisch ausprobiert.


Warum sollten Gemeinden Beratung in Anspruch nehmen?

JDK: Alle am Prozess Beteiligten haben viel Reifung und Hilfestellung erfahren. Die Schulungsteilnehmer haben ihre Angst vor Führungsverantwortung verloren. Und weil der Prozess so transparent ablief, konnte die ganze Gemeinde zusammenwachsen. Wir schauen wieder mutig in die Zukunft. Da ist richtig geistliches Potenzial frei geworden. Ich kann nur jeder Gemeinde empfehlen, so einen Weg zu gehen.

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