Altsein (k)ein Makel
In allem, was ich über das Alter lese oder höre, entdecke ich das Bemühen, dem Alter möglichst viele positive Aspekte abzugewinnen. Da werden aktive, fitte Senioren beschrieben, heiß umworben als Freiwillige für vielfältige Aufgaben in Gesellschaft und Gemeinde und als zahlungskräftige Konsumenten. Wenn es dann andererseits um die geht, die nicht mehr aktiv sein können, diejenigen, um die „man sich kümmern muss“, wird das Thema „Pflege und Versorgung“ behandelt. In beiden Fällen steht das „Tun“ im Vordergrund; im ersten Fall das eigene Tun, im zweiten Fall das Tun der anderen. In christlichen Gemeinden gibt es für die, die selbst nichts mehr tun können dann noch den „Trost“, dass sie ja immer noch beten können. Warum ist es so wichtig, dass etwas getan wird? Haben alte Menschen nicht einen Wert an sich?
Ich vermisse eine respektvolle Haltung dem Alter gegenüber. Auch oder gerade dem Alter gegenüber, dass uns in Schwachheit begegnet. Einen Respekt, der nicht sofort danach fragt, wie die Defizite, die ja fraglos da sind, ausgeglichen werden können, sondern der Schwachheit und Defizite aushält. Wir lassen uns nicht gerne daran erinnern, dass das Leben endlich ist, und dass es oft nicht ohne Schmerzen und Abhängigkeiten zum Ende kommt.
Die Liebe und Überzeugungskraft einer christlichen Gemeinde muss sich auch darin zeigen, wie sie mit ihren alt gewordenen Mitgliedern umgeht, die nichts mehr tun können, noch nicht einmal beten. Die Botschaft von Gottes bedingungslosem JA zu jedem Menschen soll auch hier zum Ausdruck kommen. Alte Menschen sind meines Erachtens unverzichtbar für jede Gemeinde. Nicht, weil sie so viel einbringen können, sondern vor allem, weil sie alt sind.
Alte Menschen lehren durch ihr Dasein die biblische Weisheit, das alles seine Zeit hat, auch Schwachsein und Sterben. Sie zeigen: Wir leben hier nicht ewig, unser Leben hat ein Ziel – Gottes Ewigkeit. Wir tun gut daran, uns dieser Botschaft zu stellen.
Irmgard Neese in „Lebenslauf“, Januar/Februar 2009
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