Was heißt hier schon alt?

Alt, das heißt verbraucht, beschädigt, nicht mehr zu gebrauchen.
Alt, das heißt geachtet, gepflegt, besonders wertvoll.

Welcher Beschreibung gebe ich den Vorzug? Was ist der Unterschied zwischen einem alten Auto und einem Oldtimer? Zwischen einem alten Schrank und einer Antiquität?

Wenn wir an das Alter als Lebensphase denken, schwanken wir oft zwischen zwei ähnlichen Polen. Wir sehen das Alter entweder als eine Zeit mit vielen Defiziten und Einschränkungen oder wir richten unseren Blick auf die vielen wertvollen Erfahrungen und die neuen Möglichkeiten dieser Lebenszeit.

Auch in der öffentlichen Diskussion gibt es gegensätzliche Richtungen. Da wird einerseits ein düsteres Bild von einer überalterten Gesellschaft gemalt, in der wenige junge Menschen für Finanzierung und Pflege der alt gewordenen Generation aufkommen müssen. Andererseits werden die Potenziale des Alters hoch gelobt und die Senioren werden heiß umworben als Konsumenten mit Geld und Zeit und auch als ehrenamtlich Engagierte in allen Bereichen unserer Gesellschaft.

Ab wann ist ein Mensch eigentlich alt? Viele fühlen sich mit über 70 Jahren noch nicht reif für einen Seniorenkreis und wollen auch nicht als Senioren angesprochen werden – und zu den Alten gehören sie schon gar nicht. Woher rührt dieses „sich wehren“ gegen das Alter?

Ein Teil beruht sicher auf der Unsicherheit im Bezug auf die eigene Rolle. Seit einigen Jahren hat sich eine Seniorengeneration herausgebildet, die fast nichts mehr gemein hat mit den überlieferten Bildern von Socken strickenden Omas mit grauem Dutt und Enten fütternden Opas mit Krückstock, die tief in unserem Denken verwurzelt sind. „So bin ich nicht und so will ich auch nicht werden.“ Nur wie kann Alter heute gelebt werden? Wo finden wir  überzeugende Vorbilder?

Und dann ist da auch noch die Angst, auf dem Abstellgleis zu landen, nicht mehr teilhaben zu können am Leben. Das Miterleben von Demenzerkrankungen und Pflegebedürftigkeit bei Angehörigen und Bekannten konfrontiert mich unsanft mit dem eigenen Ende.

All das führt zu einer Vogel-Strauß-Politik im Hinblick auf das eigene Lebensalter und das ist bekanntlich nicht hilfreich. Es gilt, diese Lebensphase bewusst zu gestalten.  

Dazu gehören das Genießen der neuen Freiheit und das aktive Mitgestalten des eigenen Lebensumfelds. Das Pflegen von Hobbys und die Auseinandersetzung mit den Themen des Lebensendes. Der enge Kontakt mit Familie und Freunden und das Einüben von Alleinsein.

Ein Mensch gewinnt im Alter nicht an Wert wie eine Antiquität, doch er verliert auch nicht an Wert wie ein Gebrauchsgegenstand. Der Wert eines Menschen ist unabhängig von Alter, Gesundheit und Leistungskraft. Er liegt darin, dass Gott den Menschen zu seinem Ebenbild geschaffen hat, dem seine ganze Liebe gilt.

 

Irmgard Neese in „miteinander unterwegs“ 2008

 

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