2009

Andacht zum Monatsspruch Oktober

„Dann werde ich ihnen ein einiges Herz geben und einen neuen Geist gebe ich in ihr Inneres. Ich will wegschaffen das Herz aus Stein aus ihrem Fleisch und will ihnen ein Herz aus Fleisch geben.“

Ez. 11,19

 

Das Atmen fällt schwer, die Brust fühlt sich eng an und irgendetwas sticht genau dort, wo man sein eigenes Herz vermutet. So beschreiben Herzpatienten ihre Symptome und spätestens jetzt wird klar, dass das Atmen können aufs Tiefste mit dem Herzschlag verbunden ist. Wem das Herz kraftlos wird, der kann nicht mehr frei atmen.

Der Monatsspruch aus dem Buch des Propheten Ezechiel sagt auch etwas über das Atmen können. Über Gottes Atem, seinen Geist, der belebt und in die Weite führt. In einer Zeit, als viele Israeliten im Babylonischen Exil verharrten, sollte Ezechiel den Weggeführten Botschaften von ihrem Gott überbringen. Denn dieser Gott war nicht nur in Jerusalem und im Tempel, sondern hat sich auf den Weg nach Babylon gemacht. In der pompösen sowie überwältigenden Thronwagenvision von Ez 1 wird das deutlich. Der Prophet soll nicht nur Unheil verkündigen, sondern auch ganz viel Heil. Dabei wendet er sich gleichermaßen an diejenigen, die in Jerusalem zurückgeblieben sind und an die Verschleppten in Babylon.

Gleich zu Beginn der Heilsbotschaft steht die Verheißung eines Herzens und eines Geistes. Ein anderes Herz, eines, das eint und nicht voneinander trennt, wird dem getrennten Volk verheißen. Weil sich das alte Herz verhärtet hat, man engstirnig und hartnäckig geworden ist, weil man aneinander und an Gott schuldig geworden ist, muss ein neues her. Genauer gesagt, ein Herz, wie es ursprünglich war, wird den Menschen von Gott noch einmal gegeben. Die kalte, versteinerte Mitte des Körpers soll ersetzt werden durch ein warmes, durchblutetes, lebendiges Organ.

Dabei geht es dem Propheten nicht um Herzchirurgie, sondern um die Mitte des Lebens selbst, man soll wieder Mensch und damit menschlich werden. Das Herz war in der Vorstellung des alten Orients das, was wir heute mit „Kopf & Bauch“ beschreiben würden. Also die Stelle im Körper, wo Denken und Fühlen verankert sind, wovon alle Entscheidungen und Handlungen ausgehen, soll wieder das werden, was sie einmal war. Zu diesem lebendigen Herzen kommt der Geist Gottes dazu, der dazu befreit, Mensch zu sein und der alle Kleingeistigkeit vertreibt. Und weil wir Christen durch Jesus Christus auch zum Volk Gottes gehören, gilt diese alttestamentliche Verheißung auch uns. Aus eigener Kraft schaffen wir es nicht, aber mit Gottes Hilfe können wir darauf hoffen, wieder frei atmen zu können und – im besten Sinne des Wortes –  barmherzig zu sein.

Angelika Beer

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Andacht zum Monatsspruch November

„Wenn Jesus - und das ist unser Glaube - gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen.“ (1 Thess 4,14)


Eine Komödie des Regisseurs Marcus H. Rosenmüller trägt den Titel „Wer früher stirbt, ist länger tot“. In Anlehnung daran könnte man die Überzeugung der Thessalonicher in dem Satz zusammenfassen „Wer zu früh stirbt, ist nicht zu retten“, denn sie waren überzeugt davon, dass der Herr wiederkommt und bis dahin niemand der Gläubigen gestorben sei. Sie glaubten, bei der Wiederkunft Jesu müsse man leben, um „dabei zu sein“. Aber es dauerte und es starben einige, mit der Zeit wurden es mehr und so schwand ihre Hoffnung zusehends und die Verunsicherung stieg.

Der Apostel Paulus schreibt ihnen in diese Situation hinein und will ihnen eine neue Perspektive auf ihr Leben und auf den Tod geben. Aber so neu ist diese Perspektive nicht, denn er muss die Thessalonicher zunächst an ihr Bekenntnis erinnern – es ist unser Glaube, dass Jesus gestorben und auferstanden ist! Die Thessalonicher hatten das wohl verdrängt, sie hatten sich ihre eigenen Überlegungen zurechtgelegt und den Tod aus dem Leben ausgeklammert. Langsam kamen sie zu der Überzeugung, dass der Tod etwas sei, was sie endgültig von Gott trennen würde. Langsam wurde ihnen bewusst, dass das ein recht unbarmherziger Gott sein musste, der sie so lange warten ließ. Sie verzweifelten an dieser Unbarmherzigkeit. Aber Christus selbst ist gestorben und auferstanden, das ist unser Glaube und damit ist der Tod nicht mehr der Gegensatz des Lebens, sondern er gehört zum Leben. Gott hat sich das Leid und den Tod zu Eigen gemacht und von nun an ist auch der Tod ein Teil des Lebens in Gottes Hand.

Im November scheint uns der Tod näher zu sein, als zu vielen anderen Jahreszeiten. Graue Tage, düstere Stimmung, Besuche auf dem Friedhof und Totensonntag tragen den Tod in unser Leben, obwohl wir ihm dort gern den Zutritt verwehren würden. Durch Krankheit und Leid drängt er sich mit Macht in das Leben einzelner Menschen, die ihm ohnmächtig ausgeliefert sind. Der Monatsspruch erinnert uns neu daran, dass in Christus Tod und Leben keine feindlichen Gegensätze mehr sind, sondern dass der Tod in sich die Verheißung auf neues Leben trägt. Nicht umsonst liegen Ewigkeitssonntag und Advent im Kirchenjahr ganz eng beieinander – Gott selbst hat den Tod zum Anfang von etwas Neuem erwählt. Das ist unser Glaube!

Simon Werner

Andacht zum Monatsspruch Dezember

Ich will euch erlösen, dass ihr ein Segen sein sollt. Fürchtet euch nicht und stärkt eure Hände.
Sach 8, 13

Wer die wechselvolle Geschichte des Volkes Israel anschaut, der kann schon auf den Gedanken kommen: dieses Volk ist „von allen guten Geistern verlassen“. Es scheint so, als ob ein Fluch über ihnen liegen würde. Der Prophet Sacharja greift diesen Eindruck auf, so beginnt Vers 13 mit denWorten: „Und wie ihr, die Leute von Juda und die Leute von Israel, für die anderen Völker zum Inbegriff eines Volkes geworden seid, das vom Fluch getroffen ist ...“ Ein kleines Volk, angesiedelt am Rand der Weltgeschichte, allenfalls eine Randnotiz in den Büchern der Geschichte.
Doch das Unerklärliche ist nicht das Ende. Das Volk soll der befürchteten Bedeutungslosigkeit entkommen können. Aber nicht aktiv, sondern nur
empfangend: Der, der sie ihren eigenen Weg hat gehen lassen, stellt sich ihnen entgegen – und an die Seite: Ich will euch erlösen. Nein, sie sind nicht von ihrem Gott verlassen. Er wird sie erlösen, befreien, retten. Und alle sollen staunen. Diejenigen, die dachten, es laste ein Fluch über diesem Volk, werden plötzlich Spuren des Segens erkennen: „So werdet ihr durch das, was ich an euch tue, zum Inbegriff des Segens werden“ (v.13).
Und nicht nur das: Sie sollen sogar selbst Teilhaber dieses Segens werden.
Israel findet zu seiner Bestimmung zurück.
Doch, es kann sein, dass unser Leben nur sehr undeutlich Spuren des Segens Gottes erkennen lässt. Man könnte meinen, dass unser Leben mangelhaft, bruchstückhaft, sogar vergebens ist. Vielleicht sogar ein ganzes Leben lang. Die Adventszeit erinnert daran, dass das Bruchstückhafte nicht das letzte ist, was über unserem Leben und dieser Welt zu sagen ist. Deshalb ist der Monatsspruch durch eine gewagte Aussage umschlossen: Fürchtet euch nicht, stärkt eure Hände.


Thomas Seibert

2010

Andacht zum Monatsspruch Januar

Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ 5. Mose 6,5


Befohlene Liebe klingt irgendwie gar nicht romantisch. Und ehrlich gesagt, glaube ich auch nicht, dass sie führt jemals zum Herzen der Person führt, das man zu erreichen sucht. Jeder, der einmal so recht von Herzen unglücklich verliebt war, weiß, dass dies unmöglich ist. Alle Zwänge oder Befehle widersprechen dem Wesen der Liebe. Dieses innere Feuer, das das Hohelied Salomos als eine „Flamme des Herrn“ preist, kann den ganzen Menschen einnehmen und ihn stärker binden als alle äußeren Mächte. Aber wie kann man ein solches Feuer in sich selbst anzünden?
Diese Worte klingen, auch am Anfang des neuen Jahres, nach einer heillosen Überforderung. Vieles haben wir uns wieder vorgenommen. Aber das, wozu wir fähig sind, ist Eigenliebe. Unserer Natur nach lieben wir weder Gott, noch unseren Nächsten, sondern vor allem uns selbst.
Diesem Gebot Gottes geht aber etwas voraus. Liebe hat immer einen Weg hinter sich, bevor wir sie erfahren. Gott höchstpersönlich macht sich die Mühe seine geliebten Menschen aus der Unterdrückung in ein partnerschaftliches Verhältnis zu ihm zu bringen. Ägypten, das heißt Welt der Entfremdung, Welt der Spaltung. Einerseits lebt man dort an üppigen Fleischtöpfen und andererseits ist das Vorzeichen dieser Fülle die Sklaverei. Aus dieser ausweglosen Doppeldeutigkeit führt Gott sein Volk in die Eindeutigkeit, in die Heimat, in seine Nähe. Das geschieht auch 2010, im Jahr der Stille, nicht ohne Wüstenerfahrungen. Aber am Ende des Weges wird der Mensch als Familienmitglied, als Gegenüber Gottes gewürdigt.
Johannes schreibt: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!“ Gott nimmt uns Menschen ernst und verbündet sich mit uns, als Zeichen seiner Liebe und unserer einzigartigen Würde. So ist Liebe ein Ausdruck der Zusammengehörigkeit, der Einheit. Ich kann nicht meinen Partner lieben und schlecht über ihn reden. Ich kann ihn nicht lieben und gegen ihn sein. So ist es nun nachvollziehbar, dass Gott uns auffordert ihn ganz, d.h. ungeteilt, zu lieben. Ihn in unser ganzes Leben zu integrieren. Alle Dinge unseres Lebens hörend in Beziehung zu setzen zu dem Einen. Ein solcher integrativer Lebensstil spaltet nicht, sondern versöhnt, er führt zusammen und baut Brücken der Liebe. Und wenn das mit unserer ungeteilten Vitalität geschieht, dann werden auch unsere Gemeinden und Gottesdienste davon profitieren.

Martin Englisch

Andacht zum Monatsspruch Februar

Die Armen werden niemals ganz aus deinem Land verschwinden. Darum mache ich dir zur Pflicht: Du sollst deinem Not leidenden und armen Bruder, der in deinem Land lebt, deine Hand öffnen. Dtn 15,11

Armut gehört in den letzten Jahren zu dem Thema überhaupt. Leider. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Das Schlimmste ist, dass die unschuldigen oft am schlimmsten betroffen sind – Kinder.
Am Ende des Kapitels über den Schuldenerlass, der alle paar Jahre in Israel stattfinden soll, steht dieser Vers. Ein wunderbares Kapitel, das das Volk einlädt, die zerstörerischen Kreisläufe von Gier, Macht und Unterdrückung zu durchbrechen. All die Ordnungen, die Israel hatte, alle Gebote und Vorschriften, waren Zeugnis dafür, dass dieses Volk zu etwas Besserem ausgesondert war. Ein heiliges Volk. Sie feierten diese Heiligkeit in ihren Festen, und diese Heiligkeit wurde übertragen auf die Menschen, denen es nicht so gut ging, die besonders geschützt und unterstützt werden mussten. Die Sabbatgebote waren dazu da, die Maschinerie der Gier zu unterbrechen. Und sie sicherten somit, dass die Schwächeren des Volkes und die Fremden versorgt sind. Gott hatte einen Traum, wie das heilige, das auserwählte Volk auszusehen hat.
Was macht uns, unsere Gemeinden, unser Leben heilig?
Wenn wir uns in dieser Form auch herausrufen lassen von Gott. Wenn wir uns befreien lassen hin zu einem neuen Leben. Einem Leben, das den Kreislauf der Sünde durchbricht, das sich einsetzt für die Schwächeren. Gottes Traum von Gemeinde und Gemeinschaft hatte diese Art des Heiligseins immer als Grundschlag seines Herzens gehabt – von der Geschichte Israels bis hin zum Reich Gottes, das durch Jesus Christus in uns begonnen hat. Wir sind berufen als einzelne und als Christen, den Anderen im Blick zu haben.
Gemeinde für andere zu sein – so hat das Bonhoeffer genannt.
Die Menschen des Alten Testamentes haben sich dafür eingesetzt, ihre Phantasie kreativ werden lassen, um dem Ausdruck zu verleihen. Viele der Einladungen zum Schutz der Armen und Schwachen, der Schuldenerlass, das Sabbatgebot, drücken das aus. Und wir? Wir sollten uns auch wieder beschenken lassen mit Phantasie, wie wir Gemeinde für andere sein können, wie wir Menschen für andere werden. Die Gemeinde Jesu trägt tiefe Verheißungen in sich. Sie hat die Kraft, andere mit dem Evangelium zu beschenken - mit dem Evangelium, das aus Wort und Tat besteht. Sie hat die Kraft, Bindungen zu lösen und Freiheit zuzusprechen, Systeme zu durchbrechen und wieder die in den Blick zu nehmen, für die das Reich Gottes zuallererst begonnen hat.

Angela Klinge

Hingabe hat viele Gesichter

Andacht zum Monatsspruch März

Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.
Johannes 15, 13

Ist das so? Was ist mit der Liebe einer Mutter, die sich viele Nächte um die Ohren schlägt, um bei ihrem kranken Kind zu wachen? Was ist mit der Liebe eines Ehemanns, der auf Karrieremöglichkeiten verzichtet, um mehr Zeit für seine Familie zu haben? Was ist mit dem 89-jährigen, der sich aufopfernd um seine gleichaltrige Ehefrau kümmert, mit der er seit 65 Jahren verheiratet ist? Was ist mit der Sozialarbeiterin, die sich Nacht für Nacht auf dem Straßenstrich um die Frauen dort kümmert – ohne Versprechen, dass sich das Engagement lohnt? Ist das alles nur Liebe „2. Klasse“?

Die Frage ist falsch gestellt. Jesus spricht zu seinen Jüngern. D.h. hier sprechen nicht zwei Gleiche miteinander. Da spricht der Herr zum Knecht, der Höhere zum Niedrigen, der Gebende zum Angewiesenen. Es geht nicht um Idealisierung einer Beziehung, sondern um den Zuspruch: Er, der von Anfang an war, setzt alles ein für die, die ihm nicht das Wasser reichen können.
Es gibt keine größere Liebe als die, dass der Schöpfer sich um seine Geschöpfe kümmert. Es geht nicht um Klassifizierung, sondern um das Ausmaß. Liebe ist maßlos – sie endet nicht einmal an der Grenze zwischen Schöpfer und Geschöpf.

Wer die Geschichte Jesu kennt, versteht diesen Text in der Regel mit Blick auf den Tod Jesu. Hingabe, das ist das stellvertretende Leiden und Sterben. Aber hat Jesu Hingabe erst mit seinem Tod begonnen? Was ist mit der Eingangsszene der sogenannten Abschiedsreden, als Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht - und diese Handlung mit den Worten kommentiert: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.“ (Joh. 13, 15)? Das Leben hingeben – es kann viele Gesichter haben. Was diese Gesichter miteinander verbindet ist die Tatsache, dass da einer nicht auf das Seine schaut, sondern auf das, was dem anderen dient. Der Satz des Monatsspruchs erinnert daran, dass Hingabe gerade dort, wo zwei sich nicht auf Augenhöhe begegnen können - wo einer Gebender ist und der andere Empfangender, wo es nicht zu einem Ausgleich kommen kann -  ein Bild der Liebe Gottes ist. Hingabe hat viele Gesichter – in ihnen wird immer der gleiche, liebevolle Gott erkannt.

Thomas Seibert
Der Autor ist Pastor und arbeitet als Redakteur im Oncken Verlag (Kassel)


Andacht zum Monatsspruch April

Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid.  Eph 1,18 (L)

Herzen haben Augen. Ein schönes Bild. Manche Dinge kann man nur mit dem Herzen erkennen. Das ist ja eine alte Weisheit. Das Herz spielt in der Bibel immer wieder eine wichtige Rolle. Die Hebräer sahen dort den Sitz des Willens, nicht nur der Emotionen, sondern die Vernunft, den Entscheidungsraum, die Kraft des Willens. Das Herz ist das Zentrum des ganzen Menschen. Was hier entschieden wird, ist entschieden. Was hier ankommt, erkannt wird, Ruhe findet, das ist tief ins Leben der eigenen Persönlichkeit eingepflanzt.
Und nun die Bitte an die Epheser: „Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens,…“. Als würde die Warnung im Raum stehen: Werdet bloß nicht blind.
Verschließt eure Herzen nicht für das, was ihr zum Leben und zum Gestalten eures Glaubens braucht. Seht hin! Nehmt es war! Das, was Gott schenkt, soll das tiefste Innere eures Lebens erhellen.
Und das aus gutem Grund: „damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid.“ Es gibt Momente unseres Lebens, da werden die Sorgen, die Alltäglichkeiten so groß, dass wir vergessen können, dass die neue Realität Gottes in uns lebt. Da vergessen wir, dass das Reich Gottes in unserem Herzen angebrochen ist, dass wir von einer neuen Bestimmung, von einer neuen Berufung her leben. Manchmal werden dann die „Neins“ des Alltags und der Sorgen stärker als das „Ja“ des Glaubens. Dann verrücken die Verhältnisse, und wir verlieren die Hoffnung aus dem Blick. Der Alltag, die damit zusammenhängenden Ängste, die haben ihr Recht. Aber unser Vertrauen an Gott soll stärker sein. Dieses Vertrauen ist gewurzelt in der Hoffnung, die wir geschenkt bekommen haben. Gott möchte, dass wir mehr sehen. Dass wir über uns selbst hinausgehen. Dass wir nicht von unseren Grenzen her leben, sondern von seinen Möglichkeiten. Und das ist manchmal ein Unterschied wie von Erde und Himmel.
Ein gutes Gebet, dass Paulus hier spricht. Was es wohl bewirkt in mir, wenn ich es bete? Was es wohl bewirkt, wenn ich es bete für meine Gemeinde, für die Menschen die Gott an meine Seite stellt? Ich wünsche mir die himmlischen Perspektiven, weil ich ahne, dass sie eine Kraft in sich haben, mein Herz und mein Leben und das anderer zu verwandeln. Hoffnung verändert unsere Sicht. Weil ich dann daran glaube, dass Gott am Werk ist.
Weil ich dann weiß, dass etwas Größeres mich mehr bestimmt, als das Hier und Jetzt.

Angela Klinge
Die Autorin ist Pastorin in Siegen

Andacht zum Monatsspruch Mai

Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Hebräer 11, 1

Aus Erfahrung gut
Vertrauen ist gut - Kontrolle ist besser, sagt man. Wie vage und unsicher klingt dagegen dieser Satz aus dem Hebräerbrief. Hoffen kann man viel und Zweifel kann man jemandem ausreden. Damit ist aber nichts gewonnen, keinerlei Sicherheit und keine Zuverlässigkeit. Sicherlich vermag der Glaube einiges. Glaube kann Berge versetzen. Dafür gibt es genug Beispiele. „Hätten wir nicht an den Sieg geglaubt, dann wäre das Spiel verloren gegangen", hört man immer wieder von Trainern oder Spielern. Es heißt, dass positiv eingestellte Menschen, d.h. diejenigen, die an Heilung glauben, die besseren Prognosen haben. Der Glaube an Heilung stärkt und mobilisiert die Abwehr- und Heilungskräfte. Umgekehrt destabilisiert und demontiert der Misstrauische sich selbst und tritt den Sieg an seine Krankheit ab.

Ist Glaube, und ich meine nun den Glauben, von dem der Hebräerbrief redet, ist dieser Glaube so etwas wie Zweckoptimismus? Ist Glaube eine Suggestionskraft, die Kräfte mobilisiert und Zuversicht einimpft? Setzt der Glaube auf etwas, dass zwar in Erfüllung gehen, sich aber genauso gut
als Flop erweisen kann?

„Glaube ist der Vogel, welcher singt, wenn die Nacht noch dunkel ist,"
sagt ein Sprichwort. Nein, der Vogel singt nicht, um sich Mut zu machen.
Sein Singen ist kein „Pfeifen im dunklen Wald“, um die Angst zu vertreiben. Der Vogel singt ja nicht absichtslos um abzuwarten, was passiert, ob es irgendwann hell wird oder ob's für immer dunkel bleibt.
Nein, der Vogel „weiß“ ganz genau, dass nach dem Dunkel der Nacht immer das helle Licht des Tages folgt. Das ist sicher. Das hat er immer wieder erfahren, so ist die Realität.

Der Glaube, von dem der Hebräerbrief redet, ist kein Blindflug mit offenem Ausgang, kein Glauben ins Vage hinein. Der Brief richtet sich ja an Menschen, die schon eine Weile im Glauben an Jesus unterwegs sind. Sie sind aus verschiedenen Gründen müde geworden. In Kapitel 11 werden sie an die vielen Gläubigen des Alten Testaments erinnert. Nicht, um vom Problem abzulenken, sondern um ihnen die Geschichte vom Handeln Gottes in Erinnerung zu rufen: die schon über viele Generationen geht und in die sie selbst einbezogen sind. Sie werden angesprochen als solche, die bereits Erfahrungen haben mit dem Gott, der sich in Jesus offenbart hat. Es gibt also gute Gründe für ihren Glauben. Er ist „aus Erfahrung gut!"

Thomas Seibert
Der Autor ist Pastor und arbeitet als Redakteur im Oncken Verlag (Kassel)

Andacht zum Monatsspruch Juni

Gott spricht: Suchet mich, so werdet ihr leben. Am 5,4 (L)

Unser Leben besteht aus Suche. Wir erwarten, erhoffen, erträumen etwas vom Leben. Wir denken in bestimmten Dingen, Erlebnissen oder Menschen das pure Leben zu finden – und dann streben wir danach. Oft sehr unbefriedigend.
Nun erfahren wir – und das nicht nur beim Propheten Amos –, dass das Leben, im Suchen nach Gott zu finden ist. „Suchet mich, so werdet ihr leben.“ Amos kritisierte das religiöse aufgesetzte Leben der Menschen damals. Sie waren auf der Suche nach Leben, nach Sinn – sie besuchten religiöse Orte, feierten Gottesdienste, aber „das Leben“ stellte sich nicht ein. Es war unbefriedigend. Weil sie zwar etwas suchten, aber nicht Gott. In ihrem egoistischen Streben nach der eigenen Erfüllung vergaßen sie nämlich das, was Gott wirklich wichtig war. Und damit vergessen sie Gott.
Lauft nicht irgendwem oder irgendwas hinterher, versucht nicht fromm zu sein oder irgendwas zu leisten, um das Leben zu finden, sondern sucht Gott. Sucht das Wichtigste. Gott ist Leben – Leben ist Gott. In der Suche nach Gott besteht die Chance der Liebe zu begegnen. Und wer liebt, der macht sich die Leidenschaften des anderen zu eigen. Das ist die Hoffnung des Propheten, in der Suche nach Gott, der Liebe zu begegnen und dabei auf das Wesentliche gestoßen zu werden. Und das Wesentliche sind nicht die leeren Hülsen einer Religiosität, sondern sind die lebendigen Ausläufer dieser Liebe, der man auf der Suche begegnet.
Was sind denn die Leidenschaften Gottes? Bei Amos entdecken wir das, weil er mit dem Volk Israel hart ins Gericht geht. Er erlebt Ungerechtigkeit, Unterdrückung, leeren Glauben, der alles - nur kein echtes Leben im Sinne Gottes - spiegelt. Die Leidenschaft Gottes sind immer Menschen, vor allem die Armen, die Schwachen, die die sich nach Leben sehnen, aber es verweigert bekommen. Gott zerreißt sich das Herz nach ihnen kaputt. Und er verurteilt es, wenn diese Menschen billig abgespeist werden.
Suchen wir Gott, dann entdecken wir und finden wir das Leben in dieser tiefen, liebenden, göttlichen Dimension. Gerechtigkeit, Freiheit, Frieden, Gleichheit – die Umkehrung von zerstörerischen Systemen. Suchen wir Gott, dann entdecken wir, wie Leben in seinem Sinne aussehen kann.
Sind wir bereit als Einzelne und als Gemeinde nicht nur uns selbst im Blick zu haben? Gottesdienste feiern, Veranstaltungen planen, die uns gut tun, aber die Menschen um uns nicht vergessen? In der Hingabe findet sich Leben, im Teilen der Leidenschaften Gottes, ein Herz haben für „die anderen“. Das ist Segen! Und der bedeutet Leben.

Thomas Seibert
Der Autor ist Pastor und arbeitet als Redakteur im Oncken Verlag (Kassel)

Andacht zum Monatsspruch Juli

So bekehre dich nun zu deinem Gott, halte fest an Barmherzigkeit und Recht und hoffe stets auf deinen Gott. (Hos 12, 7)

So kann man sich irren
Irren ist menschlich – vor allem im Hinblick auf die eigene Person. Gut, wenn man dann Freunde hat, die einem die Augen für die eigenen blinden Flecke öffnen. Auch, wenn das, was man sieht, nicht immer angenehm ist.
Der Satz aus dem Buch des Propheten Hosea hat so eine Situation vor Augen.
„Ich bin reich. Ich habe genug. Bei all meinen Mühen wird man keine Schuld an mir finden, die Sünde ist.“ – So werden zwei Sätze weiter im Israel seiner Zeit offenbar weit verbreitete Überzeugungen zitiert. Aber, wie
gesagt: Irren ist menschlich. Damals und heute. Nein, Gott sieht die Situation der Frommen in Israel ganz anders. Der Prophet Hosea nimmt die Decke der Selbstüberschätzung von ihren Augen – und wer seine Wort hört und versteht, wird erkennen, wie es um ihn steht.
Was nun? Palmblätter der Selbstrechtfertigung pflücken und daraus einen Lendenschurz basteln, um sich nicht ganz so nackt vorzukommen? Und dann hoffen, dass es keiner – vor allem er, Gott, es nicht merkt? Irren ist menschlich – auch das Denken des Menschen über Gott ist nicht frei von Irrtümern. Wer die Kapitel 11 und 12 im Buch des Propheten Hosea liest, entdeckt einen zugewandten, menschenfreundlichen Gott. Einer, der sich nach (seinen) Menschen verzehrt. Der gar nicht anders kann, als ihnen nachzugehen. Die Antwort Gottes auf den menschlichen Irrtum ist kein Wutausbruch, sondern eine freundliche, liebevolle Einladung, anders zu leben. Noch einmal neu anzufangen. Der biblische Fachbegriff dafür ist „Umkehr“. Deshalb findet sich in einer Bibel-Ausgabe die sachgemäße
Übersetzung: Du darfst umkehren.
Diese Umkehr ist mehr als ein Gedanke – auch mehr als ein Bekenntnis. Die Menschen täuschen sich ja nicht in ihrem Bekenntnis, sondern sie trennen Bekenntnis und Alltag. Gerade an dieser Stelle sind sie blind: Deshalb werden sie aufgerufen, zu Barmherzigkeit und Recht zurückzukehren. Dass auch der Nächste zu seinem Recht kommt – das ist ein hohes Gut, und es soll sorgfältig beachtet werden.
So kann man sich irren – wie gut, dass dieser Gott ganz anders ist, als man manchmal meint. Einer, der nicht nur Treue einfordert, sondern selbst treu ist. Einer, der nicht aufrechnet, sondern gerecht macht. Einer, dem es nicht nur um das richtige Bekenntnis geht, sondern um Barmherzigkeit, die niemanden ausschließt. Diesem Gott kann man sich anvertrauen. Seine Einladung, umzukehren, ist eine Einladung zum Leben.

Thomas Seibert
Der Autor ist Pastor und arbeitet als Redakteur im Oncken Verlag (Kassel)

Andacht zum Monatsspruch August

Jesus Christus spricht: Ihr urteilt, wie Menschen urteilen, ich urteile über keinen. Joh 8,15

Jeden Tag werden unzählige Urteile über Menschen gefällt. Gedankenlose Urteile, erschreckende Urteile, kleinkarierte Urteile und bittere.
„Wie sieht der schon wieder aus?“ „Typisch, dass sie das wieder sagen musste.“ „Immer bist du wie deine Mutter.“ „Der kann ja auch kein Glück im Leben haben, so wie der lebt.“ Darin sind wir gut – Urteile über das Leben anderer auszusprechen, oft auch über unser eigenes. Manchmal reicht ein kurzer Eindruck, und wir haben den anderen schon festgenagelt, auf eine Erfahrung, eine Aussage, manchmal aufgrund eines Blickes.
Jesus warnt uns davor andere zu verurteilen. Er stellt sich Leben teilen und Gemeinschaft leben anders vor.
Jesus Christus spricht: „Ihr urteilt, wie Menschen urteilen, ich urteile über keinen.“ In diesem kurzen Vers aus dem Johannesevangelium geht es um Gerechtigkeit und darum, wer sagt eigentlich was falsch und richtig ist. Wer darf beurteilen und Recht sprechen?
Manch einer wird denken: Hoffentlich tut es einer! Ja, hoffentlich gibt es jemanden, der Recht spricht. Und manch anderer denkt vielleicht auch: oh hoffentlich nicht! Hoffentlich schaut man nicht allzu genau auf mein Leben, auf die Höhen und Tiefen meines Alltags und der Entscheidungen, die ich manches Mal schon bitter bereut habe.
Wir sollten nicht Gericht sprechen. Sondern Gnade! Es liegt nicht in unserer Hand – Gott sei Dank – zu urteilen. Und das Erstaunliche an diesem kleinen Vers – auch Jesus sagt von sich, dass er nicht urteilen, verurteilen will. Die Menschen sollen ihn entdecken, sein Wesen, seine Art, die Gnade, die er mit sich bringt, die Offenheit, die Liebe. Ihm geht es nicht um richtig oder falsch – ihm geht es um das Wichtigste: um die Liebe zum Vater, um die Liebe von ihm.
Jesus urteilt nicht nach dem Augenschein -  er urteilt nicht, wie wir das tun. Jesus sieht das Herz. Er sieht nicht nur, was ist, sondern wer wir in seinen Augen sind und sein können. Er sieht mehr als die Realität. Und er gibt die Hoffnung nicht auf, dass wir zu den Menschen werden, die Gott sich gedacht hat. Dazu kann aber nur die Gnade verhelfen und die Liebe.
Auch in unseren Beziehungen helfen nicht die Verurteilungen, den anderen zu dem zu verhelfen, was Gott in ihm sieht, sondern die Liebe. Die Liebe verleiht Flügel. Sie befreit. Sie erneuert uns, da wo wir gebrochen sind.
Die Gnade gibt Raum zum Atmen, auch nach und in schweren Erfahrungen. Die Gnade in Person ist Jesus Christus, der sich in unserem Leben und unseren Beziehungen widerspiegeln darf.

Angela Klinge
Die Autorin ist Pastorin in Siegen

Andacht zum Monatsspruch September

Alles ist Seine Zeit

Ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. Koh 3,13 (L)

Ein weiser Mann wurde einmal gefragt, warum er trotz seiner vielen Beschäftigungen immer so gesammelt sein könne. Dieser sagte: Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich spreche, dann spreche ich... Da fielen ihm die Fragesteller ins Wort und sagten: Das tun wir auch, aber was machst du noch darüber hinaus? Er sagte wiederum: Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich spreche, dann spreche ich ... Wieder sagten die Leute: Das tun wir doch auch. Er aber sagte zu ihnen: Nein, wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon, wenn ihr steht, dann lauft ihr schon, wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.
Ein wirklich weiser Mann, der solches beobachtet – und er hat Recht, der Technik sei „Dank“! Die Werbung präsentiert uns glückliche Menschen, die im Park an ihrem iPad arbeiten oder in der Bahn im Internet surfen, dasselbe Bild in jedem ICE bei Tempo 250. Alles ist Arbeit. Alles ist Freizeit. Schöne neue Welt, oder?
Dabei übersehen wir leicht, dass der Park gar nicht zum Arbeiten gedacht ist, sondern viel besser zum Spazierengehen. Und vielleicht ist eine Bahnfahrt auch viel schöner, wenn man zum Fenster herausschauen kann, als bei Tempo 250 die E-Mails zu bearbeiten? Wo alles gleichzeitig geht, geht in Wirklichkeit nichts mehr richtig.
Der Versuch, alles gleichzeitig zu machen, führt zu einer Unfähigkeit, den Augenblick – und das heißt Menschen, Eindrücke, Möglichkeiten – wahrzunehmen. Wenn der Gottesdienst länger dauert, werden viele unruhig.
Wenn wir eingeladen werden, sagen wir vorsichtshalber: "Mal sehen!", weil wir uns noch andere Möglichkeiten offen halten wollen. Freiwillige Mitarbeit ist für manchen ein unkalkulierbares Risiko geworden. Wenn wir es noch irgendwie reinkriegen in unser Zeitkorsett, vielleicht ja.
Der alttestamentliche Weise hat schon Recht: Alles hat seine Zeit (Koh 3, 1-8). Allerdings geht es für ihn um mehr als ein noch effizienteres Zeitmanagement. Er erinnert nicht nur daran, die Dinge ganz und zur richtigen Zeit zu machen, sondern auch in der angemessenen Zuordnung. Dass in jedem Augenblick Gottes Möglichkeiten liegen, ja, er selbst sie anbietet - das fordert heraus, jeden Augenblick als geschenkte Möglichkeit, als Gabe Gottes wahrzunehmen. Alles hat seine Zeit – und alles ist Seine Zeit.

Thomas Seibert

Andacht zum Monatsspruch Oktober

Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan und niemand kann sie zuschließen. Offb 3,8 (L)

Es gibt so viele wunderschöne Motive von Türen – auf Fotos, Erinnerungsbildern, Karten. Eine Tür scheint etwas in uns zum Klingen zu bringen, dass wir sie uns gerne anschauen: schöne, alte, bunte, leicht geöffnete oder gusseiserne, geheimnisvolle Türen. Vielleicht, weil Bilder von Türen so sehnsuchtsvolle Bilder in uns anrühren? Oder weil Erfahrungen angerührt werden, wie es manchmal nur Bilder können?
Denn ja, es gibt da auch diese dunklen Erfahrungen, die schmerzlichen, die Erfahrung von verschlossenen Türen. Zum Beispiel wenn die Seele vor der Tür steht, weil mich buchstäblich jemand vor die Tür gesetzt hat oder mir jemand die Tür vor der Nase zugeknallt hat. Wenn jemand die Erkenntnis hat, diese Tür wurde für immer geschlossen und geht auch nicht mehr auf  - aus und vorbei. Oder wenn einem gesagt wird: Hau ab, da ist die Tür!
Verschlossenheit zu erleben ist etwas Furchtbares – aber etwas, was zu unseren Erfahrungen gehört: in Beziehungen in den Familien, zu Eltern oder Kindern, zu Arbeitskollegen, in Ehen und Freundschaften, in Gemeinden.
Überall kann es passieren, dass Türen ins Schloss fallen und man sich fassungslos alleine vorkommt – was auch immer dafür die Gründe sein mögen.
Und nun dieser Satz Jesu, der ursprünglich an eine kleine Gemeinde gerichtet ist. Eine Gemeinde, die versucht hat ihr Bestes zu geben, aber auch oft nicht wusste, ob es reicht: „Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan und niemand kann sie zuschließen.“ Ein Satz Jesu, der die größte zugenagelte Tür meines Lebens wieder aufweht. Und nicht weil dieser Satz alles verändert, sondern weil Jesus alles verändert. Jesus, die Tür zum Leben. Er selbst das Leben. Christus, der Raum schenkt und Offenheit gibt, wo wir gefangen sind oder festgelegt wurden. Die Tür in ein neues Leben.
Dort steht niemand, der uns sagt: Hier darfst du nicht rein, hier gibt es keinen Platz für dich oder hier genügst du nicht. Eine Tür hat er aufgetan, die offen ist und niemand kann sie schließen.
Jesus Christus hat sich selbst so geöffnet und hingegeben, dass selbst die unüberwindbarste verschlossenste Tür von ihm geöffnet wurde. Selbst dem Tod hat er die Kraft genommen, weil das Leben, weil der Raum der Liebe stärker war. Dieses Bild von einer Tür tut uns gut – dieses hoffnungsgebende Bild, dass einlädt und weiterverschenkt werden darf: von einer offenen Tür, die Menschen einlädt zum Leben, zur Freiheit, in eine neue Offenheit.

Angela Klinge
Die Autorin ist Pastorin in Siegen

Andacht zum Monatsspruch November

Gott spricht Recht im Streit der Völker, er weist viele Nationen zurecht.
Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. (Jesaja 2, 4)

Zukunftsperspektiven

Endlich! Endlich einer, der die kaum zu durchblickenden Streitfälle zwischen Völkern entscheidet. Endlich einer, der wirklich unparteiisch und gerecht richtet, frei von parteipolitischer Ideologie oder dem Druck der öffentlichen Meinung. Endlich einer, der die Autorität hat, die beteiligten Parteien zurecht zu weisen. Gott, der perfekte (Schieds-)Richter.
Aber ist Gott eigentlich unparteiisch? Will er überhaupt Schiedsrichter sein? Jesus wird einmal so angesprochen: „Meister, sage meinem Bruder doch, dass er mit mir das Erbe teile.“ Jesus verweigert das Erbetene:
„Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschlichter über euch gesetzt?“ (vgl. Lukas 12, 13f.) Irgendwie enttäuschend, dass derjenige, von dem man Unbestechlichkeit und Überparteilichkeit erwarten kann, sich dieser Anfrage entzieht.
Wer nicht genau hinsieht, kann da auf eine völlig falsche Spur geraten.
Der Monatsspruch ist dem Anfang des Jesaja-Buches entnommen. Und dort entfaltet der Prophet einen großartigen Blick in die Zukunft: Die Völker werden nach Jerusalem gehen, zum Berg des Herrn, d.h. zum Tempel. Und sie werden von dort, d.h. von Gott selbst, erfahren, wie das Leben zu gestalten ist. Teil dieser prophetischen Schau ist die Erwartung, dass die Völker keinen Krieg mehr führen werden: Ihre Waffen werden auseinandergebrochen (so wörtlich); sie werden umgebaut in landwirtschaftliches Werkzeug, zu Pflugscharen und Winzermessern.
In dieser Schau des Propheten geht es um den Gott, der sehr wohl Partei ergreift. Aber er stellt sich nicht auf die Seite des einen gegen den anderen. Sondern er will, dass alle Menschen Zukunft und Hoffnung haben.
Diese Zukunft ist kein Ergebnis menschlicher Anstrengung, sondern „es wird geschehen“.
Der November ist für viele Menschen ein trüber Monat. Erinnerungstage wie der Volkstrauertag verstärken die Wirkung der dunklen Novembertage. Gerade in diesem Monat leuchtet der Monatsspruch wie ein Stern in dunkler Nacht.
Gott, der Vater Jesu Christi, steht für Leben und Zukunft ein. Deshalb feiert die christliche Gemeinde auch nicht Totensonntag, sondern Ewigkeitssonntag. Sie erinnert daran, dass Gott nicht nur ein Freund des Lebens ist, sondern dem Leben zum Durchbruch verhilft.
Was macht man mit so einer Ankündigung? Der prophetischen Ankündigung folgt eine Aufforderung: „Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn.“ Die Gemeinschaft der Nachfolger dieses Gottes wird eingeladen, dieser Zukunftsperspektive jetzt schon zu leben.

Thomas Seibert

Weihnachtsandacht

Mache dich auf

Kürzlich fiel mir ein Foto meiner Nichte als kleines Baby in die Hand. Das Gesicht der Mutter konnte man nicht sehen, doch war das strahlende Lächeln des Babys ohne Zweifel ein Spiegel auf das Leuchten der ihm zugewandten Mutter.

Dieses Bild steht mir wieder vor Augen, wenn ich über einen adventlichen Schlüsselvers aus dem Buch Jesaja nachdenke. In Jesaja 60,1 heißt es:
Manche dich auf und werde licht, denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn erscheint über dir.

Ich stelle mir die Szene vor: wie in einem Thronsaal. Der Prophet liegt hingestreckt vor dem Thron Gottes, in ehrfürchtiger Anbetung und heiligem Schrecken, das Gesicht schamhaft verborgen vor dem Angesicht des Allerhöchsten. Erstarrt in dem Gefühl der eigenen Nichtigkeit, vollkommen ausgeliefert, in zitternder Erwartung des Rechtsspruchs des Allmächtigen, kann er nur noch flüstern:
„Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“ (Jes. 6,5)

Doch dann kommt das erstaunliche, befreiende, erlösende Wort: „Mache dich auf…“
Der Prophet erhebt sich, Er wendet das Gesicht dem Licht zu. Nun spiegelt sein Antlitz das Licht der Herrlichkeit Gottes wieder, das ihm entgegen scheint. Im Glanz dieses Lichtes wird sein Gesicht hell. Es beginnt zu strahlen. So wie das Gesicht des Babys in der Liebe der Mutter aufleuchtet.

Diesen Moment der Erlösung feiern wir zu Weihnachten. „Es ist soweit!“ sagt Gott und sendet seinen Sohn in diese Welt. „Es ist soweit!“ sagt Jesus und zieht mit seinen Jüngern nach Jerusalem, dem Kreuz entgegen.
„Es ist soweit“ sagt der Heilige Geist und sendet die Christen im Namen Jesu in alle Welt.

„Es ist soweit!“ – auf diesen Ruf warten wir noch, wenn Jesus seine Herrschaft aufrichten wird, für alle sichtbar.

Kürzlich wurde mir ein Video zugespielt, in dem in einem Einkaufszentrum, mitten unter den Leuten, die da saßen und ihr Essen verspeisten, plötzlich Leute begannen, das Große Halleluja von Händel zu singen. Erstaunt schauten die Leute sich um, als ein Sänger nach dem anderen aufstand und in den Chor einstimmte. So könnte es sein, dachte ich bewegt, wenn Jesus wieder kommt. Einer nach dem anderen wird aufmerksam, stimmt in den Jubel ein, die Gesichter strahlen. So könnte es sein. Oder auch ganz anders. Aber das ist gewiss:
Dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn erstrahlt über dir! (Jesaja 60, 1)


Regina Claas
Generalsekretärin des BEFG

Andacht zum Monatsspruch Januar 2011

„Einen anderen Plan habe ich nicht“

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Gen 1,27 (L)

Berthold Brecht erzählt in einer seiner Fabeln von Herrn K., dass dieser gefragt wurde: „Was tun Sie, wenn Sie einen Menschen lieben?" 
„Ich mache einen Entwurf von ihm", sagte Herr K., „und sorge, dass er ihm ähnlich wird." „Wer? Der Entwurf?" „Nein", sagte Herr K., „Der Mensch."
Schöpfung nach dem eigenen Bild – das ruft nicht nur positive Empfindungen wach. Wo bleibt die Individualität, mag man sich fragen. 
Aber was heißt „zu seinem Bilde“? Ist der Mensch nur eine Kopie Gottes? Ein Foto? Ein Symbol?
Der Monatsspruch ist Teil der Schöpfungserzählungen des Alten Testaments. Ein Blick in den davor liegenden Text hilft, die Rede vom Bild Gottes zu verstehen. Da heißt es: „Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über … alle Tiere ...“ (Gen 1, 26) Herrschen – darum geht es bei der Bildlichkeit. Gott ist Herr – und der Mensch hat seinen Platz im herrscherlichen Handeln Gottes. So wie irdische Herrscher in der Antike in ihren Provinzen ein Bild als Wahrzeichen ihres Herrschaftsanspruchs aufrichteten, so ist der Mensch als Hoheitszeichen Gottes aufgerufen, Gottes Herrschaftsanspruch auf Erden zu wahren und durchzusetzen.
Nun hat „herrschen“ einen schlechten Ruf. Da schwingen Willkür, Ungerechtigkeit, Ausbeutung mit. Wer Herrschaft hört, denkt schnell über Befreiung nach. Es stimmt: Die „Bildlichkeit“ ist verdunkelt. 
Wenn Gott so herrschte, wie wir Herrschaft erleiden, dann möchte man
sagen: Nein, Danke. Aber Gott ist Mensch geworden, damit der Blick auf ihn wieder freigelegt wird. Mit Blick auf Jesus lässt sich der Begriff „herrschen“ ganz anders füllen. Jesus, der Herr, ist ein Diener aller geworden. Er ist einer, der für uns ist – und unter seinen Nachfolgern die Liebe als Markenzeichen sieht. Das ist eine Herrschaft, die Gott ehrt und den Menschen dient. Diese Herrschaft abzubilden - dazu sind seine Nachfolger berufen. Eine alte Legende erzählt, dass Jesus nach seiner Himmelfahrt von den Engeln gefragt wurde, wie es den nun weitergehen solle mit seinem Reich. Jesus meinte, er hätte doch seine Jünger. Daraufhin schauten sich die Engel die Jüngerschar an – und fragten entsetzt: „Herr, das muss doch schiefgehen. Hast du keinen anderen Plan?“ Und Jesus, so heißt es, sah sie an, lächelte und sagte: 
„Nein, einen anderen Plan habe ich nicht.“

Thomas Seibert



Andacht zum Monatsspruch Februar 2011

Auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Röm 8,21

Unsere Welt ist dem Kreislauf der Zeit ergeben. Wir feiern, wenn neues Leben entsteht, und wir trauern, wenn ein Leben zu Ende geht. Das Glück und das Abschiednehmen gehören zu unserem Dasein dazu. Anfang und Ende gehören dazu - ebenso auch die schönen und schweren Momente.
In der Schöpfung entdecken wir die Größe Gottes. Sein Wesen spiegelt sich in ihr wieder. Die vollkommene Liebe, die Kreativität und die Kraft Gottes können wir in unserer Welt entdecken. Das tiefe Meer, mit all seiner Vielfalt, hohe Berge, in ihrer Kraft, Strände, Wälder, Wiesen, Sonnenfinsternis, Schäfchenwolken, Sonnenuntergänge, Mondschein, Rosen, Gänseblümchen, Weintrauben, Meerschweinchen, Rotkehlchen, Stinktiere  - und der Mensch. Unfassbar diese Schöpfung zu erleben – ihre Schönheit und Vielfalt.

Aber wir sehen auch, dass sie leidet und stöhnt, dass sie gefallen ist. Schmerzen, Leid, Krankheit, Unrecht, Katastrophen – auch das gehört zu ihr. Da fließen Millionen Liter Öl ins Meer, monatelang – die Schöpfung stöhnt. Erdbeben und Flutwellen kosten vielen Menschen 
das Leben  - die Schöpfung stöhnt. Viele Kinder wachsen in Armut auf  
– die Schöpfung stöhnt. Nein, Löwe und Lamm spielen noch lange nicht zusammen – noch zerfleischt der Stärkere den Schwächeren. Aber die Schöpfung sehnt sich nach Erlösung, nach Hoffnung, nach Veränderung.

Kinder Gottes sind Menschen, die frei sind – die von der Freiheit, von der Hoffnung leben. Und wer Hoffnung hat, der lebt anders. Der prägt seine Welt anders. Wer Hoffnung hat, wer Freiheit lebt, der verändert etwas. Kinder Gottes leben von Gottes Reich, sie wissen wo ihre Sehnsucht gestillt ist und auch, wo die Sehnsucht und die Hoffnung der Schöpfung gestillt werden kann und wird. Wer den Himmel im Herzen trägt, der ist nicht mehr abhängig von den Schatten der Vergänglichkeit. Wer Gott im Herzen hat, der lebt nicht nur in und für diese Welt, sondern der weiß mehr. Und diese hoffende Kraft und Sehnsucht, die verschenkt sich weiter, steckt andere an und wirkt hinein in alle Lebensbereiche, so dass auch die Schöpfung etwas schmeckt von dieser neuen Welt Gottes, durch die Menschen, die schon von ihr leben.

Wir dürfen uns fragen lassen, was prägt uns mehr – das, was wir hier erleben, die Realität unserer Welt, die Begrenztheit und Vergänglichkeit, oder die Hoffnung, die Freiheit, die durch Jesus Christus und sein Reich in uns begonnen hat? Was bestimmt uns mehr? 
Was unseren Umgang mit der wunderbaren Schöpfung, die Gott uns geschenkt hat?

Angela Klinge
Die Autorin ist Pastorin in Siegen

Andacht zum Monatsspruch März 2011

Vertrauen in unruhigen Zeiten

Bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe; denn von ihm kommt meine Hoffnung. Ps 62,6

Es gab einmal eine Zeit, in der hatten Banken und Versicherungen einen guten Ruf. Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer gehörte praktisch zur Familie. Er schien all unsere Sorgen zu verstehen – und im Griff zu haben. Und die (damals noch existierende) Dresdner Bank konnte sich als „Beraterbank“ vorstellen – mit dem „grünen Band der Sympathie“.

Spätestens mit Beginn der weltweiten Finanzkrise sind solche Bilder ad absurdum geführt. Vertrauen ist ein hohes Gut – aber eben auch ein sensibles. Die Wut über Banken und Versicherungen erklärt sich nicht nur aus den verlorenen Vermögen, sondern auch daraus, dass Vertrauen massiv missbraucht wurde. Es ist wie die Enttäuschung eines Kindes, das immer gedacht hat, Papa sei der Größte – und plötzlich feststellen muss, dass er doch nur ein kleiner Angestellter ist, der von seinen Vorgesetzten mehr oder weniger nach Belieben hin und her geschubst wird.

Der Psalmbeter hat diese Enttäuschung schon hinter sich. Wer den ganzen Psalm 62 liest, ahnt, dass der Beter Erfahrungen damit hat, wie zerbrechlich das Leben ist. Die Sorge um die Existenz, die Kinder, den Ehepartner, die Familie ist ihm vertraut. Um diese Sorgen zu bekämpfen braucht es etwas oder jemanden, der größer ist als die Unverfügbarkeiten des Lebens.

Bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe – wie ein Refrain wiederholt sich dieser Ausruf. Und er ist exklusiv zu verstehen. Der hebräische Text setzt an den Anfang ein „Nur“. Nur bei Gott finde ich Ruhe. Alle anderen Sicherheiten erweisen sich letztlich als trügerisch, nur bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe. Der Alttestamentler Claus Westermann übersetzt den Satz: Nur zu Gott hin ist meine Seele still. Es ist eine zu Gott hin gewendete Stille. Ein Sich-umdrehen, besser: wegdrehen von dem, was mich unruhig sein lässt. Und es ist ein Stille, die von Gott gesichert wird – denn von ihm kommt meine Hoffnung.

Man sagt, im Auge eines Sturms sei es still – ein treffendes Bild für die Ruhe, die Gott anbietet. Die Unwägbarkeiten des Alltags sind nicht einfach weg - aber wir sind nicht allein, einer, der größer ist als diese Unwägbarkeiten, steht an unserer Seite. Martin Pepper singt in einem Lied: Herr, ich suche deine Ruhe, fern vom Getöse dieser Welt. Ich hör jetzt auf mit allem, was ich tue und tu das eine, das im Leben zählt. Ich geh' im Geist jetzt vor dir auf die Knie und höre auf die Stimme meines Herrn! Führe du mein Innerstes zur Ruhe und lass dein Feuer meine Hast verzehrn. Du bist ein starker Turm, du bist das Auge im Sturm! Du sprichst zum aufgewühlten Meer meiner SeeIe in mir, Herr, Friede mit dir, Friede mit dir!

Thomas Seibert

Andacht zum Monatsspruch April 2011

Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! (Mt 26,41)

Die beiden sind ein untrennbares Paar: Wachen und Beten. Das scheint eine Binsenwahrheit zu sein. Denn im Schlaf kann ein Mensch zwar mancherlei Dinge tun. Träumen zum Beispiel. Oder auch schnarchen. Im Schlaf beten aber kann niemand. Um beten zu können, muss man wach sein. 

Um beten zu können, muss man aber nicht nur in einem äußerlichen Sin-ne wach sein. Zum Beten gehört immer auch ein hellwacher Geist. Und das nicht nur, um unser schwaches Fleisch dabei zu stören, es sich in seiner Trägheit gemütlich zu machen. Zum Beten gehört vor allem darum ein hellwacher Geist, weil das Gebet ein Vertrauensakt ist. Im Gebet geht ein Mensch bittend, dankend und klagend aus sich heraus und tritt mit allem, was er hat und ist, vor seinen Vater im Himmel. Solch ein Vertrauensakt aber verträgt sich nicht mit einem verschlafenen Geist. Das kann man sich an der Bitte, am Dank und an der Klage leicht klarmachen. Wer Gott im Gebet um etwas bittet, der muss konkret benennen, was er begehrt. „Wer da bitten will, der muss etwas bringen, vortragen und nennen, was er begehrt; wo nicht, so kann es kein Gebet heißen“, schreibt Luther in seiner Auslegung des Vaterunsers im Großen Katechismus. Recht hat er. Die Bitte wäre ohne Konkretion ziel- und damit sinnlos. Um aber konkret etwas für sich von Gott erbitten zu können, muss man wach sein. Und das gilt erst recht für die Fürbitte. Um etwas für andere erbitten zu können, muss man hellwach sein. Da darf man im Gebet zwar äußerlich die Augen schließen, aber ansonsten heißt es: Augen auf für das, woran Menschen leiden und was zum Himmel schreit! Das Gleiche gilt für den Dank und für die Klage. Wer immer nur für „alles“ dankt, der muss sich fragen, ob er damit nicht am Ende für gar nichts dankt, sondern auf dem besten Wege ist zu plappern. Und wer immer nur über die Not im Allgemeinen klagt, muss aufpassen, dass seine Klage nicht zur schläfrigen Formel verkommt. Nein, es ist kein Zufall, dass Jesus das Wachen und Beten in einem Atemzug nennt.

Es ist aber auch kein Zufall, dass im Zusammenhang mit dem wachsamen Gebet das Wort von der Anfechtung oder Versuchung fällt. Es gehört exakt hierher.  Versuchung im biblischen Sinne - nicht im Sinne der Schokoladenwerbung - entsteht immer dort, wo Gottes Wort von anderen Stimmen und Worten überdeckt und verdrängt wird. Von den Stimmen der Resignation und der scheußlichen Wirklichkeit zum Beispiel, aber auch von den Stimmen der Selbstherrlichkeit und der Selbstsucht: “Sollte Gott gesagt haben?“ Gegen solches Stimmengewirr hilft das fleißige, wache Gebet. Betend geht man aus sich selbst heraus. Betend tritt man in die  Gegenwart Gottes. Betend macht man die Erfahrung, dass das Stimmengewirr verstummt, wenn Gott selbst zu Wort kommt.  

Volker Spangenberg
Der Autor ist Rektor des Theologischen Seminars Elstal (FH).

Osterandacht 2011

Neugierig schaute ich durch einen schmalen Spalt und sah – nichts! Absolut nichts. Vorsichtig öffnete ich die schwere Plastikplane etwas weiter und spähte wieder in den dunklen Innenraum. Doch, ließ sich da nicht etwas wahrnehmen? Eine Art Schemel, und an der Seite vielleicht ein paar Stühle? Kurz entschlossen schlüpfte ich in das Zelt aus schwarzen Planen und schloss den Eingangsspalt hinter mir. Sofort umfing mich völlige Dunkelheit. Ich konnte nichts sehen. Auch nachdem ich einen Moment gewartet hatte, um meinen Augen die Chance zu geben, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen – nichts! Es war, als würde die Schwärze in diesem Raum alles verschlucken, was mir sonst Orientierung gibt, meine Aufmerksamkeit fesselt und mich am Leben teilhaben lässt.

„Finsternis“, so hatten die Jugendlichen diese Station des Jugendkreuzwegs in einer evangelischen Kirche genannt. Und es war ihnen gelungen, in diesem engen Raum, in dem ich nun stand, völlige Finsternis zu schaffen. Mir kamen die Bergleute in den Sinn, die in Chile tagelang verschüttet waren. Immerhin hatten sie in ihrem Schutzraum Licht gehabt, für den Notfall vorbereitete Lampen. Welch unvorstellbare Finsternis haben wohl Menschen in Haiti, Chile und Japan erlebt, als die Erde bebte und sie verschüttete?

Die Kreuzwegstation der Jugendlichen will etwas verdeutlichen von dem Weg, den Jesus zum Kreuz gegangen ist. Der Sohn Gottes ist in die Finsternis der Menschen herabgestiegen, die wie Bergleute und Erdbebenopfer verschüttet und vom Leben abgeschnitten sind. Vielleicht haben sie sich mit künstlichem Licht einen Schutzraum, eine Scheinwelt schaffen können – für eine Weile. Doch die Verbindung zum pulsierenden Leben, das sich nur in der engen Beziehung mit Gott, dem Schöpfer, entfalten kann, ist unterbrochen. Für eine Weile mag es gelingen, sich in einer solchen Welt einzurichten, doch unausweichlich greift die Finsternis nach der Lebenskraft eines so von der Quelle des Lebens abgeschnittenen Menschen.

In diese Finsternis hinein schallt nun seit Ostern der Jubelruf:  

„Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium!“ (2. Timotheus 1,10)

Jesus Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, hat durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung die Verbindung zu Gott wieder hergestellt und den Weg frei gemacht für alle in der Finsternis Verschütteten, alle Orientierungslosen, alle Scheintoten und alle Hoffnungslosen. Durch den Glauben an ihn können sie wieder zum Leben finden. Das ist eine wunderbare Rettungsgeschichte! Das ist es wert, den Osterjubel der Christenheit durch alle Generationen erschallen zu lassen.

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten! (1. Petrus 1,3)

Regina Claas
Die Autorin ist die Generalsekretärin des BEFG.

Andacht zum Monatsspruch Mai 2011

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. (Röm 15,13)                

Würden Sie ihrem Nachbarn oder ihrer Kollegin wünschen, dass er oder sie „Reich an Hoffnung“ werden soll? Das wäre sicherlich für manche kein Wunsch, mit dem sie etwas anfangen könnten. Wir wünschen uns in der Regel „Handfesteres“: Gesundheit, Sicherheit, Geborgenheit, Ruhe, Frieden ... Damit hat man doch etwas Konkretes. Wir wünschen uns nicht Hoffnung, sondern das, worauf man hofft.

Ganz anders Paulus. Er bündelt geradezu seine Wünsche an die Gemeinde in Rom in diesem Wunsch, sie mögen reich an Hoffnung werden. Dabei kann er durchaus auch von der Freude und dem Frieden des Glaubens oder der Kraft des Heiligen Geistes reden. Aber Freude, Friede oder auch Kraft sind für den Apostel allein Wege hin zur Stärkung der Hoffnung. Ihm ist hier die Hoffnung das eigentliche und höchste Gut. Es ist die Hoffnung auf das Wirken Gottes im Leben und im Sterben. Und wirklich: Ein höheres Gut kann es nicht geben, als dass in den vielfältigen Geschehnissen des Alltags Gott als der lebendige und lebensschaffende erfahren wird. In den Erfahrungen von Krankheit, Leid und Sterben kommt der Gott der Auferstehung und des Lebens entgegen. In den Erfahrungen scheiternden und schuldigen Lebens begegnet der Gott der Gnade und der Fülle. Der „Gott der Hoffnung“, den Paulus am Beginn des Verses aufruft, ist der Gott, auf dessen Gegenwart im Leben und im Sterben wir hoffen. Aber macht die Hoffnung nicht zum Narren, wie der Volksmund gerne sagt? Hier nun kommen die Freude, der Friede und die Kraft ins Spiel, die Paulus als Wegsteine zur Stärkung der Hoffnung ansieht. Denn die Hoffnung, die hier gewünscht wird, zielt nicht auf nebulöses in ferner Zukunft. Sie gründet auf dem Glauben und den Erfahrungen der Gegenwart: dass Gott bereits heute das Leben helfend, aufbauend, stärkend, bewahrend, ermahnend, liebend in seiner Hand trägt. Wo dieses aber gestern und heute geglaubt werden konnte, dort sind Freude und Friede im Glauben gewachsen und dort wurde die Kraft des Heiligen Geistes erfahren. Aus diesem Glauben und Erleben wächst die Hoffnung auch für meine nächste und weitere Zukunft. Auf dem Weg zum „Reichtum in Hoffnung“ stehen die Zeugnisse des Glaubens, wie sie in der Heiligen Schrift und im Leben der Christinnen und Christen zu lesen und zu hören sind. Aus ihnen erwächst und erstarkt die Hoffnung, dass, ganz gleich was geschehen wird, der Gott des Lebens und der Auferstehung unser Leben in seiner Hand trägt. An solcher Hoffnung reich zu sein ist wirklich ein guter Wunsch.

André Heinze
Der Autor ist Prorektor und Dozent für Neues Testament am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

 

Andacht zum Monatsspruch Juni 2011

„Einer teilt reichlich aus und hat immer mehr; ein anderer kargt, wo er nicht soll, und wird doch ärmer“ (Spr. 11,24).     

„Es gibt einen, der streut aus, und dennoch hat er am Ende mehr; aber wer allzu sehr spart, dem gereicht’s zum Mangel. Was ist das?“ Im alten Israel gab es kein Kind, das nicht die Antwort gewusst hätte: Es ist der Sämann, der im Frühjahr den aufgesparten Vorrat an Samen mit vollen Händen auf das Feld wirft. Es folgen Monate voller banger Erwartung. Vögel könnten die Samenkörner herauspicken. Ein Sturzregen könnte sie wegspülen. Fällt zu wenig Regen, verdorrt die Saat. Es gibt eigentlich mehr Gründe für ein Misslingen als für einen Erfolg. Und dennoch weiß jedes Kind, dass auf die Zeit des Wartens die Erntezeit folgt. Wer vor lauter Sorgen sein Saatgut sparen wollte, hätte die Ernte von vornherein verloren. Aber einen so törichten Menschen können sich die Kinder gar nicht vorstellen. Es ist so einfach und zugleich so erstaunlich: Wer nicht weggibt, was er hat, hat am Ende gar nichts.

Es ist nicht falsch, wenn wir bei der Bedeutung von Spr. 11,24 für uns heute an die christliche Tugend der Großzügigkeit denken, zumal der Apostel Paulus in 2.Kor. 9,6 in diesem moralischen Sinn auf unseren Monatsspruch anspielt. Einen angemessenen Teil des Einkommens für die Verkündigung und die Liebestätigkeit der Gemeinde Christi zu spenden, ist eine gute Übung der Frömmigkeit. Es ist jedoch noch niemand durch seine Tugenden oder seine Spenden zu einem Kind Gottes geworden. Das vermag nur der Glaube an das Evangelium von Jesus Christus. Jesus selbst legte daher die alten Bauernweisheiten von Saat und Ernte auf noch grundsätzlichere Weise aus.

Vom Sämann, der zur rechten Zeit all sein noch vorhandenes Korn vertrauensvoll mit vollen Händen auswirft, sollen die Jünger Jesu den Umgang mit dem Evangelium und der erkannten Wahrheit lernen. Nicht die Wahrheit für sich zu behalten, sondern sie den Menschen anzuvertrauen, wird reiche Frucht bringen. Nicht die sind selig, die Recht haben und behalten wollen, sondern die darauf vertrauen, dass Gottes Wort durchs Loslassen und Weitergeben seine Wirkung entfaltet (Mt. 13,1-9; 25,14-30). Und schließlich ist es Jesus Christus selber, der sein Werk in dieser Welt nicht durch seine Lehre, seine Wunder und seine Lebensführung ausgerichtet hat, sondern durch die völlige Hingabe in den Tod für andere. Wer in ihm nur einen weisen und gerechten Lehrer, einen der Großen der Menschheit, sehen will, der versteht das Geheimnis der Person Jesu nicht. „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht“ (Joh. 12,24). Es ist so einfach und doch so erstaunlich: Der alle Welt umfasst, hat sich für uns gegeben. Er ist der Herr. In ihm haben wir Leben.

Martin Rothkegel
Der Autor ist Professor für Kirchengeschichte am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule)

Pfingstandacht 2011

„Bist du ein Gespenst?“ So fragte mich vor einigen Jahren ein kleiner afrikanischer Junge, der noch nie eine weiße Person gesehen hatte. Gespenster sind fremd und unheimlich, einen Geist kann man in der Regel nicht sehen – doch man kann ihn wahrnehmen. Einen Geist kann man nicht berühren – aber spüren.

Am Pfingstfest feiern wir die Ausgießung des Heiligen Geistes auf die Menschen, die sich zu Jesus Christus bekennen, und den Beginn der christlichen Kirche. Was trieb die Jünger damals in Jerusalem, was treibt die Gemeinde Jesu bis heute, dass sie ganz normal menschlich und doch auf erlebbare Weise Geist-gefüllt ist, dass Menschen aufmerken, nachfragen und sich überzeugen lassen, diesem Jesus ebenfalls zu folgen?

Ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben, damit sie in meinen Geboten wandeln und meine Ordnungen halten und danach tun. (Hesekiel 11,19 - 20)     

So beschreibt der Prophet Hesekiel den Willen Gottes für sein Volk im Alten Testament. Der Geist Gottes schafft Leben. Er öffnet den Blick für eine andere Welt, eine neue Perspektive, in der das, was in unseren Augen leblos geworden ist und uns Fesseln anlegt, zu neuem Leben durchbricht.

Nie werde ich einen Besuch in einem der Pflegeheime von Mutter Teresa in Kalkutta vergessen. Schwerstbehinderte Menschen, die kaum Reaktionen zeigen konnten, hatten ein strahlendes Lächeln auf dem Gesicht – einen Spiegel der Liebe, die ihnen im Namen Jesu entgegen gebracht wurde. Hier war der Geist Gottes greifbar!

Ich werde auch nicht das Leuchten in den Augen der Frauen in Kapstadt vergessen, die von AIDS gezeichnet und dennoch so hoffnungsvoll waren. Christen hatten ihnen eine Ausbildung ermöglicht, und stolz nahmen sie eine Nähmaschine für ihren Lebensunterhalt in Empfang. Der Geist Gottes hatte neue Lebenshoffnung geschenkt.

Und die Würde einer alten Frau, die nie Lesen und Schreiben gelernt hatte, die aber bei den ersten freien Wahlen in Südafrika voller Freude und tiefer Befriedigung ihr Kreuz unter den ersten Wahlschein ihres Lebens setzte – auch diese Würde spiegelte den Geist Gottes wieder, der Fesseln löst und Menschen in die Freiheit ruft.

Wie wollen wir uns verhalten? Wollen wir den Geist Gottes abwehren, sein Reden in unserem Herzen nicht zulassen, weil es uns nicht ins Lebenskonzept passt? Oder wollen wir ihn einladen, uns neu in Bewegung zu bringen, als Einzelne, als Gemeinde, als Bund…

♫ Komm, o komm, du Geist des Lebens, wahrer Gott von Ewigkeit! Deine Kraft sei nicht vergebens, sie erfüll uns jederzeit; so wird Leben, Licht und Schein in dem dunklen Herzen sein. (Feiern & Loben  Nr. 278)      

Regina Claas
Die Autorin ist die Generalsekretärin des BEFG.

Andacht zum Monatsspruch für Juli 2011

„Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ (Matthäus 6,21)   

Wenn ich diesen Vers lese, habe ich Dagobert Duck vor Augen, wie er sich in seinen Geldmassen badet. Unermesslich viel Geld hortet er in seinem Riesentresor, zeigt sich aber sonst als echter Geizhals. Seinen Reichtum zu bewahren, ist sein Ein und Alles. Natürlich sind wir alle nicht wie Dagobert Duck. Aber wenn es ums Geld geht, haben wir unsere besonderen Vorlieben.

Jesus legt mit seinen Worten den Finger auf einen wunden Punkt in unserem Leben. Egal, ob wir viel oder wenig besitzen: Das, was wir haben, ist uns oft sehr wichtig. Jesus verurteilt nicht, dass wir etwas besitzen oder sogar reich sind. Jesus und seine Jünger leben selbst von der Unterstützung wohlhabender Frauen (Lk 8,1-3). Und der reiche Jüngling disqualifiziert sich nicht dadurch, dass er reich ist. Sein Problem ist, dass er nicht bereit ist, um Jesu willen seinen Reichtum aufzugeben (Mk 10,17-22). Das, was wir haben – oder nicht haben und unbedingt haben wollen – wird dann zu einem falschen Schatz, wenn es uns wichtiger ist als alles andere. Unser Denken kreist um unseren Schatz. Alles andere ist zweitrangig.

Jesus weiß um diesen Schatz in unserem Leben. Er möchte uns davon frei machen, dass unsere Gedanken und Gefühle nur noch um die Frage kreisen, wie wir unseren Schatz festhalten können. Jesus will uns befreien für die Liebe – dafür, dass unser Herz offen wird für Gott und für die Menschen um uns herum. Darum geht es in der Bergpredigt Jesu: Wir leben dann ganz erfüllt als Menschen, wenn wir das Liebesgebot Jesu umsetzen: Liebe Gott und lieben Deinen Nächsten wie Dich selbst! Das ist Sinn und Ziel unseres Lebens. Von daher können wir uns fragen, wie wir unseren Besitz so einsetzen können, dass diese Liebe deutlich wird.

Das können wir auch auf andere Schätze anwenden, die unser Leben bestimmen. Für manche ist ihr Hobby oder ihre Familie oder ihr Beruf zu ihrem Lebensschatz geworden. Vom Reich Gottes her können wir fragen, wie wir diese Vorlieben einsetzen können, um das Liebesgebot Jesu zu leben. Das, was uns unermesslich wichtig ist, ist deswegen nicht grundsätzlich schlecht. Es kann etwas Gutes sein, das wir aber zu wichtig nehmen. Das Gute wird dann zu einem falschen, „irdischen Schatz“, wenn wir es für unser Leben absolut setzen.  Aus unseren irdischen Schätzen, die in der Ewigkeit Gottes verrotten, können himmlische Schätze werden, wenn wir sie für Jesus einsetzen. Jesus lädt uns dazu ein, falsche Schätze loszulassen und unser Leben immer wieder neu für Gott und die Menschen zu öffnen. Dann werden wir glücklich sein, glücklich für die Ewigkeit.

Michael Kißkalt

Der Autor ist Dozent für Missiologie am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule) und Referent für Evangelisation im BEFG.

 

Andacht zum Monatsspruch für August 2011

„Jesus Christus spricht: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“ (Matthäus 7,7)  

Bitten - das Wort scheint nicht so recht zu passen in eine Welt, die den glücklich preist, der sich selbst beschaffen kann, was er braucht. Viele in der westlichen Welt können kaufen, was nötig ist und sich auch noch darüber hinaus manches gönnen, was die Werbung empfiehlt, die Nachbarn auch haben oder die Lifestyle-Strategen anbieten. Bitten – das machen wir nicht so gerne. Selbst ist die Frau und der Mann.
Wer bittet, gesteht ein, dass er allein eben nicht alles erreichen, bewerkstelligen und beschaffen kann, was er zum Leben braucht. Wer bittet, zeigt, dass er angewiesen ist auf andere und sich dessen bewusst ist. Er überspielt das nicht, sondern macht die offenen Stellen seines Lebens und seiner Seele erkennbar. Wer das tut, kann überhaupt erst ein Empfangender werden. Und deshalb: „Wer bittet, der empfängt.“ Jesus sagt diese Worte im Rahmen seiner großen Rede, der Bergpredigt, die das Leben in der Perspektive des Reiches Gottes bedenkt. Vor Gott sind wir die Empfangenden, nicht die, die etwas vorzuweisen oder darzustellen hätten. Wir müssen nicht mehr ins Schaufenster unseres Lebens legen, als wirklich da ist, wir müssen nicht beeindrucken durch Leistung; Erfolge und starken Glauben. Vor Gott dürfen wir Bittende sein, leere Hände und Herzen haben und ihm sagen, was wir brauchen. Und wer Bittende  wird, der geht bei Gott niemals leer aus – zu diesem Vertrauen lädt uns Jesus ein.

Christiane Geisser

Die Autorin ist Dozentin für Praktische Theologie am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

Andacht zum Monatsspruch für September 2011

Jesus Christus spricht: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. (Mt 18,20)         

Meine Gemeinde ist eine kleine Gemeinde. Eine Gemeinde, der es schwer fällt, alle Aufgaben zu erfüllen, die zu einer richtigen Gemeinde gehören. Da ist der Gottesdienst zu gestalten, dann die Bibelstunde und es gibt auch eine kleine Jugendgruppe. Außerdem steht unsere Kirche alle zwei Wochen nachmittags zu einem Klönkaffee offen. Aber schon beim Kindergottesdienst wird es schwierig, ihn kontinuierlich anzubieten. Und es ist auch nicht immer jeden Sonntag jemand da, der den Gemeindegesang begleitet.

In so einer Situation ist es vielleicht verständlich, dass eine kleine Gemeinde sich ständig mit größeren Gemeinden vergleicht, und dann die eigenen Defizite besonders bewusst wahrnimmt. Der Monatsspruch aber weist uns in eine andere Richtung. Jesus verheißt der Gemeinde seine Gegenwart unabhängig von einem bestimmten Programm. Es geht auch nicht um zählbaren Erfolg bei der Mitgliederzahl oder dem Gottesdienstbesuch, nicht um Perfektion der Veranstaltungen oder dass man alle Altersgruppen abdeckt. Eine Gemeinde hat alles, was sie braucht, wenn zwei oder drei in Jesu Namen versammelt sind und der Herr der Gemeinde gegenwärtig ist.

Diese Worte Jesu haben die Gründer der baptistischen Gemeinden zu ihrer Grundüberzeugung gebracht, dass jede Ortsgemeinde ein vollgültiger Ausdruck des Leibes Christi in der Welt ist. Christus wird nicht nur dort repräsentiert, wo große Gemeinden und ganze Kirchen mit all ihren Möglichkeiten in die Welt hinein wirken, sondern bereits dort, wo nur eine handvoll Gläubiger sich in einem Wohnzimmer versammelt, um gemeinsam in der Bibel zu lesen und zu beten. Wenn sich ein Hauskreis trifft, drei Senioren einen Gebetskreis bilden oder ein Mitarbeiterkreis tagt, dann fehlt nichts Wesentliches am Gemeindesein, weil Christus gegenwärtig ist.

Wo immer Gemeinschaft im Namen Jesu gelebt wird, wirkt er durch jedes Wort, das gesprochen wird, wird seine Liebe zur Welt sichtbar in jeder guten Tat. Die Vollmacht, aus der Gegenwart Jesu heraus die Welt zu verändern, ist großen und kleinen Gemeinden in gleicher Weise gegeben und er gilt allen christlichen Gemeinschaften gemeinsam. Die Möglichkeiten werden jeweils vor Ort unterschiedlich sein, aber jede Gemeinde darf selbstbewusst genau das tun, wozu sie in der Lage ist, weil sie weiß, dass ihr nichts fehlt, denn Christus ist in ihr gegenwärtig.

Ralf Dziewas

Der Autor ist Professor für Diakonik am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

Andacht zum Monatsspruch für Oktober 2011

Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott? (Hiob 4,17) 

Die Frage ist klar und wichtig – aber wie lautet die Antwort? Wird sie offen gelassen? Nein, wird sie nicht! Unser Monatsspruch formuliert nämlich nur scheinbar eine Frage. Der Fragensteller weiß die Antwort schon, und sie lautet: Kein Mensch kann vor Gott gerecht sein! Wir alle stehen nicht rein und schuldlos vor dem richtenden Gott! Das ist die Behauptung, mit der uns unser Bibelwort konfrontiert. – Aber ist das nicht allzu simple Schwarz-Weiß-Malerei? Wird der Mensch hier nicht unnötig schlecht gemacht? Viele Menschen, auch viele Christen, reagieren ablehnend, wenn man ihnen erklärt, dass kein Mensch vor Gott im Recht ist. Ein solches Pauschalurteil ist schwer zu akzeptieren.

Und beweist nicht sogar der Kontext des Monatsspruchs, dass die Behauptung falsch ist? Die Scheinfrage stammt ja von Elifas, einem der Freunde Hiobs. Die Freunde versuchen Hiob zu erklären, dass sein unerträglich großes Unglück und Leid letztlich in seiner eigenen Sünde und Ungerechtigkeit vor Gott begründet liegt. Aber das ganze Hiobbuch ist geschrieben, um diese Behauptung zu widerlegen. Wenn also die Freunde zu Hiob sagen: Dir geht es schlecht, weil Du schlecht bist, dann haben sie Unrecht. Aber ist es darum auch verkehrt, dass kein Mensch vor Gott gerecht sein kann?

Mit dieser Aussage wird jedenfalls eine Diagnose über die Menschheit insgesamt gestellt, die mit einzelnen moralischen Fehltritten oder Charakterschwächen nichts zu tun hat. Wenn alle Menschen vor Gott schuldig sind, dann sind es eben auch die Freunde Hiobs, die meinen, der schwer Leidende habe sein Leid selbst verursacht, dann sind es aber auch diejenigen, die sich über religiöse Heuchler empören und sich selbst als im wesentlichen anständig ansehen. Wenn Gott auf unser Denken und Handeln blickt, dann werden die moralischen Unterschiede zwischen uns belanglos, weil wir alle auf der verkehrten Seite stehen. Wir alle lieben uns selbst mehr als Gott und versuchen uns gegenüber Gott selbst zu behaupten.

Das ist die Diagnose. Und wie lautet das Therapieangebot der Heiligen Schrift? Es lautet: Vertraue auf das, was Jesus Christus für Dich getan hat! Es war eine Schlüsselerkenntnis Martin Luthers, dass alle Menschen Sünder sind und vor Gottes Gericht nicht bestehen können – es sei denn, sie vertrauen auf die Gnade Gottes in Jesus Christus. Ein Mensch kann nur dann vor Gott gerecht sein, wenn Gott ihn um Christi willen gerecht macht. Am letzten Tag dieses Monats werden wir das Reformationsfest feiern und an diese Erkenntnis erinnert werden. Unnötig ist die Erinnerung nicht.

Uwe Swarat

Der Autor ist Professor für Systematische Theologie und Studienleiter am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

Andacht zum Monatsspruch für November 2011

Gut ist der Herr, eine feste Burg am Tag der Not. Er kennt alle, die Schutz suchen bei ihm. (Nah 1,7) 

Wie viele Menschen lassen Gott heutzutage einen „guten Mann“ sein? Der sogenannte „liebe Gott“ darf irgendwo im Himmel gemütlich sitzen und auf die Erde schauen, aber relevant für die alltäglichen Herausforderungen, Ängste und Bedrohungen ist er für viele nicht. Wenn Nahum 1 vom guten Jahwe (HERRN) spricht, dann meint das keinen harmlosen, machtlosen Greis, sondern dass Gott gut ist wird vorangestellt: „Gut ist Jahwe“ betont, dass er auch die Machtmittel zur Güte hat. Gott kann gut sein, seine Güte ist wirksam.

Das Buch Nahum atmet stark die militärische und existentielle Bedrohung durch die Heeresmacht der Assyrer. Die Assyrer galten damals als Geißel des Orients und waren bekannt für ihre Gewaltherrschaft, die alle Lebensbereiche erfassen konnte. Unter Angst und Bedrohung hält der für diesen Monat ausgewählte Vers daran fest, dass das Gutsein Gottes für denjenigen, der zu ihm flieht, Schutz bedeutet. Wir benötigen vermutlich keine Hilfe, uns auszumalen, was Tage der Not sein können, sie stehen uns leicht vor Augen. Nahum 1,7 bekennt: Gerade an solchen Tagen ist Gott Zuflucht, wie eine feste Burg. Und Gott weiß, wer seine Hilfe benötigt, er kennt diejenigen, die zu ihm fliehen. Darauf ist Verlass!

Wer durch Medienberichte und persönliche Nachrichten aus der Ferne daran Anteil nimmt, wie es anderen Menschen geht, kann angesichts von Schutzlosigkeit, Flüchtlingsdramen und Kriegswirren seine Überzeugung, dass Gott Zuflucht ist, zur Fürbitte werden lassen für Bedrohte, Verängstigte und Ohnmächtige. Und als christliche Gemeinschaft vor Ort können wir uns fragen, wie unsere Überzeugung, dass Gott gut ist und ein Zufluchtsort, unsere Gemeindehäuser zu Noteingängen macht. Hier kannst Du erfahren, dass Gott gut ist und Schutz erfahrbar wird. „Dankt dem HERRN, denn er ist freundlich/gut, und seine Güte währet ewiglich“ Das ist so wichtig, dass es nicht nur einmal in der Heiligen Schrift steht, sondern beispielsweise in Jer 33,11; Ps 100,5; 106,1; 107,1; 118,1.29; 136,1 und öfter. Wir benötigen die Erinnerung daran und auch dass uns Menschen durch Berichte von Erfahrungen mit unserem guten Gott ermutigen.

Michael Rohde

Der Autor ist Professor für Altes Testament am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

Andacht zum Monatsspruch für Dezember 2011

Gott spricht: Nur für eine kleine Weile habe ich dich verlassen, doch mit großem Erbarmen hole ich dich heim. (Jes 54,7) 


Mit welchem Zeitgefühl leben Sie? Nach meinem Eindruck sind viele Menschen, ja unsere Gesellschaft von Schnelligkeit geprägt. Wir leben in einer Instantgesellschaft. Alles kann ganz schnell gehen. Auf Knopfdruck. Im Fertigbeutel. In rasender Geschwindigkeit. Was „kurz“ und „lang“ dauert, ist dabei relativ, eine Frage des Betrachters. Die Adventszeit mit ihrem jährlichen Rhythmus von vier Wochen bis zum Heiligen Abend wird gestreckt, indem die ersten Adventsnaschereien schon im September in den Supermärkten angeboten werden und der Nikolaus schon mal im Oktober beim Bäcker als Dekoration aufgestellt wird, damit sich die Anschaffung auch gelohnt hat. Und zugleich ist die Adventszeit für manchen immer zu kurz, um anzukommen. Anzukommen bei sich selbst, seinem Nächsten oder etwa bei Gott.

Der Monatsspruch für Dezember stellt unterschiedliche Perspektiven einander gegenüber: Was ist kurz und was ewig? Was ist klein und groß?  Dabei spricht das Bibelwort aus dem Propheten Jesaja nicht aus der Sicht des Menschen, der im Rückblick auf seine Leidenszeit reflektiert betet wie Psalm 30,6: „Denn sein Zorn währet einen Augenblick und lebenslang seine Gnade. Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens ist Freude.“ Sondern Jesaja 54 verspricht aus göttlicher Perspektive zunächst Israel eine verheißungsvolle Zukunft: Die Zeit der Zerstreuung - im babylonischen Exil - dauert nur „kurz“, in Aussicht steht Sammlung und Heimkehr. Die Wende der Zeiten von damals und morgen geschieht dabei in Gott selbst. Gott entscheidet sich, sein fremdes Werk, seinen Zorn in Zaum zu halten und zu begrenzen, ihn klein zu halten. Gott als Ehegatte verlässt - bildlich gesprochen - seine Braut nicht für lange Zeit, sondern will sie nach Hause holen, er kann sie nicht verstoßen (Jes 54,6). Und Gott lässt sein Erbarmen groß werden.

Erbarmen ist die Aufmerksamkeit des Herzens. Das hebräische Äquivalent für das deutsche Erbarmen (racham) ist im Wortstamm verwandt mit dem Begriff Mutterschoß (raechaem) – Erbarmen ist mit Emotionen und Leidenschaft für Hilflose und Angewiesene verbunden. Gottes Leidenschaft ist groß, wenn es darum geht, Zukunft zu ermöglichen. Israel war im babylonischen Exil angewiesen auf Hilfe von außen, um neue Perspektiven des Glaubens und des Lebens zu entwickeln. Es war nicht alles schlecht beim Leben in der Zerstreuung, aber eine tragende Bewegung hoffte darauf, wieder nach Hause kommen zu können.

Die Adventszeit bietet viele Möglichkeit der selbstgewählten Zerstreuung. Wir können diese Zeit schnell abhaken, ohne bei uns selbst, beim Nächsten oder gar in Gottes Gegenwart anzukommen. Gott möchte Menschen aus der Zerstreuung zu sich nach Hause holen und sammeln. In Jesus Christus möchte Gott alle Menschen bei sich haben. Wenn es wieder heißt: „denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr“ (Lk 2,11), laden christliche Gemeinden zum Geburtstag der Barmherzigkeit Gottes mit allen Menschen ein. Nehmen Sie sich dafür Zeit, ruhig mehr als letztes Jahr!

Michael Rohde

Der Autor ist Professor für Altes Testament am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

„Lass uns über Jesus reden!“

Weihnachtsandacht der BEFG-Generalsekretärin

Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? (Lukas 24,32) 

Während der Gemeindetage, zu denen ich kürzlich unterwegs war, starb eine ältere Schwester der Gemeinde. Mit großer Wertschätzung sprachen alle über diese Frau. „Sie wollte immer über Jesus reden“, hieß es. Jedes Gespräch lenkte sie früher oder später dahin. „Lass uns über Jesus reden!“, bat sie dann ihr Gegenüber.

Überall in der Welt sind mir solche Menschen begegnet, denen es sehr wichtig war, über Jesus zu sprechen. Der Weltreisende, der jeden Taxifahrer und jeden Hotelportier über kurz oder lang nach seiner Beziehung zu Jesus fragt, tut dies aus Begeisterung für seinen Herrn, und die Frage kommt ihm ganz natürlich über die Lippen. Die schwarze südafrikanische Frau, die frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit im Regionalzug Mitreisenden von Jesus erzählt und mit ihnen Lobpreis-Lieder singt, freut sich jeden Tag auf diese besonderen Begegnungen. Für den Sozialarbeiter in Nicaragua ist es selbstverständlich, bei seinen Besuchen in den ärmsten Familien nicht nur Lebensmittel zu verteilen, sondern die Menschen auf die Hoffnung hinzuweisen, die Jesus ihnen schenken möchte.

Die Hirten damals in Bethlehem auf dem Feld staunen nicht schlecht, als die Engel ihnen von Jesus erzählen: „Euch ist heute der Heiland geboren!“ Und Jahre später, als zwei Männer auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus sind, kommen sie mit einem Fremden ins Gespräch über diesen Jesus – und merken zuerst nicht, dass er es selbst ist. Doch sie spüren, wie ihnen das Herz brennt, als er mit ihnen über Gottes Plan für diese Welt und Gottes Heil für jeden Menschen redet. Die Männer auf dem Weg nach Emmaus erleben durch dieses Gespräch über und mit Jesus, wie sie eine neue Perspektive für ihr Leben gewinnen.

Lasst uns also über Jesus reden! Im Trubel unserer so sehr kommerzialisierten Weihnachtsgeschäftigkeit geht das Reden über Jesus manchmal unter. Dabei ist er doch der eigentliche Anlass für dieses Fest! Ich wünsche mir in dieser Weihnachtszeit, dass wir wieder miteinander von Jesus reden. Dann werden wir merken: auch er redet mit uns!

Regina Claas

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