
Auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Röm 8,21
Unsere Welt ist dem Kreislauf der Zeit ergeben. Wir feiern, wenn neues Leben entsteht, und wir trauern, wenn ein Leben zu Ende geht. Das Glück und das Abschiednehmen gehören zu unserem Dasein dazu. Anfang und Ende gehören dazu - ebenso auch die schönen und schweren Momente.
In der Schöpfung entdecken wir die Größe Gottes. Sein Wesen spiegelt sich in ihr wieder. Die vollkommene Liebe, die Kreativität und die Kraft Gottes können wir in unserer Welt entdecken. Das tiefe Meer, mit all seiner Vielfalt, hohe Berge, in ihrer Kraft, Strände, Wälder, Wiesen, Sonnenfinsternis, Schäfchenwolken, Sonnenuntergänge, Mondschein, Rosen, Gänseblümchen, Weintrauben, Meerschweinchen, Rotkehlchen, Stinktiere - und der Mensch. Unfassbar diese Schöpfung zu erleben – ihre Schönheit und Vielfalt.
Aber wir sehen auch, dass sie leidet und stöhnt, dass sie gefallen ist. Schmerzen, Leid, Krankheit, Unrecht, Katastrophen – auch das gehört zu ihr. Da fließen Millionen Liter Öl ins Meer, monatelang – die Schöpfung stöhnt. Erdbeben und Flutwellen kosten vielen Menschen
das Leben - die Schöpfung stöhnt. Viele Kinder wachsen in Armut auf
– die Schöpfung stöhnt. Nein, Löwe und Lamm spielen noch lange nicht zusammen – noch zerfleischt der Stärkere den Schwächeren. Aber die Schöpfung sehnt sich nach Erlösung, nach Hoffnung, nach Veränderung.
Kinder Gottes sind Menschen, die frei sind – die von der Freiheit, von der Hoffnung leben. Und wer Hoffnung hat, der lebt anders. Der prägt seine Welt anders. Wer Hoffnung hat, wer Freiheit lebt, der verändert etwas. Kinder Gottes leben von Gottes Reich, sie wissen wo ihre Sehnsucht gestillt ist und auch, wo die Sehnsucht und die Hoffnung der Schöpfung gestillt werden kann und wird. Wer den Himmel im Herzen trägt, der ist nicht mehr abhängig von den Schatten der Vergänglichkeit. Wer Gott im Herzen hat, der lebt nicht nur in und für diese Welt, sondern der weiß mehr. Und diese hoffende Kraft und Sehnsucht, die verschenkt sich weiter, steckt andere an und wirkt hinein in alle Lebensbereiche, so dass auch die Schöpfung etwas schmeckt von dieser neuen Welt Gottes, durch die Menschen, die schon von ihr leben.
Wir dürfen uns fragen lassen, was prägt uns mehr – das, was wir hier erleben, die Realität unserer Welt, die Begrenztheit und Vergänglichkeit, oder die Hoffnung, die Freiheit, die durch Jesus Christus und sein Reich in uns begonnen hat? Was bestimmt uns mehr?
Was unseren Umgang mit der wunderbaren Schöpfung, die Gott uns geschenkt hat?
Angela Klinge
Die Autorin ist Pastorin in Siegen
Vertrauen in unruhigen Zeiten

Bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe; denn von ihm kommt meine Hoffnung. Ps 62,6
Es gab einmal eine Zeit, in der hatten Banken und Versicherungen einen guten Ruf. Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer gehörte praktisch zur Familie. Er schien all unsere Sorgen zu verstehen – und im Griff zu haben. Und die (damals noch existierende) Dresdner Bank konnte sich als „Beraterbank“ vorstellen – mit dem „grünen Band der Sympathie“.
Spätestens mit Beginn der weltweiten Finanzkrise sind solche Bilder ad absurdum geführt. Vertrauen ist ein hohes Gut – aber eben auch ein sensibles. Die Wut über Banken und Versicherungen erklärt sich nicht nur aus den verlorenen Vermögen, sondern auch daraus, dass Vertrauen massiv missbraucht wurde. Es ist wie die Enttäuschung eines Kindes, das immer gedacht hat, Papa sei der Größte – und plötzlich feststellen muss, dass er doch nur ein kleiner Angestellter ist, der von seinen Vorgesetzten mehr oder weniger nach Belieben hin und her geschubst wird.
Der Psalmbeter hat diese Enttäuschung schon hinter sich. Wer den ganzen Psalm 62 liest, ahnt, dass der Beter Erfahrungen damit hat, wie zerbrechlich das Leben ist. Die Sorge um die Existenz, die Kinder, den Ehepartner, die Familie ist ihm vertraut. Um diese Sorgen zu bekämpfen braucht es etwas oder jemanden, der größer ist als die Unverfügbarkeiten des Lebens.
Bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe – wie ein Refrain wiederholt sich dieser Ausruf. Und er ist exklusiv zu verstehen. Der hebräische Text setzt an den Anfang ein „Nur“. Nur bei Gott finde ich Ruhe. Alle anderen Sicherheiten erweisen sich letztlich als trügerisch, nur bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe. Der Alttestamentler Claus Westermann übersetzt den Satz: Nur zu Gott hin ist meine Seele still. Es ist eine zu Gott hin gewendete Stille. Ein Sich-umdrehen, besser: wegdrehen von dem, was mich unruhig sein lässt. Und es ist ein Stille, die von Gott gesichert wird – denn von ihm kommt meine Hoffnung.
Man sagt, im Auge eines Sturms sei es still – ein treffendes Bild für die Ruhe, die Gott anbietet. Die Unwägbarkeiten des Alltags sind nicht einfach weg - aber wir sind nicht allein, einer, der größer ist als diese Unwägbarkeiten, steht an unserer Seite. Martin Pepper singt in einem Lied: Herr, ich suche deine Ruhe, fern vom Getöse dieser Welt. Ich hör jetzt auf mit allem, was ich tue und tu das eine, das im Leben zählt. Ich geh' im Geist jetzt vor dir auf die Knie und höre auf die Stimme meines Herrn! Führe du mein Innerstes zur Ruhe und lass dein Feuer meine Hast verzehrn. Du bist ein starker Turm, du bist das Auge im Sturm! Du sprichst zum aufgewühlten Meer meiner SeeIe in mir, Herr, Friede mit dir, Friede mit dir!
Thomas Seibert

Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! (Mt 26,41)
Die beiden sind ein untrennbares Paar: Wachen und Beten. Das scheint eine Binsenwahrheit zu sein. Denn im Schlaf kann ein Mensch zwar mancherlei Dinge tun. Träumen zum Beispiel. Oder auch schnarchen. Im Schlaf beten aber kann niemand. Um beten zu können, muss man wach sein.
Um beten zu können, muss man aber nicht nur in einem äußerlichen Sin-ne wach sein. Zum Beten gehört immer auch ein hellwacher Geist. Und das nicht nur, um unser schwaches Fleisch dabei zu stören, es sich in seiner Trägheit gemütlich zu machen. Zum Beten gehört vor allem darum ein hellwacher Geist, weil das Gebet ein Vertrauensakt ist. Im Gebet geht ein Mensch bittend, dankend und klagend aus sich heraus und tritt mit allem, was er hat und ist, vor seinen Vater im Himmel. Solch ein Vertrauensakt aber verträgt sich nicht mit einem verschlafenen Geist. Das kann man sich an der Bitte, am Dank und an der Klage leicht klarmachen. Wer Gott im Gebet um etwas bittet, der muss konkret benennen, was er begehrt. „Wer da bitten will, der muss etwas bringen, vortragen und nennen, was er begehrt; wo nicht, so kann es kein Gebet heißen“, schreibt Luther in seiner Auslegung des Vaterunsers im Großen Katechismus. Recht hat er. Die Bitte wäre ohne Konkretion ziel- und damit sinnlos. Um aber konkret etwas für sich von Gott erbitten zu können, muss man wach sein. Und das gilt erst recht für die Fürbitte. Um etwas für andere erbitten zu können, muss man hellwach sein. Da darf man im Gebet zwar äußerlich die Augen schließen, aber ansonsten heißt es: Augen auf für das, woran Menschen leiden und was zum Himmel schreit! Das Gleiche gilt für den Dank und für die Klage. Wer immer nur für „alles“ dankt, der muss sich fragen, ob er damit nicht am Ende für gar nichts dankt, sondern auf dem besten Wege ist zu plappern. Und wer immer nur über die Not im Allgemeinen klagt, muss aufpassen, dass seine Klage nicht zur schläfrigen Formel verkommt. Nein, es ist kein Zufall, dass Jesus das Wachen und Beten in einem Atemzug nennt.
Es ist aber auch kein Zufall, dass im Zusammenhang mit dem wachsamen Gebet das Wort von der Anfechtung oder Versuchung fällt. Es gehört exakt hierher. Versuchung im biblischen Sinne - nicht im Sinne der Schokoladenwerbung - entsteht immer dort, wo Gottes Wort von anderen Stimmen und Worten überdeckt und verdrängt wird. Von den Stimmen der Resignation und der scheußlichen Wirklichkeit zum Beispiel, aber auch von den Stimmen der Selbstherrlichkeit und der Selbstsucht: “Sollte Gott gesagt haben?“ Gegen solches Stimmengewirr hilft das fleißige, wache Gebet. Betend geht man aus sich selbst heraus. Betend tritt man in die Gegenwart Gottes. Betend macht man die Erfahrung, dass das Stimmengewirr verstummt, wenn Gott selbst zu Wort kommt.
Volker Spangenberg
Der Autor ist Rektor des Theologischen Seminars Elstal (FH).

Neugierig schaute ich durch einen schmalen Spalt und sah – nichts! Absolut nichts. Vorsichtig öffnete ich die schwere Plastikplane etwas weiter und spähte wieder in den dunklen Innenraum. Doch, ließ sich da nicht etwas wahrnehmen? Eine Art Schemel, und an der Seite vielleicht ein paar Stühle? Kurz entschlossen schlüpfte ich in das Zelt aus schwarzen Planen und schloss den Eingangsspalt hinter mir. Sofort umfing mich völlige Dunkelheit. Ich konnte nichts sehen. Auch nachdem ich einen Moment gewartet hatte, um meinen Augen die Chance zu geben, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen – nichts! Es war, als würde die Schwärze in diesem Raum alles verschlucken, was mir sonst Orientierung gibt, meine Aufmerksamkeit fesselt und mich am Leben teilhaben lässt.
„Finsternis“, so hatten die Jugendlichen diese Station des Jugendkreuzwegs in einer evangelischen Kirche genannt. Und es war ihnen gelungen, in diesem engen Raum, in dem ich nun stand, völlige Finsternis zu schaffen. Mir kamen die Bergleute in den Sinn, die in Chile tagelang verschüttet waren. Immerhin hatten sie in ihrem Schutzraum Licht gehabt, für den Notfall vorbereitete Lampen. Welch unvorstellbare Finsternis haben wohl Menschen in Haiti, Chile und Japan erlebt, als die Erde bebte und sie verschüttete?
Die Kreuzwegstation der Jugendlichen will etwas verdeutlichen von dem Weg, den Jesus zum Kreuz gegangen ist. Der Sohn Gottes ist in die Finsternis der Menschen herabgestiegen, die wie Bergleute und Erdbebenopfer verschüttet und vom Leben abgeschnitten sind. Vielleicht haben sie sich mit künstlichem Licht einen Schutzraum, eine Scheinwelt schaffen können – für eine Weile. Doch die Verbindung zum pulsierenden Leben, das sich nur in der engen Beziehung mit Gott, dem Schöpfer, entfalten kann, ist unterbrochen. Für eine Weile mag es gelingen, sich in einer solchen Welt einzurichten, doch unausweichlich greift die Finsternis nach der Lebenskraft eines so von der Quelle des Lebens abgeschnittenen Menschen.
In diese Finsternis hinein schallt nun seit Ostern der Jubelruf:
„Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium!“ (2. Timotheus 1,10)
Jesus Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, hat durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung die Verbindung zu Gott wieder hergestellt und den Weg frei gemacht für alle in der Finsternis Verschütteten, alle Orientierungslosen, alle Scheintoten und alle Hoffnungslosen. Durch den Glauben an ihn können sie wieder zum Leben finden. Das ist eine wunderbare Rettungsgeschichte! Das ist es wert, den Osterjubel der Christenheit durch alle Generationen erschallen zu lassen.
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten! (1. Petrus 1,3)
Regina Claas
Die Autorin ist die Generalsekretärin des BEFG.

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. (Röm 15,13)
Würden Sie ihrem Nachbarn oder ihrer Kollegin wünschen, dass er oder sie „Reich an Hoffnung“ werden soll? Das wäre sicherlich für manche kein Wunsch, mit dem sie etwas anfangen könnten. Wir wünschen uns in der Regel „Handfesteres“: Gesundheit, Sicherheit, Geborgenheit, Ruhe, Frieden ... Damit hat man doch etwas Konkretes. Wir wünschen uns nicht Hoffnung, sondern das, worauf man hofft.
Ganz anders Paulus. Er bündelt geradezu seine Wünsche an die Gemeinde in Rom in diesem Wunsch, sie mögen reich an Hoffnung werden. Dabei kann er durchaus auch von der Freude und dem Frieden des Glaubens oder der Kraft des Heiligen Geistes reden. Aber Freude, Friede oder auch Kraft sind für den Apostel allein Wege hin zur Stärkung der Hoffnung. Ihm ist hier die Hoffnung das eigentliche und höchste Gut. Es ist die Hoffnung auf das Wirken Gottes im Leben und im Sterben. Und wirklich: Ein höheres Gut kann es nicht geben, als dass in den vielfältigen Geschehnissen des Alltags Gott als der lebendige und lebensschaffende erfahren wird. In den Erfahrungen von Krankheit, Leid und Sterben kommt der Gott der Auferstehung und des Lebens entgegen. In den Erfahrungen scheiternden und schuldigen Lebens begegnet der Gott der Gnade und der Fülle. Der „Gott der Hoffnung“, den Paulus am Beginn des Verses aufruft, ist der Gott, auf dessen Gegenwart im Leben und im Sterben wir hoffen. Aber macht die Hoffnung nicht zum Narren, wie der Volksmund gerne sagt? Hier nun kommen die Freude, der Friede und die Kraft ins Spiel, die Paulus als Wegsteine zur Stärkung der Hoffnung ansieht. Denn die Hoffnung, die hier gewünscht wird, zielt nicht auf nebulöses in ferner Zukunft. Sie gründet auf dem Glauben und den Erfahrungen der Gegenwart: dass Gott bereits heute das Leben helfend, aufbauend, stärkend, bewahrend, ermahnend, liebend in seiner Hand trägt. Wo dieses aber gestern und heute geglaubt werden konnte, dort sind Freude und Friede im Glauben gewachsen und dort wurde die Kraft des Heiligen Geistes erfahren. Aus diesem Glauben und Erleben wächst die Hoffnung auch für meine nächste und weitere Zukunft. Auf dem Weg zum „Reichtum in Hoffnung“ stehen die Zeugnisse des Glaubens, wie sie in der Heiligen Schrift und im Leben der Christinnen und Christen zu lesen und zu hören sind. Aus ihnen erwächst und erstarkt die Hoffnung, dass, ganz gleich was geschehen wird, der Gott des Lebens und der Auferstehung unser Leben in seiner Hand trägt. An solcher Hoffnung reich zu sein ist wirklich ein guter Wunsch.
André Heinze
Der Autor ist Prorektor und Dozent für Neues Testament am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

„Einer teilt reichlich aus und hat immer mehr; ein anderer kargt, wo er nicht soll, und wird doch ärmer“ (Spr. 11,24).
„Es gibt einen, der streut aus, und dennoch hat er am Ende mehr; aber wer allzu sehr spart, dem gereicht’s zum Mangel. Was ist das?“ Im alten Israel gab es kein Kind, das nicht die Antwort gewusst hätte: Es ist der Sämann, der im Frühjahr den aufgesparten Vorrat an Samen mit vollen Händen auf das Feld wirft. Es folgen Monate voller banger Erwartung. Vögel könnten die Samenkörner herauspicken. Ein Sturzregen könnte sie wegspülen. Fällt zu wenig Regen, verdorrt die Saat. Es gibt eigentlich mehr Gründe für ein Misslingen als für einen Erfolg. Und dennoch weiß jedes Kind, dass auf die Zeit des Wartens die Erntezeit folgt. Wer vor lauter Sorgen sein Saatgut sparen wollte, hätte die Ernte von vornherein verloren. Aber einen so törichten Menschen können sich die Kinder gar nicht vorstellen. Es ist so einfach und zugleich so erstaunlich: Wer nicht weggibt, was er hat, hat am Ende gar nichts.
Es ist nicht falsch, wenn wir bei der Bedeutung von Spr. 11,24 für uns heute an die christliche Tugend der Großzügigkeit denken, zumal der Apostel Paulus in 2.Kor. 9,6 in diesem moralischen Sinn auf unseren Monatsspruch anspielt. Einen angemessenen Teil des Einkommens für die Verkündigung und die Liebestätigkeit der Gemeinde Christi zu spenden, ist eine gute Übung der Frömmigkeit. Es ist jedoch noch niemand durch seine Tugenden oder seine Spenden zu einem Kind Gottes geworden. Das vermag nur der Glaube an das Evangelium von Jesus Christus. Jesus selbst legte daher die alten Bauernweisheiten von Saat und Ernte auf noch grundsätzlichere Weise aus.
Vom Sämann, der zur rechten Zeit all sein noch vorhandenes Korn vertrauensvoll mit vollen Händen auswirft, sollen die Jünger Jesu den Umgang mit dem Evangelium und der erkannten Wahrheit lernen. Nicht die Wahrheit für sich zu behalten, sondern sie den Menschen anzuvertrauen, wird reiche Frucht bringen. Nicht die sind selig, die Recht haben und behalten wollen, sondern die darauf vertrauen, dass Gottes Wort durchs Loslassen und Weitergeben seine Wirkung entfaltet (Mt. 13,1-9; 25,14-30). Und schließlich ist es Jesus Christus selber, der sein Werk in dieser Welt nicht durch seine Lehre, seine Wunder und seine Lebensführung ausgerichtet hat, sondern durch die völlige Hingabe in den Tod für andere. Wer in ihm nur einen weisen und gerechten Lehrer, einen der Großen der Menschheit, sehen will, der versteht das Geheimnis der Person Jesu nicht. „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht“ (Joh. 12,24). Es ist so einfach und doch so erstaunlich: Der alle Welt umfasst, hat sich für uns gegeben. Er ist der Herr. In ihm haben wir Leben.
Martin Rothkegel
Der Autor ist Professor für Kirchengeschichte am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule)

„Bist du ein Gespenst?“ So fragte mich vor einigen Jahren ein kleiner afrikanischer Junge, der noch nie eine weiße Person gesehen hatte. Gespenster sind fremd und unheimlich, einen Geist kann man in der Regel nicht sehen – doch man kann ihn wahrnehmen. Einen Geist kann man nicht berühren – aber spüren.
Am Pfingstfest feiern wir die Ausgießung des Heiligen Geistes auf die Menschen, die sich zu Jesus Christus bekennen, und den Beginn der christlichen Kirche. Was trieb die Jünger damals in Jerusalem, was treibt die Gemeinde Jesu bis heute, dass sie ganz normal menschlich und doch auf erlebbare Weise Geist-gefüllt ist, dass Menschen aufmerken, nachfragen und sich überzeugen lassen, diesem Jesus ebenfalls zu folgen?
Ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben, damit sie in meinen Geboten wandeln und meine Ordnungen halten und danach tun. (Hesekiel 11,19 - 20)
So beschreibt der Prophet Hesekiel den Willen Gottes für sein Volk im Alten Testament. Der Geist Gottes schafft Leben. Er öffnet den Blick für eine andere Welt, eine neue Perspektive, in der das, was in unseren Augen leblos geworden ist und uns Fesseln anlegt, zu neuem Leben durchbricht.
Nie werde ich einen Besuch in einem der Pflegeheime von Mutter Teresa in Kalkutta vergessen. Schwerstbehinderte Menschen, die kaum Reaktionen zeigen konnten, hatten ein strahlendes Lächeln auf dem Gesicht – einen Spiegel der Liebe, die ihnen im Namen Jesu entgegen gebracht wurde. Hier war der Geist Gottes greifbar!
Ich werde auch nicht das Leuchten in den Augen der Frauen in Kapstadt vergessen, die von AIDS gezeichnet und dennoch so hoffnungsvoll waren. Christen hatten ihnen eine Ausbildung ermöglicht, und stolz nahmen sie eine Nähmaschine für ihren Lebensunterhalt in Empfang. Der Geist Gottes hatte neue Lebenshoffnung geschenkt.
Und die Würde einer alten Frau, die nie Lesen und Schreiben gelernt hatte, die aber bei den ersten freien Wahlen in Südafrika voller Freude und tiefer Befriedigung ihr Kreuz unter den ersten Wahlschein ihres Lebens setzte – auch diese Würde spiegelte den Geist Gottes wieder, der Fesseln löst und Menschen in die Freiheit ruft.
Wie wollen wir uns verhalten? Wollen wir den Geist Gottes abwehren, sein Reden in unserem Herzen nicht zulassen, weil es uns nicht ins Lebenskonzept passt? Oder wollen wir ihn einladen, uns neu in Bewegung zu bringen, als Einzelne, als Gemeinde, als Bund…
♫ Komm, o komm, du Geist des Lebens, wahrer Gott von Ewigkeit! Deine Kraft sei nicht vergebens, sie erfüll uns jederzeit; so wird Leben, Licht und Schein in dem dunklen Herzen sein. (Feiern & Loben Nr. 278)
Regina Claas
Die Autorin ist die Generalsekretärin des BEFG.

„Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ (Matthäus 6,21)
Wenn ich diesen Vers lese, habe ich Dagobert Duck vor Augen, wie er sich in seinen Geldmassen badet. Unermesslich viel Geld hortet er in seinem Riesentresor, zeigt sich aber sonst als echter Geizhals. Seinen Reichtum zu bewahren, ist sein Ein und Alles. Natürlich sind wir alle nicht wie Dagobert Duck. Aber wenn es ums Geld geht, haben wir unsere besonderen Vorlieben.
Jesus legt mit seinen Worten den Finger auf einen wunden Punkt in unserem Leben. Egal, ob wir viel oder wenig besitzen: Das, was wir haben, ist uns oft sehr wichtig. Jesus verurteilt nicht, dass wir etwas besitzen oder sogar reich sind. Jesus und seine Jünger leben selbst von der Unterstützung wohlhabender Frauen (Lk 8,1-3). Und der reiche Jüngling disqualifiziert sich nicht dadurch, dass er reich ist. Sein Problem ist, dass er nicht bereit ist, um Jesu willen seinen Reichtum aufzugeben (Mk 10,17-22). Das, was wir haben – oder nicht haben und unbedingt haben wollen – wird dann zu einem falschen Schatz, wenn es uns wichtiger ist als alles andere. Unser Denken kreist um unseren Schatz. Alles andere ist zweitrangig.
Jesus weiß um diesen Schatz in unserem Leben. Er möchte uns davon frei machen, dass unsere Gedanken und Gefühle nur noch um die Frage kreisen, wie wir unseren Schatz festhalten können. Jesus will uns befreien für die Liebe – dafür, dass unser Herz offen wird für Gott und für die Menschen um uns herum. Darum geht es in der Bergpredigt Jesu: Wir leben dann ganz erfüllt als Menschen, wenn wir das Liebesgebot Jesu umsetzen: Liebe Gott und lieben Deinen Nächsten wie Dich selbst! Das ist Sinn und Ziel unseres Lebens. Von daher können wir uns fragen, wie wir unseren Besitz so einsetzen können, dass diese Liebe deutlich wird.
Das können wir auch auf andere Schätze anwenden, die unser Leben bestimmen. Für manche ist ihr Hobby oder ihre Familie oder ihr Beruf zu ihrem Lebensschatz geworden. Vom Reich Gottes her können wir fragen, wie wir diese Vorlieben einsetzen können, um das Liebesgebot Jesu zu leben. Das, was uns unermesslich wichtig ist, ist deswegen nicht grundsätzlich schlecht. Es kann etwas Gutes sein, das wir aber zu wichtig nehmen. Das Gute wird dann zu einem falschen, „irdischen Schatz“, wenn wir es für unser Leben absolut setzen. Aus unseren irdischen Schätzen, die in der Ewigkeit Gottes verrotten, können himmlische Schätze werden, wenn wir sie für Jesus einsetzen. Jesus lädt uns dazu ein, falsche Schätze loszulassen und unser Leben immer wieder neu für Gott und die Menschen zu öffnen. Dann werden wir glücklich sein, glücklich für die Ewigkeit.
Michael Kißkalt
Der Autor ist Dozent für Missiologie am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule) und Referent für Evangelisation im BEFG.

„Jesus Christus spricht: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“ (Matthäus 7,7)
Bitten - das Wort scheint nicht so recht zu passen in eine Welt, die den glücklich preist, der sich selbst beschaffen kann, was er braucht. Viele in der westlichen Welt können kaufen, was nötig ist und sich auch noch darüber hinaus manches gönnen, was die Werbung empfiehlt, die Nachbarn auch haben oder die Lifestyle-Strategen anbieten. Bitten – das machen wir nicht so gerne. Selbst ist die Frau und der Mann.
Wer bittet, gesteht ein, dass er allein eben nicht alles erreichen, bewerkstelligen und beschaffen kann, was er zum Leben braucht. Wer bittet, zeigt, dass er angewiesen ist auf andere und sich dessen bewusst ist. Er überspielt das nicht, sondern macht die offenen Stellen seines Lebens und seiner Seele erkennbar. Wer das tut, kann überhaupt erst ein Empfangender werden. Und deshalb: „Wer bittet, der empfängt.“ Jesus sagt diese Worte im Rahmen seiner großen Rede, der Bergpredigt, die das Leben in der Perspektive des Reiches Gottes bedenkt. Vor Gott sind wir die Empfangenden, nicht die, die etwas vorzuweisen oder darzustellen hätten. Wir müssen nicht mehr ins Schaufenster unseres Lebens legen, als wirklich da ist, wir müssen nicht beeindrucken durch Leistung; Erfolge und starken Glauben. Vor Gott dürfen wir Bittende sein, leere Hände und Herzen haben und ihm sagen, was wir brauchen. Und wer Bittende wird, der geht bei Gott niemals leer aus – zu diesem Vertrauen lädt uns Jesus ein.
Christiane Geisser
Die Autorin ist Dozentin für Praktische Theologie am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

Jesus Christus spricht: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. (Mt 18,20)
Meine Gemeinde ist eine kleine Gemeinde. Eine Gemeinde, der es schwer fällt, alle Aufgaben zu erfüllen, die zu einer richtigen Gemeinde gehören. Da ist der Gottesdienst zu gestalten, dann die Bibelstunde und es gibt auch eine kleine Jugendgruppe. Außerdem steht unsere Kirche alle zwei Wochen nachmittags zu einem Klönkaffee offen. Aber schon beim Kindergottesdienst wird es schwierig, ihn kontinuierlich anzubieten. Und es ist auch nicht immer jeden Sonntag jemand da, der den Gemeindegesang begleitet.
In so einer Situation ist es vielleicht verständlich, dass eine kleine Gemeinde sich ständig mit größeren Gemeinden vergleicht, und dann die eigenen Defizite besonders bewusst wahrnimmt. Der Monatsspruch aber weist uns in eine andere Richtung. Jesus verheißt der Gemeinde seine Gegenwart unabhängig von einem bestimmten Programm. Es geht auch nicht um zählbaren Erfolg bei der Mitgliederzahl oder dem Gottesdienstbesuch, nicht um Perfektion der Veranstaltungen oder dass man alle Altersgruppen abdeckt. Eine Gemeinde hat alles, was sie braucht, wenn zwei oder drei in Jesu Namen versammelt sind und der Herr der Gemeinde gegenwärtig ist.
Diese Worte Jesu haben die Gründer der baptistischen Gemeinden zu ihrer Grundüberzeugung gebracht, dass jede Ortsgemeinde ein vollgültiger Ausdruck des Leibes Christi in der Welt ist. Christus wird nicht nur dort repräsentiert, wo große Gemeinden und ganze Kirchen mit all ihren Möglichkeiten in die Welt hinein wirken, sondern bereits dort, wo nur eine handvoll Gläubiger sich in einem Wohnzimmer versammelt, um gemeinsam in der Bibel zu lesen und zu beten. Wenn sich ein Hauskreis trifft, drei Senioren einen Gebetskreis bilden oder ein Mitarbeiterkreis tagt, dann fehlt nichts Wesentliches am Gemeindesein, weil Christus gegenwärtig ist.
Wo immer Gemeinschaft im Namen Jesu gelebt wird, wirkt er durch jedes Wort, das gesprochen wird, wird seine Liebe zur Welt sichtbar in jeder guten Tat. Die Vollmacht, aus der Gegenwart Jesu heraus die Welt zu verändern, ist großen und kleinen Gemeinden in gleicher Weise gegeben und er gilt allen christlichen Gemeinschaften gemeinsam. Die Möglichkeiten werden jeweils vor Ort unterschiedlich sein, aber jede Gemeinde darf selbstbewusst genau das tun, wozu sie in der Lage ist, weil sie weiß, dass ihr nichts fehlt, denn Christus ist in ihr gegenwärtig.
Ralf Dziewas
Der Autor ist Professor für Diakonik am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott? (Hiob 4,17)
Die Frage ist klar und wichtig – aber wie lautet die Antwort? Wird sie offen gelassen? Nein, wird sie nicht! Unser Monatsspruch formuliert nämlich nur scheinbar eine Frage. Der Fragensteller weiß die Antwort schon, und sie lautet: Kein Mensch kann vor Gott gerecht sein! Wir alle stehen nicht rein und schuldlos vor dem richtenden Gott! Das ist die Behauptung, mit der uns unser Bibelwort konfrontiert. – Aber ist das nicht allzu simple Schwarz-Weiß-Malerei? Wird der Mensch hier nicht unnötig schlecht gemacht? Viele Menschen, auch viele Christen, reagieren ablehnend, wenn man ihnen erklärt, dass kein Mensch vor Gott im Recht ist. Ein solches Pauschalurteil ist schwer zu akzeptieren.
Und beweist nicht sogar der Kontext des Monatsspruchs, dass die Behauptung falsch ist? Die Scheinfrage stammt ja von Elifas, einem der Freunde Hiobs. Die Freunde versuchen Hiob zu erklären, dass sein unerträglich großes Unglück und Leid letztlich in seiner eigenen Sünde und Ungerechtigkeit vor Gott begründet liegt. Aber das ganze Hiobbuch ist geschrieben, um diese Behauptung zu widerlegen. Wenn also die Freunde zu Hiob sagen: Dir geht es schlecht, weil Du schlecht bist, dann haben sie Unrecht. Aber ist es darum auch verkehrt, dass kein Mensch vor Gott gerecht sein kann?
Mit dieser Aussage wird jedenfalls eine Diagnose über die Menschheit insgesamt gestellt, die mit einzelnen moralischen Fehltritten oder Charakterschwächen nichts zu tun hat. Wenn alle Menschen vor Gott schuldig sind, dann sind es eben auch die Freunde Hiobs, die meinen, der schwer Leidende habe sein Leid selbst verursacht, dann sind es aber auch diejenigen, die sich über religiöse Heuchler empören und sich selbst als im wesentlichen anständig ansehen. Wenn Gott auf unser Denken und Handeln blickt, dann werden die moralischen Unterschiede zwischen uns belanglos, weil wir alle auf der verkehrten Seite stehen. Wir alle lieben uns selbst mehr als Gott und versuchen uns gegenüber Gott selbst zu behaupten.
Das ist die Diagnose. Und wie lautet das Therapieangebot der Heiligen Schrift? Es lautet: Vertraue auf das, was Jesus Christus für Dich getan hat! Es war eine Schlüsselerkenntnis Martin Luthers, dass alle Menschen Sünder sind und vor Gottes Gericht nicht bestehen können – es sei denn, sie vertrauen auf die Gnade Gottes in Jesus Christus. Ein Mensch kann nur dann vor Gott gerecht sein, wenn Gott ihn um Christi willen gerecht macht. Am letzten Tag dieses Monats werden wir das Reformationsfest feiern und an diese Erkenntnis erinnert werden. Unnötig ist die Erinnerung nicht.
Uwe Swarat
Der Autor ist Professor für Systematische Theologie und Studienleiter am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

Gut ist der Herr, eine feste Burg am Tag der Not. Er kennt alle, die Schutz suchen bei ihm. (Nah 1,7)
Wie viele Menschen lassen Gott heutzutage einen „guten Mann“ sein? Der sogenannte „liebe Gott“ darf irgendwo im Himmel gemütlich sitzen und auf die Erde schauen, aber relevant für die alltäglichen Herausforderungen, Ängste und Bedrohungen ist er für viele nicht. Wenn Nahum 1 vom guten Jahwe (HERRN) spricht, dann meint das keinen harmlosen, machtlosen Greis, sondern dass Gott gut ist wird vorangestellt: „Gut ist Jahwe“ betont, dass er auch die Machtmittel zur Güte hat. Gott kann gut sein, seine Güte ist wirksam.
Das Buch Nahum atmet stark die militärische und existentielle Bedrohung durch die Heeresmacht der Assyrer. Die Assyrer galten damals als Geißel des Orients und waren bekannt für ihre Gewaltherrschaft, die alle Lebensbereiche erfassen konnte. Unter Angst und Bedrohung hält der für diesen Monat ausgewählte Vers daran fest, dass das Gutsein Gottes für denjenigen, der zu ihm flieht, Schutz bedeutet. Wir benötigen vermutlich keine Hilfe, uns auszumalen, was Tage der Not sein können, sie stehen uns leicht vor Augen. Nahum 1,7 bekennt: Gerade an solchen Tagen ist Gott Zuflucht, wie eine feste Burg. Und Gott weiß, wer seine Hilfe benötigt, er kennt diejenigen, die zu ihm fliehen. Darauf ist Verlass!
Wer durch Medienberichte und persönliche Nachrichten aus der Ferne daran Anteil nimmt, wie es anderen Menschen geht, kann angesichts von Schutzlosigkeit, Flüchtlingsdramen und Kriegswirren seine Überzeugung, dass Gott Zuflucht ist, zur Fürbitte werden lassen für Bedrohte, Verängstigte und Ohnmächtige. Und als christliche Gemeinschaft vor Ort können wir uns fragen, wie unsere Überzeugung, dass Gott gut ist und ein Zufluchtsort, unsere Gemeindehäuser zu Noteingängen macht. Hier kannst Du erfahren, dass Gott gut ist und Schutz erfahrbar wird. „Dankt dem HERRN, denn er ist freundlich/gut, und seine Güte währet ewiglich“ Das ist so wichtig, dass es nicht nur einmal in der Heiligen Schrift steht, sondern beispielsweise in Jer 33,11; Ps 100,5; 106,1; 107,1; 118,1.29; 136,1 und öfter. Wir benötigen die Erinnerung daran und auch dass uns Menschen durch Berichte von Erfahrungen mit unserem guten Gott ermutigen.
Michael Rohde
Der Autor ist Professor für Altes Testament am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

Gott spricht: Nur für eine kleine Weile habe ich dich verlassen, doch mit großem Erbarmen hole ich dich heim. (Jes 54,7)
Mit welchem Zeitgefühl leben Sie? Nach meinem Eindruck sind viele Menschen, ja unsere Gesellschaft von Schnelligkeit geprägt. Wir leben in einer Instantgesellschaft. Alles kann ganz schnell gehen. Auf Knopfdruck. Im Fertigbeutel. In rasender Geschwindigkeit. Was „kurz“ und „lang“ dauert, ist dabei relativ, eine Frage des Betrachters. Die Adventszeit mit ihrem jährlichen Rhythmus von vier Wochen bis zum Heiligen Abend wird gestreckt, indem die ersten Adventsnaschereien schon im September in den Supermärkten angeboten werden und der Nikolaus schon mal im Oktober beim Bäcker als Dekoration aufgestellt wird, damit sich die Anschaffung auch gelohnt hat. Und zugleich ist die Adventszeit für manchen immer zu kurz, um anzukommen. Anzukommen bei sich selbst, seinem Nächsten oder etwa bei Gott.
Der Monatsspruch für Dezember stellt unterschiedliche Perspektiven einander gegenüber: Was ist kurz und was ewig? Was ist klein und groß? Dabei spricht das Bibelwort aus dem Propheten Jesaja nicht aus der Sicht des Menschen, der im Rückblick auf seine Leidenszeit reflektiert betet wie Psalm 30,6: „Denn sein Zorn währet einen Augenblick und lebenslang seine Gnade. Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens ist Freude.“ Sondern Jesaja 54 verspricht aus göttlicher Perspektive zunächst Israel eine verheißungsvolle Zukunft: Die Zeit der Zerstreuung - im babylonischen Exil - dauert nur „kurz“, in Aussicht steht Sammlung und Heimkehr. Die Wende der Zeiten von damals und morgen geschieht dabei in Gott selbst. Gott entscheidet sich, sein fremdes Werk, seinen Zorn in Zaum zu halten und zu begrenzen, ihn klein zu halten. Gott als Ehegatte verlässt - bildlich gesprochen - seine Braut nicht für lange Zeit, sondern will sie nach Hause holen, er kann sie nicht verstoßen (Jes 54,6). Und Gott lässt sein Erbarmen groß werden.
Erbarmen ist die Aufmerksamkeit des Herzens. Das hebräische Äquivalent für das deutsche Erbarmen (racham) ist im Wortstamm verwandt mit dem Begriff Mutterschoß (raechaem) – Erbarmen ist mit Emotionen und Leidenschaft für Hilflose und Angewiesene verbunden. Gottes Leidenschaft ist groß, wenn es darum geht, Zukunft zu ermöglichen. Israel war im babylonischen Exil angewiesen auf Hilfe von außen, um neue Perspektiven des Glaubens und des Lebens zu entwickeln. Es war nicht alles schlecht beim Leben in der Zerstreuung, aber eine tragende Bewegung hoffte darauf, wieder nach Hause kommen zu können.
Die Adventszeit bietet viele Möglichkeit der selbstgewählten Zerstreuung. Wir können diese Zeit schnell abhaken, ohne bei uns selbst, beim Nächsten oder gar in Gottes Gegenwart anzukommen. Gott möchte Menschen aus der Zerstreuung zu sich nach Hause holen und sammeln. In Jesus Christus möchte Gott alle Menschen bei sich haben. Wenn es wieder heißt: „denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr“ (Lk 2,11), laden christliche Gemeinden zum Geburtstag der Barmherzigkeit Gottes mit allen Menschen ein. Nehmen Sie sich dafür Zeit, ruhig mehr als letztes Jahr!
Michael Rohde
Der Autor ist Professor für Altes Testament am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).
Weihnachtsandacht der BEFG-Generalsekretärin

Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? (Lukas 24,32)
Während der Gemeindetage, zu denen ich kürzlich unterwegs war, starb eine ältere Schwester der Gemeinde. Mit großer Wertschätzung sprachen alle über diese Frau. „Sie wollte immer über Jesus reden“, hieß es. Jedes Gespräch lenkte sie früher oder später dahin. „Lass uns über Jesus reden!“, bat sie dann ihr Gegenüber.
Überall in der Welt sind mir solche Menschen begegnet, denen es sehr wichtig war, über Jesus zu sprechen. Der Weltreisende, der jeden Taxifahrer und jeden Hotelportier über kurz oder lang nach seiner Beziehung zu Jesus fragt, tut dies aus Begeisterung für seinen Herrn, und die Frage kommt ihm ganz natürlich über die Lippen. Die schwarze südafrikanische Frau, die frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit im Regionalzug Mitreisenden von Jesus erzählt und mit ihnen Lobpreis-Lieder singt, freut sich jeden Tag auf diese besonderen Begegnungen. Für den Sozialarbeiter in Nicaragua ist es selbstverständlich, bei seinen Besuchen in den ärmsten Familien nicht nur Lebensmittel zu verteilen, sondern die Menschen auf die Hoffnung hinzuweisen, die Jesus ihnen schenken möchte.
Die Hirten damals in Bethlehem auf dem Feld staunen nicht schlecht, als die Engel ihnen von Jesus erzählen: „Euch ist heute der Heiland geboren!“ Und Jahre später, als zwei Männer auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus sind, kommen sie mit einem Fremden ins Gespräch über diesen Jesus – und merken zuerst nicht, dass er es selbst ist. Doch sie spüren, wie ihnen das Herz brennt, als er mit ihnen über Gottes Plan für diese Welt und Gottes Heil für jeden Menschen redet. Die Männer auf dem Weg nach Emmaus erleben durch dieses Gespräch über und mit Jesus, wie sie eine neue Perspektive für ihr Leben gewinnen.
Lasst uns also über Jesus reden! Im Trubel unserer so sehr kommerzialisierten Weihnachtsgeschäftigkeit geht das Reden über Jesus manchmal unter. Dabei ist er doch der eigentliche Anlass für dieses Fest! Ich wünsche mir in dieser Weihnachtszeit, dass wir wieder miteinander von Jesus reden. Dann werden wir merken: auch er redet mit uns!
Regina Claas

Weise mir, Herr, deinen Weg; ich will ihn gehen in Treue zu dir.
(Psalm 86,11a)
Diese Bitte an Gott, diesen Wunsch der Wegweisung am Anfang eines neuen Jahres teilen viele Menschen mit dem Psalmbeter. Gerade zu Beginn eines neuen Jahres ist das Gefühl der Unsicherheit groß – und mit der Unsicherheit auch die Angst, was im neuen Jahr alles auf einen zukommen wird. So vieles ist noch unbestimmt. Noch ist nicht absehbar, welche Situationen und Ereignisse auf einen zukommen. Noch ist unklar, welche Weichen für Familie und/oder Beruf gestellt werden müssen. In solchen Momenten der Verunsicherung liegt es nahe, sich dorthin zu wenden, wo Sicherheit, Halt, Geborgenheit erfahren wurden und zu erfahren sind: bei Gott. „Weise mir, Herr, deinen Weg.“
In solchen Momenten der Verunsicherung treten vielleicht auch die Aussagen von Psalm 139 vor Augen: „Herr, du hast mich erforscht und kennst mich […] Deine Augen sahen, wie ich entstand und in Deinem Buch war schon alles verzeichnet, meine Tage schon gebildet, bevor überhaupt einer da war.“ Wie schön wäre es doch, wenn Gott etwas von seinem Wissen über den eigenen Lebenslauf offenbaren und die richtigen, gottgefälligen Entscheidungsoptionen mitteilen würde. „Weise mir, Herr, deinen Weg!“
Der Beter des 86. Psalms denkt bei dieser Bitte an Gott in eine andere Richtung, wie der zweite Teil von V. 11 zeigt: „Richte mein Herz darauf hin, allein deinen Namen zu fürchten“. Diese beiden Bitten um Wegweisung und Ausrichtung des Herzens bilden eine Einheit. Und in dieser Einheit konkretisiert die Bitte um die Ausrichtung des Herzens die Bitte um die Weisung des Weges Gottes.
Der Beter erhofft die Wegweisung Gottes nicht durch eine Vorausschau auf den eigenen Lebensablauf oder eine konkrete Anweisung zur Entscheidung für die eine oder andere Option. Für ihn liegt die Wegweisung Gottes darin, dass sein Herz allein auf Gott hin ausgerichtet ist. Denn diese Herzensausrichtung ist die grundlegende Befähigung dazu, selbst Entscheidungen nach Gottes Willen fällen zu können. Und Gottes Wille ist es seit jeher, dass Mensch und Gott und Mensch und Mensch versöhnt miteinander leben.
Die Bitte „Weise mir, Herr, deinen Weg“ vermag damit zwar nicht, die Unsicherheit über das Ungewisse des neuen Jahres zu nehmen. Aber sie kann die Unsicherheit und Angst darüber, wie wir uns in den noch unbekannten Situationen verhalten und entscheiden sollen, in Zuversicht und Mut verwandeln. Denn hinter dieser Bitte steht zugleich die Gewissheit, dass Gott uns befähigen will, so zu entscheiden, dass wir seinen Namen und seinen Willen fürchten.
Mit dieser Gewissheit können wir uns zuversichtlich und mutig den noch unbekannten Situationen des neuen Jahres stellen.
Christian Wehde
Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Neues Testament am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

Alles ist erlaubt - aber nicht alles nützt. Alles ist erlaubt - aber nicht alles baut auf. Denkt dabei nicht an euch selbst, sondern an die anderen.
(1. Kor 10,23-24)
Nein - als der Apostel Paulus diese Aussagen an die Gemeinde in Korinth schrieb, hatte er nicht die Verursacher der Bankenkrise oder Staatsdefizite vor Augen, Niemanden, von denen man gerne annimmt, dass sie dieses „alles ist erlaubt“ für sich in Anspruch zu nehmen. Er schrieb an Menschen, die im Geschenk des Evangeliums vom gekreuzigten und auferstandenen Christus Befreiung erlebt hatten. Freiheit von Regeln, Ordnungen, Gesetzen, Geboten, die „man“ einzuhalten und zu beachten hatte, wenn das Leben gelingen sollte - im Alltag, aber auch in Bezug auf den Himmel, auf Gott. Was angeblich zu tun sei, um vor dem Schöpfer des Menschen gerecht zu sein und in seinem Gericht zu bestehen. Das Evangelium aber sagt: Dieses alles musst Du, Mensch, nicht leisten. Dieses schenkt Dir Gott in Christus - und er schenkt es Dir umsonst! Fallen dann aber nicht tatsächlich alle Ordnungen und Gebote weg, ist dann nicht „alles erlaubt“?
Für Paulus ist dies zu kurz gedacht. Mit dem Geschenk der Gerechtigkeit, mit dem Herstellen der guten Beziehung zwischen Gott und dem Menschen ist etwas ganz Grundsätzliches geschehen. Der Mensch ist wieder zu dem wahren Menschen geworden, zu dem er geschaffen wurde - als Gegenüber Gottes und als Bewahrer der Schöpfung. Dies ist die Hoheit des Menschen, die ihm die Heilige Schrift von Anbeginn zuschreibt: dass ihm als Gegenüber Gottes Verantwortung für die Schöpfung Gottes und damit für seinen Nächsten gegeben ist. Das Evangelium sagt: Gott hat die Beziehung zu dir bedingungslos hergestellt und deshalb bist Du, Mensch, wieder ganz Mensch. Befreit zur Hoheit des Menschen - und damit zur Hoheit der Verantwortung gegenüber der Schöpfung und dem Nächsten.
In der Nachfolge des Gottes, der in Jesus von Nazareth Mensch wurde, zeigt sich diese Hoheit dort, wo alles getan wird, damit auch der Nächste und die Schöpfung die Fülle des Lebens Gottes erfahren. Menschen, die ihr Leben ganz in Gott geborgen und von ihm getragen wissen, die dieses in der eigenen Frömmigkeit erfahren und spüren, solche Menschen sind wirklich frei, sich ganz dieser Verantwortung zu stellen. Solche Männer und Frauen sind neu geschaffene Menschen, die anderen helfen, aus den Zwängen frei zu werden, die Staat, Gesellschaft, Religion oder Frömmigkeit formulieren. Das Evangelium befreit dazu, als Gegenüber Gottes ganz Mensch zu sein, um dann Gegenüber zur Schöpfung und zu meinem / meiner Nächsten zu werden. Als solch Liebender kann ich dann in meinen Möglichkeiten Verantwortung übernehmen. Verantwortung dafür, soziale, religiöse, politische und wirtschaftliche Macht nicht zur Unterdrückung und Ausbeutung, sondern zur Auferbauung zu nutzen und damit in die Weite des Lebens Gottes zu führen.
André Heinze
Der Autor ist Prorektor und Professor für Neues Testament am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.
(Mk 10,45)
Als meine Tochter zu malen anfing, habe ich ihr gesagt, daß man Gott nicht malen könne. Daran hält sie sich gewissenhaft. Sie gibt sich auch alle Mühe, sich Gott nicht als altes Männlein auf einer Wolke vorzustellen. Aber Gott ganz und gar ohne menschliche Züge zu denken, das gelingt ihr eher schlecht als recht. Ebenso wenig kann es dem Erwachsenen gelingen, das verführerische Spiel der Phantasie je ganz zu überwinden und abzulegen: Wenn schon nicht mit Pinsel oder Meißel, so doch in Gedanken und Worten einen Gott zu schaffen nach meinem Bilde, der mir gleich sei. Der dem gleicht, was ich zu sein begehre, in dem erfüllt ist, was mir mangelt. Der meine Sehnsucht auch dadurch befriedigt, daß er mir als unsichtbarer Despot die Bürde der Freiheit abnimmt.
Die heilige Schrift verurteilt den Drang zur Verbildlichung Gottes als Götzendienst, als die Hauptsünde schlechthin. Und dennoch schildert dieselbe heilige Schrift, wie Hesekiel in prophetischer Verzückung auf dem Gottesthron eine „Gestalt menschlichen Aussehens“ (Hes. 1,26) schaut, und dem Seher Daniel erscheint im Traum einer „wie eines Menschen Sohn“ (Dan. 1,14), dem göttliche Macht zugeeignet wird.
Der rätselhaften Rede von Gott in Menschengestalt gibt Jesus eine kühne Deutung. Erwartungsvoll erregt auf dem Weg in die heilige Stadt träumen seine Jünger vom kommenden Gottesreich. Es sind Träume von Macht und Autorität. Wie die Gefolgsleute eines putschenden Oberst in Gedanken Regierungsposten untereinander verteilen, bitten Jakobus und Johannes den Meister: „Gib uns, daß wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit!“ Jesus weist sie zurecht: „Ihr wißt, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.“ Jesus verweigert nicht nur die unbescheidene Bitte der Jünger, sondern greift tiefer mit einer Absage an Gottesbilder, die Abklatsch unseliger irdischer Herrschaftsverhältnisse und unerfüllter Machtgelüste sind: Wohlan, wagt es, Gott in Menschengestalt zu denken. Was seht ihr? Da ist nicht jener Despot auf hohem Thron, zu dessen Rechter und Linker ihr zu sitzen begehrt, sondern einer, der sich selbst in die Sklaverei verkauft, um vielen Schuldsklaven die Freiheit zu schenken.
Jesus spricht von sich selbst, von seinem Weg ans Kreuz. Möge meiner Tochter mehr und mehr das Bild Jesu, wie es uns die Worte der Bibel vor Augen stellen, zum Bild Gottes werden.
Martin Rothkegel
Der Autor ist Professor für Kirchengeschichte am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

Jesus Christus spricht: Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen! (Mk 16,15)
In ihrer Mission hat die Kirche Jesu in ihrer Überheblichkeit manche Fehler gemacht. Daraus wollen wir lernen: Wir wollen die Menschen als geliebte Geschöpfe Gottes ernst nehmen und ihnen den christlichen Glauben nicht aufdrängen. Der Wortlaut des Missionsbefehls nach dem Markusevangelium erinnert uns an die Verbundenheit aller Menschen mit Gott als „Geschöpfe“. Wenn wir das Evangelium weitergeben, dann tun wir das im Respekt vor dem Menschen als Ebenbild Gottes, egal, ob er sich dem Glauben öffnet oder nicht.
Die Begegnung des Christen mit der geschöpflichen Welt erschöpft sich dabei nicht im passiven Respekt. Sondern in uns lebt das Evangelium, das jeden Menschen ergreifen will. Das ist der Herzschlag der christlichen Kirche, dass Gott mit uns zu den Menschen kommen will. Unsere Mission nimmt auch praktische, diakonische Formen an, durch die wir in konkreten Nöten helfen. Doch spricht das Sendungswort Jesu im Markusevangelium allein von der Verkündigung des Evangeliums. Indem wir den Menschen um uns herum das Evangelium mit unseren Worten bezeugen, ist Christus mit seiner ganzen Heilsmacht gegenwärtig und am Werk.
Nicht nur die Profis, die zur Verkündigung ausgebildet wurden, sind hier angesprochen. Jesus redet alle Jünger an, also alle kommenden Christusnachfolger. Uns wird unwohl dabei, denn wir haben Angst vor zwanghaften, peinlichen Situationen und wir tun uns so schwer damit, unseren Glauben in verstehbare Worte zu fassen. Doch spricht Gott nicht durch Engels- und Himmelsstimmen zu den Menschen, sondern er begegnet ihnen durch unser gebrechliches, zaghaftes Zeugnis. Nicht als die Supergläubigen müssen wir in der missionarischen Begegnung dastehen. In unserem Alltag geraten wir in Situationen, in denen wir unserem Mitmenschen die Liebe Gottes zusagen können. Dabei bezeugen wir das Evangelium so, wie es uns entspricht, und zeigen dabei nicht auf uns sondern auf Jesus. Dann werden wir erleben, wie unsere „Verkündigung“ vielleicht manchen Unglauben offenbar macht, aber auch Glauben wirkt.
Michael Kißkalt
Der Autor unterrichtet Missiologie am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule) und ist Referent für Evangelisation beim BEFG.
Andacht der BEFG-Generalsekretärin zu Ostern 2012
Regina Claas ermutigt in ihrer Andacht dazu, die „Osterfreude, diese ansteckende, sprühende, atemberaubende Auferstehungs-freude“ nicht nur für sich selbst zu behalten. Für andere zum „Auferstehungs-gehilfen“ zu werden, ist allerdings gar nicht so leicht. Es bedeutet oft erst einmal, über den eigenen Schatten zu springen. Mehr...

Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird. (1. Tim. 4,4)
Dass Gott alles von ihm Geschaffene für gut erklärt hat, kann man bereits auf den ersten Seiten der Bibel lesen. Mit keinem Wort wird dort berichtet, es gebe etwas in der gesamten Schöpfung, von dem Gott bei der Erschaffung gesagt hätte: „Damit will ich aber nichts zu tun haben. Davon distanziere ich mich von vornherein.“ Dennoch hat es offenbar im Umkreis der frühen christlichen Gemeinden Menschen gegeben, die genau dieser Ansicht waren. Die sich sogar zu der Meinung verstiegen, die ganze Schöpfung sei bereits als solche ein widergöttliches Gebilde. Darum wollten sie die Ehe verbieten. Darum ordneten sie den Verzicht der meisten Speisen an. Darum standen sie allem Geschöpflichen feindlich gegenüber. Alle Freude an dieser Welt, aller Genuss und alle Lust am Irdischen waren ihnen ein Dorn im Auge. Ihr Bestreben war es, solche materiellen Bindungen durch strenge Enthaltsamkeit zu überwinden.
Oh weh: Was für ein bedauernswertes Leben! Was für eine furchtbare Irrlehre! Um Missverständnissen vorzubeugen: Nichts gegen freiwillige Enthaltsamkeit. Die kann in unseren Breiten - vor allem was die Nahrungsaufnahme angeht - gelegentlich durchaus gesund und dem Willen Gottes gemäß sein. Aber wer behauptet, dass die Ehe oder ein Nahrungsmittel oder sonst ein irdisches Gut allein deshalb die Nähe zu Gott verhindert, weil es sich dabei um ein Stück Schöpfung handelt, der irrt gewaltig. Das Gegenteil ist der Fall. Indem Gott der Schöpfer in seinem Sohn Jesus Christus zur Welt gekommen ist, hat er seiner Schöpfung die Treue gehalten. Damit hat er unübersehbar gezeigt, dass es nicht seinem Willen entspricht, die Welt in irgendeiner Weise, und sei es auf eine vermeintlich fromme Weise, schlecht zu machen.
Wir müssen unsere Freude an dieser Welt nicht verstecken. Und wir sollen die Gaben der Güte des Schöpfers auch genießen. Daher beten wir vor einer Mahlzeit. Das Tischgebet ist eine besonders schöne Weise, die Gaben der Schöpfung jeden Tag dankbar als etwas entgegen zu nehmen, was in die Gemeinschaft mit Gott hineingehört. Wer im Zusammenhang einer Mahlzeit betet, der lobt Gott als den Schöpfer. Das Tischgebet bringt zum Ausdruck, dass wir Menschen Empfangende sind und uns unser Leben nicht selbst beschaffen und erhalten können. Das Tischgebet ist eine elementare Weise, immer wieder die Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf deutlich werden zu lassen. Wo aber ein Mensch die Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf dankbar bekennt, da wird Gott geehrt. Und darum ist nichts verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird. Denn auf diese Weise werden die Dinge dieser Welt nach dem Willen ihres Schöpfers bewusst empfangen, behutsam gebraucht und - ja, auch nach Herzenslust genossen.
Volker Spangenberg
Der Autor ist Rektor und Professor für Praktische Theologie am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

„Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“ (1. Kor 15,10)
Etwas sein wollen, bedeutsam sein wollen, anerkannt und geachtet sein - das ist für jeden Menschen wichtig. Bei manchen ist das Bemühen um Anerkennung und Beachtung die wichtigste Triebfeder für alles, was sie sagen und tun. Und wenn man solchen Menschen begegnet, kann das gelegentlich recht anstrengend sein. Sie haben kaum einen Blick für andere und deren Themen – immer wieder sorgen sie mehr oder weniger auffällig dafür, dass das, was sie leisten, getan haben und für wichtig halten, in den Vordergrund tritt. Aber nicht nur so plakativ, auch auf weniger offensichtlichen Wegen versuchen Menschen, sich in den Augen anderer wichtig, ja unentbehrlich zu machen und daraus Anerkennung und Selbstbestätigung zu ziehen.
Auch der Apostel Paulus kennt dieses Thema in seinem Leben. Als engagierter Schriftkenner und Vertreter der jüdischen Gesetze hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, die neu entstandenen Christengemeinden aufzuspüren und zu verfolgen. Er wusste sich auf der Seite des Gesetzes, hatte die jüdischen Religionshüter hinter sich und tat sich mit einer strengen Haltung hervor. Dafür konnte er sich der Anerkennung seiner Volksgenossen sicher sein und auch vor seinen eigenen strengen Maßstäben bestehen. Er war jemand, er war erfolgreich, erstellte etwas dar.
Als ihm der auferstandene Christus vor Damaskus begegnet, beginnt ein Veränderungsprozess, der sehr grundsätzliche Anfragen an sein Leben, sein bisheriges Wertesystem und seine Selbsteinschätzung stellt. Und nach vielen Jahren, die er in der Nachfolge Jesu gelebt hat, lautet seine Bilanz: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“ Wieder konnte er auf eine Zeit erfolgreicher Arbeit zurückschauen. Engagiert hatte er Gemeinden gegründet, Mitarbeiter/innen geschult, weite Reisen gemacht und überall Spuren des Evangeliums hinterlassen. Unzählige Menschen waren durch seine Predigten und seine missionarischen Initiativen zu Nachfolgern und Nachfolgerinnen Jesu geworden. Eine beeindruckende Lebensleistung!
Und doch geht Paulus mit diesen Erfolgen diesmal anders um. Er macht seine Person und sein Selbstwertgefühl nicht davon abhängig. Gottes Gnade, seine Berufung und seine Liebe sind die Basis seines Lebens. Darin weiß er sich sicher geborgen und verwurzelt. Alles, was durch seine Arbeit entstanden ist, schreibt er Gottes Gnade zu. Und das macht ihn innerlich frei und dankbar zugleich.
Christiane Geisser
Die Autorin ist Dozentin für Praktische Theologie am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

Mit welchem Maß ihr messt, wird man euch wieder messen
(Mk 4,24)
Auf den ersten Blick scheint der Monatsspruch für den Monat Juli ein warnendes Wort an all jene zu sein, die gerne über andere urteilen. Und in diesem Sinn begegnet der Spruch auch im Matthäusevangelium, wo er direkt mit einer Warnung vor dem Richten verbunden ist:
„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.“ (Mt 7,1f)
Aber der Vers kann auch positiv verstanden werden. So verwendet das Lukasevangelium die gleiche Aussage als positive Verheißung für diejenigen, die barmherzig sind:
„Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.“ (Lk 6,38)
Offenbar ist der Monatsspruch für diesen Monat Juli ein Wort, das sehr vom Zusammenhang abhängig ist, in dem es steht.
Im Markusevangelium steht der Vers in einem Kapitel, in dem Jesus das Gleichnis vom Sämann erzählt und auslegt. Wer auf Jesu Worte hört und den ausgestreuten Samen der guten Botschaft auf fruchtbaren Boden fallen lässt, der wird bis zu hundertfache Frucht in seinem Leben bringen (Mk 4,20). Und in diesem Kontext steht dann der Monatsspruch als Mahnung an die Jünger:
„Seht zu, was ihr hört! Mit welchem Maß ihr messt, wird man euch wieder messen, und man wird euch noch dazugeben. Denn wer da hat, dem wird gegeben; und wer nicht hat, dem wird man auch das nehmen, was er hat.“ (Mk 4,24f)
In diesem Zusammenhang verdeutlicht der Spruch vom Maßnehmen, dass wer auf Jesus hört, wer sich an seinem Maßstab orientiert, noch mehr erhalten kann als hundertfältige Lebensfrucht. Wer auf Jesus hört, wird noch mehr von dem zugeteilt bekommen, was wesentlich ist im Leben. Und darum geht es letztlich: Es gilt, den Maßstab zu finden, der gelingendes Leben schenkt: Jesus. Auf ihn zu hören und an ihm festzuhalten, darauf liegt der Segen Gottes. Er ist der Maßstab nach dem unser Leben gelingen kann.
Ralf Dziewas
Der Autor ist Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

Gott heilt, die zerbrochenen Herzens sind,
und verbindet ihre Wunden. (Ps 147,3)
Er kommt nach Hause und muss feststellen: Es wurde eingebrochen. Das Türschloss ist aufgebrochen und zerstört. Was nun? Polizei rufen, um den Schaden zu melden, und den befreundeten Handwerker, um die Tür reparieren zu lassen. Doch der Schreck sitzt in den Knochen. Der Sohn kommt vom Training – sein Arm tut weh. Was hilft? Zum Arzt fahren. Das Röntgenbild ergibt: Armbruch. Der Knochen heilt wieder. Braucht nur Zeit. Eine zerbrochene Tür oder ein gebrochener Arm - als Menschen wissen wir uns ganz gut zu helfen, wenn so etwas über uns hereinbricht. Aber an wen wende ich mich, wenn das Herz zerbrochen ist?
Für den Hebräer sitzen im Herzen wichtige Gefühle wie Traurigkeit (z.B. Spr 12,25), Angst (z.B. 1.Sam 26,5) oder Freude (1.Sam 2,1). Das Herz steht in der Sprache der Bibel außerdem für noch anderes: Der alttestamentliche Mensch denkt nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen (z.B. Gen 17,17). Das Herz ist Sitz des Verstandes, der Vernunft und des Erkenntnisvermögens. Was uns Kopfzerbrechen bereitet, bricht dem Hebräer das Herz. Und mit dem Herzen entscheidet er und das Herz ist der Sitz seines Gewissens. Menschen mit einem zerbrochenen Herzen sind also nicht nur „down“, gefühlsmäßig niedergeschlagen. Menschen mit zerbrochenen Herzen müssen also nicht allein ihre Gefühle neu ordnen, weil sie durcheinander geraten sind, sondern auch ihre Gedanken, ihre Theologie und zukünftigen Entscheidungen. Und für einen solchen tiefgreifenden Zerbruch ist Gott die beste Adresse. Der Beter hat die Erfahrung gemacht: Gott heilt, die zerbrochenen Herzens sind!
Jerusalem war eine offene Wunde. Der babylonische König Nebukadnezar hat die Stadtmauer zerstören und schleifen lassen. Schutzlos liegt die „ewige Stadt“ da. Der Tempel ist zerstört. Das Herzstück des Glaubens ist damit getroffen. Tiefer kann die Krise des Glaubens nicht gehen: Wie kann Gott das zulassen? Hat er seine Verheißungen vergessen? Wie kann es jetzt noch Hoffnung und Zukunft geben? Im Jahr 597 v.Chr. gab es sicher keine Menschen in Jerusalem, die beten konnten: „Halleluja! Halleluja! Lobet den HERRN! Denn unsern Gott loben, das ist ein köstlich Ding, ihn loben ist lieblich und schön. Der HERR baut Jerusalem auf und bringt zusammen die Verstreuten Israels. Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind und verbindet ihre Wunden.“ (Psalm 147,1-3). Den Israeliten war das Singen vergangen. Aber die Erfahrung Israels zeigt: Zerstörung, Zweifel und Mutlosigkeit haben nicht das letzte Worte. 70 Jahre später, zur Zeit von Esra und Nehemia, konnte tatsächlich die Stadtmauer und der Tempel wieder aufgebaut werden – und das sogar mit logistischer und finanzieller Hilfe aus dem Ausland! Was hier äußerlich Heilung sichtbar macht, ist zugleich für viele Gläubige ein tiefe persönliche Läuterungs- und Heilungserfahrung.
Mit Psalm 147,3 höre ich das Zeugnis Israels, dass Gott wie ein Arzt Wunden verbinden und mehr als jeder menschliche Arzt Zerbrochenes wiederherstellen kann. Und aus der Gemeinde Jesu habe ich Menschen vor Augen, die Gottes Trost und heilende Kraft erfahren haben und im Rückblick bezeugen, wie Gott in der Tiefe da ist. Es gibt ein danach. Mit Gottes Hilfe! Was für ein Trost, der nicht nur vertröstet, sondern Zerbrochenes wieder ganz macht. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen Zuversicht gegen den Augenschein und Vertrauen zu diesem Gott, dem nichts unmöglich ist.
Michael Rohde
Der Autor Professor für Altes Testament am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? (Jer 23,23)
Unüberhörbar spricht Gott ein klares Nein, das im hebräischen Text noch schärfer klingt als in Luthers Übersetzung. Nein, ich bin kein Gott, der euch immer zu Gefallen ist; der immer nur tröstet und euch stets nah und freundlich zur Verfügung steht. Ich bin kein Gott der Wunschträume eurer Herzen.
Eine klare Ansage Gottes in diesem Kapitel, in dem Jeremia eine Fülle von Drohungen gegen falsche Propheten auszusprechen hat. Manche von ihnen haben durch ihren Lebenswandel jede Glaubwürdigkeit verloren (Verse 11 und 14), andere reden in eigenem statt in Gottes Namen (Vers 16). Statt heilsam zu beunruhigen und zur Umkehr aufzurufen, reden sie Menschen nach dem Mund und leiern ihr "alles wird gut" (Vers 17). Gott stellt Distanz her und schleudert sein Nein gegen alle, die meinen, als „lieber Gott“ sage er zu allem Ja und Amen und sein Heil liege gewissermaßen frei auf der Straße zur Selbstbedienung herum.
Gott ist ebenso ein Gott der Nähe und der Ferne. Erst seine Ferne macht seine Nähe wertvoll. Nur auf dem Hintergrund des Gerichts erweist sich das göttliche Heil als unverdientes Geschenk. Dabei meint die Ferne Gottes keineswegs Abwesenheit oder gar ein Desinteresse an seinem Volk. Die drei in Frageform gekleideten göttlichen Selbstaussagen in den Versen 23 und 24 gehören zusammen: Auch in der Ferne hat Gott den Menschen im Blick, der sich vor ihm verbergen möchte. Der ferne Gott erfüllt Himmel und Erde, er befindet sich nicht auf dem Rückzug von seiner Welt und ihren Menschen.
Der Wechsel von Nähe und Distanz gehört auch zum gelingenden menschlichen Leben. Aus der Ferne betrachtet erscheinen Dinge anders als in der Nähe. Darum möchten wir manche Situation aus einem Abstand heraus bedenken. Distanz eröffnet andere Perspektiven und erlaubt einen klaren Blick.
Wenn Gott ferne ist, sehen und erleben wir ihn notwendig anders, als wenn er nur nahe ist. Unbe-greiflich und unverfügbar. Er entzieht sich denen, die meinen, ihn zu kennen und erweist sich gerade darin als Gott. Gottes Nein ist Ausdruck seiner Souveränität. Immer aber ist es ein Nein in der Liebe.
Olaf Kormannshaus
Der Autor unterrichtet Praktische Theologie mit dem Schwerpunkt Seelsorge sowie Psychologie am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule)

Der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. (Klagelieder 3,25)
Wo Freundlichkeit begegnet, dort ist Raum zum Leben. Freundlichkeit, die mir begegnet, macht Dinge leicht. Wenn ich angelächelt werde, dann verliere ich die Verbissenheit, mit der ich vielleicht an Arbeiten herangehe. Freundlichkeit schafft eine Atmosphäre, in der selbst Fehler ihre Schrecken verlieren. Denn Freundlichkeit fragt nicht nach dem Versagen, sondern hilft aus der entstandenen misslichen Lage heraus. Die Heilige Schrift gibt nun diese Verheißung, dass Gott dem Menschen mit solcher Freundlichkeit begegnen möchte. Gott lässt es dem Menschen gut ergehen. So wie er die Schöpfung gut gemacht hat, auf das in ihr Leben und Fülle, Fruchtbarkeit und Gelingen möglich und gegenwärtig sind. Auch wir sollen diese Fülle, dieses Gelingen, diese Güte erfahren – eben die Freundlichkeit Gottes.
Aber der Vers scheint auf den ersten Blick diese Erfahrung an eine Bedingung gebunden zu haben: auf Gott zu harren und nach ihm zu fragen. Muss man sich die Freundlichkeit also verdienen? Gewährung der Freundlichkeit erst nach Vorleistung, nach Prüfung? Aber was wäre das für eine Freundlichkeit, was für eine Güte, ja was für eine Liebe, die man sich verdienen kann? Kalt wäre sie, distanziert, des leidenschaftlichen Gottes, der sich in der Heilige Schrift bezeugt, nicht würdig. So etwas erinnert mich an den strengen Lehrer, der huldvoll freundlich lächelt wenn ich eine Aufgabe an der Tafel richtig gerechnet habe. Bei solcher „Freundlichkeit“ fröstelt es mich.
Unser Gotteswort ruft jedoch etwas ganz anderes auf. Keine Vorleistung ist gefragt, sondern eine Haltung: Offenheit für die Nähe Gottes. Beziehung statt Leistung, darum geht es. Harren und nach Gott fragen – dies sind keine menschlichen „Leistungen“, die man „tun“ könnte. Es ist die Beschreibung einer Lebenshaltung, die die Nähe Gottes in den Widerfahrnissen des Lebens erwartet. Eben diese Erwartung wird nicht enttäuscht werden. Dies ist die Verheißung des Verses. Wo mir aber Gott nahe ist, dort begegnet mir der, der Raum zum Leben schafft, der Füße auf weite Ebenen stellt, der Versagen vergibt, der Schwäche in Möglichkeiten verwandelt – der sich freundlich zuwendet.
In diese Haltung des Harrens auf Gott und des Fragens nach ihm kann ich mehr und mehr hineinkommen. In der Stille des Gebets werden die Ohren geöffnet, um die ruhige und sanfte Stimme Gottes zu hören. Im Schauen besonders auf Jesus kann erfahren werden, wie er uns ansieht. Und so, von ihm angeschaut, von ihm angesprochen werde ich in seiner Nähe die Freundlichkeit erfahren, die auch mich leben lässt. Seine Nähe suche ich, damit er tun kann, was er eigentlich will: mich freundlich in seine Arme zu nehmen (Lk 15,20b).
André Heinze
Der Autor ist Professor für Neues Testament und Prorektor am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).
Bis der Tag anbreche...

Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.
2. Petrus 1,19
Ab wann ist es eigentlich hell? Immer wieder, wenn ich in der Morgendämmerung zu einer Reise aufbreche, fasziniert mich diese Frage aufs Neue. Die Dunkelheit weicht ganz allmählich dem Licht des anbrechenden Tages. In einem Moment nehme ich noch Schatten wahr, im nächsten sind schon deutliche Konturen der Landschaft sichtbar.
Wikipedia sagt mir, die Beleuchtungsstärke in der Morgendämmerung sei in Lux-Einheiten (lx) zu messen. Demnach verdoppelt sich die Beleuchtungsstärke alle fünf Minuten; 15 Min vor Sonnenaufgang beträgt die Helligkeit durchschnittlich 10 lx, das entspricht in etwa der Straßenbeleuchtung, 16 Min nach Sonnenaufgang bereits 800 lx, das entspricht einer durchschnittlichen Bürobeleuchtung. Aber das alles hilft mir noch nicht weiter bei der Frage: Ab wann ist es eigentlich hell?
So wie in der Morgendämmerung befinden wir uns in unserem Leben in einem Übergang. Das wird uns insbesondere in der Vorweihnachtszeit bewusst. Zum einen bringt uns das Gedenken an die Verstorbenen das Bewusstsein für unsere eigene Sterblichkeit nahe, wir müssen uns mit dem Tod auseinander setzen. Zum anderen erinnert uns die Adventszeit an die Erwartung, dass Jesus Christus, der in Bethlehem geborene, in Jerusalem gekreuzigte und auferstandene Sohn Gottes, wiederkommen und seine Herrschaft aufrichten wird.
Wie und wann das geschehen wird, bleibt uns verborgen. Und doch weist der Apostel Petrus darauf hin, dass die Vorzeichen seines Kommens erkennbar sind. Das Licht seiner Herrlichkeit leuchtet bereits, so wie das Licht der aufgehenden Sonne bereits die Finsternis durchdringt, bevor der Sonnenball am Horizont erscheint. Das prophetische Wort gilt! Seine volle Bedeutung ist noch nicht offenbar, doch das Licht, das das Wort Gottes auf unser Leben scheint, ist wahrnehmbar wie das erste Licht der Morgendämmerung. Dieses Licht trägt in sich das Wesen Gottes, seine bedingungslose und kompromisslose Liebe.
Vielleicht gelingt es uns in dieser Advents- und Weihnachtszeit immer wieder einmal, bei aller Vielbeschäftigung und Hektik, doch einen Moment innezuhalten und wahrzunehmen, wie das erste Licht des Tages die Dunkelheit verdrängt. Und vielleicht erinnern wir uns dann daran, dass ebenso wahrnehmbar Gottes Liebe Einzug hält in unser Leben, als Vorbote dessen, was noch kommen wird, wenn Jesus Christus erscheint in seiner Herrlichkeit!
Regina Claas
Die Autorin ist Generalsekretärin des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland

Wir sind der Tempel des lebendigen Gottes.
(2. Korinther 6,16)
Dieser kurze Satz aus dem 2. Korintherbrief beschreibt einen IST-Zustand. Wir sind der Tempel. Es heißt nicht, „wir sind gewesen“ oder „wir müssen erst wieder werden“. Wir sind es. In der griechischen Sprache ist damit auch nicht nur der konkrete Augenblick, die aktuelle Situation gemeint. Paulus verstand diese Aussage als eine anhaltende Realität und Qualität, ohne etwas über ihren Beginn oder ihr Ende auszusagen. Hier zeigt sich große Demut, die Paulus der Gemeinde entgegenbringt. Trotz aller Auseinandersetzungen um persönliche Aspekte und theologische Positionen, die sich im 2. Korintherbrief spiegeln, ist die Gemeinde in Korinth unbestritten Tempel des lebendigen Gottes. Das steht für Paulus überhaupt nicht in Frage, vielmehr schließt er sich durch das „Wir“ in die Gemeinschaft der Gemeinde mit ein.
Hier mag die Frage aufkommen, wie denn eine Gemeinde den Status „Tempel des lebendigen Gottes“ erhält und wovon er abhängt, wenn er zumindest durch Konflikte untereinander und verschiedene theologische Streitpositionen nicht in Frage gestellt ist. Paulus selbst beantwortet diese Frage in der zweiten Hälfte des 16. Verses: „denn Gott hat gesprochen: Ich will unter ihnen wohnen und mit ihnen gehen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.“ Tempel des lebendigen Gottes ist die Gemeinde also allein aufgrund der Entscheidung Gottes, in ihr zu wohnen und mit ihr zu gehen. Sie könnte daher auch nur allein aufgrund der Entscheidung des lebendigen Gottes aufhören, Tempel zu sein und nicht aufgrund menschlichen verfehlenden Handelns. Wenn die Gemeinde nicht über Gewähr oder Entzug dieses Status entscheidet, kann sie sich auch nicht aus eigenen Kräften zum Tempel des lebendigen Gottes machen.
Spätestens dann, wenn Gemeinden immer kleiner werden und immer weniger selber machen können, wenn es kein prachtvolles Gemeindehaus und kein bis zum Bersten gefüllten Gemeindesaal mehr gibt, wenn der Glanz der eigenen Möglichkeiten verblasst und die vielen jungen, engagierten und begabten Mitarbeiter Vergangenheit sind, kommt wieder ganz neu in den Blick, dass die Herrlichkeit und Pracht des Tempels des lebendigen Gottes allein darin besteht, dass Gott in diesem Tempel wohnt. Und das ist zugleich die größte missionarische Möglichkeit, die Gemeinden haben: dass die Gemeinschaft der Gemeinde ein Ort ist für die Begegnung mit dem lebendigen Gott.
Christian Wehde
Christian Wehde
Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Neues Testament am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! (Jesaja 60,1)
Findet in Ihrer Gegend auch ein Überbietungswettbewerb in den Vorgärten statt, wer mehr Lichterketten und Lichtfiguren aufstellen und zum Leuchten bringen kann? Als Passant ist das schön anzusehen. Die Stromkonzerne freuen sich. Es wird heller. Aber die Dunkelheit im Innern bleibt. Zwar vertreibt der äußere Schein für ein paar Momente das Dunkle, aber wesentlich ändert sich gar nichts. Die dunkle Jahreszeit ist häufig auch eine Zeit der Verdrängung - überall Jahrmarktstimmung, fröhliche Musik, helles Licht. Und viele machen sich auf, um noch die notwendigen Weihnachtsgeschenke zu kaufen für den Familienfrieden.
„Mache dich auf, werde licht“ – das ist eine ungewöhnliche Aufforderung. Diese Herausforderung bedeutet nicht die Lichterkette anzubringen und den Lichtschalter anzuknipsen, sondern selbst, als Person, hell zu werden. Dieses Wort traf auf Menschen, die am Boden zerstört und niedergefallen sind. Dieses Wort traf Menschen, um die und in denen es dunkel geworden war. Dieses Wort ist auf Hebräisch eine Aufforderung an eine Frau. Alle Befehlsformen des Textes sind weiblich, denn Zion, der Stadt Gottes, Jerusalem, wird gesagt: „Steh auf! Werde hell!“. Das ist keine flapsige Redeweise nach dem Motto: „Kopf hoch, es wird schon wieder.“ Ganz im Gegenteil: Gott persönlich kommt, damit es wieder hell wird. Das weibliche Du, Jerusalem, soll aufstehen und erstrahlen und die Jungfrau Babylon soll herabsteigen und sich in den Staub setzen (Jes 47,1). Das Licht verdrängt die Finsternis.
Dein Licht kommt! Was da tiefgreifende Veränderung bewirkt, ist mehr als etwas Schein. Es geht nicht um etwas Stimmungsaufhellung, obwohl viele dafür schon manches geben würden. Es geht darum, dass Gott selbst sich aufmacht. Gott macht sich auf den Weg. Er kommt!
In jüdischen Familien wird in diesen Tagen Kerze für Kerze der achtarmigen Chanukkaleuchter entzündet. Mit diesem Lichterfest erinnern sich Juden daran, dass der 2.Tempel in Jerusalem 164 v. Chr. wieder eingeweiht wurde und dort der Leuchter ewig leuchten sollte. Im Jahr 70 n. Chr. vermochten die Römer den Tempel und den Leuchter zu zerstören, aber das Licht konnten sie nicht aufhalten, fortan wird in den jüdischen Familien zu Hause das Lichterfest gefeiert.
Als Christen glauben wir, dass der eine Leuchter, das Licht der Welt gekommen ist. Jesus Christus verkörpert die Herrlichkeit Gottes. Mit ihm soll allen Menschen ein Licht aufgehen. Die Finsternis ist durch ihn verdrängt. Er hat die Dunkelheit überboten. Jesus kann es im Herzen hell machen. Mit ihm kann ich aufstehen zu einem neuen Leben. Aufrecht und hell. Was wäre das für eine Adventszeit, in der es nicht nur um mich herum hell wird, sondern in mir. Und durch mich in anderen. Werde licht, denn Christus kommt!
Michael Rohde
Der Autor ist Professor für Altes Testament und Bibliotheksleiter am Theologischen Seminar Elstal (FH).

Du tust mir kund den Weg zum Leben: Vor dir ist Freude die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich. (Psalm 16,11)
Der Vers unserer Monatslosung bildet im Psalm16 den Abschluss und Höhepunkt eines Bekenntnisliedes. Der Beter weiß, dass er sein gesamtes Leben aus Gottes Hand erhalten hat (Vers 5). „Mein ganzes Glück bist Du allein!“ (Vers 2) betet er zu seinem Gott. Er freut sich an der Glaubensgemeinschaft derer, mit denen er gemeinsam Jahwe verehrt und dankt Gott dafür, dass er ein Stück Land besitzen darf, das ihm als Erbe zugefallen ist und auf dem er glücklich leben kann (Vers 3.5f).
Aber der Beter weiß auch, dass sein Leben gefährdet ist durch Krankheit und Tod. Er weiß, dass gerade an den Grenzen des Lebens Jahwes Schutz in besonderer Weise notwendig ist (Vers 9f). Wenn Gott nicht Leben schenkt und bewahrt, wartet auf den Psalmbeter der Scheol, die Unterwelt, aus der es nach antiker Vorstellung keine Rückkehr gibt und in der die Toten Gott nicht mehr preisen können (Psalm 6,6).
Angesichts seiner Sterblichkeit legt der Beter daher am Ende des Psalms sein Leben in Gottes Hände. „Du tust mir kund den Weg zum Leben: Vor dir ist Freude die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich.“ (Vers 11) Nur Gott kann Leben geben und daher sind die auf dem Weg zum Leben, die auf der richtigen, der rechten Seite Gottes stehen. Dorthin gehört der Mensch in Freude und Leid, für immer und ewig: an die Seite dessen, der Leben schenken kann und Leben schenken will.
Ralf Dziewas
Der Autor ist Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).
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