„Auferstehungsgehilfen“

Andacht der BEFG-Generalsekretärin zu Ostern 2012

In diesen Tagen nimmt die Christenheit des Westens in besonderer Weise das Leiden und Sterben Jesu in den Blick. Am Palmsonntag sind wir uns meist noch nicht so ganz sicher: Sollen wir uns freuen, oder sollen wir uns in Trauer üben? Zu Karfreitag hin rücken die Bilder vom Leiden, von der Kreuzigung Jesu in den Vordergrund, bis dann zu Ostern die unbändige Freude wieder durchbricht.

Ein Text aus dem Johannesevangelium ist mit der Auferstehung Jesu eng verbunden und nimmt dennoch etwas vorweg, das zum Zeitpunkt des Geschehens noch nicht sichtbar, nicht greifbar ist. Es geht um die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus (Johannes 11).

Bild von Duccio di Buoninsegna (1255-1319)

Welch ein Wechselbad der Gefühle! Lazarus, der Freund von Jesus, ist krank. Die Botschaft Jesu an Maria und Marta, die Schwestern des Kranken, gibt Hoffnung: Lazarus wird leben! Doch als die Boten nach Betanien zurückkommen, scheint das Gegenteil eingetreten zu sein: Lazarus ist tot! Hoffnung ist zerschmettert, Leben zu Ende – eine ausweglose Situation. Dann kommt ein „Hoffnungsgespräch“, das Jesus mit Marta führt. Es geht um Auferstehungshoffnung. Aber was können wir uns davon kaufen in dieser Situation, jetzt, angesichts des Todes? Doch Jesus redet nicht nur, er handelt. Er geht zum Grab. Er befiehlt, das Grab zu öffnen. Was will er nur? Hat Jesus jeden Realitätssinn verloren? „Herr, er stinkt schon!“ Das sagt selbst die Schwester des Toten. Wenn sie, im wahnsinnigen Schmerz des Verlustes, sich der Realität des Todes verweigern würde, das wäre verständlich. Aber Jesus? Er müsste es doch besser wissen!

Doch Jesus sieht eine andere Realität, die den Beteiligten verborgen bleibt. „Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Tod, wo ist dein Sieg?“ (1. Kor. 15,54-55)

(Da) rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! (Joh. 11,43)

Jesus handelt mit Autorität auf der Grundlage einer Wirklichkeit, die ihm bekannt und vertraut ist, die jedoch die Vorstellungskraft der Menschen um ihn herum sprengt. Hier wird sich entscheiden: Vertrauen sie ihm, glauben sie ihm seine Autorität, glauben sie, dass er weiß, was er tut?

Wenn ich die Geschichte lese, ist es mir, als hörte ich das Ächzen der Männer, die den Stein ins Rollen bringen, das Knirschen des Felsbrockens auf dem steinigen Untergrund, mitten hinein in die atemlose Stille, die knisternde Spannung – kaum zum Aushalten. Was wird geschehen?

Und was mag Lazarus selbst in diesem Moment erleben? Wird er der Stimme folgen, die ihn ruft, die ihn zurück ins Leben holt? Wird er den ersten Schritt tun, auf wackeligen Beinen, fest eingewickelt in die Leinentücher des Todes? Wird er es wagen, über diese Schwelle zu kommen? Wird er sich auf den Beinen halten können?

Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch. (V. 44)

Kein großer Knall, und mit Pauken und Trompeten erscheint Lazarus in strahlender Schönheit wieder auf der Bildfläche. Kein Feuerwerk, auch kein Engelschor. „A Walking Dead“ kommt da aus dem geöffneten Grab – eine lebende Mumie, vielleicht ja auch ein Gespenst? Hätte Jesus das nicht etwas sauberer hinbekommen können, mit etwas weniger ekelerregendem Gestank und dreckigen, verklebten Lumpen?

Jesus spricht zu ihnen: Löst die Binden und lasst ihn gehen!  (V. 44)

Plötzlich werden die Zuschauer zu Beteiligten. „Was? Wir sollen… ich soll? Hand anlegen? Mir die Hände schmutzig machen?“ Wer weiß, was da zum Vorschein kommen wird! Wie „auferstanden“ ist denn dieser Lazarus wirklich?

Hier springe ich von der Geschichte des auferweckten Lazarus in unsere Situation hinein und lande heute, hier bei uns, in unserer Zeit, in unseren Gemeinden, in unserer Nachbarschaft. Dazwischen liegt die ganze Ostergeschichte vom Sterben und der Auferweckung Jesu, die der Kern unseres christlichen Glaubens ist.

Wie ist das denn mit uns, wenn uns der auferstandene Christus herausgerufen hat aus unseren Gräbern, aus unserer Gebundenheit an Tod und Vergänglichkeit, wenn er uns hineingerufen hat in ein neues Leben in der Gemeinschaft mit ihm?

Es wäre doch zu schön, wenn jede und jeder, der sich auf eine Beziehung mit Jesus einlässt und die ersten Schritte auf Christus zu macht, gleich ein ganz neuer Mensch würde, womöglich in jugendlicher Kraft und Schönheit, und dann gleich noch mit dem Haltbarkeitsdatum „Ewigkeit“! Wie schön wäre es, wenn unsere Gottesdienste gefüllt wären mit Leuten, die frisch bekehrt, vollständig geheilt und wiederhergestellt, grenzenlos Gott vertrauend, mit anziehenden, gewinnenden Persönlichkeiten überzeugende Botschafter Gottes wären, dazu pflegeleicht, grundsätzlich positiv eingestellt und immer hilfsbereit!

Doch so ist es nicht. Wenn Jesus einen Menschen gerufen hat, herausgerufen aus seinem Grab, dann beginnt ein Prozess. Jesus hat das Wesentliche getan, das, was nur er tun konnte. Jetzt müssen wir zu den „neuen Menschen“ werden, die sein Wesen widerspiegeln. Wir müssen nach und nach das loswerden, was uns noch fesselt und behindert auf dem Weg mit Jesus. Wir müssen unsere Grabtücher loswerden! Und dabei können wir einander helfen.

Solche Grabtücher lassen sich manchmal nicht so leicht lösen. Da braucht es viel Geduld und Liebe, manchmal auch fachkundigen Umgang mit Verletzungen. Es braucht Aufmerksamkeit und Zuwendung. Statt die Nase zu rümpfen, müssen wir manchen Gestank ignorieren, manchen Ekel überwinden und unser Befremden nicht so ernst nehmen. Erst dann können wir das Wesen dieses neugeborenen Menschen aufdecken: Er ist ein geliebtes Kind Gottes, ein besonderer Schatz, ein Kleinod, eine Kostbarkeit in den Augen Gottes, und seinem Herzen sehr nahe!

Jesus liebte Lazarus. Und doch griff er nicht ein in einen Auferstehungsprozess, der nach dem Wunder des geschenkten Lebens auch noch das Mehrfachwunder der Wiederherstellung bedeutete. In diesem Prozess wird die Leidenschaft der Beobachter neu entfacht und ihre Barmherzigkeit und Hilfsbereitschaft wieder hergestellt. Der Herausgerufene bekommt seine Gesundheit zurück, und damit seine Lebensfähigkeit und Beweglichkeit. Und im sozialen Umfeld findet der Glaube wieder seinen Platz.

Wir wissen heute, dass mit dem Kreuz nicht alles vorbei ist. Ostern folgt auf den Karfreitag.

Wie aber entscheiden wir uns nach Ostern? Warten wir darauf, dass Gott seine Zusage einlöst und Jesus Christus in seiner Herrlichkeit wieder erscheinen wird, warten wir auf den Himmel und legen dabei getrost die Hände in den Schoß?

Oder sind wir vielmehr auf dem Sprung, da, wo Jesus uns ruft, zu „Gehilfen der Auferstehung“ zu werden und einander die Grabtücher abzunehmen? Sind wir in Bereitschaft, andere bei ihren ersten Schritten in dem neu geschenkten Leben mit Jesus zu stützen und zu begleiten, sie aufzufangen, wenn sie straucheln, und ihre Wunden zu verbinden?

Wenn Jesus ruft: „Komm heraus!“, wagen wir dann die ersten Schritte? Und sind wir bereit, „Auferstehungsgehilfen“ für andere zu werden? Dann werden wir erleben: die Osterfreude, diese ansteckende, sprühende, atemberaubende Auferstehungsfreude, wird grenzenlos sein!

Regina Claas

Jesus ruft Lazarus aus dem Grab (Bild von Davezelenka, entstanden 2005)

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