Mauern einreißen

Elstaler Perspektive vom 7. August 2011

Kein Bauwerk hat das Leben der deutschen Bevölkerung jemals so verändert wie die Berliner Mauer, deren Bau am 13. August vor 50 Jahren begann. Fassungslos standen die Menschen damals vor der Absperrung. Mit unheimlicher Geschwindigkeit entstand das unüberwindliche Hindernis. Alltägliche Wege, Lebensadern wurden einfach durchtrennt. Bei den  Betroffenen löste dieser menschenverachtende Eingriff ohnmächtige Wut aus.

28 Jahre später geschah wiederum das Unfassbare: die Menschen durchbrachen ihre Ohnmacht und taten sich zusammen, um die Mauer einzureißen. Sie demonstrierten, beteten, marschierten und schwiegen dabei, sie zündeten Kerzen an, sie wehrten sich ohne Gewalt. Die „friedliche Revolution“ wurde zum Vorbild für Befreiungsbewegungen in der ganzen Welt.

Mauern können Sicherheit bieten, doch sie grenzen auch aus. Oft entstehen Mauern aus Angst. Wie viel bequemer ist es, sich abzuschotten, statt konstruktiv den Dialog zu suchen, wenn man sich angegriffen fühlt. Und wenn der andere mich vor eine Wand laufen lässt, dann wende ich mich lieber ab, als mir die Mühe zu machen, mein Gegenüber zu erreichen. Im Epheserbrief (Kap. 2,14) ist davon die Rede, dass Christus die Mauer eingerissen hat, die zwischen Menschen war. Mich ermutigt dies, Mauerbau jeglicher Art im Keim zu ersticken und stattdessen den Weg des Friedens zu suchen. Das braucht Aufmerksamkeit für die menschlichen, sozialen und auch politischen Entwicklungen um mich herum.

Ein Kollege, der in der DDR aufwuchs, erzählte mir von seiner Tochter, die ihn einige Jahre nach der Wende erstaunt fragte: „Eine Mauer quer durch Berlin? Was meinst du denn? Wo soll die denn sein?“ Weil Menschen die Mauer friedlich eingerissen haben, darf die nächste Generation ganz selbstverständlich in Freiheit leben – welch ein Privileg!

Regina Claas

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