Monatsandachten

Geistliche Impulse aus der Theologischen Hochschule Elstal

September 2016

Gott spricht: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte. (Jer 31,3 nach der Lutherübersetzung)

Eine wunderbare Liebeserklärung Gottes – allerdings nicht direkt an uns, die wir als Christen heute dieses Wort lesen, sondern zunächst an das jüdische Volk. In einer Liebe, die nur in Gott selbst begründet ist, hat Gott dieses Volk ausgesucht und sich mit ihm vermählt wie ein Bräutigam mit seiner Braut. Das Volk hat Gottes Liebe aber nicht auf Dauer erwidert, sondern ist ihm untreu geworden – indem es anderen Göttern diente und die Weisungen Gottes missachtete.

Diese Untreue war ein Scheidungsgrund, und Gott hat Israel entlassen. Als Folge davon wurde das Heilige Land von Feinden erobert, die Stadt Jerusalem zerstört, der Tempel Gottes verbrannt und die Führungsschicht des Volkes umgesiedelt. Da wurde dem Volk klar, was es getan hatte, und es bereute seine Untreue. Aber was würde nun Gott tun? Wäre er bereit, sein Volk wieder anzunehmen?

In dieser Lage las das Volk Worte, von denen es gewiss wurde, dass Gott sie schon vor Beginn alles Unheils dem Propheten Jeremia übergeben hatte: „Ich habe dich je und je geliebt“. Ich habe dich immer geliebt, auch damals, als Du mir untreu geworden warst und mich verlassen hast. Deine Liebe zu mir war zwar erloschen, aber meine Liebe zu Dir nicht.

Darum ist Gott bereit, seine Braut, die fremdgegangen ist, wieder aufzunehmen und die Liebesgeschichte mit ihr fortzusetzen. Weil er sein Volk mit ewiger Liebe geliebt hat, darum hat er ihm auch seine Güte bewahrt (so unser Vers in der Elberfelder Übersetzung). Die Lutherübersetzung sagt: Gott hat das Volk aus Güte zu sich gezogen. Das Volk, das ihn verstoßen hatte, das hat er lieb behalten und hat es wieder in die Arme genommen, als es umkehrte.

Einen solchen Gott bezeugt uns die Bibel: Einen Gott, der nicht nur Israel, sondern auch uns liebbehält, selbst wenn wir ihn enttäuscht haben. Er wartet auf uns mit offenen Armen.

Prof. Dr. Uwe Swarat
Systematische Theologie und Dogmengeschichte

August 2016

Habt Salz in euch und haltet Frieden untereinander! (Mk 9,50)

„Endlich wieder zuhause in Kapernaum“, denken die Jünger Jesu. Als sie aber so vertraut im Haus sitzen, bricht unter den Jüngern Streit aus, wer von ihnen am wichtigsten sei. Da redet Jesus mit ihnen Klartext. Am Ende seiner Rede fordert er sie auf, auf ihr eigenes Leben zu achten, damit nichts sie vom Weg mit Jesus abbringe. Wer mit Jesus auf diesem Weg ist, der ist ganz gefordert. Das Ziel des Reiches Gottes ist so wertvoll, dass es sich lohnt, sein eigenes, von vielen Egoismen gesteuertes Leben zu begrenzen, um wirklich konzentriert auf das Reich Gottes zuzugehen.

In diesem Sinne ist das Schlusswort Jesu in Kapernaum gemeint. Schon beim alttestamentlichen Kult wurde Salz zur Reinigung auf die Schlachtopfer geschüttet. Bei Jesus geht es nicht um irgendwelche Tieropfer, sondern um unser Leben. Auf dem Weg mit Jesus gilt es, auf sein eigenes Herz achten und es rein halten, genau dies drückt das Wort aus: „Habt Salz in euch“. Wir brauchen dieses „Salz" in uns, um unsere egoistischen Motive und Gedanken immer wieder zu überwinden.

Was ist nun dieses „Salz“? In der jüdischen Frömmigkeit der Zeit damals wurde die Thora, das jüdische Gesetzbuch, als Salz bezeichnet, also als das Gotteswort, das reinigt und stärkt. Das Lebenswort der Jesusjünger ist jetzt Jesu Wort. Jesus fordert seine Jünger auf, seine Worte als reinigende Kraft in ihrem Leben wirken zu lassen. Nur dann wird es ihnen gelingen, Frieden untereinander zu halten. Die gemeinsame Zeit in Kapernaum begann mit Streit unter den Jüngern, und am Ende seiner Rede ruft Jesus sie zum Frieden. Diesen Frieden können sie und wir nur leben, wenn wir uns, in allem Gerangel untereinander, durch das Wort Jesu immer wieder infrage stellen und neu ausrichten lassen.

Bei diesem Salzwort Jesu geht es also um den Frieden in Kirchen und Gemeinden, der nur möglich ist, wenn wir Jesus jeden Tag neu in unser Leben sprechen lassen. Durch die Wirkung seines Wortes erkennen wir uns selbst, auch in unseren Fehlern; so können wir demütig und liebevoll bleiben im Umgang untereinander.

Prof. Dr. Michael Kißkalt
Rektor und Professor für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie

Juli 2016

Der Herr gab zur Antwort: Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen und den Namen des Herrn vor dir ausrufen. Ich gewähre Gnade, wem ich will, und ich schenke Erbarmen, wem ich will.  (2.Mo/Ex 33,19)

Gerade erst hat Mose im Gespräch mit Gott gefordert: „Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen.“ (V.18). Und Gott lässt sich auf Moses Bitte ein. In seiner ganzen Schönheit will er sich zeigen, allerdings nur im Vorbeigehen, denn niemand kann Gott ins Angesicht sehen, ohne zu sterben (V.20).

Wie gerne würden auch wir einmal einen Blick auf Gottes Herrlichkeit werfen, einmal unverhüllt seine Schönheit sehen. Aber so wie Mose erhalten auch wir nur einen indirekten Eindruck von Gottes Größe und Macht. Auch wir dürfen ihm im Vorbeigehen nachschauen, entdecken, wo er sich gezeigt und seine Spuren hinterlassen hat.

Gott zeigt sich noch immer in gleicher Weise. Seine Schönheit und Herrlichkeit wird sichtbar, wo er Gnade gewährt und Erbarmen geschenkt hat. Nicht, weil er es müsste, sondern weil das sein Wesen ist, seine Güte, seine Barmherzigkeit. Gott zeigt sich in seiner Schönheit, wo seine Gnade stärker ist als alle Sünde, wo er uns erbarmungsvoll annimmt, obwohl wir genau das nicht verdient haben. Gott zeigt sich in seiner Herrlichkeit, wo er das Urteil über alle Sünde der Welt auf sich selbst nimmt, um die Menschheit zu erlösen. Gottes wahres Wesen sehen wir dort, wo wir den Blick auf den Gekreuzigten richten, der unsere Sünde und Schuld tilgt.

Gottes Schönheit ist seine Gnade und seine Herrlichkeit ist sein Erbarmen. Wo uns das klar wird, haben wir entdeckt, was wir von Gottes Wesen erfahren können. Und wo wir erbarmungsvoll und gnädig handeln, da spiegelt unser Leben ein wenig von Gottes Schönheit und Herrlichkeit in dieser Welt wider.

Prof. Dr. Ralf Dziewas
Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie

Juni 2016

Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden. (2. Mose 15,2)

Was für ein Lied! Es klingt nach Weite und Befreiung, nach Vertrauen und neuer Zuversicht. Es klingt nach einer guten und sehr persönlichen Erfahrung: meine Stärke – mein Lied – Retter für mich. Es ist ein besonderes Lied, kein Lied für alle Tage. Noch nicht.

Den Hintergrund des Liedes bildet die Erfahrung eines ganzen Volkes:
„Damals sang Mose mit den Israeliten dem Herrn dieses Lied; sie sagten: Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Rosse und Wagen warf er ins Meer. Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden. Er ist mein Gott, ihn will ich preisen; den Gott meines Vaters will ich rühmen.“

Rosse und Wagen warf er ins Meer. Ist das eine Situation in der ein Lied angestimmt werden kann? Darf man sich darüber freuen? Was genau wird hier besungen? Hier erklingt kein Siegeslied. Kein lautes Geschrei der Sieger, die sich am Tod der Verlierer erfreuen. Hier singt keine siegreiche Armee starker Männer. Hier singen Familien. Kinder, alte Menschen, Väter, Mütter, Schwestern, Brüder, Großeltern und Enkel. Menschen, die hart gearbeitet haben, die manchmal gerade eben noch überlebt haben und jetzt in diesem Moment ihren Unterdrückern entkommen sind. Hier singen die befreiten Opfer. Ein Chor ehemaliger Sklaven. In den Zwischentönen ihres Liedes klingt noch die Verzweiflung der bitteren Jahre nach, die der Rettung vorausgegangen sind. Leid, Bedrängnis, Angst, Schmerzen, schwere Arbeit, Ungerechtigkeiten – all das klingt noch mit. Aber nun gehört es der Vergangenheit an. Sie sind frei, befreit worden. Jetzt beginnt etwas Neues. Und die ersten Schritte in Freiheit sind noch sehr unsicher.

Doch der Gott, der mit starker Hand befreit hat, geht mit. Daher kann jede einzelne Person im Volk singen: Meine Stärke. Die erlebte Befreiung in der Vergangenheit gibt Sicherheit im Hier und Jetzt. Die neu gewonnene Freiheit lässt den Atem weit werden und die Stimme wieder klingen und singen: Mein Lied. Die Erfahrung der Rettung bleibt und wird die Israeliten stärken. Die erlebte Befreiung in der Vergangenheit wird zur Hoffnung auf eine Zukunft in Freiheit und die Gegenwart wird als ein neu geweiteter Raum erlebt. Ein weiter Raum, in dem Gott gegenwärtig ist als bleibender Retter. Das hilft gegen die Angst vor der ungewissen Zukunft: Mein Retter.

Der Chor der befreiten Sklaven singt: Meine Stärke, mein Lied, mein Retter. Dieses Lied, in einer besonderen Situation angestimmt, bleibt. Wird immer wieder gesungen. Zur Erinnerung an den Gott, der kompromisslos auf der Seite der Opfer steht. Es ist nicht das Lied der Sieger – es ist das Lied der befreiten Opfer. Es ist das Lied von dem Gott, der befreit hat und befreien wird.

Wenn wir es heute singen, klingt auch das Lied von dem Gott mit, der sich selbst zu Opfer gemacht hat, um alle Menschen zu befreien. Klingt das Lied von dem Gott mit, der auch heute noch solidarisch an der Seite der Opfer steht. Das Lied von dem Gott, der befreit hat und befreien wird. Es ist ein persönliches Lied, aber auch ein Lied des Volkes, also durchaus politisch, wenn es um die Befreiung aus ungerechten Strukturen und Verhältnissen geht.

Es bleibt ein besonderes Lied, aber jetzt ist es auch ein Lied für alle Tage. Besonders für die engen, angstvollen Tage, denn es erinnert an die Weite. Besonders für die leichten, gelassenen Tage, denn es erinnert daran, dass diese ein Geschenk sind. Besonders für die schwachen Tage, denn es erinnert daran, dass die Stärke nicht aus uns kommt. Besonders für die guten Tage, denn es erinnert an den, dem wir sie verdanken: Meine Stärke - mein Lied - Retter für mich.                              

Prof. Dr. Andrea Klimt
Professorin für Praktische Theologie

Mai 2016

Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst (1Kor 6,19)

„Körpersorge“ – ein Wort das nicht im Duden steht. Anders als der Seelsorge, der Sorge für die Seele, wird dem Leib theologisch nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. So muss es auch einigen Christen in der korinthischen Gemeinde gegangen sein. Es war ihnen nicht fremd, ihre Sexualität mit Prostituierten auszuleben. „Körpersorge“ wäre auch für sie ein Fremdwort gewesen und ihr Leib war für ihren Glauben ein „Fremd-Körper“. Bei dieser Situation setzt Paulus ein. Für ihn ist der Leib des einzelnen Christen Besitz Gottes. Durch den stellvertretenden Sühnetod Jesu am Kreuz hat Gott nicht nur das Heil für die Menschen aufgerichtet, sondern auch den Leib der Christen und Christinnen als Eigentumswohnung für seinen Heiligen Geist erworben. Hätten die Angesprochenen vielleicht mit dem Slogan argumentiert: „Mein Körper gehört mir!“ – so setzt Paulus dem entgegen: „Ihr gehört nicht mehr euch selbst.“ Dies betrifft nicht nur unsere Sexualität. Der Leib als Tempel des Heiligen Geistes hat Konsequenzen: Nicht nur mit Lobliedern und Psalmengesängen ist Gott zu loben, sondern mit ganzem Leibe. Anders ausgedrückt: Nicht nur unsere Stimmbänder gehören Gott, sondern alle Körperteile. Es ist ein Fehler, dass die christliche Tradition durch die Jahrhunderte hindurch viel zu oft die Seele gegen den Leib ausgespielt hat. Körper- und Sexualitätsabwertung sind dann die Folge. Doch Leib und Seele gehören zusammen. Schon jetzt ist es gute Praxis des Glaubens, dass wir für Menschen mit körperlichen Einschränkungen und Gebrechen beten. Jesu Heilungen sind ein Sinnbild hin auf die Ewigkeit. Für unsere Auferstehung dürfen wir auf einen verwandelten und verklärten Leib hoffen (1Kor 15,42-49). Wer seinem Körper schon jetzt etwas Gutes tun will, der kann den Schwung des Monats Mai nutzen und zur Ehre Gottes und zum Wohle des Körpers Sport treiben. Wer dagegen ohnehin schon durch das Leben rennt, der mag einmal innehalten und sich der Frage stellen, wo denn konkret Gottes Geist in seinem Körper und in seinem Leben wohnt. Christliche Sorge für Seele und Leib wird sich dabei ungnädigen Perfektheitsidealen widersetzen und dem Geist Gottes Lebensraum geben. So oder so, ob wir uns äußerlich oder innerlich bewegen und in Bewegung setzen lassen: „Körpersorge“ wird unserem Leib als Tempel des Heiligen Geistes Gutes tun.

Prof. Dr. Carsten Claußen
Professor für Neues Testament

April 2016

Berufen zur Verkündigung des Evangeliums, nicht zum religiösen Individualismus

Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht. (1Petr 2,9)

Ich habe noch nie einen König gesehen. In dem unwahrscheinlichen Fall, dass ich einmal einem König begegnen würde, wäre ich zwar möglicherweise neugierig. Als Kind einer demokratischen Gesellschaft würde ich aber nicht wirklich empfinden können, was es heißt, Untertan eines Herrschers zu sein. Ich habe gar kein Gespür für das, was die ehrfurchtgebietende Würde des Königs, seine „Erhabenheit“ oder „Majestät“, ausmacht. Ähnlich steht es mit dem Priestertum. Ich gehöre einer christlichen Gemeinde an, der die Vorstellung von einem aus der Schar der Gläubigen ausgesonderten Priester, der durch eine geheimnisvolle Vollmacht zwischen Gott und den Menschen vermittelt, völlig fremd ist.

Allerdings kommen Priester in unserem Alltag nicht ganz so selten vor wie Könige. Einmal öffnete ich in einer alten Kirche die Tür zu einer Seitenkapelle, die ich besichtigen wollte. Plötzlich stand ich direkt vor einem Bischof in vollem Ornat, der gerade im Begriff war, aus der Kapelle in das Kirchenschiff zu treten. Unwillkürlich spürte ich einen winzigen Augenblick lang eine ferne Ahnung von jenem geheimnisvollen Schauder, wie ihn vielleicht einst die Israeliten im Tempel von Jerusalem empfanden, wenn sie aus dem Vorhof einen Blick auf die Priester mit ihren heiligen Gewändern und heilsvermittelnden Ritualen werfen konnten. Der Bischof, ein freundlicher älterer Herr, war übrigens genauso verdutzt wie ich. Er hielt mir seinen Ring zum Kuss hin, aber ich murmelte entschuldigend, ich sei evangelisch und machte mich höflich aus dem Staube.

So wie ein König nur dadurch König ist, dass alle anderen Untertanen sind, ist ein Priester nur dadurch ein Priester, dass alle anderen ohne seine Mittlerschaft keinen Zugang zum Heiligen haben. Evangelischen Christen ist die Formulierung „allgemeines Priestertum“ so geläufig, dass sie oft überhören, dass es sich um ein Paradox handelt, ebenso wie ein „allgemeines Königtum“ eine widersinnige Staatsverfassung wäre. Und in der Tat wäre die Rede vom allgemeinen König- und Priestertum aller Christen widersinnig, wenn sie bedeuten würde, dass jede und jeder Einzelne als religiöse Selbstversorger ihrem eigenen Kopf folgen sollen. Eine königliche Priesterschaft sind die Christen nur deshalb, weil Christus ein König und Priester ist. Die Aufgabe der christlichen Kirche ist nicht die Verkündigung einer Theorie der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung aller Menschen, sondern die Verkündigung der Alleinherrschaft des Königs Christus und der alleinigen Mittlerschaft des Priesters Christus.

Dennoch wurde in der baptistischen Tradition die biblische Rede vom königlichen Priestertum häufig mit dem modernen Begriff „geistliche Demokratie“ übersetzt und mit dem aktiven Eintreten für Freiheit und Gleichheit aller Menschen verbunden: Christi Königtum und Priestertum besteht nämlich nicht in Unterwerfung und Entmündigung, sondern darin, dass er alle, die zu ihm gehören, zu seinen Teilhabern macht. Er ist ein König, der alle seine Untertanen krönt. Er ist ein Priester, der alle aus seinem Volk mit sich hineinnimmt ins Heiligtum. Deshalb ist die Gemeinde berufen, die Gleichheit aller Gläubigen in die Lebenspraxis umzusetzen und keine Bevormundung durch menschliche Autoritäten in Glaubensdingen zu dulden. Deshalb sind Christen berufen, in ihren jeweiligen gesellschaftlichen Kontexten, und seien sie bedrückend, anderen zum Vorbild „als die Freien“ zu leben, denen niemand Würde und Freiheit rauben kann.

Prof. Dr. Dr. Martin Rothkegel
Professor für Kirchengeschichte und Leiter der Bibliothek

März 2016

Jesus Christus spricht: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! (Joh 15,9)

Als Teil der Weinstockrede Jesu gehört dieser Vers in den Kontext der Abschiedsreden Jesu an seine Jünger. Darin bereitet er seine Nachfolger auf die Zeit vor, in der er nicht mehr leiblich gegenwärtig ist. In den vorausgehenden Versen wählt Jesus einen bildlichen Vergleich, um deutlich zu machen, wie wichtig es ist, dass seine Jünger in ihm bleiben. Nur eine Rebe, die fest mit dem Weinstock verbunden ist, bringt Frucht (V.4-5) und verherrlicht dadurch den Vater (V.8).
Ohne Zweifel ist die Bildrede vom wahren Weinstock von ermahnenden Elementen geprägt. Die Beschreibung dessen, was mit den fruchtlosen Reben geschieht, ist sehr eindrücklich (15,6). Und mehrfach fordert Jesus seine Jünger ganz direkt auf: „Bleibt in mir“ (V.4); „Bleibt in meiner Liebe“ (V.9); „Dies gebiete ich euch, dass ihr einander liebt“ (V.17).

Die Zielrichtung dieser Rede Jesu liegt aber nicht allein in der Ermahnung. Jesus erinnert seine Jünger ebenso deutlich daran, wie sehr er sie liebt: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt.“ Die Liebe zwischen Gott und seinem Sohn ist das Maß der Liebe, mit dem sich Jesu Jünger damals und heute geliebt wissen dürfen. Diese Liebe Jesu ist mit seinem leiblichen Scheiden aus dieser Welt keine Vergangenheit. Sie ist nicht abgeschlossen, wie man aufgrund der Vergangenheitsform „ich habe euch geliebt“ in deutschen Bibelübersetzungen annehmen könnte. Im Griechischen kann und will der Evangelist Johannes durch eine bestimmte Vergangenheitsform genau das Gegenteil ausdrücken: Sowohl die Liebe Gottes zu Jesus als auch die Liebe Jesu zu seinen Jüngern damals und heute ist eine bleibende Wirklichkeit.

Mit der Erinnerung daran, dass Jesu Liebe bleibt, dass sie wirklich und real ist, auch wenn er zurückkehrt in die Ewigkeit zum Vater – mit dieser Erinnerung tröstet Jesus seine Jünger kurz vor seinem Tod am Kreuz im Blick auf den Schmerz und die Trauer, die ihnen bevorstehen. Und ebenso dürfen wir uns als Nachfolgerinnen und Nachfolger Christi heute von ihm zusprechen lassen: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt“ – als ein Wort des Trostes und der Ermutigung inmitten der Passionszeit und im Blick auf Karfreitag, auf den wir als Gemeinschaft der Glaubenden zugehen.

Es kann uns aber auch ein Wort des Trostes werden in Zeiten persönlicher Krisen, in denen Gott so unendlich weit weg zu sein scheint – in denen wir uns wie abgetrennt vom Weinstock fühlen. Denn auch in der Weinstockrede geht allen Aufforderungen eine Zusage Christi voraus. Christus hat uns zuerst geliebt. Er hat uns zuerst erwählt (V.16). Er nennt uns Freunde (V.15). Das ist die bleibende Wirklichkeit, auch wenn unser Gefühl uns etwas Anderes sagt. Gefühle können täuschen und deswegen sind wir eingeladen, in Jesus zu bleiben, durch Gebet (V.7), durch Festhalten an seinem Wort und den Geboten (V.7.10), und besonders durch die Liebe zueinander (V.12-13). Er lädt dazu ein, nicht damit wir, sondern weil wir durch all dies Frucht bringen. Denn die Bitte zu Gott – gerade auch die klagende und flehende Bitte oder die Fürbitte durch Glaubensgeschwister –, oder das verzweifelte Suchen nach einer Ansprache Gottes in seinem Wort – das ist Bleiben in seiner Liebe. Manchmal ist es ein Festhalten an der Liebe Gottes gegen das eigene Gefühl bis die ewig gültige Zusage Jesu wieder das eigene Herz erreicht: „Wie mich der Vater liebt, so liebe ich Dich!“
   
Christian Wehde
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Neues Testament an der Theologischen Hochschule Elstal

Februar 2016

„Und wenn ihr beten wollt und ihr habt einem anderen etwas vorzuwerfen, dann vergebt ihm, damit auch euer Vater im Himmel euch eure Verfehlungen vergibt.“ (Markus 11,25)

Der Glaube an Christus rettet allein, zu dem wir jederzeit nach freiem Herzen beten dürfen. Dieser Satz liest sich wie selbstverständlich und doch wirkt es in diesem Text so, als werden diese zwei Grundpfeiler des christliches Glaubens an Bedingungen geknüpft. Wer beten und Vergebung will, soll erst einmal selbst dem Anderen vergeben. Es hat eben doch alles seinen Preis!  -  Warum empört uns dieser Gedanke so? Eigentlich ist uns das christliche Prinzip, es mit seinem Nächsten (auch seinen Gegnern!) gut zu meinen ja schon hinreichend bekannt. Das Gebot der Feindesliebe (Mt 5, 43-48) ruft uns dazu auf unsere Feinde zu segnen statt zu hassen und noch deutlicher beten wir im Vater Unser:  „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“ (Mt 6,12). Inhaltlich liegt der einzige Unterschied wohl darin, dass die Stellen in Matthäus wie Ratschläge oder Aufforderungen wirken. Sie scheinen weniger radikal, da keine direkten Konsequenzen genannt werden. Überspitzt gesagt: Hier darf man über den Inhalt nicken, ohne ihn wirklich ausführen zu müssen. Dagegen lässt uns Markus 11,25 keine Wahl und macht zwei Dinge sehr deutlich:

1. Das Gebet ist keine Einbahnstraße, die bei uns beginnt und bei Gott endet.
Stattdessen sollen in der Gemeinschaft mit Gott auch wir selbst immer wieder angesprochen werden und uns und unser Handeln hinterfragen. Vergeben wir, wo wir um Vergebung beten? Verändern wir, wo wir um Veränderung beten? Unser Gebet soll auch Anspruch an uns selbst sein.

2. Das Gebet führt in die Gemeinschaft mit anderen Menschen.
Auch das privateste und intimste Gebet mit Gott hat unsere Mitmenschen im Blick. Wer sein Gebet im Zorn gegen den Nächsten missbraucht, der betet nicht recht. Stattdessen beinhaltet die Gemeinschaft mit Gott auch den Willen zur liebevollen Gemeinschaft mit den Menschen.
Dieser radikale Aufruf zur Vergebung, zur Veränderung und zur Gemeinschaft kann auf einer seelsorgerlichen Ebene jedoch sehr verstörend sein. In Momenten tiefster physischer oder psychischer Verletzungen  scheint es makaber, wenn das Opfer auch noch zusätzlich um die Vergebung Christi bangen muss, nur weil es nicht vergeben kann. Eine solche Auslegung wäre nicht nur unbarmherzig, sondern auch unbiblisch. Wer momentan nicht vergeben kann wird hier nicht dazu genötigt durch ein erzwungenes Lippenbekenntnis seine eigene Haut zu retten. Vielmehr kann es nur die Kraft Christi bewirken, dass wir vergeben können. Manchmal von einem Moment auf den Anderen, manchmal in langen, schmerzhaften Prozessen. Doch auch das leidvolle oder klagende Gebet „Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?“ (Psalm 13,3) kann ein Schritt zur Leidbewältigung und ein Schritt hin zur Vergebung sein. Darum sollen wir beständig in dieser Haltung weiter beten, dass Gott auch uns im Gebet verändern will. Denn so passiert es, ohne dass wir es gleich merken, dass das Gebet unseren Nächsten und die Welt verändert, aber am allermeisten uns selbst.
                 
Markus Höfler
Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Rektoratsassistent

Januar 2016

Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit (2Tim 1,7)

Manche Situationen sind einfach zum Verzweifeln! Von Verzagtheit ist hier im Brief an Timotheus die Rede. Timotheus ist der engste Mitarbeiter des Apostels Paulus. Gleich mehrfach wird er mit anstrengenden Aufgaben betraut. So musste er die Gemeindeglieder in Thessalonich stärken und sie im Glauben ermahnen (1Thess 3,2), als sie angesichts schwer einzuordnender Trauerfälle ratlos sind. Später soll Timotheus nach Korinth reisen, um in der dortigen Gemeinde daran zu erinnern, was der Apostel gelehrt hatte (1Kor 4,17). Was mochte ihn in Korinth wohl erwarten, wo manche sich recht aufgeblasen über die Abwesenheit des Paulus freuen – frei nach der Devise: „Der Himmel ist hoch und der Apostel ist weit; alles ist mir erlaubt!“ Schlägt dem Paulus schon aus der Ferne Hochmut seiner Gegner entgegen, wie würde es erst seinem Gesandten vor Ort ergehen? Da kann einem schon angst und bange werden. Bereits aus diesen wenigen Hinweisen entsteht ein Bild: Timotheus ist ein Mitarbeiter für schwierige Missionen. Wenn Paulus selbst nicht eingreifen kann, dann sendet er diesen Mann, den er sogar als seinen Sohn bezeichnet (1Tim 1,2 vgl. Phil 2,19-24). Ob der die schwierigen Situationen immer gut meistern konnte, wissen wir nicht. Das Stichwort Verzagtheit deutet eher in eine andere Richtung. In dem ermutigenden Wort des Paulus spiegelt sich ein Mitarbeiter, dem angesichts großer Herausforderungen die Kraft schwindet, der nicht weiß, wie es weitergehen soll und der an die Grenzen seiner Möglichkeiten gekommen sein mag. Ja, seiner Möglichkeiten und Kräfte. Aber eben nicht Seiner Kraft. Paulus erinnert seinen Mitarbeiter daran, dass die unerschöpfliche Quelle an Kraft, Liebe und Besonnenheit außerhalb unserer selbst liegt. Gott wird uns davon geben, immer wieder neu und frisch. Er will und wird unseren Mangel ausgleichen, so wie Jesus Christus die Mühseligen und Beladenen zu sich ruft, um sie zu erfrischen. Gottes Erfrischungen für Leib, Seele und Geist dürfen wir für jeden Tag neu erbitten. Dies können wir uns mit dem Wort des Paulus an Timotheus zusprechen lassen – oder es mit der Ermutigung eines Propheten einander zusingen: „Seid nicht bekümmert, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke“ (Neh 8,10).

Dr. Carsten Claußen
Professor für Neues Testament an der Theologischen Hochschule Elstal

Jahreslosung 2016

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet (Jes 66,13)

Dieser zur Jahreslosung für das Jahr 2016 gewählte Vers steht in einem Kontext von Versen, die alle Gottes Heilshandeln mit weiblichen Bildern beschreiben: Eine Frau bringt einen Sohn ohne Wehen zur Welt (V.7). Ein ganzes Volk wird geboren, noch bevor die Wehen einsetzen (V.8). Dabei betätigt sich Gott selber als Hebamme, die für eine gute Geburt sorgt (V.9). Die darauf folgende Freude wird mit einem Baby verglichen, dass aus der Mutterbrust Trost und Nahrung saugt und sich an der Muttermilch satt trinken kann (V.10f). Und wie Kinder auf den Armen genommen und auf den Knien geschaukelt werden möchten (V.12), wenn ihnen etwas fehlt, so will Gott selbst Trost spenden. Eben wie es eine Mutter tut, die ihre Kinder tröstet und beruhigt (V.13).
Mit ihrer mütterlich-weiblichen Bilderwelt bieten diese Verse am Ende des Jesajabuches eine wichtige Ergänzung zu den ansonsten eher maskulin geprägten Gottesbildern der Bibel. Der, der sich um sein Volk sorgt, ist nicht nur ein starker Herrscher und ein machtvoller Souverän. Er kann auch ganz nahbar und weich sein, ganz liebevoll und Trost spendend. Während viele männliche Sinnbilder eher die Unnahbarkeit und Autorität Gottes symbolisieren, finden sich hier weibliche Bilder vom Gebären, Trösten und Ernähren. Sie erinnern uns an Urerfahrungen unserer frühesten Kindheit: Die Mutterbrust, die unseren Hunger stillte, die Wärme und der beruhigende Herzschlag unserer Mutter, an die wir uns kuscheln durften, wenn wir aus Albträumen aufwachten. Arme, die uns hochhoben und nach Hause trugen, wenn wir hingefallen oder müde waren, oder die Knie, auf denen wir Hoppe-Hoppe-Reiter spielen konnten, auch das sind Bilder für Gott und seine Art, uns tröstend nahe zu kommen.
Diese Verse sind in einer Zeit verfasst worden, in der nur Männer die Theologie Israels schrieben. Und so ist es kein Wunder, dass sie für Aussagen über Gott meist männliche Bilder verwendeten. Umso bemerkenswerter aber sind Verse wie die diesjährige Jahreslosung. Hier zeigt sich, dass sich Israel sehr wohl bewusst war, dass ihr Gott kein starker Mann im Himmel ist. Es gehörte zu Israels Glaubenstraditionen, dass ihr Gott Männer und Frauen in gleicher Weise als göttliches Ebenbild erschaffen hatte und daher auch in weiblichen Bildern angemessen beschrieben werden konnte. Gottes Wirken ist auch für uns heute väterlich-mütterlich oder brüderlich-schwesterlich deutbar, je nachdem, welche Erfahrungen wir mit Vater, Mutter und unseren Geschwistern verbinden. Bei wem auch immer wir in unserem Leben Trost und Güte erlebt haben, wer auch immer uns Halt und Sicherheit geschenkt hat, als wir Trost und Schutz brauchten, darf für uns ein Sinnbild für diesen tröstenden und liebenden Gott sein, der uns zuspricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Und wo immer wir uns als Frauen oder Männer den Bedürftigen, oder als Väter oder Mütter unseren Kindern liebevoll, stärkend und tröstend zuwenden, repräsentieren wir diesen Gott, der uns in liebevoller Weise umsorgt.

Dr. Ralf Dziewas
Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie an der Theologischen Hochschule Elstal

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