Monatsandachten Archiv

Dezember 2015

Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden. (Jes 49,13)

Der Prophet ist außer sich vor Freude, denn er sieht, wie Gott in das Elend seines Volkes eingreift. Noch ist es nicht so weit; noch fristet das Volk sein Dasein im Exil in Babylon, aber der Prophet sieht schon das Licht am Horizont: Bald dürfen sie nach Hause gehen, nach Jerusalem, nach 40 Jahren im Exil. Es ging den Israeliten äußerlich nicht schlecht in Babylon. Sie bauten Häuser, legten Gärten an, hatten ihren Alltag, ihr Einkommen.

Aber in ihrer Seele, in ihrem Glauben waren sie verzagt: Sie konnten einfach nicht fassen, dass ihr Gott zulassen konnte, dass Jerusalem erobert und der Tempel zerstört wurde. Waren nicht doch die Götter der Babylonier stärker und größer als der Gott Israels? Die Propheten erklärten diese Katastrophe mit dem schuldhaften Verhalten Israels: Das Ganze sei eine Strafaktion Gottes gewesen; man müsse sich zu seiner Schuld stellen und umkehren.

Nun die Ankündigung: der Gott Israels wendet das Schicksal, er schenkt die Heimat zurück, - und Erleichterung und Trost machen sich breit. So begeistert ist der Prophet, dass er die ganze Schöpfung in seine Freude einbezieht. Wenn Gott kommt, sind nicht nur einige Menschen betroffen, sondern alle! Nichts und niemand bleibt von der kommenden Gott der Befreiung unberührt.

Genau diese Bewegung steckt auch in der Geschichte, auf der wir in den Wochen vor Weihnachten zuleben: In Jesus kommt Gott in die Welt, als Bruder der Menschen, um Heilung und Erlösung in unser geschundenes Leben zu bringen. Noch sind wir nicht geheilt, noch sind wir oft böse, noch ist nicht alles gut! Aber Gott sieht uns mit anderen Augen an: Er sieht uns durch Jesus hindurch, der für unsere Schuld und in unser Leid hinein sterben wird.

Wenn wir das Evangelium hören und an Jesus festhalten, dann sehen wir auch den Lichtstreifen am Horizont. Die Sonne wird aufgehen, auch wenn es noch Nacht ist. Darum können wir jetzt schon Lieder der Freude singen, zuerst leise vielleicht und dann immer lauter werdend. Und in unserer Freude über den sich erbarmenden Gott werden wir die Menschen um uns herum mithineinnehmen, hoffentlich!

Michael Kißkalt
Rektor der Theologischen Hochschule Elstal

November 2015

Erbarmt euch derer, die zweifeln. (Jud 22)

Hätten Sie das gedacht? Auch in neutestamentlichen Gemeinden gab es Leute, die Zweifel hatten! Freilich: Der methodische Zweifel, der für unser neuzeitliches Denken so wichtig geworden ist, war damals noch unbekannt – auch außerhalb der Christenheit. Dass man sich mit überlieferten Gewissheiten nicht einfach zufrieden geben soll, sondern kritisch fragen, ob sie zureichend begründet sind, war die Kernforderung erst der Aufklärung, ohne die moderne Natur- und Geisteswissenschaften, auch die Theologie, nicht mehr denkbar sind. Die kritische Nachfrage hält unser Denken und Handeln in Bewegung.

Der Zweifel, von dem im Neuen Testament gesprochen wird, ist anderer Art, aber uns ebenfalls gut bekannt. Dieser Zweifel tritt auf, wo ein Mensch zwischen Für und Wider hin- und hergerissen ist, wo er nicht weiß, wem er Recht geben und wofür er sich entscheiden soll. Das griechische Wort, das in unserem Monatsspruch für „zweifeln“ steht, hat die Grundbedeutung „mit sich im Streit liegen“. Ein solcher Zweifler ist innerlich zerrissen.

Die Situation, in die der Judasbrief hineinspricht, ist ein schwerer innergemeindlicher und übergemeindlicher Konflikt, in dem der christliche Glaube insgesamt auf dem Spiel steht. Judas hat Christen vor Augen, die für ihn gefährliche Irrlehrer sind, aber die doch sehr viele Gläubige auf ihre Seite gezogen haben. Es gab also Anhänger der neuen Richtung, es gab standhafte Vertreter der Apostelüberlieferung, und es gab die Zweifler, die sich nicht entscheiden konnten.

Wie sollen die entschiedenen Christen mit diesen Unentschiedenen umgehen? Judas sagt: Erbarmt euch ihrer! Nehmt euch ihrer helfend an! Macht ihnen also keine Vorwürfe und gebt sie nicht vorschnell verloren! Helft ihnen vielmehr zu einer klaren und richtigen Entscheidung. Und was kann in dieser Situation helfen? Natürlich nur überzeugende Argumente! „Erbarmt euch derer, die zweifeln“, bedeutet also: Sucht das Gespräch, geht auf kritische Fragen geduldig ein und gewinnt die Unsicheren mit der Kraft des besseren Arguments. Das ist intellektuelle Barmherzigkeit, die auch heute gebraucht wird.

Uwe Swarat
Professor für Systematische Theologie

Oktober 2015

Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? (Hiob 2,10)

Hiob gibt ein jämmerliches Bild ab. Er hat seinen Besitz und seine Kinder verloren und nicht genug, er hat „bösen Ausschlag“ (1,7). Vom Scheitel bis zur Sohle ist Hiob krank und unansehnlich. Ein gutes Leben ist nicht erkennbar. Das Gute, das er empfangen hat – kinderreich und „reicher als alle, die im Osten wohnen“ (1,3) und dazu gläubig zu sein – es rückt in den Rückblick. Hiob – der Gerechte leidet. Hiob, der unschuldig ist, erlebt Unheil. Der leidende Hiob ist eine Provokation für jede Lehre von Glück und Leiden.

Wer über Hiobsbotschaften im Leben ins Nachdenken über Gott kommt, steht vor einer Alternative: Kann ich auch die dunklen, unverständlichen Seiten meines Lebens mit Gott in Verbindung bringen? Ist es tröstlicher, wenn Gut und Böse miteinander kämpfen, man in das „Räderwerk des Bösen“ (Rüdiger Lux) gerät oder letztlich alles aus Gottes gütiger Hand anzunehmen ist?

Hiob denkt über solche Fragen nicht am Schreibtisch nach als philosophisches Problem, sondern aus persönlicher Betroffenheit heraus. Der Leidende wagt es, sich einen Reim darauf zu machen, wie er sein Leid und sein Vertrauen zu Gott zusammen halten kann.

Die Frau Hiobs spielt eine eher unrühmliche Rolle. Sie selbst hat auch ihre Kinder verloren und ist betroffen von den Verlusterfahrungen Hiobs. Aber sie hat für Hiob nur einen negativen Rat: Gott abzusagen und zu sterben. Was bringt es ihm noch an seinem Gottvertrauen festzuhalten – so wie er in der Asche sitzt? Hiob widerspricht energisch mit den berühmten Sätzen von Hiob 2 Vers 10. „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“

Wenn sich ein Leidender so äußert, dann ist dies mit Respekt zu hören! Ein Lebender, der Böses im Leben aus der Hand Gottes annehmen kann, ist ein Zeugnis. Ein Zeugnis für großes Gottvertrauen in dunklen Tälern begleitet zu sein. Ein Zeugnis dafür, eine Adresse für Klage und Anklage zu haben, nämlich Gott selbst. Ein Zeugnis dafür, dass es immer das Beste ist, in Gottes Hand zu fallen, als in irgendeine andere.
Hiob steht mit diesem Glauben nicht alleine da. Die Glaubensüberzeugungen des weisen Predigers führen zu einer ähnlichen Botschaft: „Am guten Tag sei guter Dinge, und am bösen Tag bedenke: Diesen hat Gott geschaffen wie jenen, damit der Mensch nicht wissen soll, was künftig ist.“ (Prediger 7,4).

Den Umgang mit Hiobsbotschaften gibt es nicht auf Rezept. Es gibt vielfältige biblische Wege. Der Weg von Hiob 2,10 bekennt sich zum Glauben an Gott in allen Lebenslagen.

Michael Rohde
seit Oktober 2015 Pastor der EFG Hannover Walderseestraße

September 2015

Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. (Mt 18,3)

Wie ein Kind werden – damit verbinden sich in der Auslegungsgeschichte zu diesem Vers unterschiedliche Vorstellungen. Christinnen und Christen sollen sich kindliche Eigenschaften wie Sanftmut, Bescheidenheit, Einfältigkeit zu Eigen machen. Auch Enthaltsamkeit und bescheidenes Leben wurden damit assoziiert, oder die Hörigkeit gegenüber Eltern und Lehrern, die Lernbereitschaft, das grenzenlose Vertrauen zu den Eltern, die kindliche Naivität. Der Exeget Ulrich Luz hat dazu treffend formuliert, dass diese Vorstellung vielmehr spiegeln, wie ein Kind sein sollte und nicht, wie es tatsächlich ist. Und wer eigene Kinder hat oder intensiver mit Kindern zu tun hat, der kann dem sicherlich zustimmen: bohrende Fragen und Wissen wollen statt kindlicher Naivität, – eine Trotzphase nach der nächsten statt kindlicher Hörigkeit gegenüber den Eltern, – aktives Einfordern von Zeit, Zuneigung, Anerkennung, Süßigkeiten, – neuen Spielsachen statt Bescheidenheit und Einfältigkeit, – häufige Geschwisterstreitigkeiten statt Sanftmut.

Für das Verständnis dieses Verses hilfreich ist die Frage, wie Kinder im antiken Judentum zur Zeit Jesu gesehen wurden. Einerseits wurden sie als Gottesgeschenk betrachtet. An ihnen zeigt sich der Segen Gottes für die Eltern. Andererseits aber galten sie nur als unfertige Menschen. Sie waren keine voll einsetzbaren Arbeitskräfte und existentiell von der Versorgung durch die Familie abhängig. Ebenso waren sie noch unmündig in Fragen des Glaubens und des ethischen Handelns. Kindheit wurde als defizitäre Lebensphase angesehen, die möglichst bald zu überwinden sei. Die Lebenssituation von Kindern lässt sich daher sehr gut mit dem Begriff der Niedrigkeit beschreiben. Kinder waren damit nicht nur äußerlich sondern auch innerlich klein und machtlos und damit auch unbedeutend. Jesus hingegen stellt die Kinder als positives Beispiel in den Mittelpunkt und spricht ihnen damit gleichzeitig besondere Bedeutung und Relevanz zu.

Ihre Lebenssituation steht Jesus vor Augen, wenn er seinen Jüngern erklärt, dass die „Eintrittskarte“ für das Himmelreich das „werden wie die Kinder“ ist. Damit fordert er ein Leben wider die Maßstäbe der damaligen Gesellschaft. Er erwartet von seinen Jüngern, dass sie klein, machtlos, ja „unbedeutend“ werden sollen, so wie eben ein Kind damals wahrgenommen wurde. Wie sich das im Leben konkretisieren soll, wird in den nachfolgenden Textabschnitten erkennbar, beispielsweise durch Vergebungsbereitschaft statt Beharrung auf dem eigenen Recht (Mt 18,15-35), durch Verzicht auf eigenen Wohlstand zugunsten der Bedürftigen (Mt 19,16ff) oder durch Verzicht auf Hierarchien und damit verbundene Ehre (Mt 20,26-28; 23,11).

Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu sollen damit bewusst nach Maßstäben leben, die im Widerspruch zur damaligen Gesellschaftsordnung standen. Es sind Maßstäbe, die nicht auf das irdische Wohl und den Erfolg des Einzelnen zielen, sondern auf das Wohl des Nächsten und damit zugleich auf eine positive, wertschätzende, lebensförderliche Beziehung zwischen Menschen. Solch ein alternatives Lebenskonzept zu den gesellschaftlichen Maßstäben war nicht nur zur Zeit Jesu revolutionär. Das ist es auch heute in einer westlichen Gesellschaft, in der individueller Wohlstand und Erfolg Leitmaßstäbe sind. Zu einem derart revolutionären Lebensstil sind wir als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu aufgefordert. Solch ein Leben steht unter der Verheißung der Teilhabe am Himmelreich. Und diese Verheißung gilt nicht erst für das Ende der Zeit. Denn dort, wo Menschen in Demut leben, sich selbst nicht so wichtig nehmen, den eigenen Wohlstand teilen, vergeben statt auf Recht zu beharren, andere Menschen höher achten als sich selbst, dort bricht das Himmelreich durch in unsere Welt. Und daher ist solch ein Leben in Niedrigkeit alles andere als unbedeutend.

Christian Wehde
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Neues Testament an der Theologischen Hochschule Elstal

August 2015

Jesus Christus spricht: Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben (Mt 10,16)

In Deutschland kommen nur wenige Schlangenarten vor, die alle unter strengem Naturschutz stehen. Schlangen zu schädigen steht hierzulande unter Strafe. Bei Begegnungen mit den seltenen Tieren macht man möglichst einen großen Bogen, damit sie sich wieder verkriechen können. Zur Zeit Jesu war das noch anders. Schlangen wurden nicht als wertvolle Naturbewohner, sondern einfach nur als Bedrohung wahrgenommen. Wer eine Schlange sah, schlug sie tot, wenn er irgend konnte. Eine Schlange zu erschlagen, ist allerdings gar nicht so einfach, da die Tiere auf Gefahr blitzschnell reagieren und mit großer Beweglichkeit entwischen. Wegen dieser Eigenschaft galten sie seit Urzeiten als besonders kluge Tiere, ja als „listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte“ (1. Mose 3,1). Die Jünger benötigen für die gefährliche Aufgabe, zu der Jesus sie aussendet, die Wachsamkeit und Wendigkeit der Schlangen. Sie werden Menschen begegnen, die auf die Verkündigung des Reiches Gottes mit Gewalt reagieren werden, so wie man zum Schlag ausholt, wenn man eine Schlange sieht.

Als moderner Stadtbewohner habe ich keine günstige Meinung von Tauben, aber auch hier lagen die Verhältnisse in der Welt der Bibel anders. Tauben waren das beliebteste Zuchtgeflügel. Im Gegensatz zu den Schlangen galten Tauben als besonders dumme und harmlose Tiere. Die Einfalt der Tauben ist laut dem „Physiologus“, einer frühchristlichen Schrift über die in der Bibel erwähnten Tiere, daran zu erkennen, dass man ihnen immer wieder die frischgelegten Eier wegnehmen kann und sie sich jedesmal ganz unverdrossen daran machen, ein neues Nest zu bauen und neue Eier zu legen. Weil Tauben so zärtlich gurren, galten sie als besonders sanft. Das verband man mit der Beobachtung, dass Tauben keine Gallenblase haben. In der Antike nahm man nämlich an, dass die übermäßige Beimischung von Gallenflüssigkeit im Körper zu Jähzorn führe. Die Charakterisierung, die Jesus bei den Tauben im Blick hat, lautet im griechischen Text „unvermischt“. Im Deutschen könnte man das Wort präzise als „lauter“ übersetzen.

Wenn diese historisch-zoologischen Detailbeobachtungen in die richtige Richtung gehen, sagt Jesus also nicht etwa, seine Jünger dürfen hinterlistig wie die Schlangen und dumm wie die Tauben sein, sondern genau das Gegenteil. Die Verkündiger des Evangeliums müssen Geschicklichkeit und Geistesgegenwart an den Tag legen, sollen dabei aber keine faulen Kompromisse schließen, ihre Botschaft nicht kompromittieren. Was Jesus seinen Jüngern angesichts von unmittelbar drohender Gefahr und Verfolgung gesagt hat, als er sie wie die „Lämmer mitten unter die Wölfe“ sandte (noch mehr Tiervergleiche!), soll auch von solchen Gemeinden der Jesusjünger gehört werden, die in Ruhe und Sicherheit leben dürfen. Im Vers, der dem Monatsspruch unmittelbar folgt, warnt Jesus: „Hütet euch vor den Menschen.“ Vor wem eigentlich? Vielleicht vor uns selbst, vor unserer eigenen Neigung zur Trägheit, wo Wachheit und Wendigkeit am Platz sind, und zum faulen Kompromiß, wo Eindeutigkeit gefragt ist.

Prof. Dr. Martin Rothkegel
Professor für Kirchengeschichte an der Theologischen Hochschule Elstal

Juli 2015

Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen. (Mt 5,37)

„Alter, isch schwör dir, isch mach dich …“, so hört man es allenthalben im Kiezdeutsch, besonders in Berlin. Und nicht nur von Jugendlichen mit türkischem oder arabischen Hintergrund, zunehmend auch von deutschen. Dem „Schwur“ folgen eine Drohung oder Beleidigung, oft aber nur eine belanglose Aussage. Der so „Schwörende“ will dem, was dann folgt, Nachdruck verleihen oder mehr noch die eigene Wichtigkeit herausstellen.

Derart inflationäres Schwören gab es auch zur Zeit Jesu. Einer schwört, dass er isst, schläft oder nicht schläft, ein Steinchen ins Wasser wirft und allerlei anderes Banales. Weit weg von der ursprünglichen Bedeutung des Schwurs, gedankenlos, und doch von Übel. Nicht weniger böse war das berechnende Vorgehen der Frommen, welche Art von Eid unverbindlich sei: „beim Tempel oder beim Altar zu schwören“, und welche denn verbindlich: „beim Gold des Tempels oder beim Opfer, das auf dem Altar liegt, zu schwören“. (Mt 23,16ff)

Dem Schwören jeder Art gebietet Jesus Einhalt. Nicht nur den Meineid verbietet er in diesem Abschnitt der Bergpredigt „Über das Schwören“. Jede Art ist zu verurteilen, ob banale oder ernste Bekräftigungsformel oder mit List erdachtes Schlupfloch. Die Alte Kirche wusste sich dieser Radikalität verpflichtet. Mit der Anerkennung der Christen durch Kaiser Konstantin wurden heidnische Eidformeln abgelehnt, aber eine Fülle erlaubter Formen „christlichen“ Eides gestattet. Die großkirchliche Tradition setzte sich über Jesu Verbot hinweg, täuferische Gruppen mit dem Eidverbot blieben Exoten.

Jesus fasst seine Ausführungen über das Schwören mit der Forderung nach klarer Ansage und verbindlicher Aussage zusammen: Ein JA sei ein JA, ein NEIN ein NEIN! Nichts dazwischen und nichts darüber hinaus! Jeder Schwur entwertet das einfache JA. Auf dieses ist dann kein Verlass mehr. Die Vielzahl der oft kreativen Eidesformeln (vgl. Mt 5,34-36; 23,16ff) führt zur unseligen gegenseitigen Überbietung, bei dem eins auf der Strecke bleibt: Die Wahrheit. Wahrheit lässt sich nicht steigern. „Wahrer“ als die andern oder gar „ganz wahr“ sein zu wollen geht nicht.

Leute mit einem einfachen Ja oder Nein sind Jesus am liebsten. Menschen, die sich nicht winden und drehen und herausreden, die einfach eindeutig sind, und klar. So klar wie der Vater im Himmel ist, so klar sollen auch die sein, die ihm folgen. Gott sagt JA, zum Menschen und zu seiner Schöpfung. Sein JA lässt sich an Klarheit nicht überbieten. Unter dem geht es aber auch nicht. Jesus will Menschen, die verlässlich sind, so wie Gott der Inbegriff von Treue und Verlässlichkeit ist. Wie können Christen von diesem Gott reden, wenn sie selber unklar bleiben?

Euer Ja sein ein Ja, ob Ihr es zu Gott als Antwort auf sein JA sprecht oder in den vielfältigen menschlichen Beziehungen. Mitunter braucht Klarheit Mut. Die Urlaubszeit bietet mehr als der Alltag Zeiten zum Innehalten und Erspüren, was das eigene klare Ja oder Nein erschwert. Auch zum Einüben dieser vergessenen Kunst der Eindeutigkeit und zur Freude über ein neues, befreites Miteinander, das daraus folgt. „Ehrlich, isch schwör!“

Olaf Kormannshaus
Olaf Kormannshaus lehrte bis Juni 2015 Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Juni 2015

Ich lasse Dich nicht los, wenn Du mich nicht segnest. (Genesis 32,27)

Jakob ist unterwegs, um seinem Bruder Esau nach vielen Jahren wieder zu begegnen. Er fürchtet sich vor dieser Begegnung. Wie wird Esau reagieren? Wird er ihm freundlich entgegen eilen oder trägt er ihm den Betrug um das Erstgeburtsrecht, um das väterliche Erbe, immer noch nach? Jakob ist gut vorbereitet. Er hat seinen Besitz schon aufgeteilt und will Esau großzügig beschenken. Seine Familie schickt er schon einmal vor. Er selber bleibt zurück.

Es wird Nacht. Unvermittelt findet sich Jakob in einem Kampf wieder. Mit wem er hier kämpft bleibt zunächst im Dunkel. Von einem Mann ist die Rede, aber wer ist dieser Mann? Ist es ein Mensch, der ihm hier an diesem Flussufer begegnet? Sind es seine eigenen Ängste, mit denen er ringt, mit denen er sich nun auseinandersetzen muss? Ist es ein Dämon oder ein Engel? Oder am Ende Gott selbst?

Jakob ist ein starker Gegner. Lange kämpft er mit dem Mann - bis der Morgen kommt. Doch das herannahende Tageslicht zwingt den Gegner zu gehen. Auf einmal hat er es eilig, er will fort. Er vermag Jakob nicht zu besiegen und so macht er ihn wenigstens kampfunfähig, verletzt ihn an seiner Hüfte. Aber noch immer ist Jakob stark und ringt mit seinem Gegenüber. „Lass mich los!“ Ein Satz gesprochen mitten im Kampf. Sollte Jakob nicht froh sein, wenn sei Gegner weggeht? Doch er hält ihn fest. Er hält an dem fest, der ihn verletzt hat. Jakob gibt nicht auf, gibt sich nicht geschlagen. Er ist kein Verlieren. Mit Gewinn will er aus diesem Kampf hervorgehen. Einen Segen will er für sich. Die Kraft, die sich jetzt noch gegen ihn wendet, will er zum Guten nutzen.

Der Fremde kann sich nicht einfach aus dem Staub machen, sich nicht davon schleichen. Also bekommt Jakob etwas. Er bekommt einen neuen Namen: Israel. Die Kraft, die sich gegen ihn gewendet hat, wird fortan mit ihm sein. Aus dem Gegner wird der Verbündete. Der Fremde kämpft für ihn, so könnte man den Namen „Israel“ verstehen. Und nun will Jakob doch endlich wissen, mit wem er es zu tun hat: „Sag mir deinen Namen.“ Doch der Fremde nennt seinen Namen nicht, bleibt weiterhin im Verborgenen. Aber er segnet Jakob. Jakob ist nicht der Gewinner und doch zieht er Gewinn aus dieser schwierigen Situation. Und er hat eine Ahnung, mit wem er zu kämpfen hatte, denn jetzt gibt er einen Namen. Er benennt den Ort: Pnuel - Angesicht Gottes. Jakob ist sich sicher: Er hat Gott gesehen und trotzdem überlebt.

Wenn dann der Morgen kommt, ist er stärker geworden, trotz seiner Verletzung. Das Morgenlicht zeigt einen Gesegneten, der darauf vertrauen kann, dass Gott selbst seine Kraft für ihn einsetzt.

Dr. Andrea Klimt
Professorin für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Mai 2015

Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt. (Phil 4,13)

„Alles vermag ich“ – das ist ein stolzer Satz. Zumal wenn er von jemandem stammt, der als Gefangener hinter Gittern sitzt. „Alles vermag ich“ –  das ist aber auch ein zutiefst demütiger Satz. Denn er steht nicht allein. Er wird begründet. Und auf die Begründung kommt es an: „Durch den, der mir Kraft gibt.“ Gemeint ist Jesus Christus. Es ist also kein plumpes Selbstvertrauen, das sich hier ausspricht. Es ist kein Zweckoptimismus nach dem Motto: Irgendwie stehen wir das schon durch. Und zugleich steht dahinter auch kein jämmerliches sich Verkriechen: Der Herr wird’s schon richten. Der apostolische Satz „Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt“, ist ein Satz, der die Freiheit des Glaubens atmet. Und die sagt weder, dass ich alles allein kann. Noch sagt sie, dass ich gar nichts kann. Es ist bemerkenswert, dass im Neuen Testament durchaus von menschlicher Stärke, ja sogar Macht die Rede ist. Und davon, dass der glaubende Mensch davon Gebrauch machen darf und soll. Freilich ist dabei völlig klar, dass es sich hier um eine verliehene Macht und Stärke handelt. Um Recht und Vollmacht also, die man sich nicht selbst geben kann.

Wozu macht uns die verliehene Kraft stark? Dazu, etwas zu wagen. Ja, Christen dürfen etwas wagen und um Gottes willen etwas Tapferes tun. Aber auch: Etwas von anderen zu empfangen. Denn um etwas anzunehmen – zum Beispiel Hilfe von außen, braucht man manchmal mehr Kraft als zum Geben. Und natürlich auch: Etwas auszuhalten, wenn es ertragen werden muss. Um schwierige Mitmenschen zu ertragen, braucht man manchmal unerhört viel Kraft.  

Was ist das für eine Kraft, die uns gegeben wird und durch die wir etwas vermögen? Es ist die Liebe Christi, die er mit uns teilt. Sie ist kein Zaubertrank, sondern eine personale, geistliche Macht, die eine neue Gesinnung in uns schafft. Eine Gesinnung aus der Kraft der Liebe Gottes, die gerade darin allmächtig ist, dass sie alles erträgt und nicht das Ihre sucht, sondern das des Andern. Und die als Gottes Kraft letztlich sogar stärker ist als der Tod.

Dr. Volker Spangenberg
Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Apri 2015

Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen! Mt 27,54 (L)        

Was für ein kühner Satz – gesprochen von einem Heiden. Mehr noch – gesprochen von einem römischen Soldaten. Dabei galt seine Treue einem anderen Gottessohn – dem römischen Kaiser. Sein Bekenntnis ist unerwartet – nach menschlichen Erwägungen fast deplatziert. Denn es ist kein Einstimmen in den feierlichen Ruf der Massen „Hosianna Davids Sohn“ als sie Jesu Weg mit Palmenzweigen säumten. Ihre Rufe waren längst in das „Kreuzige ihn!“ umgeschlagen.  Selbst den Jüngern hat das Kreuz den Glauben geraubt. Petrus sagte einmal voller Überzeugung: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16, 16). Von ihm fehlt auf Golgatha jede Spur. Der Hauptmann fällt sein Urteil im Anblick eines Gesichtes, das unter einer Kruste aus Blut, Schweiß und Schmutz zu einer schmerzerfüllten Grimasse verzerrt ist. Als sich niemand zu entsinnen scheint, dass jener, der dort so armselig stirbt, der Retter, der König, der Messias sein soll, fällt es dem Hauptmann wie Schuppen von den Augen: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“

Was hat diesen Hauptmann so in seinen Grundfesten erschüttert? Auf Golgatha, wo der höchste von Allen erhaben über den Köpfen der Massen armselig stirbt, begreift er das paradoxe und zugleich (er-)lösende Moment des Kreuzes. Auf der Schädelstätte wird Gottes Weg zu den Menschen ein brutales Ende gesetzt. Jesus der Christus wird geschlagen und ausgepeitscht, bespuckt und mit Hass und Häme überschüttet. Er wird in die unendliche Ferne des Todes gestoßen. Und Gott antwortet mit seiner ganzen Herrlichkeit. Dunkelheit umhüllt das Kreuz, ein mächtiges Beben erschüttert die Erde, Felsen werden zerschmettert und Gräber öffnen sich. All diese Erschütterungen kündigen im Alten Testament Gottes mächtiges Kommen zum Gericht an. In der Todesstunde offenbart sich Gott selbst und bekennt sich zu jenem Jesus, der von den Menschen verworfen wurde. So hält Gott Gericht. Er richtet die Ignoranz, den Hass und die Hartherzigkeit der Menschen. Sein Urteil, das über die Menschen hereinbricht, geschieht am Kreuz. Doch es kreuzigt die Menschen nicht. Es stößt sie nicht in die Ferne und verdammt sie nicht zum Tode. Es zerreißt symbolisch den Vorhang im Tempel, der die verlassene Wohnung Gottes unter den Menschen verhüllte. Alles was zwischen Gott und Mensch stand ist hinweggenommen. Auf unsere Ablehnung antwortete Gott mit Annahme, auf unseren Hass mit Vergebung, auf Jesu Tod mit ewigem Leben.

Das ist erschütternd, besonders für alle, die in der Logik von Strafe und Vergeltung gefangen sind – so wie der Hauptmann am Kreuz. Gottes Gericht am Kreuz lässt nicht die Welt vergehen – es verkehrt sie: Wo Gottes Zorn wieder den Menschen lodern müsste, wird seine Liebe zu seinen Geschöpfen neu entzündet. Statt uns den Rücken zu zukehren, blickt Gott uns freundlich an. Das ist die Gerechtigkeit des Kreuzes. Sie bringt die Welt des Hauptmanns ins Wanken, bis sie in sich zusammenbricht. Nicht der Kaiser und das römische Heer mit ihren ruhmvollen Siegen und ihrem Recht haben der Welt den letztendlichen Frieden und Gerechtigkeit gebracht, sondern der armselige Tod von Jesus am Kreuz. Seit jenem Tag hat unsere Welt so viel Unrecht gesehen und unzählige Tage haben die Menschen den Zorn Gottes herbeigeschrien. Doch die Antwort ist bis heut gleich geblieben: Das Kreuz und seine Versöhnung. Sie wollen auch uns ins Wanken bringen, bis wir voller Ehrfurcht bekennen: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“

Sebastian Gräbe
Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie am Theologischen Seminar Elstal (FH).

März 2015

„Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?“ (Röm 8,31)

Wenn ich nur ein Kapitel der Bibel behalten dürfte, ich würde mich vermutlich für das achte Kapitel des Römerbriefes entscheiden. Dieses Kapitel beschreibt wie kein anderes die Heilsgewissheit, die der christliche Glaube schenkt. Es beginnt mit der Aussage: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“ (Röm 8,1) Und es endet mit dem großartigen Bekenntnis: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn“ (Röm 8,38f).

Zwischen diesen Eckversen schreibt Paulus von der Sendung des Sohnes Gottes in die Welt, beschreibt er die Überwindung der Sünde durch die befreiende Wirkung des Heiligen Geistes und verkündigt er die Hoffnung auf die Auferstehung zu ewigem Leben und die Erlösung der gesamten Schöpfung. Und nach all diesen wichtigen Glaubens- und Hoffnungsworten steht als Fazit der Monatsspruch für diesen März: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?“ (Röm 8,31)

Diese Frage ist im Kontext des achten Kapitels des Römerbriefes eine rein rhetorische Frage, denn die Antwort ist klar: Niemand! Wenn Gottes Liebe zu uns so groß ist, dass er uns seinen Sohn schenkt, um uns von Sünde, Schuld und Tod zu befreien, wer sollte dieses Heilswerk Gottes ungeschehen machen können? Die Antwort ist: Niemand! Wenn Gott uns freispricht, wer könnte uns verurteilen? Niemand! Wenn der, der für uns gestorben ist und unsere Sündenschuld getilgt hat, für uns als Anwalt eintritt, wer könnte uns dann noch erfolgreich verklagen? Niemand! Und wenn der Satan selbst als Ankläger aufträte, er hätte keine Chance gegen die vergebende Liebe Christi. Das ist die zentrale Gewissheit unseres christlichen Glaubens: Selbst wenn unser Gewissen uns verurteilt oder Menschen über uns den Stab brechen, wir dürfen dennoch gewiss sein, dass Gottes Liebe zu uns größer und mächtiger ist als alle Sünde, alle Schuld, alles Leid und alle negativen Mächte und Gewalten die gegen uns antreten könnten. Deshalb liebe ich dieses achte Kapitel des Römerbriefes so. Es enthält Evangelium pur.

Dr. Ralf Dziewas
Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule)