Monatsandachten Archiv

2016

Juli 2016

Der Herr gab zur Antwort: Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen und den Namen des Herrn vor dir ausrufen. Ich gewähre Gnade, wem ich will, und ich schenke Erbarmen, wem ich will.  (2.Mo/Ex 33,19)

Gerade erst hat Mose im Gespräch mit Gott gefordert: „Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen.“ (V.18). Und Gott lässt sich auf Moses Bitte ein. In seiner ganzen Schönheit will er sich zeigen, allerdings nur im Vorbeigehen, denn niemand kann Gott ins Angesicht sehen, ohne zu sterben (V.20).

Wie gerne würden auch wir einmal einen Blick auf Gottes Herrlichkeit werfen, einmal unverhüllt seine Schönheit sehen. Aber so wie Mose erhalten auch wir nur einen indirekten Eindruck von Gottes Größe und Macht. Auch wir dürfen ihm im Vorbeigehen nachschauen, entdecken, wo er sich gezeigt und seine Spuren hinterlassen hat.

Gott zeigt sich noch immer in gleicher Weise. Seine Schönheit und Herrlichkeit wird sichtbar, wo er Gnade gewährt und Erbarmen geschenkt hat. Nicht, weil er es müsste, sondern weil das sein Wesen ist, seine Güte, seine Barmherzigkeit. Gott zeigt sich in seiner Schönheit, wo seine Gnade stärker ist als alle Sünde, wo er uns erbarmungsvoll annimmt, obwohl wir genau das nicht verdient haben. Gott zeigt sich in seiner Herrlichkeit, wo er das Urteil über alle Sünde der Welt auf sich selbst nimmt, um die Menschheit zu erlösen. Gottes wahres Wesen sehen wir dort, wo wir den Blick auf den Gekreuzigten richten, der unsere Sünde und Schuld tilgt.

Gottes Schönheit ist seine Gnade und seine Herrlichkeit ist sein Erbarmen. Wo uns das klar wird, haben wir entdeckt, was wir von Gottes Wesen erfahren können. Und wo wir erbarmungsvoll und gnädig handeln, da spiegelt unser Leben ein wenig von Gottes Schönheit und Herrlichkeit in dieser Welt wider.

Prof. Dr. Ralf Dziewas
Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie

Juni 2016

Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden. (2. Mose 15,2)

Was für ein Lied! Es klingt nach Weite und Befreiung, nach Vertrauen und neuer Zuversicht. Es klingt nach einer guten und sehr persönlichen Erfahrung: meine Stärke – mein Lied – Retter für mich. Es ist ein besonderes Lied, kein Lied für alle Tage. Noch nicht.

Den Hintergrund des Liedes bildet die Erfahrung eines ganzen Volkes:
„Damals sang Mose mit den Israeliten dem Herrn dieses Lied; sie sagten: Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Rosse und Wagen warf er ins Meer. Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden. Er ist mein Gott, ihn will ich preisen; den Gott meines Vaters will ich rühmen.“

Rosse und Wagen warf er ins Meer. Ist das eine Situation in der ein Lied angestimmt werden kann? Darf man sich darüber freuen? Was genau wird hier besungen? Hier erklingt kein Siegeslied. Kein lautes Geschrei der Sieger, die sich am Tod der Verlierer erfreuen. Hier singt keine siegreiche Armee starker Männer. Hier singen Familien. Kinder, alte Menschen, Väter, Mütter, Schwestern, Brüder, Großeltern und Enkel. Menschen, die hart gearbeitet haben, die manchmal gerade eben noch überlebt haben und jetzt in diesem Moment ihren Unterdrückern entkommen sind. Hier singen die befreiten Opfer. Ein Chor ehemaliger Sklaven. In den Zwischentönen ihres Liedes klingt noch die Verzweiflung der bitteren Jahre nach, die der Rettung vorausgegangen sind. Leid, Bedrängnis, Angst, Schmerzen, schwere Arbeit, Ungerechtigkeiten – all das klingt noch mit. Aber nun gehört es der Vergangenheit an. Sie sind frei, befreit worden. Jetzt beginnt etwas Neues. Und die ersten Schritte in Freiheit sind noch sehr unsicher.

Doch der Gott, der mit starker Hand befreit hat, geht mit. Daher kann jede einzelne Person im Volk singen: Meine Stärke. Die erlebte Befreiung in der Vergangenheit gibt Sicherheit im Hier und Jetzt. Die neu gewonnene Freiheit lässt den Atem weit werden und die Stimme wieder klingen und singen: Mein Lied. Die Erfahrung der Rettung bleibt und wird die Israeliten stärken. Die erlebte Befreiung in der Vergangenheit wird zur Hoffnung auf eine Zukunft in Freiheit und die Gegenwart wird als ein neu geweiteter Raum erlebt. Ein weiter Raum, in dem Gott gegenwärtig ist als bleibender Retter. Das hilft gegen die Angst vor der ungewissen Zukunft: Mein Retter.

Der Chor der befreiten Sklaven singt: Meine Stärke, mein Lied, mein Retter. Dieses Lied, in einer besonderen Situation angestimmt, bleibt. Wird immer wieder gesungen. Zur Erinnerung an den Gott, der kompromisslos auf der Seite der Opfer steht. Es ist nicht das Lied der Sieger – es ist das Lied der befreiten Opfer. Es ist das Lied von dem Gott, der befreit hat und befreien wird.

Wenn wir es heute singen, klingt auch das Lied von dem Gott mit, der sich selbst zu Opfer gemacht hat, um alle Menschen zu befreien. Klingt das Lied von dem Gott mit, der auch heute noch solidarisch an der Seite der Opfer steht. Das Lied von dem Gott, der befreit hat und befreien wird. Es ist ein persönliches Lied, aber auch ein Lied des Volkes, also durchaus politisch, wenn es um die Befreiung aus ungerechten Strukturen und Verhältnissen geht.

Es bleibt ein besonderes Lied, aber jetzt ist es auch ein Lied für alle Tage. Besonders für die engen, angstvollen Tage, denn es erinnert an die Weite. Besonders für die leichten, gelassenen Tage, denn es erinnert daran, dass diese ein Geschenk sind. Besonders für die schwachen Tage, denn es erinnert daran, dass die Stärke nicht aus uns kommt. Besonders für die guten Tage, denn es erinnert an den, dem wir sie verdanken: Meine Stärke - mein Lied - Retter für mich.                              

Prof. Dr. Andrea Klimt
Professorin für Praktische Theologie

Mai 2016

Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst (1Kor 6,19)

„Körpersorge“ – ein Wort das nicht im Duden steht. Anders als der Seelsorge, der Sorge für die Seele, wird dem Leib theologisch nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. So muss es auch einigen Christen in der korinthischen Gemeinde gegangen sein. Es war ihnen nicht fremd, ihre Sexualität mit Prostituierten auszuleben. „Körpersorge“ wäre auch für sie ein Fremdwort gewesen und ihr Leib war für ihren Glauben ein „Fremd-Körper“. Bei dieser Situation setzt Paulus ein. Für ihn ist der Leib des einzelnen Christen Besitz Gottes. Durch den stellvertretenden Sühnetod Jesu am Kreuz hat Gott nicht nur das Heil für die Menschen aufgerichtet, sondern auch den Leib der Christen und Christinnen als Eigentumswohnung für seinen Heiligen Geist erworben. Hätten die Angesprochenen vielleicht mit dem Slogan argumentiert: „Mein Körper gehört mir!“ – so setzt Paulus dem entgegen: „Ihr gehört nicht mehr euch selbst.“ Dies betrifft nicht nur unsere Sexualität. Der Leib als Tempel des Heiligen Geistes hat Konsequenzen: Nicht nur mit Lobliedern und Psalmengesängen ist Gott zu loben, sondern mit ganzem Leibe. Anders ausgedrückt: Nicht nur unsere Stimmbänder gehören Gott, sondern alle Körperteile. Es ist ein Fehler, dass die christliche Tradition durch die Jahrhunderte hindurch viel zu oft die Seele gegen den Leib ausgespielt hat. Körper- und Sexualitätsabwertung sind dann die Folge. Doch Leib und Seele gehören zusammen. Schon jetzt ist es gute Praxis des Glaubens, dass wir für Menschen mit körperlichen Einschränkungen und Gebrechen beten. Jesu Heilungen sind ein Sinnbild hin auf die Ewigkeit. Für unsere Auferstehung dürfen wir auf einen verwandelten und verklärten Leib hoffen (1Kor 15,42-49). Wer seinem Körper schon jetzt etwas Gutes tun will, der kann den Schwung des Monats Mai nutzen und zur Ehre Gottes und zum Wohle des Körpers Sport treiben. Wer dagegen ohnehin schon durch das Leben rennt, der mag einmal innehalten und sich der Frage stellen, wo denn konkret Gottes Geist in seinem Körper und in seinem Leben wohnt. Christliche Sorge für Seele und Leib wird sich dabei ungnädigen Perfektheitsidealen widersetzen und dem Geist Gottes Lebensraum geben. So oder so, ob wir uns äußerlich oder innerlich bewegen und in Bewegung setzen lassen: „Körpersorge“ wird unserem Leib als Tempel des Heiligen Geistes Gutes tun.

Prof. Dr. Carsten Claußen
Professor für Neues Testament

April 2016

Berufen zur Verkündigung des Evangeliums, nicht zum religiösen Individualismus

Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht. (1Petr 2,9)

Ich habe noch nie einen König gesehen. In dem unwahrscheinlichen Fall, dass ich einmal einem König begegnen würde, wäre ich zwar möglicherweise neugierig. Als Kind einer demokratischen Gesellschaft würde ich aber nicht wirklich empfinden können, was es heißt, Untertan eines Herrschers zu sein. Ich habe gar kein Gespür für das, was die ehrfurchtgebietende Würde des Königs, seine „Erhabenheit“ oder „Majestät“, ausmacht. Ähnlich steht es mit dem Priestertum. Ich gehöre einer christlichen Gemeinde an, der die Vorstellung von einem aus der Schar der Gläubigen ausgesonderten Priester, der durch eine geheimnisvolle Vollmacht zwischen Gott und den Menschen vermittelt, völlig fremd ist.

Allerdings kommen Priester in unserem Alltag nicht ganz so selten vor wie Könige. Einmal öffnete ich in einer alten Kirche die Tür zu einer Seitenkapelle, die ich besichtigen wollte. Plötzlich stand ich direkt vor einem Bischof in vollem Ornat, der gerade im Begriff war, aus der Kapelle in das Kirchenschiff zu treten. Unwillkürlich spürte ich einen winzigen Augenblick lang eine ferne Ahnung von jenem geheimnisvollen Schauder, wie ihn vielleicht einst die Israeliten im Tempel von Jerusalem empfanden, wenn sie aus dem Vorhof einen Blick auf die Priester mit ihren heiligen Gewändern und heilsvermittelnden Ritualen werfen konnten. Der Bischof, ein freundlicher älterer Herr, war übrigens genauso verdutzt wie ich. Er hielt mir seinen Ring zum Kuss hin, aber ich murmelte entschuldigend, ich sei evangelisch und machte mich höflich aus dem Staube.

So wie ein König nur dadurch König ist, dass alle anderen Untertanen sind, ist ein Priester nur dadurch ein Priester, dass alle anderen ohne seine Mittlerschaft keinen Zugang zum Heiligen haben. Evangelischen Christen ist die Formulierung „allgemeines Priestertum“ so geläufig, dass sie oft überhören, dass es sich um ein Paradox handelt, ebenso wie ein „allgemeines Königtum“ eine widersinnige Staatsverfassung wäre. Und in der Tat wäre die Rede vom allgemeinen König- und Priestertum aller Christen widersinnig, wenn sie bedeuten würde, dass jede und jeder Einzelne als religiöse Selbstversorger ihrem eigenen Kopf folgen sollen. Eine königliche Priesterschaft sind die Christen nur deshalb, weil Christus ein König und Priester ist. Die Aufgabe der christlichen Kirche ist nicht die Verkündigung einer Theorie der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung aller Menschen, sondern die Verkündigung der Alleinherrschaft des Königs Christus und der alleinigen Mittlerschaft des Priesters Christus.

Dennoch wurde in der baptistischen Tradition die biblische Rede vom königlichen Priestertum häufig mit dem modernen Begriff „geistliche Demokratie“ übersetzt und mit dem aktiven Eintreten für Freiheit und Gleichheit aller Menschen verbunden: Christi Königtum und Priestertum besteht nämlich nicht in Unterwerfung und Entmündigung, sondern darin, dass er alle, die zu ihm gehören, zu seinen Teilhabern macht. Er ist ein König, der alle seine Untertanen krönt. Er ist ein Priester, der alle aus seinem Volk mit sich hineinnimmt ins Heiligtum. Deshalb ist die Gemeinde berufen, die Gleichheit aller Gläubigen in die Lebenspraxis umzusetzen und keine Bevormundung durch menschliche Autoritäten in Glaubensdingen zu dulden. Deshalb sind Christen berufen, in ihren jeweiligen gesellschaftlichen Kontexten, und seien sie bedrückend, anderen zum Vorbild „als die Freien“ zu leben, denen niemand Würde und Freiheit rauben kann.

Prof. Dr. Dr. Martin Rothkegel
Professor für Kirchengeschichte und Leiter der Bibliothek

März 2016

Jesus Christus spricht: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! (Joh 15,9)

Als Teil der Weinstockrede Jesu gehört dieser Vers in den Kontext der Abschiedsreden Jesu an seine Jünger. Darin bereitet er seine Nachfolger auf die Zeit vor, in der er nicht mehr leiblich gegenwärtig ist. In den vorausgehenden Versen wählt Jesus einen bildlichen Vergleich, um deutlich zu machen, wie wichtig es ist, dass seine Jünger in ihm bleiben. Nur eine Rebe, die fest mit dem Weinstock verbunden ist, bringt Frucht (V.4-5) und verherrlicht dadurch den Vater (V.8).
Ohne Zweifel ist die Bildrede vom wahren Weinstock von ermahnenden Elementen geprägt. Die Beschreibung dessen, was mit den fruchtlosen Reben geschieht, ist sehr eindrücklich (15,6). Und mehrfach fordert Jesus seine Jünger ganz direkt auf: „Bleibt in mir“ (V.4); „Bleibt in meiner Liebe“ (V.9); „Dies gebiete ich euch, dass ihr einander liebt“ (V.17).

Die Zielrichtung dieser Rede Jesu liegt aber nicht allein in der Ermahnung. Jesus erinnert seine Jünger ebenso deutlich daran, wie sehr er sie liebt: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt.“ Die Liebe zwischen Gott und seinem Sohn ist das Maß der Liebe, mit dem sich Jesu Jünger damals und heute geliebt wissen dürfen. Diese Liebe Jesu ist mit seinem leiblichen Scheiden aus dieser Welt keine Vergangenheit. Sie ist nicht abgeschlossen, wie man aufgrund der Vergangenheitsform „ich habe euch geliebt“ in deutschen Bibelübersetzungen annehmen könnte. Im Griechischen kann und will der Evangelist Johannes durch eine bestimmte Vergangenheitsform genau das Gegenteil ausdrücken: Sowohl die Liebe Gottes zu Jesus als auch die Liebe Jesu zu seinen Jüngern damals und heute ist eine bleibende Wirklichkeit.

Mit der Erinnerung daran, dass Jesu Liebe bleibt, dass sie wirklich und real ist, auch wenn er zurückkehrt in die Ewigkeit zum Vater – mit dieser Erinnerung tröstet Jesus seine Jünger kurz vor seinem Tod am Kreuz im Blick auf den Schmerz und die Trauer, die ihnen bevorstehen. Und ebenso dürfen wir uns als Nachfolgerinnen und Nachfolger Christi heute von ihm zusprechen lassen: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt“ – als ein Wort des Trostes und der Ermutigung inmitten der Passionszeit und im Blick auf Karfreitag, auf den wir als Gemeinschaft der Glaubenden zugehen.

Es kann uns aber auch ein Wort des Trostes werden in Zeiten persönlicher Krisen, in denen Gott so unendlich weit weg zu sein scheint – in denen wir uns wie abgetrennt vom Weinstock fühlen. Denn auch in der Weinstockrede geht allen Aufforderungen eine Zusage Christi voraus. Christus hat uns zuerst geliebt. Er hat uns zuerst erwählt (V.16). Er nennt uns Freunde (V.15). Das ist die bleibende Wirklichkeit, auch wenn unser Gefühl uns etwas Anderes sagt. Gefühle können täuschen und deswegen sind wir eingeladen, in Jesus zu bleiben, durch Gebet (V.7), durch Festhalten an seinem Wort und den Geboten (V.7.10), und besonders durch die Liebe zueinander (V.12-13). Er lädt dazu ein, nicht damit wir, sondern weil wir durch all dies Frucht bringen. Denn die Bitte zu Gott – gerade auch die klagende und flehende Bitte oder die Fürbitte durch Glaubensgeschwister –, oder das verzweifelte Suchen nach einer Ansprache Gottes in seinem Wort – das ist Bleiben in seiner Liebe. Manchmal ist es ein Festhalten an der Liebe Gottes gegen das eigene Gefühl bis die ewig gültige Zusage Jesu wieder das eigene Herz erreicht: „Wie mich der Vater liebt, so liebe ich Dich!“
   
Christian Wehde
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Neues Testament an der Theologischen Hochschule Elstal

Februar 2016

„Und wenn ihr beten wollt und ihr habt einem anderen etwas vorzuwerfen, dann vergebt ihm, damit auch euer Vater im Himmel euch eure Verfehlungen vergibt.“ (Markus 11,25)

Der Glaube an Christus rettet allein, zu dem wir jederzeit nach freiem Herzen beten dürfen. Dieser Satz liest sich wie selbstverständlich und doch wirkt es in diesem Text so, als werden diese zwei Grundpfeiler des christliches Glaubens an Bedingungen geknüpft. Wer beten und Vergebung will, soll erst einmal selbst dem Anderen vergeben. Es hat eben doch alles seinen Preis!  -  Warum empört uns dieser Gedanke so? Eigentlich ist uns das christliche Prinzip, es mit seinem Nächsten (auch seinen Gegnern!) gut zu meinen ja schon hinreichend bekannt. Das Gebot der Feindesliebe (Mt 5, 43-48) ruft uns dazu auf unsere Feinde zu segnen statt zu hassen und noch deutlicher beten wir im Vater Unser:  „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“ (Mt 6,12). Inhaltlich liegt der einzige Unterschied wohl darin, dass die Stellen in Matthäus wie Ratschläge oder Aufforderungen wirken. Sie scheinen weniger radikal, da keine direkten Konsequenzen genannt werden. Überspitzt gesagt: Hier darf man über den Inhalt nicken, ohne ihn wirklich ausführen zu müssen. Dagegen lässt uns Markus 11,25 keine Wahl und macht zwei Dinge sehr deutlich:

1. Das Gebet ist keine Einbahnstraße, die bei uns beginnt und bei Gott endet.
Stattdessen sollen in der Gemeinschaft mit Gott auch wir selbst immer wieder angesprochen werden und uns und unser Handeln hinterfragen. Vergeben wir, wo wir um Vergebung beten? Verändern wir, wo wir um Veränderung beten? Unser Gebet soll auch Anspruch an uns selbst sein.

2. Das Gebet führt in die Gemeinschaft mit anderen Menschen.
Auch das privateste und intimste Gebet mit Gott hat unsere Mitmenschen im Blick. Wer sein Gebet im Zorn gegen den Nächsten missbraucht, der betet nicht recht. Stattdessen beinhaltet die Gemeinschaft mit Gott auch den Willen zur liebevollen Gemeinschaft mit den Menschen.
Dieser radikale Aufruf zur Vergebung, zur Veränderung und zur Gemeinschaft kann auf einer seelsorgerlichen Ebene jedoch sehr verstörend sein. In Momenten tiefster physischer oder psychischer Verletzungen  scheint es makaber, wenn das Opfer auch noch zusätzlich um die Vergebung Christi bangen muss, nur weil es nicht vergeben kann. Eine solche Auslegung wäre nicht nur unbarmherzig, sondern auch unbiblisch. Wer momentan nicht vergeben kann wird hier nicht dazu genötigt durch ein erzwungenes Lippenbekenntnis seine eigene Haut zu retten. Vielmehr kann es nur die Kraft Christi bewirken, dass wir vergeben können. Manchmal von einem Moment auf den Anderen, manchmal in langen, schmerzhaften Prozessen. Doch auch das leidvolle oder klagende Gebet „Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?“ (Psalm 13,3) kann ein Schritt zur Leidbewältigung und ein Schritt hin zur Vergebung sein. Darum sollen wir beständig in dieser Haltung weiter beten, dass Gott auch uns im Gebet verändern will. Denn so passiert es, ohne dass wir es gleich merken, dass das Gebet unseren Nächsten und die Welt verändert, aber am allermeisten uns selbst.
                 
Markus Höfler
Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Rektoratsassistent

Januar 2016

Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit (2Tim 1,7)

Manche Situationen sind einfach zum Verzweifeln! Von Verzagtheit ist hier im Brief an Timotheus die Rede. Timotheus ist der engste Mitarbeiter des Apostels Paulus. Gleich mehrfach wird er mit anstrengenden Aufgaben betraut. So musste er die Gemeindeglieder in Thessalonich stärken und sie im Glauben ermahnen (1Thess 3,2), als sie angesichts schwer einzuordnender Trauerfälle ratlos sind. Später soll Timotheus nach Korinth reisen, um in der dortigen Gemeinde daran zu erinnern, was der Apostel gelehrt hatte (1Kor 4,17). Was mochte ihn in Korinth wohl erwarten, wo manche sich recht aufgeblasen über die Abwesenheit des Paulus freuen – frei nach der Devise: „Der Himmel ist hoch und der Apostel ist weit; alles ist mir erlaubt!“ Schlägt dem Paulus schon aus der Ferne Hochmut seiner Gegner entgegen, wie würde es erst seinem Gesandten vor Ort ergehen? Da kann einem schon angst und bange werden. Bereits aus diesen wenigen Hinweisen entsteht ein Bild: Timotheus ist ein Mitarbeiter für schwierige Missionen. Wenn Paulus selbst nicht eingreifen kann, dann sendet er diesen Mann, den er sogar als seinen Sohn bezeichnet (1Tim 1,2 vgl. Phil 2,19-24). Ob der die schwierigen Situationen immer gut meistern konnte, wissen wir nicht. Das Stichwort Verzagtheit deutet eher in eine andere Richtung. In dem ermutigenden Wort des Paulus spiegelt sich ein Mitarbeiter, dem angesichts großer Herausforderungen die Kraft schwindet, der nicht weiß, wie es weitergehen soll und der an die Grenzen seiner Möglichkeiten gekommen sein mag. Ja, seiner Möglichkeiten und Kräfte. Aber eben nicht Seiner Kraft. Paulus erinnert seinen Mitarbeiter daran, dass die unerschöpfliche Quelle an Kraft, Liebe und Besonnenheit außerhalb unserer selbst liegt. Gott wird uns davon geben, immer wieder neu und frisch. Er will und wird unseren Mangel ausgleichen, so wie Jesus Christus die Mühseligen und Beladenen zu sich ruft, um sie zu erfrischen. Gottes Erfrischungen für Leib, Seele und Geist dürfen wir für jeden Tag neu erbitten. Dies können wir uns mit dem Wort des Paulus an Timotheus zusprechen lassen – oder es mit der Ermutigung eines Propheten einander zusingen: „Seid nicht bekümmert, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke“ (Neh 8,10).

Dr. Carsten Claußen
Professor für Neues Testament an der Theologischen Hochschule Elstal

Jahreslosung 2016

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet (Jes 66,13)

Dieser zur Jahreslosung für das Jahr 2016 gewählte Vers steht in einem Kontext von Versen, die alle Gottes Heilshandeln mit weiblichen Bildern beschreiben: Eine Frau bringt einen Sohn ohne Wehen zur Welt (V.7). Ein ganzes Volk wird geboren, noch bevor die Wehen einsetzen (V.8). Dabei betätigt sich Gott selber als Hebamme, die für eine gute Geburt sorgt (V.9). Die darauf folgende Freude wird mit einem Baby verglichen, dass aus der Mutterbrust Trost und Nahrung saugt und sich an der Muttermilch satt trinken kann (V.10f). Und wie Kinder auf den Armen genommen und auf den Knien geschaukelt werden möchten (V.12), wenn ihnen etwas fehlt, so will Gott selbst Trost spenden. Eben wie es eine Mutter tut, die ihre Kinder tröstet und beruhigt (V.13).
Mit ihrer mütterlich-weiblichen Bilderwelt bieten diese Verse am Ende des Jesajabuches eine wichtige Ergänzung zu den ansonsten eher maskulin geprägten Gottesbildern der Bibel. Der, der sich um sein Volk sorgt, ist nicht nur ein starker Herrscher und ein machtvoller Souverän. Er kann auch ganz nahbar und weich sein, ganz liebevoll und Trost spendend. Während viele männliche Sinnbilder eher die Unnahbarkeit und Autorität Gottes symbolisieren, finden sich hier weibliche Bilder vom Gebären, Trösten und Ernähren. Sie erinnern uns an Urerfahrungen unserer frühesten Kindheit: Die Mutterbrust, die unseren Hunger stillte, die Wärme und der beruhigende Herzschlag unserer Mutter, an die wir uns kuscheln durften, wenn wir aus Albträumen aufwachten. Arme, die uns hochhoben und nach Hause trugen, wenn wir hingefallen oder müde waren, oder die Knie, auf denen wir Hoppe-Hoppe-Reiter spielen konnten, auch das sind Bilder für Gott und seine Art, uns tröstend nahe zu kommen.
Diese Verse sind in einer Zeit verfasst worden, in der nur Männer die Theologie Israels schrieben. Und so ist es kein Wunder, dass sie für Aussagen über Gott meist männliche Bilder verwendeten. Umso bemerkenswerter aber sind Verse wie die diesjährige Jahreslosung. Hier zeigt sich, dass sich Israel sehr wohl bewusst war, dass ihr Gott kein starker Mann im Himmel ist. Es gehörte zu Israels Glaubenstraditionen, dass ihr Gott Männer und Frauen in gleicher Weise als göttliches Ebenbild erschaffen hatte und daher auch in weiblichen Bildern angemessen beschrieben werden konnte. Gottes Wirken ist auch für uns heute väterlich-mütterlich oder brüderlich-schwesterlich deutbar, je nachdem, welche Erfahrungen wir mit Vater, Mutter und unseren Geschwistern verbinden. Bei wem auch immer wir in unserem Leben Trost und Güte erlebt haben, wer auch immer uns Halt und Sicherheit geschenkt hat, als wir Trost und Schutz brauchten, darf für uns ein Sinnbild für diesen tröstenden und liebenden Gott sein, der uns zuspricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Und wo immer wir uns als Frauen oder Männer den Bedürftigen, oder als Väter oder Mütter unseren Kindern liebevoll, stärkend und tröstend zuwenden, repräsentieren wir diesen Gott, der uns in liebevoller Weise umsorgt.

Dr. Ralf Dziewas
Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie an der Theologischen Hochschule Elstal

2015

Dezember 2015

Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden. (Jes 49,13)

Der Prophet ist außer sich vor Freude, denn er sieht, wie Gott in das Elend seines Volkes eingreift. Noch ist es nicht so weit; noch fristet das Volk sein Dasein im Exil in Babylon, aber der Prophet sieht schon das Licht am Horizont: Bald dürfen sie nach Hause gehen, nach Jerusalem, nach 40 Jahren im Exil. Es ging den Israeliten äußerlich nicht schlecht in Babylon. Sie bauten Häuser, legten Gärten an, hatten ihren Alltag, ihr Einkommen.

Aber in ihrer Seele, in ihrem Glauben waren sie verzagt: Sie konnten einfach nicht fassen, dass ihr Gott zulassen konnte, dass Jerusalem erobert und der Tempel zerstört wurde. Waren nicht doch die Götter der Babylonier stärker und größer als der Gott Israels? Die Propheten erklärten diese Katastrophe mit dem schuldhaften Verhalten Israels: Das Ganze sei eine Strafaktion Gottes gewesen; man müsse sich zu seiner Schuld stellen und umkehren.

Nun die Ankündigung: der Gott Israels wendet das Schicksal, er schenkt die Heimat zurück, - und Erleichterung und Trost machen sich breit. So begeistert ist der Prophet, dass er die ganze Schöpfung in seine Freude einbezieht. Wenn Gott kommt, sind nicht nur einige Menschen betroffen, sondern alle! Nichts und niemand bleibt von der kommenden Gott der Befreiung unberührt.

Genau diese Bewegung steckt auch in der Geschichte, auf der wir in den Wochen vor Weihnachten zuleben: In Jesus kommt Gott in die Welt, als Bruder der Menschen, um Heilung und Erlösung in unser geschundenes Leben zu bringen. Noch sind wir nicht geheilt, noch sind wir oft böse, noch ist nicht alles gut! Aber Gott sieht uns mit anderen Augen an: Er sieht uns durch Jesus hindurch, der für unsere Schuld und in unser Leid hinein sterben wird.

Wenn wir das Evangelium hören und an Jesus festhalten, dann sehen wir auch den Lichtstreifen am Horizont. Die Sonne wird aufgehen, auch wenn es noch Nacht ist. Darum können wir jetzt schon Lieder der Freude singen, zuerst leise vielleicht und dann immer lauter werdend. Und in unserer Freude über den sich erbarmenden Gott werden wir die Menschen um uns herum mithineinnehmen, hoffentlich!

Michael Kißkalt
Rektor der Theologischen Hochschule Elstal

November 2015

Erbarmt euch derer, die zweifeln. (Jud 22)

Hätten Sie das gedacht? Auch in neutestamentlichen Gemeinden gab es Leute, die Zweifel hatten! Freilich: Der methodische Zweifel, der für unser neuzeitliches Denken so wichtig geworden ist, war damals noch unbekannt – auch außerhalb der Christenheit. Dass man sich mit überlieferten Gewissheiten nicht einfach zufrieden geben soll, sondern kritisch fragen, ob sie zureichend begründet sind, war die Kernforderung erst der Aufklärung, ohne die moderne Natur- und Geisteswissenschaften, auch die Theologie, nicht mehr denkbar sind. Die kritische Nachfrage hält unser Denken und Handeln in Bewegung.

Der Zweifel, von dem im Neuen Testament gesprochen wird, ist anderer Art, aber uns ebenfalls gut bekannt. Dieser Zweifel tritt auf, wo ein Mensch zwischen Für und Wider hin- und hergerissen ist, wo er nicht weiß, wem er Recht geben und wofür er sich entscheiden soll. Das griechische Wort, das in unserem Monatsspruch für „zweifeln“ steht, hat die Grundbedeutung „mit sich im Streit liegen“. Ein solcher Zweifler ist innerlich zerrissen.

Die Situation, in die der Judasbrief hineinspricht, ist ein schwerer innergemeindlicher und übergemeindlicher Konflikt, in dem der christliche Glaube insgesamt auf dem Spiel steht. Judas hat Christen vor Augen, die für ihn gefährliche Irrlehrer sind, aber die doch sehr viele Gläubige auf ihre Seite gezogen haben. Es gab also Anhänger der neuen Richtung, es gab standhafte Vertreter der Apostelüberlieferung, und es gab die Zweifler, die sich nicht entscheiden konnten.

Wie sollen die entschiedenen Christen mit diesen Unentschiedenen umgehen? Judas sagt: Erbarmt euch ihrer! Nehmt euch ihrer helfend an! Macht ihnen also keine Vorwürfe und gebt sie nicht vorschnell verloren! Helft ihnen vielmehr zu einer klaren und richtigen Entscheidung. Und was kann in dieser Situation helfen? Natürlich nur überzeugende Argumente! „Erbarmt euch derer, die zweifeln“, bedeutet also: Sucht das Gespräch, geht auf kritische Fragen geduldig ein und gewinnt die Unsicheren mit der Kraft des besseren Arguments. Das ist intellektuelle Barmherzigkeit, die auch heute gebraucht wird.

Uwe Swarat
Professor für Systematische Theologie

Oktober 2015

Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? (Hiob 2,10)

Hiob gibt ein jämmerliches Bild ab. Er hat seinen Besitz und seine Kinder verloren und nicht genug, er hat „bösen Ausschlag“ (1,7). Vom Scheitel bis zur Sohle ist Hiob krank und unansehnlich. Ein gutes Leben ist nicht erkennbar. Das Gute, das er empfangen hat – kinderreich und „reicher als alle, die im Osten wohnen“ (1,3) und dazu gläubig zu sein – es rückt in den Rückblick. Hiob – der Gerechte leidet. Hiob, der unschuldig ist, erlebt Unheil. Der leidende Hiob ist eine Provokation für jede Lehre von Glück und Leiden.

Wer über Hiobsbotschaften im Leben ins Nachdenken über Gott kommt, steht vor einer Alternative: Kann ich auch die dunklen, unverständlichen Seiten meines Lebens mit Gott in Verbindung bringen? Ist es tröstlicher, wenn Gut und Böse miteinander kämpfen, man in das „Räderwerk des Bösen“ (Rüdiger Lux) gerät oder letztlich alles aus Gottes gütiger Hand anzunehmen ist?

Hiob denkt über solche Fragen nicht am Schreibtisch nach als philosophisches Problem, sondern aus persönlicher Betroffenheit heraus. Der Leidende wagt es, sich einen Reim darauf zu machen, wie er sein Leid und sein Vertrauen zu Gott zusammen halten kann.

Die Frau Hiobs spielt eine eher unrühmliche Rolle. Sie selbst hat auch ihre Kinder verloren und ist betroffen von den Verlusterfahrungen Hiobs. Aber sie hat für Hiob nur einen negativen Rat: Gott abzusagen und zu sterben. Was bringt es ihm noch an seinem Gottvertrauen festzuhalten – so wie er in der Asche sitzt? Hiob widerspricht energisch mit den berühmten Sätzen von Hiob 2 Vers 10. „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“

Wenn sich ein Leidender so äußert, dann ist dies mit Respekt zu hören! Ein Lebender, der Böses im Leben aus der Hand Gottes annehmen kann, ist ein Zeugnis. Ein Zeugnis für großes Gottvertrauen in dunklen Tälern begleitet zu sein. Ein Zeugnis dafür, eine Adresse für Klage und Anklage zu haben, nämlich Gott selbst. Ein Zeugnis dafür, dass es immer das Beste ist, in Gottes Hand zu fallen, als in irgendeine andere.
Hiob steht mit diesem Glauben nicht alleine da. Die Glaubensüberzeugungen des weisen Predigers führen zu einer ähnlichen Botschaft: „Am guten Tag sei guter Dinge, und am bösen Tag bedenke: Diesen hat Gott geschaffen wie jenen, damit der Mensch nicht wissen soll, was künftig ist.“ (Prediger 7,4).

Den Umgang mit Hiobsbotschaften gibt es nicht auf Rezept. Es gibt vielfältige biblische Wege. Der Weg von Hiob 2,10 bekennt sich zum Glauben an Gott in allen Lebenslagen.

Michael Rohde
seit Oktober 2015 Pastor der EFG Hannover Walderseestraße

September 2015

Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. (Mt 18,3)

Wie ein Kind werden – damit verbinden sich in der Auslegungsgeschichte zu diesem Vers unterschiedliche Vorstellungen. Christinnen und Christen sollen sich kindliche Eigenschaften wie Sanftmut, Bescheidenheit, Einfältigkeit zu Eigen machen. Auch Enthaltsamkeit und bescheidenes Leben wurden damit assoziiert, oder die Hörigkeit gegenüber Eltern und Lehrern, die Lernbereitschaft, das grenzenlose Vertrauen zu den Eltern, die kindliche Naivität. Der Exeget Ulrich Luz hat dazu treffend formuliert, dass diese Vorstellung vielmehr spiegeln, wie ein Kind sein sollte und nicht, wie es tatsächlich ist. Und wer eigene Kinder hat oder intensiver mit Kindern zu tun hat, der kann dem sicherlich zustimmen: bohrende Fragen und Wissen wollen statt kindlicher Naivität, – eine Trotzphase nach der nächsten statt kindlicher Hörigkeit gegenüber den Eltern, – aktives Einfordern von Zeit, Zuneigung, Anerkennung, Süßigkeiten, – neuen Spielsachen statt Bescheidenheit und Einfältigkeit, – häufige Geschwisterstreitigkeiten statt Sanftmut.

Für das Verständnis dieses Verses hilfreich ist die Frage, wie Kinder im antiken Judentum zur Zeit Jesu gesehen wurden. Einerseits wurden sie als Gottesgeschenk betrachtet. An ihnen zeigt sich der Segen Gottes für die Eltern. Andererseits aber galten sie nur als unfertige Menschen. Sie waren keine voll einsetzbaren Arbeitskräfte und existentiell von der Versorgung durch die Familie abhängig. Ebenso waren sie noch unmündig in Fragen des Glaubens und des ethischen Handelns. Kindheit wurde als defizitäre Lebensphase angesehen, die möglichst bald zu überwinden sei. Die Lebenssituation von Kindern lässt sich daher sehr gut mit dem Begriff der Niedrigkeit beschreiben. Kinder waren damit nicht nur äußerlich sondern auch innerlich klein und machtlos und damit auch unbedeutend. Jesus hingegen stellt die Kinder als positives Beispiel in den Mittelpunkt und spricht ihnen damit gleichzeitig besondere Bedeutung und Relevanz zu.

Ihre Lebenssituation steht Jesus vor Augen, wenn er seinen Jüngern erklärt, dass die „Eintrittskarte“ für das Himmelreich das „werden wie die Kinder“ ist. Damit fordert er ein Leben wider die Maßstäbe der damaligen Gesellschaft. Er erwartet von seinen Jüngern, dass sie klein, machtlos, ja „unbedeutend“ werden sollen, so wie eben ein Kind damals wahrgenommen wurde. Wie sich das im Leben konkretisieren soll, wird in den nachfolgenden Textabschnitten erkennbar, beispielsweise durch Vergebungsbereitschaft statt Beharrung auf dem eigenen Recht (Mt 18,15-35), durch Verzicht auf eigenen Wohlstand zugunsten der Bedürftigen (Mt 19,16ff) oder durch Verzicht auf Hierarchien und damit verbundene Ehre (Mt 20,26-28; 23,11).

Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu sollen damit bewusst nach Maßstäben leben, die im Widerspruch zur damaligen Gesellschaftsordnung standen. Es sind Maßstäbe, die nicht auf das irdische Wohl und den Erfolg des Einzelnen zielen, sondern auf das Wohl des Nächsten und damit zugleich auf eine positive, wertschätzende, lebensförderliche Beziehung zwischen Menschen. Solch ein alternatives Lebenskonzept zu den gesellschaftlichen Maßstäben war nicht nur zur Zeit Jesu revolutionär. Das ist es auch heute in einer westlichen Gesellschaft, in der individueller Wohlstand und Erfolg Leitmaßstäbe sind. Zu einem derart revolutionären Lebensstil sind wir als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu aufgefordert. Solch ein Leben steht unter der Verheißung der Teilhabe am Himmelreich. Und diese Verheißung gilt nicht erst für das Ende der Zeit. Denn dort, wo Menschen in Demut leben, sich selbst nicht so wichtig nehmen, den eigenen Wohlstand teilen, vergeben statt auf Recht zu beharren, andere Menschen höher achten als sich selbst, dort bricht das Himmelreich durch in unsere Welt. Und daher ist solch ein Leben in Niedrigkeit alles andere als unbedeutend.

Christian Wehde
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Neues Testament an der Theologischen Hochschule Elstal

August 2015

Jesus Christus spricht: Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben (Mt 10,16)

In Deutschland kommen nur wenige Schlangenarten vor, die alle unter strengem Naturschutz stehen. Schlangen zu schädigen steht hierzulande unter Strafe. Bei Begegnungen mit den seltenen Tieren macht man möglichst einen großen Bogen, damit sie sich wieder verkriechen können. Zur Zeit Jesu war das noch anders. Schlangen wurden nicht als wertvolle Naturbewohner, sondern einfach nur als Bedrohung wahrgenommen. Wer eine Schlange sah, schlug sie tot, wenn er irgend konnte. Eine Schlange zu erschlagen, ist allerdings gar nicht so einfach, da die Tiere auf Gefahr blitzschnell reagieren und mit großer Beweglichkeit entwischen. Wegen dieser Eigenschaft galten sie seit Urzeiten als besonders kluge Tiere, ja als „listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte“ (1. Mose 3,1). Die Jünger benötigen für die gefährliche Aufgabe, zu der Jesus sie aussendet, die Wachsamkeit und Wendigkeit der Schlangen. Sie werden Menschen begegnen, die auf die Verkündigung des Reiches Gottes mit Gewalt reagieren werden, so wie man zum Schlag ausholt, wenn man eine Schlange sieht.

Als moderner Stadtbewohner habe ich keine günstige Meinung von Tauben, aber auch hier lagen die Verhältnisse in der Welt der Bibel anders. Tauben waren das beliebteste Zuchtgeflügel. Im Gegensatz zu den Schlangen galten Tauben als besonders dumme und harmlose Tiere. Die Einfalt der Tauben ist laut dem „Physiologus“, einer frühchristlichen Schrift über die in der Bibel erwähnten Tiere, daran zu erkennen, dass man ihnen immer wieder die frischgelegten Eier wegnehmen kann und sie sich jedesmal ganz unverdrossen daran machen, ein neues Nest zu bauen und neue Eier zu legen. Weil Tauben so zärtlich gurren, galten sie als besonders sanft. Das verband man mit der Beobachtung, dass Tauben keine Gallenblase haben. In der Antike nahm man nämlich an, dass die übermäßige Beimischung von Gallenflüssigkeit im Körper zu Jähzorn führe. Die Charakterisierung, die Jesus bei den Tauben im Blick hat, lautet im griechischen Text „unvermischt“. Im Deutschen könnte man das Wort präzise als „lauter“ übersetzen.

Wenn diese historisch-zoologischen Detailbeobachtungen in die richtige Richtung gehen, sagt Jesus also nicht etwa, seine Jünger dürfen hinterlistig wie die Schlangen und dumm wie die Tauben sein, sondern genau das Gegenteil. Die Verkündiger des Evangeliums müssen Geschicklichkeit und Geistesgegenwart an den Tag legen, sollen dabei aber keine faulen Kompromisse schließen, ihre Botschaft nicht kompromittieren. Was Jesus seinen Jüngern angesichts von unmittelbar drohender Gefahr und Verfolgung gesagt hat, als er sie wie die „Lämmer mitten unter die Wölfe“ sandte (noch mehr Tiervergleiche!), soll auch von solchen Gemeinden der Jesusjünger gehört werden, die in Ruhe und Sicherheit leben dürfen. Im Vers, der dem Monatsspruch unmittelbar folgt, warnt Jesus: „Hütet euch vor den Menschen.“ Vor wem eigentlich? Vielleicht vor uns selbst, vor unserer eigenen Neigung zur Trägheit, wo Wachheit und Wendigkeit am Platz sind, und zum faulen Kompromiß, wo Eindeutigkeit gefragt ist.

Prof. Dr. Martin Rothkegel
Professor für Kirchengeschichte an der Theologischen Hochschule Elstal

Juli 2015

Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen. (Mt 5,37)

„Alter, isch schwör dir, isch mach dich …“, so hört man es allenthalben im Kiezdeutsch, besonders in Berlin. Und nicht nur von Jugendlichen mit türkischem oder arabischen Hintergrund, zunehmend auch von deutschen. Dem „Schwur“ folgen eine Drohung oder Beleidigung, oft aber nur eine belanglose Aussage. Der so „Schwörende“ will dem, was dann folgt, Nachdruck verleihen oder mehr noch die eigene Wichtigkeit herausstellen.

Derart inflationäres Schwören gab es auch zur Zeit Jesu. Einer schwört, dass er isst, schläft oder nicht schläft, ein Steinchen ins Wasser wirft und allerlei anderes Banales. Weit weg von der ursprünglichen Bedeutung des Schwurs, gedankenlos, und doch von Übel. Nicht weniger böse war das berechnende Vorgehen der Frommen, welche Art von Eid unverbindlich sei: „beim Tempel oder beim Altar zu schwören“, und welche denn verbindlich: „beim Gold des Tempels oder beim Opfer, das auf dem Altar liegt, zu schwören“. (Mt 23,16ff)

Dem Schwören jeder Art gebietet Jesus Einhalt. Nicht nur den Meineid verbietet er in diesem Abschnitt der Bergpredigt „Über das Schwören“. Jede Art ist zu verurteilen, ob banale oder ernste Bekräftigungsformel oder mit List erdachtes Schlupfloch. Die Alte Kirche wusste sich dieser Radikalität verpflichtet. Mit der Anerkennung der Christen durch Kaiser Konstantin wurden heidnische Eidformeln abgelehnt, aber eine Fülle erlaubter Formen „christlichen“ Eides gestattet. Die großkirchliche Tradition setzte sich über Jesu Verbot hinweg, täuferische Gruppen mit dem Eidverbot blieben Exoten.

Jesus fasst seine Ausführungen über das Schwören mit der Forderung nach klarer Ansage und verbindlicher Aussage zusammen: Ein JA sei ein JA, ein NEIN ein NEIN! Nichts dazwischen und nichts darüber hinaus! Jeder Schwur entwertet das einfache JA. Auf dieses ist dann kein Verlass mehr. Die Vielzahl der oft kreativen Eidesformeln (vgl. Mt 5,34-36; 23,16ff) führt zur unseligen gegenseitigen Überbietung, bei dem eins auf der Strecke bleibt: Die Wahrheit. Wahrheit lässt sich nicht steigern. „Wahrer“ als die andern oder gar „ganz wahr“ sein zu wollen geht nicht.

Leute mit einem einfachen Ja oder Nein sind Jesus am liebsten. Menschen, die sich nicht winden und drehen und herausreden, die einfach eindeutig sind, und klar. So klar wie der Vater im Himmel ist, so klar sollen auch die sein, die ihm folgen. Gott sagt JA, zum Menschen und zu seiner Schöpfung. Sein JA lässt sich an Klarheit nicht überbieten. Unter dem geht es aber auch nicht. Jesus will Menschen, die verlässlich sind, so wie Gott der Inbegriff von Treue und Verlässlichkeit ist. Wie können Christen von diesem Gott reden, wenn sie selber unklar bleiben?

Euer Ja sein ein Ja, ob Ihr es zu Gott als Antwort auf sein JA sprecht oder in den vielfältigen menschlichen Beziehungen. Mitunter braucht Klarheit Mut. Die Urlaubszeit bietet mehr als der Alltag Zeiten zum Innehalten und Erspüren, was das eigene klare Ja oder Nein erschwert. Auch zum Einüben dieser vergessenen Kunst der Eindeutigkeit und zur Freude über ein neues, befreites Miteinander, das daraus folgt. „Ehrlich, isch schwör!“

Olaf Kormannshaus
Olaf Kormannshaus lehrte bis Juni 2015 Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Juni 2015

Ich lasse Dich nicht los, wenn Du mich nicht segnest. (Genesis 32,27)

Jakob ist unterwegs, um seinem Bruder Esau nach vielen Jahren wieder zu begegnen. Er fürchtet sich vor dieser Begegnung. Wie wird Esau reagieren? Wird er ihm freundlich entgegen eilen oder trägt er ihm den Betrug um das Erstgeburtsrecht, um das väterliche Erbe, immer noch nach? Jakob ist gut vorbereitet. Er hat seinen Besitz schon aufgeteilt und will Esau großzügig beschenken. Seine Familie schickt er schon einmal vor. Er selber bleibt zurück.

Es wird Nacht. Unvermittelt findet sich Jakob in einem Kampf wieder. Mit wem er hier kämpft bleibt zunächst im Dunkel. Von einem Mann ist die Rede, aber wer ist dieser Mann? Ist es ein Mensch, der ihm hier an diesem Flussufer begegnet? Sind es seine eigenen Ängste, mit denen er ringt, mit denen er sich nun auseinandersetzen muss? Ist es ein Dämon oder ein Engel? Oder am Ende Gott selbst?

Jakob ist ein starker Gegner. Lange kämpft er mit dem Mann - bis der Morgen kommt. Doch das herannahende Tageslicht zwingt den Gegner zu gehen. Auf einmal hat er es eilig, er will fort. Er vermag Jakob nicht zu besiegen und so macht er ihn wenigstens kampfunfähig, verletzt ihn an seiner Hüfte. Aber noch immer ist Jakob stark und ringt mit seinem Gegenüber. „Lass mich los!“ Ein Satz gesprochen mitten im Kampf. Sollte Jakob nicht froh sein, wenn sei Gegner weggeht? Doch er hält ihn fest. Er hält an dem fest, der ihn verletzt hat. Jakob gibt nicht auf, gibt sich nicht geschlagen. Er ist kein Verlieren. Mit Gewinn will er aus diesem Kampf hervorgehen. Einen Segen will er für sich. Die Kraft, die sich jetzt noch gegen ihn wendet, will er zum Guten nutzen.

Der Fremde kann sich nicht einfach aus dem Staub machen, sich nicht davon schleichen. Also bekommt Jakob etwas. Er bekommt einen neuen Namen: Israel. Die Kraft, die sich gegen ihn gewendet hat, wird fortan mit ihm sein. Aus dem Gegner wird der Verbündete. Der Fremde kämpft für ihn, so könnte man den Namen „Israel“ verstehen. Und nun will Jakob doch endlich wissen, mit wem er es zu tun hat: „Sag mir deinen Namen.“ Doch der Fremde nennt seinen Namen nicht, bleibt weiterhin im Verborgenen. Aber er segnet Jakob. Jakob ist nicht der Gewinner und doch zieht er Gewinn aus dieser schwierigen Situation. Und er hat eine Ahnung, mit wem er zu kämpfen hatte, denn jetzt gibt er einen Namen. Er benennt den Ort: Pnuel - Angesicht Gottes. Jakob ist sich sicher: Er hat Gott gesehen und trotzdem überlebt.

Wenn dann der Morgen kommt, ist er stärker geworden, trotz seiner Verletzung. Das Morgenlicht zeigt einen Gesegneten, der darauf vertrauen kann, dass Gott selbst seine Kraft für ihn einsetzt.

Dr. Andrea Klimt
Professorin für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Mai 2015

Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt. (Phil 4,13)

„Alles vermag ich“ – das ist ein stolzer Satz. Zumal wenn er von jemandem stammt, der als Gefangener hinter Gittern sitzt. „Alles vermag ich“ –  das ist aber auch ein zutiefst demütiger Satz. Denn er steht nicht allein. Er wird begründet. Und auf die Begründung kommt es an: „Durch den, der mir Kraft gibt.“ Gemeint ist Jesus Christus. Es ist also kein plumpes Selbstvertrauen, das sich hier ausspricht. Es ist kein Zweckoptimismus nach dem Motto: Irgendwie stehen wir das schon durch. Und zugleich steht dahinter auch kein jämmerliches sich Verkriechen: Der Herr wird’s schon richten. Der apostolische Satz „Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt“, ist ein Satz, der die Freiheit des Glaubens atmet. Und die sagt weder, dass ich alles allein kann. Noch sagt sie, dass ich gar nichts kann. Es ist bemerkenswert, dass im Neuen Testament durchaus von menschlicher Stärke, ja sogar Macht die Rede ist. Und davon, dass der glaubende Mensch davon Gebrauch machen darf und soll. Freilich ist dabei völlig klar, dass es sich hier um eine verliehene Macht und Stärke handelt. Um Recht und Vollmacht also, die man sich nicht selbst geben kann.

Wozu macht uns die verliehene Kraft stark? Dazu, etwas zu wagen. Ja, Christen dürfen etwas wagen und um Gottes willen etwas Tapferes tun. Aber auch: Etwas von anderen zu empfangen. Denn um etwas anzunehmen – zum Beispiel Hilfe von außen, braucht man manchmal mehr Kraft als zum Geben. Und natürlich auch: Etwas auszuhalten, wenn es ertragen werden muss. Um schwierige Mitmenschen zu ertragen, braucht man manchmal unerhört viel Kraft.  

Was ist das für eine Kraft, die uns gegeben wird und durch die wir etwas vermögen? Es ist die Liebe Christi, die er mit uns teilt. Sie ist kein Zaubertrank, sondern eine personale, geistliche Macht, die eine neue Gesinnung in uns schafft. Eine Gesinnung aus der Kraft der Liebe Gottes, die gerade darin allmächtig ist, dass sie alles erträgt und nicht das Ihre sucht, sondern das des Andern. Und die als Gottes Kraft letztlich sogar stärker ist als der Tod.

Dr. Volker Spangenberg
Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Apri 2015

Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen! Mt 27,54 (L)        

Was für ein kühner Satz – gesprochen von einem Heiden. Mehr noch – gesprochen von einem römischen Soldaten. Dabei galt seine Treue einem anderen Gottessohn – dem römischen Kaiser. Sein Bekenntnis ist unerwartet – nach menschlichen Erwägungen fast deplatziert. Denn es ist kein Einstimmen in den feierlichen Ruf der Massen „Hosianna Davids Sohn“ als sie Jesu Weg mit Palmenzweigen säumten. Ihre Rufe waren längst in das „Kreuzige ihn!“ umgeschlagen.  Selbst den Jüngern hat das Kreuz den Glauben geraubt. Petrus sagte einmal voller Überzeugung: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16, 16). Von ihm fehlt auf Golgatha jede Spur. Der Hauptmann fällt sein Urteil im Anblick eines Gesichtes, das unter einer Kruste aus Blut, Schweiß und Schmutz zu einer schmerzerfüllten Grimasse verzerrt ist. Als sich niemand zu entsinnen scheint, dass jener, der dort so armselig stirbt, der Retter, der König, der Messias sein soll, fällt es dem Hauptmann wie Schuppen von den Augen: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“

Was hat diesen Hauptmann so in seinen Grundfesten erschüttert? Auf Golgatha, wo der höchste von Allen erhaben über den Köpfen der Massen armselig stirbt, begreift er das paradoxe und zugleich (er-)lösende Moment des Kreuzes. Auf der Schädelstätte wird Gottes Weg zu den Menschen ein brutales Ende gesetzt. Jesus der Christus wird geschlagen und ausgepeitscht, bespuckt und mit Hass und Häme überschüttet. Er wird in die unendliche Ferne des Todes gestoßen. Und Gott antwortet mit seiner ganzen Herrlichkeit. Dunkelheit umhüllt das Kreuz, ein mächtiges Beben erschüttert die Erde, Felsen werden zerschmettert und Gräber öffnen sich. All diese Erschütterungen kündigen im Alten Testament Gottes mächtiges Kommen zum Gericht an. In der Todesstunde offenbart sich Gott selbst und bekennt sich zu jenem Jesus, der von den Menschen verworfen wurde. So hält Gott Gericht. Er richtet die Ignoranz, den Hass und die Hartherzigkeit der Menschen. Sein Urteil, das über die Menschen hereinbricht, geschieht am Kreuz. Doch es kreuzigt die Menschen nicht. Es stößt sie nicht in die Ferne und verdammt sie nicht zum Tode. Es zerreißt symbolisch den Vorhang im Tempel, der die verlassene Wohnung Gottes unter den Menschen verhüllte. Alles was zwischen Gott und Mensch stand ist hinweggenommen. Auf unsere Ablehnung antwortete Gott mit Annahme, auf unseren Hass mit Vergebung, auf Jesu Tod mit ewigem Leben.

Das ist erschütternd, besonders für alle, die in der Logik von Strafe und Vergeltung gefangen sind – so wie der Hauptmann am Kreuz. Gottes Gericht am Kreuz lässt nicht die Welt vergehen – es verkehrt sie: Wo Gottes Zorn wieder den Menschen lodern müsste, wird seine Liebe zu seinen Geschöpfen neu entzündet. Statt uns den Rücken zu zukehren, blickt Gott uns freundlich an. Das ist die Gerechtigkeit des Kreuzes. Sie bringt die Welt des Hauptmanns ins Wanken, bis sie in sich zusammenbricht. Nicht der Kaiser und das römische Heer mit ihren ruhmvollen Siegen und ihrem Recht haben der Welt den letztendlichen Frieden und Gerechtigkeit gebracht, sondern der armselige Tod von Jesus am Kreuz. Seit jenem Tag hat unsere Welt so viel Unrecht gesehen und unzählige Tage haben die Menschen den Zorn Gottes herbeigeschrien. Doch die Antwort ist bis heut gleich geblieben: Das Kreuz und seine Versöhnung. Sie wollen auch uns ins Wanken bringen, bis wir voller Ehrfurcht bekennen: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“

Sebastian Gräbe
Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie am Theologischen Seminar Elstal (FH).

März 2015

„Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?“ (Röm 8,31)

Wenn ich nur ein Kapitel der Bibel behalten dürfte, ich würde mich vermutlich für das achte Kapitel des Römerbriefes entscheiden. Dieses Kapitel beschreibt wie kein anderes die Heilsgewissheit, die der christliche Glaube schenkt. Es beginnt mit der Aussage: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“ (Röm 8,1) Und es endet mit dem großartigen Bekenntnis: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn“ (Röm 8,38f).

Zwischen diesen Eckversen schreibt Paulus von der Sendung des Sohnes Gottes in die Welt, beschreibt er die Überwindung der Sünde durch die befreiende Wirkung des Heiligen Geistes und verkündigt er die Hoffnung auf die Auferstehung zu ewigem Leben und die Erlösung der gesamten Schöpfung. Und nach all diesen wichtigen Glaubens- und Hoffnungsworten steht als Fazit der Monatsspruch für diesen März: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?“ (Röm 8,31)

Diese Frage ist im Kontext des achten Kapitels des Römerbriefes eine rein rhetorische Frage, denn die Antwort ist klar: Niemand! Wenn Gottes Liebe zu uns so groß ist, dass er uns seinen Sohn schenkt, um uns von Sünde, Schuld und Tod zu befreien, wer sollte dieses Heilswerk Gottes ungeschehen machen können? Die Antwort ist: Niemand! Wenn Gott uns freispricht, wer könnte uns verurteilen? Niemand! Wenn der, der für uns gestorben ist und unsere Sündenschuld getilgt hat, für uns als Anwalt eintritt, wer könnte uns dann noch erfolgreich verklagen? Niemand! Und wenn der Satan selbst als Ankläger aufträte, er hätte keine Chance gegen die vergebende Liebe Christi. Das ist die zentrale Gewissheit unseres christlichen Glaubens: Selbst wenn unser Gewissen uns verurteilt oder Menschen über uns den Stab brechen, wir dürfen dennoch gewiss sein, dass Gottes Liebe zu uns größer und mächtiger ist als alle Sünde, alle Schuld, alles Leid und alle negativen Mächte und Gewalten die gegen uns antreten könnten. Deshalb liebe ich dieses achte Kapitel des Römerbriefes so. Es enthält Evangelium pur.

Dr. Ralf Dziewas
Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule)