Biblisch-theologische Bezüge

Evangelisation - Grundlegendes

Auf der Suche nach einem neuen Zugang zum Thema „Evangelisation“ sind die biblischen Grundlinien von der Sündenverfallenheit des Menschen, vom rettenden Eingreifen Gottes und von der notwendigen Glaubensantwort des Menschen relevant.

Der von Gott geschaffene und geliebte, aber doch in Schuld und Leid verlorene Mensch

Die von Gott geschaffenen Menschen leben nicht so, wie es ihrem Ursprung und ihrer Bestimmung entspricht. Die Entfremdung des Menschen von Gott und seinen Mitmenschen zerstört die eigentliche Bestimmung des Menschen. Alle Menschen leben in Sünde, in innerer und äußerlicher Verlorenheit (Mk 2, 1-10; Röm 2+3). Diese Verlorenheit zeigt sich nicht nur in manchen moralischen Verirrungen sondern auch in vielen Leidsituationen, aus denen sich der Mensch nicht selbst befreien kann. Die Verlorenheit des Menschen zeigt sich im Neuen Testament besonders in der Vereinzelung und Einsamkeit des Menschen. Das Lukasevangelium erzählt von den Kranken, den Sündern und Zöllnern, die aufgrund ihrer Krankheit, ihres Lebensstils oder ihrer politischen Kooperationen als von Gott bestraft oder vom Gottesvolk ausgeschlossen gelten (Lk 5,31f; 19,1ff). Getrennt von Gott und von den Menschen, nur mit sich selbst allein, ist der Mensch verloren.

Gottes Rettungstat

Gott möchte die Trennung, die zwischen ihm und seinen geliebten Menschen besteht, aufheben. Er ergreift die Initiative und lädt Menschen ein, sich mit ihm versöhnen zu lassen. Neutestamentliche Aussagen und Geschichten machen dies auf vielfältige Weise deutlich: Gott lädt ein (vgl. 2.Kor 5; Lk 14). Das Ziel der Einladung Gottes ist der „neue Mensch“, der sich als geliebtes Geschöpf Gottes versteht und in der versöhnten Gemeinschaft mit Gott und seinen Mitmenschen lebt. Um Menschen zu seinem Ziel hin zu bewegen, bittet Gott alle Menschen umzukehren und ihr Leben neu auf ihn auszurichten.

Gottes Rettungswort und die Antwort des Glaubens

Damit dies geschehen kann, müssen Menschen das Wort Gottes hören. Dann wird Glaube möglich. „Der Glaube kommt aus dem Hören auf die Predigt des Evangeliums!“ (Röm 10,14-17). Das Wortzeugnis der christlichen Gemeinde ist nötig, damit Menschen das Evangelium hören und darauf vertrauen können. Der Versöhnung, die Gott im Heilswerk Christi gewirkt hat, entspricht die Botschaft der Versöhnung, die sich bittend an die Menschen richtet (2 Kor 5, 19f). So besteht das Besondere der evangelistischen Verkündigung der Gemeinde, dass sie die Antwort des Glaubens zugespitzt thematisiert und dazu herausfordert.

Die Antwort des Glaubens als Umkehr

Die Antwort des Glaubens ist ganz menschliche Entscheidung und doch auch ganz Geschenk des Heiligen Geistes (vgl. Mk 1,15: Tut Buße, kehrt um! Joh 3,3: Neugeburt durch den Geist). Evangelisierende Christen bitten ihre Mitmenschen um die Antwort des Glaubens (2 Kor 5,20), sie laden dazu ein, doch dürfen sie auf keinen Fall Menschen zur Umkehr zwingen. Auf das Evangelium der Liebe Gottes ist nur die freie Antwort der Liebe möglich. Diese Umkehr kann sich in einem starken religiösen Gefühl zeigen, doch viel mehr in einer neuen Lebensorientierung: Menschen halten sich zur Gemeinschaft der Christen und bemühen sich um eine Lebensethik, die dem Evangelium entspricht.

Wortzeugnis und Tatzeugnis – Verkündigung und Barmherzigkeit

Menschen müssen das Evangelium nicht nur hören, sondern auch erleben. Schon bei Jesus gehören Worte und Taten immer zusammen. Die Predigt des Evangeliums und die Heilung der Kranken, Verkündigung und Barmherzigkeit sind wie zwei Seiten einer Medaille. Je nach Situation kann das eine oder das andere im Vordergrund stehen. Während die Gemeinde in ihrem diakonischen Tun zum Wohl des Menschen mit vielen anderen Werken und Menschen Hand in Hand zusammen arbeiten kann, ist der Auftrag der Verkündigung des Evangeliums das Proprium der christlichen Gemeinde.

Die Gemeinde ist Träger der Evangelisation

Evangelisation ist Aufgabe und Berufung der ganzen Gemeinde, in der das Evangelium Jesu gepredigt und gelebt wird. Dass die Liebe und die Gerechtigkeit Gottes bei den Menschen wirklich ankommen, hängt ab von der Offenheit von Gemeinden und der Atmosphäre der Liebe und des Angenommenseins in den Gemeinden. Einzelne Christen, die evangelistisch besonders begabt sind, können ihrer Berufung zum Zeugnis unter „Nichtchristen“ stark leben, wenn sie sich von der Gemeinde getragen und beauftragt wissen. Denn Menschen, die sich für das Evangelium öffnen, werden ihren Platz in der Gemeinde finden.

Evangelisation muss dem Evangelium, den Menschen und ihrer Situation angemessen sein

Evangelisation läuft immer über Beziehungen. Christen bezeugen ihren Glauben in dem Umfeld, in dem sie leben (1 Petr 3,15). Besondere evangelistische Aktivitäten der Gemeinde haben ihren Platz, wenn sie in ihrer Sprache und Art den Menschen und ihren Situationen angemessen sind. In Athen hielt Paulus eine philosophische Rede (Apg 17,16ff), in Korinth wirkte Paulus in Synagogen und Häusern (Apg 18), in Ephesus in einer Schule (Apg 19,9). Weil Menschen heute sehr nach Symbolen suchen, spielen in der Evangelisation zeichenhafte Handlungen wieder eine größere Rolle.

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