Ertan Cevik über die Situation der Christen in der Türkei
Ertan Cevik (43) ist Pastor des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden und arbeitet in einer Baptistengemeinde in Izmir, Türkei. Er wurde vom Evangelischen Arbeitskreis der CDU/CSU am 11. Juni nach Deutschland zu einem Gespräch mit dem Thema „Die um ihres Namens willen verfolgt werden – Verfolgung und Diskriminierung von Christen im 21. Jahrhundert“ eingeladen. In einem Interview mit Julia Grundmann (Referentin für Öffentlichkeitsarbeit des BEFG) berichtet er über seine Wahrnehmung der aktuellen Lage in der Türkei.
Julia Grundmann: Wie viele Christen gibt es denn in der Türkei?
Ertan Cevik: Schätzungen gehen von 120.000 Christen aus. Wahrscheinlich sind es aber eher 90.000. Die Mehrheit von ihnen sind Armenier – ca. 80%. Die zweitgrößte Gruppe sind die aramäischen Christen. Dann gibt es ca. 3000 Griechisch-Orthodoxe und einige katholische Christen.
Die meisten Christen leben und Großstädten, v.a. in der 16-Mio.-Einwohner- Stadt Istanbul.
Das hat den Grund, dass die Großstädte anonymer sind und der gesellschaftliche Druck auf die Christen nicht so hoch ist, wie in den Dörfern und Kleinstädten.
Seit wann besteht die Gemeinde in Izmir und wie groß ist sie?
Unsere Gemeinde wurde 1999 gegründet und hat zurzeit 32 Mitglieder.
Es gibt auch noch eine weitere Baptistengemeinde in Samsun am Schwarzen Meer. Sie besteht seit acht Jahren. Zu dieser Gemeinde haben wir guten Kontakt. Neben der Baptistengemeinde gibt es in Izmir aber auch andere Hausgemeinden, die von europäischen und amerikanischen Christen gegründet wurden. Als Pastoren und Gemeindeleiter treffen wir uns einmal im Monat, tauschen uns aus und beten füreinander.
Wie ist die Situation für die Christen in der Türkei?
Christen in der Türkei leben gefährlich. Das liegt aber nicht am türkischen Staat, sondern an den religiösen Fundamentalisten, die die Christen angreifen und bedrohen. Wenn der Staat nicht wäre, wäre es schwierig, in der Türkei als Gemeinde zu existieren, weil es Teile in der Gesellschaft gibt, die uns nicht gerne dort sehen.
Im April 2007 wurden drei Mitarbeiter des christlichen Zirve-Verlags im türkischen Malatya durch islamistische Extremisten ermordert. Einer von ihnen wurde in Izmir beerdigt. Die Baptistengemeinde wurde in dieser Zeit von der Presse massiv verunglimpft. Ertan Cevik und seine Familie bekamen Morddrohungen und erhielten Polizeischutz. Wie ist die Situation heute vor Ort?
Grundsätzlich hat sich die Lage beruhigt. Weil im November vergangenen Jahres aber bekannt wurde, dass wieder Attentate auf mich und die Gemeinde geplant wurden, hat der Staat seitdem die Sicherheitsmaßnahmen wieder verstärkt. Gerade, weil unsere Gemeinde sich in einem als Kirche gut erkennbarem Gebäude trifft und wir eine starke Öffentlichkeitsarbeit machen, ist dies besondern notwendig gewesen.
Wie reagieren die Gemeindemitglieder auf die ständige Bedrohung?
Als sich die Lage vor drei Jahren so zuspitzte, sind rund die Hälft unsere Gottesdienstbesucher nicht mehr gekommen. Sie kommen bis heute nicht. Es ist ihnen zu gefährlich.
Gibt es auch mutmachende Beispiele?
Ja, wir haben vor einiger Zeit islamische Geschäftsleute aus der Nachbarschaft der Gemeinde zum Frühstück eingeladen. Sie sind gerne gekommen. Zum Bürgermeister unseres Stadtteils haben wir einen sehr guten Kontakt.
Und innerhalb eines Jahres sind vier Leute neu zum Glauben gekommen. So dass wir im April und Mai zwei Männer und zwei Frauen taufen konnten.
Was muss geschehen, damit die Christen in der Türkei wieder sicherer leben können?
Der Staat muss dafür sorgen, dass das Christentum in den Schulbüchern neutral dargestellt wird. Auch in der Presse sollte nicht so negativ über die Christen berichtet werden. Es muss eine gesellschaftliche Entwicklung geben, dass die Christen nicht mehr als Bedrohung und Gefahr angesehen werden. Nur dann kann Religionsfreiheit auch gelebt werden.
Was können die Christen in Deutschland für die Christen in der Türkei tun?
Die Christen in Deutschland können für uns beten, dass Gott uns beschützt und bewahrt. Und dafür, dass wir – trotz aller Schwierigkeiten – die Nähe und Verbundenheit anderer Christen spüren. Wenn wir merken, dass viele hinter uns stehen, fällt es uns leichter, unseren Dienst für Gott weiterhin zu tun.
Vielen Dank für das Gespräch!
Wer die Gemeindearbeit in Izmir unterstützen möchte, kann gerne eine Spnde auf folgendes Konto überweisen:
Kontonr.: 33308
SKB Bad Homburg
BLZ 500 921 00
Verwendungszweck: P 45 205
Zum Thema Religionsfreiheit hat der Evangelische Arbeitskreis der CDU/CSU eine Resolution verabschiedet, die hier heruntergeladen werden kann: Resolution des EAK-Bundesvorstandes vom 11. Juni 2010
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