Biblische Bezüge

Flucht und Unruhe als Grundmotiv der Geschichte der Menschheit

Jeder Mensch ist als Ebenbild Gottes geschaffen, von Gott selbst gewürdigt und beauftragt, sein Lebensumfeld zu gestalten (Gen 1,27f). Gleichzeitig wirkt in und um den Menschen die Kraft der Sünde, die die Menschen von Gott und untereinander entfremdet (Gen 3) und ihn zu einem ruhelosen Wesen macht. Nach seinem Brudermord an Abel wird Kain als ständig Flüchtender beschrieben (Gen 4,12) und nach dem Versuch eines Turmbaus in die Sphären Gottes hinein zerstreuen sich die Menschen in alle Himmelsrichtungen (Gen 11,9). Auch der Beginn des Gottesvolkes Israel wird in der Person des Urvaters Abraham: als wandernder Aramäer (Dtn 26,5ff) in dieser Weise beschrieben und im täglichen Bekenntnis Israels ausgesprochen. Die Erfahrung des Fremdseins machte Israel vor allem in Ägypten, wohin Jakobs Familie nach einer Hungersnot in Palästina geflohen war (Gen 47,1). Anfangs wohlwollend aufgenommen, wurden sie doch mit der Zeit zu Sklaven der Ägypter, die sich durch die kinderreichen Hebräer gefährdet sahen (Ex 1,9). Durch ein wunderbares Eingreifen Gottes kamen sie von der Fronherrschaft in Ägypten frei, mussten aber über Jahre in der Wüste umherirren, bis sie im Land Kanaan eine neue Heimat fanden.

Den Fremden lieben wie dich selbst …

Die bitteren Erfahrungen des Fremdseins wirkten sich bis in die Gesetzgebung des entstehenden Israels hinein aus. Unter dem Hinweis auf die Erfahrungen ihres Fremdseins in Ägypten wird ihnen geboten, den Fremden in ihrem Land nicht zu unterdrücken (Ex 23,9). Er soll vielmehr die gleichen Rechte und Pflichten haben wie ein Einheimischer, ja sie sollen die Fremden lieben wie sich selbst (Lev 19,33f). Wie Gott die Schreie ihres Leidens in Ägypten gehört hat, so erweist er sich auch in Israel als Gott der Schwachen, und damit eben auch der Fremden (Ps 146,7-9). Aus diesem Grund stellt sich der Prophet Jeremia, als die Babylonier vor den Toren Jerusalems lagern, auf die Seite der Schwachen und Fremden und mahnt seine Landsleute zu einem gemeinschaftsgerechten Verhalten gegenüber den Fremden in der umzingelten Stadt (Jer 7,5f). Und selbst als die Israeliten in der Unterwerfung durch die Babylonier wieder zu Fremden in Babylon werden, ermahnt sie Jeremia, ihren Status des Exils anzunehmen und dort heimisch zu werden, ja, sogar die Ehe mit babylonischen Frauen und Männern einzugehen (Jer 29,5f).

… aber sich der eigenen Identität bewusst bleiben

Andererseits finden sich im Alten Testament Aussagen, die dazu mahnen, zu den Fremden auf Distanz zu gehen. Das gilt besonders dann, wenn die Identität Israels, in ihrer geschichtlichen und religiösen Beziehung zu dem Gott der Väter, gefährdet erscheint (z. B. 1 Kön.11,4f). Den Fremden zu lieben sollte nicht heißen, ihre Götter zu lieben. Besonders deswegen wandten sich die nachexilischen Propheten barsch gegen jede Art von ethnischer Vermischung (Esra 9f; Neh 13; Mal 2,10ff).

Gottes richtende und versöhnende Herrschaft über die Völker

Wirkliche Ausstrahlung in das Neue Testament hinein hatte allerdings die Vision von den Völkern, die zum Zion wandern, um dort Weisung und Gerechtigkeit zu erfahren (Jes 2,2ff; Micha 4,1-1-3). In den Psalmen (96,7ff) und im zweiten Teil des Jesajabuches (42,6; 49,6) wird Gottes Herrschaft über die Völkerwelt bekannt und gepriesen. Gottes Gericht und Gottes Erbarmen gilt allen Menschen gleich. Genau das hat Jesus gelebt, indem er sich in seinem Wirken der heidnischen Umgebung geöffnet hat (Mk 7,24ff). Genau dafür hat er sein Leben gelassen, damit die Mauern zwischen den Menschen niedergerissen werden und alle als Versöhnte vor Gott treten (Eph 4,11ff).

Die christliche Gemeinde unter den Völkern

Durch die Ausgießung des göttlichen Geistes wird der Fluch der Zerstreuung und der Sprachenverwirrung beim Turmbau von Babel aufgehoben (Apg 2). In Christus sind die vielfältigen Menschentypen in der christlichen Gemeinde vereint. Die irdische Existenz in ihrer Unterscheidung von Fremden und Einheimischen ist letztlich eine vorläufige (Hebr 13,14; 1 Petr: „Pilger“) und darum für Christen keine prägende. Christen sehen sich vielmehr von Jesus gesandt, dessen Sendung fortzusetzen (Joh 20,21), Gottes Liebe und Gerechtigkeit unter die Völker zu bringen (Mt 28,19f) und dabei stets ihre Grenzen zu überschreiten (Apg 1,8).

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