Persönliche und theologische Eindrücke aus Beirut

Runder Tisch der EBF zu Baptistengemeinden in sich verändernden Gesellschaften

Abschlussfeier Beirut Baptist School

Pastor Kashouh, Hadath Baptist Church

Kleiderkammer im zukünftigen Gottesdienstraum

Marienkapelle und Hariri Moschee

Synagoge

Teilnehmer des Runden Tisch

Im Juni reiste Prof. Dr. Michael Rohde (Theologisches Seminar Elstal) nach Beirut (Libanon), um an einem Runden Tisch der  Abteilung „Theologie und Bildung“ der Europäischen Baptistischen Förderation (EBF) teilzunehmen – Thema: Baptistengemeinden in sich verändernden Gesellschaften im Nahen Osten. Lesen Sie hier seine persönlichen Reiseeindrücke und eine Zusammenfassung der interessantesten Aspekte aus der inhaltlichen Diskussion. 

Persönlich haben sich mir von meinem ersten Aufenthalt in Libanon beeindruckende Bilder eingeprägt. Ich habe über 100 Kindergartenkinder vor Augen, die in weißen Gewändern und mit Hüten feierlich ihre Zertifikat zum Ende der Vorschule überreicht bekommen. Über 300 Erwachsene – von denen mehr als 90 Prozent Muslime sind – nehmen an der Feier in einer öffentlichen Halle teil und erleben, wie ihre Kinder als Absolventen der Beirut Baptist School christliche Kinderlieder vortragen und zu Anfang der Feier gebetet wird. Die Eltern schicken ihre Kinder gerne auf diese baptistische Privatschule, obwohl sie unterschreiben müssen, dass diese dort nach christlichen Werten erzogen werden.

Das erste Lied im Gottesdienst der Hadath Baptist Church, das die mehr als 150 jungen Christen anstimmen, kommt mir sehr bekannt vor. „Mein Jesus, mein Retter“ auf Libanesisch und Englisch. Sie singen es als Geste für die internationalen Gäste, dann aber singen sie ihre ganz eigenen Lieder, mit echt orientalischer Melodieführung und großer Hingabe. Pastor Hikmat Kashouh zeigt uns im Anschluss an den Gottesdienst, der im Keller des vierstöckigen Gemeindehauses stattfindet, dass sie alles verfügbare Geld in die Ausstattung der Räume für Kinder- und Jugendarbeit gesteckt haben. Der eigentliche Gottesdienstraum mit Empore liegt noch brach, dort ist gerade eine Kleiderkammer für Bedürftige. „Uns liegt die nächste Generation am Herzen, mit diesen Räumen wollen wir sie erreichen“, so der in Birmingham (Großbritannien) promovierte Neutestamentler Kashouh, „ da kann ein prächtiger Gottesdienstraum noch warten“. Baptisten im Libanon leben ein soziales Evangelium und sprechen gleichzeitig von Jesus Christus als Messias. Dabei werden sie von der muslimischen Mehrheitsgesellschaft für ihre Glaubwürdigkeit geschätzt.

Prachtvoll hebt sich die sandfarbene, große Moschee mit blauer Kuppel im Zentrum von Beirut in die Höhe. Die Mohammed-al-Amin-Moschee wurde ein Jahr nach dem Attentat im Jahr 2005 auf Ministerpräsident Hariri aus finanziellen Mitteln des Ministerpräsidenten vollendet. Direkt daneben befindet sich Wand an Wand eine mennonitische Kirche, und vis-à-vis eine Gedenkkapelle für Mutter Maria und die Georgskathedrale. Dass im Libanon Christen und Muslime weitgehend friedlich neben- und teilweise miteinander leben, beeindruckt mich nicht nur äußerlich.

Eine andere Geschichte erzählt die Synagoge, die zwar renoviert ist, aber unbenutzt im Stadtzentrum steht und von Soldaten abgeschirmt wird. Mein einheimischer Guide kennt sie gar nicht. Fotografieren ist verboten – wie überhaupt, den Namen „Israel“ zu erwähnen, mir häufiger von Einheimischen abgeraten wird. Dies sind nur vier Eindrücke meiner Reise, gerne berichte ich im folgenden noch vom fachlichen Teil der Reise:

Die Abteilung „Theologie und Bildung“ der Europäischen Baptistischen Förderation organisierte vom 14.-16.06.2012 einen „runden Tisch“ am Theologischen Seminar der arabischen Baptisten (Arab Baptist Theological Seminary ABTS) in Beirut (Libanon), um über das Verhalten von Baptistengemeinden in sich verändernden Gesellschaften ins Gespräch zu kommen. Als diese internationale Begegnung mit Vertretern aus Estland, Moldawien, Ägypten, Belgien, Deutschland und Vertretern aus Ländern des Nahen Osten organisiert wurde, ahnte noch keiner, welche Aktualität das Thema durch den sogenannten arabischen Frühling haben würde.

Bei seinem Vortrag über die Frage, wie Christen den arabischen Frühling bewerten können, erteilte Martin Akkad (ABTS, Beirut) den Verschwörungstheorien, die Entwicklungen in der arabischen Welt seien Ergebnis einer vom Westen oder Osten aus gesteuerten Verschwörung, eine Absage und ermutigte die Teilnehmer, in Konfliktsituationen grundsätzlich nach selbstloser Gerechtigkeit zu suchen. Eine Nützlichkeitsethik sei nicht das Gebot der Stunde, also die egoistische Frage der Christen, unter welcher Regierung sie selbst besser dastünden. Gerade im Konflikt in Syrien ließe sich das für keine der am Bürgerkrieg beteiligten Parteien sagen. Vielmehr sollte sich Christen am Gebot der Nächstenliebe orientierten. Sie sollten Offenheit und Respekt zeigen, so dass Brücken des gegenseitigen Verstehens gebaut werden könnten. Dabei erwähnte Akkad beispielhaft die Übereinkunft von fünf Muslimbrüdern mit 17 koptischen evangelischen Leitern in Ägypten, die ein Dokument gemeinsamer Werte unterzeichneten, wie die amerikanische Zeitschrift „Christianity Today“ („Christsein heute“) im Mai 2012 berichtete.

Arthur Brown (ABTS) stellte sein Forschungsprojekt vor, das sich mit der Frage befasst, wie eine evangelistische Arbeit unter jungen Menschen in einem multireligiösen, speziell in einem muslimischen Kontext angemessen aussehen kann. Einerseits möchten evangelische Christen im Libanon freimütig das Evangelium von Jesus Christus bekennen, zugleich wollen sie sensibel und wertschätzend mit den bestehenden Kulturen und Traditionen umgehen. Brown sucht nach Wegen, wie es möglich ist, Christus nachzufolgen und dabei kulturell muslimisch zu bleiben. Seine Forschungsarbeit gehört zu einem Projekt, das zu einer Promotion führen soll.

Hanna Massad aus Jordanien berichtete auf erschütternde Weise, wie er persönlich als palästinensischer Christ aus dem Gaza fliehen musste, nun aber mit Hingabe unter Flüchtlingen in Jordanien arbeitet. Ihm ist wichtig, dass trotz aller Verfolgungen, die er mit seiner Familie erlebt hat, die Haltung der Vergebung und Liebe niemals verloren geht und er Menschen in Not dient. Mit seiner Flüchtlingsarbeit im Großraum von Amman hilft er den Flüchtlingen mit dem, was sie am nötigsten brauchen: Lebensmittel und seelsorgerliche Unterstützung. Dabei ist er sensibel für die Religion dieser Menschen, die durch ihre Flucht traumatisiert sind.

Von einer wegweisenden Entwicklung in Moldawien berichtete Pastor Victor Ormanzhi. Moldawien sei das kleinste und ärmste Land Europas, aber dort hätten die Christen ein besonderes Gespür dafür entwickelt, ihre Mitchristen für die Begegnung mit Muslimen in Zentralasien und deren Missionierung vorzubereiten. 1995 wurde die Hochschule für Theologie und Bildung (College for Theology and Education) in Kishinev (Moldawien) gegründet, die seitdem junge Menschen in den Bereichen Theologie, Mission, Sozialarbeit und Christliche Erwachsenenbildung ausbildet. Studenten aus über 20 verschiedenen Nationen der ehemaligen Sowjetunion studieren in Kishinev. Victor Ormanzhi hat dabei eine besondere Leidenschaft für die Arbeit unter Muslimen, wenngleich es in Moldawien selbst keine Moschee gibt und der Islam erst 2012 als Religionsgemeinschaft im Staat offiziell registriert wurde.

Gemeinsam warfen die Teilnehmer des runden Tisches einen kritischen Blick auf das Image des Islams und der Moslems, das auch durch christliche Berichterstattung oder auch Karikaturen im Internet hervorgerufen wird. Viele Berichte lösen – besonders durch ihre Überschriften und den Sprachduktus der Texte – Gefühle der Angst und Ohnmacht aus und sind geprägt von Feindseligkeit. Die Teilnehmer des Runden Tisches waren sich einig, wie schädlich eine solche von Stereotypen geprägte angstschürende Berichterstattung sei. Sie waren der Meinung, dass sich christlicher Umgang mit Muslimen an Lukas 6,27-35 und Römer 12,20-12 orientieren müsse und Christen im Ringen um Wahrheit nicht die Beziehungsarbeit vergessen dürften. Gleichzeitig dürften die Schwierigkeiten radikaler islamistischer Staatsgewalt nicht marginalisiert werden. Diesen Weg beschreitet auch die Konferenzarbeit der ABTS, die sich dem kleinen Symposium der EBF anschloss:

Im Anschluss an den runden Tisch der EBF schloss sich die 9. Konferenz des Mittleren Ostens am Arab Baptist Theological Seminary an. Diese beschäftigte sich mit der Situation der 250.000 - 350.000 Palästinenser, die im Libanon unter unvorstellbaren Bedingungen leben müssen und mit der Frage, wie christliche Nächstenliebe ihnen helfen könnte. Der christlich-muslimische Dialog im Libanon bedeutet, Brücken zu bauen gerade angesichts der leidvollen Erfahrungen im 17jährigen Bürgerkrieg Libanons mit wechselnden kämpfenden Gruppierungen. „Entscheidend für die Begegnungen ist Respekt. Wir werden als Christen immer mehr wahrgenommen als Menschen, die der Gesellschaft dienen wollen und es nicht für uns selbst tun“, so Alia E. Abbound, Direktorin des Bereichs Entwicklung und Partnerschaften der Lebanese Society For Educational and Social Development (LSESD).

 

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