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Christus im Handeln sichtbar machen

Martin Luther Kings Glaube inspiriert bis heute

Der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden ist Kooperationspartner des Chormusicals über Martin Luther King, für das Andreas Malessa den Text verfasst hat. In seinem Beitrag zur INSPIRIERT LEBEN-Artikelserie beleuchtet er den Glauben des berühmten Bürgerrechtlers und Baptistenpastors.

„Die Stelle kann ich nicht singen, da muss ich immer heulen“, sagt Marita und lächelt entschuldigend. Sie hat ein halbes Jahr lang 22 Lieder geübt. In einem kleinen Chor, der sich aus vier norddeutschen Dörfern zusammenfand, um beim Musical „Martin Luther King – Ein Traum verändert die Welt“ in der Grugahalle Essen unter 1.200 Singenden mitzuwirken. Sechs Stunden Busfahrt, drei Stunden Generalprobe, zwei Stunden Premiere liegen hinter ihr, aber sie strahlt. „Meine Teenagertochter singt auch mit. Von sich aus! Zum ersten Mal machen wir was zusammen. Ich bin geschieden, wissen Sie, und da…“ Wieder bricht ihr die Stimme. Welche Liedzeile, welche Szene sie denn so berühre, will ich wissen.
„Wenn der Heilige Geist in Kings Gefängniszelle tritt und singt ‚Nimm meine Hand, komm, ich halt‘ Dich fest. Hab‘ keine Angst, ich bin hier.‘“

Baptistenpastor Martin Luther King, geboren 1929, ist durch seinen Kampf gegen die Rassen-Apartheid in den USA, durch seine berühmte „I have a dream“-Rede, durch den Friedensnobelpreis 1964 und natürlich seine Ermordung 1968 als politischer Bürgerrechtler in die Geschichte eingegangen. Seine Frömmigkeit, sein Glaube, seine Theologie werden dabei selten erwähnt. Liegt das möglicherweise noch immer daran, dass er den Konservativen damals zu liberal, den Liberalen zu konservativ, den Charismatikern zu politisch und den Säkularen zu fromm war? Zu Lebzeiten und in den USA mochte das stimmen. Weltweit und rund 50 Jahre nach seinem Tod aber liegt das „Fremdeln mit King“ vielleicht daran, dass seine Grundüberzeugung heutzutage schwer vermittelbar ist: King glaubte an die verändernde Kraft des Leidens. „Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Unsere Hoffnung steht fest für Euch: Wie Ihr an den Leiden teilhabt, so habt Ihr auch am Trost teil.“ (2. Korinther 1,5 und 7).

Foto: Leonhard Kreissig

Als Pastorensohn in Atlanta/Georgia hört und singt er jeden Sonntag die Spirituals der Sklaven des 19. Jahrhunderts. „Nobody knows the trouble I‘ve seen“. Als Theologiestudent liest er Dietrich Bonhoeffers Bücher „Nachfolge“ und „Widerstand und Ergebung“. Als Doktorand an der Uni Boston verliebt er sich in die Opernsängerin Coretta Scott, und die ist erstmal irritiert, dass sich Martin zum Beten am liebsten hinkniet. Und worüber er beim Dating am liebsten redet. Sie erinnert sich: „Martin glaubte so inbrünstig daran, dass man seine Feinde lieben solle und dass es besser sei, geschlagen zu werden, als zu schlagen. Weil ungerechtes Leiden dazu beitrage, den Anderen von seinem Hass zu erlösen, meinte er.“

King ist 27, jungverheiratet, soeben Vater geworden und Pastor seiner ersten Gemeinde, als er 1955/56 den Busstreik von Montgomery anzettelt. Einen Kundenboykott gegen die Rassentrennung im öffentlichen Nahverkehr. Seine Demonstranten lässt er „geistliche Prinzipien“ unterschreiben, bevor sie sich in Birmingham den Wasserwerfern und Polizeihunden entgegenstellen: „Ich verpflichte mich, täglich über das Leben und die Lehre Jesu Christi nachzudenken. Nicht den Sieg, sondern die Versöhnung anzustreben. Im Geist der Liebe zu marschieren, denn Gott ist Liebe. Auf die Gewalt der Faust und der Zunge zu verzichten und täglich dafür zu beten, dass ich andere in die Freiheit führe.“ Radikal praktisch übt er das mit den Demonstranten, indem sie sich gegenseitig rohe Eier auf dem Kopf aufschlagen, ohne Gegenwehr zu leisten. Ihre hartnäckige Gewaltlosigkeit führt im Mai 1963 zum „Wunder von Birmingham“: Die Polizisten verweigern den Räumungsbefehl, weil sie nicht auf kniend Betende schlagen wollen.

King überlebt in den nur 13 Jahren seiner Tätigkeit vier Bombenanschläge auf seine Wohnung, eine Messerattacke, erhält ungezählte Morddrohungen am Telefon. Er wird mehrmals zusammengeschlagen und über 20 Mal verhaftet. „Dann kam die Nacht, als ich einfach nicht mehr konnte. Ich stand auf, machte mir Kaffee in der Küche und betete laut: Herr, ich verliere den Mut. Ich will das Richtige tun, aber jetzt ist Schluss. In dem Moment hörte ich Jesus wie eine innere Stimme zu mir sagen: Steh auf für Gerechtigkeit und Wahrheit, Martin. Ich werde mit Dir sein.“

Foto: Stiftung Creative Kirche

Können die rund 24.000 Choristen, die sich zurzeit auf rund 20 Musical-Aufführungen in 13 Städten für das Frühjahr 2020 vorbereiten, für ihren beruflichen und familiären Alltag etwas aus Martin Luther Kings Glaubenserfahrungen ziehen? Erstaunlich viel, sagen die: Entwaffnend (!) menschenfreundliches Reden und Handeln, kleine Zeichen der Nächstenliebe, Einsatz für Respekt, Wertschätzung und Gerechtigkeit auch für Mitmenschen anderer Rasse, Religion oder Kultur – das braucht keine Helden der Tugendhaftigkeit, sondern Normalos, die von Jesus Christus und seinem Heiligen Geist inspiriert sind. Die weitherzig glauben, hartnäckig hoffen und selbstlos lieben können, weil sie ihren Lebens- und Glaubensmut nicht selbst hergestellt haben, sondern als Motivation von Gott geschenkt bekamen.

„Wissen Sie“ – Marita hat wieder Festigkeit in der Stimme, ihre gepiercte Teenietochter ist dazugekommen – „ich bin der DDR aufgewachsen und hab‘s nicht so mit der Kirche. Unser Dirigent hat uns aber alles erklärt, von Moses und Amos und Jesus und was der Martin Luther King alles so gepredigt hat. Jetzt will er, dass wir einen gemeinsamen Gottesdienst gestalten. Bei uns im Kaff! Dürfen da auch Ungetaufte mitmachen?“ „Ja“, sage ich, „auf jeden Fall. So hatten wir uns das mit dem Musical ohnehin gedacht.“

Ein Artikel von Andreas Malessa

BEFG-Pastor Andreas Malessa ist Hörfunkjournalist, Buchautor und Texter der Musicals „Amazing Grace“ und „Martin Luther King“.