„Verstärker für das Säuseln Gottes sein“

Jahresthema 2018/19: „INSPIRIERT LEBEN ... dass Christus Gestalt gewinnt“

Präsident Michael Noss (MN) und Generalsekretär Christoph Stiba (CS) beleuchten im Interview mit Dr. Michael Gruber (MG) das kommende Jahresthema „INSPIRIERT LEBEN ... dass Christus Gestalt gewinnt“. Sie berichten über den Schatz der vielfältigen Frömmigkeit in unserem Bund, fremde Ausdrucksformen geistlichen Lebens und die gesellschaftliche Dimension der Gottesbegegnung. Und sie verraten, was sie sich für den BEFG am meisten wünschen.

MG: Im Mission Statement, nachzulesen auf diesen Seiten, heißt es, dass es beim neuen Jahresthema um Gottes Nähe, die Sammlung der Gemeinde um Jesus Christus und das gemeinsame Hören auf Gott geht. Warum stellt der Bund diese Punkte, die für uns als Kirche doch eigentlich selbstverständlich sind, für zwei Jahre in den Fokus?

MN: Manchmal verliert man Selbstverständlichkeiten aus den Augen, gerade weil sie so selbstverständlich erscheinen und man sich deshalb mit vielem anderen beschäftigt. Uns liegt daran, dass wir als Bund die Mitte unseres Glaubens im Blick behalten. Die Mitte der Kirche ist Christus und der Geist Gottes. Da kommt unsere Kraft her, unsere Orientierung. Für mich ist bei diesem Jahresthema der Gedanke der Mitte, aus der sich alles andere entfaltet, entscheidend.

CS: Unsere letzten beiden Jahresthemen „Bunte Gemeinde“ und Gemeindegründung waren nach außen orientiert. Mit ihnen haben wir unseren Auftrag, die Sendung der Gemeinde, in den Blick genommen. Nun geht es um den Kern, um den wir uns sammeln, der uns als Gemeindebund ausmacht und zusammenbindet: Christus, die Mitte! Deshalb fand ich bei der Bunten Gemeinde auch den Untertitel „Staunen über Christus im Anderen“ so wichtig, genau wie jetzt den Untertitel „…dass Christus Gestalt gewinnt“.

MN: Aus dieser Mitte können wir auch die innere Kraft ziehen, unseren Glauben in der säkularisierten Gesellschaft zu vertreten. Und dabei geht es natürlich nicht nur um uns. Ich bin von der alten Wahrheit überzeugt, dass die Welt durch Christus gerettet wird.

Christoph Stiba

Michael Noss

Beim Interview

MG: Das Mission Statement beschreibt das Hören auf die lebendige Stimme Gottes, der in diesem Sinne unsere Mitte ist, als ein Ziel des Jahresthemas. Wie kann das in unserer lauten, schnelllebigen Zeit gelingen, und welche Rolle spielen Gemeinden und Bund dabei?

MN: Wir werden die laute Welt nicht leiser kriegen, und das ist auch nicht unsere Aufgabe. Ich glaube aber, dass wir Räume schaffen müssen, in denen Menschen Kraft schöpfen können – kontemplative Räume mit Zweckfreiheit: Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein. Als Gemeinden sind wir dazu berufen, mit den Menschen mitzugehen und dafür zu sorgen, dass die spirituellen Sensoren, die alle haben, ein Gegenüber finden.

CS: Wenn Menschen in der Bibel Gottes Stimme gehört haben, war das oftmals nicht im lauten Sturm, sondern wie bei Elia im leisen Säuseln. Jesus hat sich in Stille und Abgeschiedenheit zurückgezogen, um seinem Vater nahe zu sein. Wie meine Kinder ihre Kopfhörer rausnehmen müssen, wenn ich zu ihnen spreche, müssen wir in den Gemeinden Rahmenbedingungen schaffen, um auf Gott zu hören. In Freikirchen ist es eine Gefahr, dass wir ständig in Aktion sind. Wenn es in der Gemeindearbeit immer darum geht, in den unterschiedlichen Arbeitsbereichen etwas auf die Beine zu stellen, kann das dazu führen, dass Menschen ausgepowert werden. Hier gilt es, Räume für Ruhe und Entspannung zu schaffen. Das hat mit der Freiheit zu tun, auf Gottes Wort zu hören.

MN: Um das Bild mit den Kopfhörern aufzunehmen: Als Gemeinden müssen wir denen ein Angebot machen, die bereit sind, die Stöpsel aus den Ohren zu nehmen und zu hören. Für das Grundsäuseln Gottes können wir in diesem Sinne Richtungsgeber und Verstärker sein.

CS: Beim Hören auf Gottes Wort geht es ja auch darum, wie wir uns als Christen verhalten sollen. Die Rolle des Bundes darin ist es aus meiner Sicht, Gesprächsräume zu schaffen. So hatten wir vier Konsultationstage, bei denen Gemeinden, die Fragen zur Arbeit mit Menschen aus dem Iran und Afghanistan haben, sich vernetzen und auch miteinander auf Gottes Stimme hören konnten. Auch beim Bundesrat und in anderen Veranstaltungen will der Bund inhaltliche Vernetzung schaffen und zur Orientierung verhelfen.

MG: Wenn „Christus Gestalt gewinnt“, im menschlichen Miteinander, in unserem Umfeld, dann beschreibt das den Kern unseres Glaubens und zugleich die gesellschaftliche Perspektive. Wie ist es um das gesellschaftliche Handeln unserer Gemeinden bestellt?

MN: Ich glaube, was Baptistengemeinden schon immer ausgemacht hat, ist ein vielfältiges diakonisches Engagement – für Kinder, für Arme, für Alte, für Kranke.

CS: Wenn man sich dem Wort Gottes öffnet, ist es eine logische Konsequenz, dass man sich für die Welt um einen herum öffnet. Gott selbst ist in die Welt gekommen. Nachfolge bedeutet auch, als Gemeinde nicht abgekapselt zu leben, sondern mittendrin in unserer Gesellschaft. Und das gelingt unseren Gemeinden oft auch sehr gut. Exemplarisch kann ich hier das hohe Engagement für Flüchtlinge nennen, die sich zu Christus hingewandt haben und in Gemeinde und Gesellschaft Fuß fassen wollen. Die Integrationsleistung durch die Gemeinden ist enorm.

MG: Wie hilft der Bund den Gemeinden bei ihrem gesellschaftlichen Engagement?

CS: Ganz konkret in der Flüchtlingsfrage zum Beispiel durch den Fonds „Gemeinden helfen Flüchtlingen“. Oder durch zahlreiche Seminare. Allein, dass der Bund schon seit Jahren Diakone ausbildet, ist ein Zeichen dafür, dass er Gemeinden in ihrem gesellschaftlichen Engagement unterstützen will. Und wesentlich ist natürlich auch, dass der Bund den Gemeinden einen rechtlichen Rahmen für ihr Engagement gibt.

Fest für Flüchtlinge in Andernach

Seminar zu Finanz- und Rechtsfragen

Diakoninnen und Diakone im BEFG

MN: Von unserem Selbstverständnis her wird der Bund dann aktiv, wenn Gemeinden um Unterstützung bitten. Hierzu möchte ich die Gemeinden ermutigen! Wenn viele nachfragen, profitieren auch andere Gemeinden. Was auf Bundesebene lebt, ist oft durch Nachfragen entstanden.

MG: Der vorletzte Absatz im Mission Statement erinnert mich an Bunte Gemeinde. Von welcher fremden Ausdrucksform geistlichen Lebens habt ihr euch in letzter Zeit persönlich inspirieren lassen?

MN: In meiner Gemeinde haben wir viele Menschen aus anderen Kulturen. Die Iraner, die frisch im Glauben sind, stellen uns oft grundlegende Fragen, die wir uns schon lange nicht mehr stellen, die uns dann aber herausfordern. Oder wenn unsere afrikanischen Freunde, die in ihrer Heimat viel Gesetzlichkeit erlebt haben, angesichts der Freiheitlichkeit in Deutschland zunächst noch gesetzlicher werden, sich dann aber öffnen, dann beeinflusst mich das, und ich denke neu über meinen Glauben nach. Ich hinterfrage Dinge und wachse dadurch in meinem Glauben.

CS: Inspirierend finde ich die Herzenshaltung, in der Willow Creek Gemeinde baut. Hand und Herz finden da zusammen. „Wir müssen nicht perfekt sein, um von Gott durch die Kirche genutzt werden zu können. Aber wir müssen offen, gewillt und eifrig zum Wachsen sein“, schreibt Bill Hybels. Das finde ich richtig. Oder ich denke daran, wie unterschiedlich die Gemeinden in unserem Bund Gottesdienst gestalten. Da ist schon in unseren eigenen Reihen eine große Bandbreite, die ich faszinierend finde.

MG: Das führt uns direkt zu der Stelle im Mission Statement, die unsere Spiritualität als Baptisten und Brüder als wertvoll beschreibt. Welche unserer Ausdrucksformen ist euch besonders wichtig?

CS: Persönliche Berichte im Gottesdienst, wie Menschen Jesus erfahren, finde ich wichtig. Solche Zeugnisse darüber, wie der Glauben das Leben prägt, machen Gemeinde lebendig und authentisch. Natürlich auch das Hören auf Gottes Wort in der Schriftlesung, in Taufe und Abendmahl und, ja, auch in der Predigt.

MN: Für mich hat der Beginn des Gottesdienstes eine extrem hohe Bedeutung. Da merke ich, ich komme an, ich bin da, ich betrete heiliges Land!

CS: Schade finde ich, dass wir die Kollekte, die ich ebenfalls für wichtig halte, sinnentleert haben. Es geht doch um mehr, als nur ein paar Taler reinzuwerfen. Sie sollte Ausdruck einer inneren Haltung sein.

MN: Bei der Frage, was den Menschen im Gottesdienst wichtig ist, mache ich die Beobachtung, dass jeden etwas anderes berührt. Das kann ein Satz aus der Predigt sein oder mehrere Sätze, ein Lied, ein Text oder die Atmosphäre insgesamt. In unserer Tradition haben wir ja keine klassische Liturgie. Ich glaube, die persönliche Zuspitzung, dass ich als einzelner Mensch vorkomme, ist schon sehr besonders für unsere Gottesdienste.

MG: Gemeinsame Themen wie das Jahresthema haben ja das Potenzial, das Miteinander im Bund zu fördern. Wie kann Bundesgemeinschaft noch gefördert werden? Und welche Bedeutung hat sie in unserem kongregationalistischen Bund, der ja die Eigenständigkeit der Gemeinden betont?

MN: Die Autonomie der Ortsgemeinde bedeutet für mich nicht, dass alle machen, was sie wollen. Vielmehr tragen alle für das, was sie wollen, Verantwortung. Und ich glaube, im gegenseitigen Übernehmen von Verantwortung macht sich Bundesgemeinschaft fest und bemerkbar. Es ist ein Geben und ein Nehmen, es sind Segnungen und Verpflichtungen.
    
CS: Ich glaube, dass Bundesgemeinschaft von Anfang an eine zentrale Rolle gespielt hat. Bund und Vereinigungen sind entstanden, weil man sich in der Missionsarbeit unterstützen wollte. Das geschieht heute auch in den Regionen. So gibt es Missionsgebiete, wo verschiedene Gemeinden sich zusammengeschlossen haben, um das Evangelium zu verkündigen. Dieses Kernanliegen macht Bundesgemeinschaft aus.

Bundesgemeinschaft ist an vielen Stellen erlebbar: beim Bundesrat oder wenn bestehende Gemeinden, Gründungsprojekte oder internationale Gemeinden unterstützt werden – finanziell, personell, durch Angebote und Veranstaltungen. Und doch glaube ich, dass Bundesgemeinschaft noch stärker erlebbar sein muss. Im Präsidium haben wir über die Idee einer Glaubenskonferenz gesprochen, bei der wir als Bundesgemeinschaft zusammenkommen, um unseren Glauben zusammen zu erleben und zu feiern. Das Anliegen ist, dass wir uns in unserer Unterschiedlichkeit ergänzen und voneinander profitieren.

Bundesratstagung 2017

Internationales Team von Leitenden in Elstal

Gemeindegründungsprojekt Lauchhau-Lauchäcker

MG: Von all den Themen die in eurer Leitungsarbeit wichtig sind, welche drei Wünsche habt ihr, in welche Richtung sich der Bund in den nächsten zehn Jahren entwickeln soll?

CS: Ich wünsche mir das, was wir mit dem Jahresthema in den Blick nehmen: dass Christus Gestalt gewinnt und wir anderen Menschen davon berichten. Ich wünsche mir, dass unsere Gemeinden ein großes Herz für die Menschen um sie herum haben und ihnen mit großer Offenheit begegnen. Und ich wünsche mir, dass die unterschiedlichen Freikirchen sich nicht zu sehr ausdifferenzieren, sondern Dinge zusammen machen und das Gemeinsame stärken.

MN: Eine absolute Stärke unserer Gemeinden ist die Förderung des Ehrenamts. Dort hast du die Chance, dich auszuprobieren, Dinge zu lernen, auch Fehler zu machen und trotzdem weiter zu machen. Ich wünsche mir, dass wir uns dieser Stärke bewusst werden und sie noch ausbauen. Außerdem ist mein Wunsch, dass wir als Bund mehr Ressourcen in die Kommunikation nach außen stecken. Was nützt es, wenn ich tolle Sachen mache und keiner weiß es? Mit Kommunikation können wir Einfluss nehmen, die Gesellschaft mitgestalten. Und vor allem wünsche ich mir Gottes Segen für unseren Bund. Die Bitte um Gottes Segen, von dem ja alles abhängig ist, zieht sich durch die ganze Kirchengeschichte. Dieser Segen ist mein erster Wunsch für unseren Bund und jede seiner Gemeinden.

MG: Vielen Dank für das Gespräch!

Ein Artikel von Dr. Michael Gruber