GUT BERATEN

Stephan Hofmann: Gewaltfreie Kommunikation - miteinander reden lernen

„Wo viele Worte sind, da geht’s ohne Sünde nicht ab; wer aber seine Lippen im Zaum hält, ist klug.“ (Sprüche 10,19) Unsere Mitgliederversammlungen sind oft Orte vieler Worte. Ein älterer Bruder erzählte, dass man in seinem Heimatdorf immer wieder von den „Saalschlachten“ der Baptisten sprach.

Ich habe es in meinem 30jährigen Dienst als Pastor nie erlebt, dass man sich angebrüllt hat, aber auch ich habe schon Tränen gesehen und auch selbst geweint, weil der Umgang verletzend und abwertend war. Wie kann man seine Zunge im Zaum halten? Wie kann man Gemeinschaft fördernde statt zerstörende Kommunikation stärken? Darum haben wir uns als Gemeinde mit unserer Sprachfähigkeit im Umgang miteinander beschäftigt. Vorlage war das Buch von Marshall B. Rosenberg „Gewaltfreie Kommunikation – eine Sprache des Lebens“ (Junfermann Verlag 10. Auflage 2012)
„Gewaltfreie Kommunikation“ beschreibt eine Art des Umgangs miteinander, der den Austausch von Informationen und das friedliche Lösen von Konflikten erleichtert.

Im Hören und im Reden fokussiert man (1) seine Wahrnehmung und benennt sie wertfrei, (2) beschreibt seine Gefühle dabei, und (3) die Bedürfnisse, die hinter diesen Gefühlen stehen und formuliert daraus (4) eine Bitte, die das gemeinsame Leben erleichtern würde. Die Herausforderung besteht darin, diese vier Informationsteile klar auszudrücken bzw sie vom Andern wahrzunehmen und anzunehmen. Das ist gar nicht so leicht, kann aber geübt werden. Das gelingt am Besten in Dreiergruppen, wo je zwei miteinander sprechen und einer beobachtet und Feedback gibt. Wir haben erst einmal mit Hilfe einer Liste von 40 Bedürfnissen von „Abwechslung“ und „Anerkennung“ bis „Zielstrebigkeit“ und „Zugehörigkeit“ eingeübt, das zu benennen, was uns je wichtig ist: Jeder sollte für sich acht identifizieren und danach vier hervorheben, die ihm besonders nahe liegen. Das löste „Aha-Erlebnisse“ aus. Ein Beispiel:

„Aha“ – ich beobachte neue Formen, die neue Leute einbringen (englische Texte, Wiederholungen, dynamische Rhythmen = Wahrnehmung). Das verunsichert mich (Gefühl). Dahinter steht mein Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Die „Fremden“ stellen das in Frage.

„Aha“ – ein anderer beobachtet meine Ablehnung neuer Formen. Das ärgert ihn. Dahinter steht sein Bedürfnis nach versöhnter Vielfalt. Meine Zurückhaltung stellt sein Bedürfnis in Frage.

Jetzt könnten wir darüber ins Gespräch kommen. Dabei verzichten wir darauf zu kritisieren, zu beschuldigen, zu analysieren oder zu diagnostizieren, so dass die Zuhörer zu Einfühlsamkeit inspiriert werden. Anschließend könnte jeder in einem vierten Schritt eine Bitte formulieren, die unser gemeinsames Miteinander bereichern würde. Mein Wunsch: Könnte man nicht grundsätzlich Übersetzungen projizieren und das Schlagzeug drosseln? Sein Wunsch: Könnte man nicht zusätzliche Begegnungsmöglichkeiten schaffen, um das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken.

Wenn ich meinen Nächsten lieben will wie mich selbst, lohnt es sich, einen einfühlsamen Kontakt zu mir selbst aufzubauen, und dem Anderen Anteil zu geben an dem, was mir wirklich wichtig ist. Genauso werde ich dann aufmerksam zuhören, wenn er mir Einblick gewährt in seine innersten Gedanken. So wächst ein Wir-Gefühl im Gespräch. Die Übungen sind leicht, allerdings ist es schwer, als Übender zu leben.

 


GUT BERATEN

Martin Seydlitz: Wer hat den Plan?

In meiner Jugendzeit gab es noch unumstößliche Gewissheiten: Scheidung und Homosexualität sind für Baptisten tabu. Umweltschutz und Politik sind zweitrangig. Und einmal im Jahr laden wir zur Evangelisation ein (an dem sich anschließenden Tauffest nimmt dann selbstverständlich die ganze Gemeinde teil).

Ich schreibe das frei von Ironie und als jemand, der auch heute noch leidenschaftlich gerne tauft und evangelisiert. Vermutlich werde ich nicht der einzige sein, der sich mitunter nach einem Plan sehnt: Wie können wir als Gemeinde heute noch angemessen Salz der Erde sein? Allerdings stelle ich fest, den einen aktuellen und für alle gültigen Plan scheint es nicht zu geben. Vielleicht hat es ihn früher auch schon nicht gegeben. Aber jedenfalls machen es verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen immer schwieriger, Lösungen zu finden, die für alle gelten.

Der Wissensmanager Dave Snowden hat für Organisationen das Prinzip der vierfachen Landkarte entwickelt (gefunden bei: Hartman/Knieling, Gemeinde neu denken). Er lädt ein zu unterscheiden, welche Art von Problemen gelöst werden soll. Befindest du dich auf simplen Gelände, wo du nach der einen, richtigen Lösung Ausschau halten solltest? Beispiel: Ein Fenster im Kirchenraum ging zu Bruch. Lösung: Den Glaser mit dem günstigsten Angebot suchen. Oder befindest du dich auf komplizierten Gelände, wo mehr als eine Lösung funktionieren dürfte. Beispiel: Wir können als Gemeinde eine Kinderwoche durchführen, einen neuen Glaubenskurs anbieten oder eine neue Gottesdienstform ausprobieren. Aber für mehr als eins reichen die Kräfte nicht. Dann gilt es, sich für eine gute Lösung zu entscheiden. Als drittes macht Snowden das komplexe Gelände aus. In diesem Bereich wird die Lösung erst im Rückblick erkennbar. Beispiel: Eine Gemeindeleitung hat in mehreren Klausuren entschieden, dass sie sich sozial-missionarisch engagieren will. Doch über zwei Jahre bewegt sich nichts. Dann kommt die Flüchtlingswelle. Die Geschwister sind vorbereitet. Innerhalb kürzester Zeit verdoppelt sich nahezu die Mitgliederzahl der Gemeinde. Niemand hätte das voraussehen können. Als viertes spricht Snowden vom chaotischen Gelände. Hier muss gänzlich ungeplant und improvisiert gehandelt werden. Alle Ordnungen scheinen außer Kraft gesetzt. Wie in einem Ausnahmezustand, wo alle nur noch versuchen, zu überleben scheint das Chaos zu regieren. Aber gerade in solchen Situationen können sich neue Lösungen entwickeln.

Für die Gemeindeberatung habe ich biblische Leitworte für jede dieser Geländeformen gesucht und gefunden. Sie helfen mir, mit Geschwistern in anstehenden Fragen nach maßgeschneiderten Lösungen zu suchen. Denn den einen für alle gültigen Plan gibt es nicht. Übrigens sind die vier Terrains nicht alternativ zu verstehen. Was sich eben noch chaotisch anfühlte, kann morgen schon nur noch kompliziert sein. Beruhigend zu wissen...


WIRKLICH ALTERNATIVLOS?!

Thorsten Graff: Mit Polaritäten richtig umgehen

Im Gemeindealltag gibt es viel Stoff zum Diskutieren: Alte Choräle oder neue Lobpreislieder, Liturgie oder Spontaneität, Neues ausprobieren oder Altes bewahren, nach innen oder nach außen wirken, Diakonie oder Evangelisation, Gruppenarbeit oder Projektarbeit, Orientierung an Gaben oder Aufgaben, Freiheit oder Verbindlichkeit…

Die Liste ließe sich fortsetzen. In der Praxis werden die verschiedenen Positionen von Einzelnen oder Gruppen vertreten. Jede Seite ist von der Wahrheit des eigenen Standpunktes natürlich überzeugt und verteidigt ihn. Manchmal entstehen so handfeste Konflikte. Man versucht das Problem zu lösen, indem man seine Position gegen die andere Überzeugung durchsetzt.  Es gilt das Prinzip „Entweder-Oder“. Es kann nur eine Wahrheit geben. Darum erscheint der eigene Standpunkt alternativlos.

Tatsächlich lassen sich manche Probleme auf diese Weise nicht lösen. Und zwar immer dann, wenn wir es wie in den oben genannten Beispielen mit Polaritäten zu tun haben. Die beiden Standpunkte sind hier keine sich ausschließende Alternativen, sondern zwei Pole, die zusammengehören und auszubalancieren sind. Polaritäten erfordern darum einen anderen Umgang als Probleme. Probleme muss man lösen, Polaritäten muss man managen!

Dazu ist bei den Beteiligten eine kooperative Einstellung nötig: Nicht „Entweder-Oder“, sondern „Sowohl-Als-Auch“. Zu dieser Haltung verhelfen will die Methode „Polarity Management“  von Barry Johnson (www.polaritypartnerships.com).  Sie ermöglicht den Dialog zwischen den Vertretern der sich widersprechenden Positionen, fördert Wahrnehmung und Einfühlungsvermögen und macht sensibel auch für die Stärken des anderen Standpunktes und den eigenen „Blinden Fleck“.

Ein Beispiel aus der Praxis: In einer Gemeinde wird über die Gottesdienstgestaltung diskutiert. Die eine Seite möchte mehr Neues ausprobieren, die andere will Bewährtes beibehalten. Es geht also um die Polarität „Verändern und Bewahren“. Gemeinsam überlegen die Beteiligten zunächst, welche Vorteile es hat, wenn man den einen bzw. anderen Pol stärkt. Auf der Seite „Verändern“ fallen den Teilnehmern Erneuerung, Aktualität, Lebendigkeit und Spannung ein. Zum Stichwort „Bewahren“ werden Kontinuität, Stabilität, Verlässlichkeit und Sicherheit genannt. Dann tauschen sich die Beteiligten über die negativen Folgen aus, die sich einstellen, wenn man die beiden Pole überbetont. Bei „Verändern“ werden Chaos, Beliebigkeit, Verunsicherung, Überforderung aufgezählt, beim „Bewahren“ Langeweile, Stillstand, Banalität, Erstarrung.

Im Prozess sind die Beteiligten einen inneren Weg gegangen, der sich mit einer Endlosschleife darstellen lässt: Von den Vorzügen der eigenen Position über die negativen Folgen der ins Extrem gesteigerten anderen Position, können die Parteien nun auch sehen, wofür sie bisher blind waren: Die Vorteile der anderen Seite und die Schattenseiten des eigenen Standpunktes. Die Folge ist: Die Spannung nimmt ab. Beide Seiten erkennen, dass der eigene Standpunkt nicht alternativlos ist, sondern der Ergänzung bedarf. Aus dem Gegeneinander wird ein Miteinander. Gemeinsam können alle Beteiligten fortan versuchen, die Polarität zu managen, statt sie wie bisher als Problem zu behandeln.