Monatsandachten

Geistliche Impulse aus der Theologischen Hochschule Elstal

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November 2018

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, be-reitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann (Offenbarung 21,2).

Die Welt, wie wir sie kennen, wird einmal untergehen – aber nur um Platz zu machen für etwas ganz Neues und Wunderschönes. Vom neuen Himmel und der neuen Erde können wir mit unseren Erfahrungswerten uns keine rechte Vorstellung machen. Darum sprechen auch die Weissagungen der Bibel nur in Bildern davon, und selbst die erweisen sich als letztlich unzureichend.

Der Seher Johannes empfängt als Vision, dass eine Stadt aus dem Himmel herabkommt. Es ist die heilige Stadt Jerusalem. Aber nicht jene Stadt in den judäischen Bergen zwischen Mittelmeer und Totem Meer, die heute im Zentrum weltpolitischer Konflikte steht, sondern ihr himmlisches Ge-genstück, das neue Jerusalem. Diese heilige Stadt hat Gott im Himmel vorbereitet, um sie zur ge-gebenen Zeit auf die neue Erde herabzusenden. Dann folgt ein zweites Bild, das zum ersten gar nicht zu passen scheint: Die himmlische Stadt, sagt Johannes, ist vorbereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Mit diesem zweiten Bild greift er auf, was im Alten wie im Neuen Testament vom Volk Gottes gesagt wird: Das Volk Gottes ist die Braut, mit der Gott bzw. Jesus Christus sich vermählen will.

So verstehen wir nun auch, wer oder was das neue Jerusalem ist, nämlich die Schar der vollende-ten Erlösten, mit der Gott eine ewige, unauflösliche Liebesgemeinschaft eingegangen ist. Diese Schar wird die neue Erde füllen, und dazu wird sie jetzt im Himmel vorbereitet. Zur himmlischen Gemeinde gehören alle, die ihren Weg auf Erden im Glauben vollendet haben. Aber auch wir, die wir noch leben, gehören schon dazu, wenn auch in anderer Form. „Wir sind Bürger im Himmel“, sagt der Apostel Paulus (Phil. 3,20), und das wird einmal offenbar werden, wenn die vollendete Gemeinde vom Himmel herabkommt. Indem wir hier auf Erden Glauben halten, Liebe üben und Hoffnung bewahren, erhalten wir unser Erbteil im neuen Jerusalem und der neuen Welt.

Prof. Dr. Uwe Swarat
Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Oktober 2018

Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen. (Psalm 38,10 EUE)

Dieses Stoßgebet könnte auch von Hiob stammen. Psalm 38 nämlich, in den dieser Satz eingebettet ist, nennt sämtliche körperlichen und seelischen Leiden, die man sich vorstellen kann: Von eiternden Wunden ist die Rede (V. 6), von Schmerzen (V. 18), Trauer (V. 7), Taubheit und Verstummen (V. 14), ja der gesamte Leib sei krank (V. 4). Mit dem Schicksal Hiobs verbindet sich das Problem der Sünde, das in diesem Psalm ebenfalls angesprochen wird (V.4-5.19). Wie hängt beides zusammen, Krankheit und Sünde? Kann, soll, darf es da überhaupt einen Zusammenhang geben? Einige Bibelausleger sind der Meinung, die in diesem Gebet genannten Schmerzen seien nur symbolisch zu verstehen. Die Beterin leide nicht an einer Krankheit, sondern an ihrer Schuld. Folglich gehe es in dem Psalm nicht um Heilung im wörtlichen Sinn, sondern um Vergebung.

Dabei ging man im Alten Israel grundsätzlich davon aus, dass Krankheit ein Symptom von Sünde sei. Aus heutiger Sicht erscheint dies freilich zu einseitig. Aber das Thema Schuld ist eine (mögliche) Antwort auf die Frage, die sich jeder Kranke – auch im 21. Jahrhundert – unweigerlich stellt: „Warum? Warum ich? Wer hat Schuld? Ich selbst oder jemand anderes?“ Um genau diese Fragen geht es in Psalm 38 (wie im Hiobbuch).

Die gut gemeinte Haltung – die Frage nach der Schuld auszuklammern – kann fatale Folgen haben: Wer krank und elend ist, bleibt mit existentiellen Fragen allein. Angehörige und Freunde schweigen sich aus, haben Angst, fühlen sich „überfordert“, wollen sich selber „schützen“. Genau der Effekt, über den der Beter in Ps 38 klagt (V. 12). Wenn niemand bereit ist, sich auf die Geschichte eines betroffenen Menschen einzulassen, bleibt für ihn oft nur eine Schlussfolgerung: „Ich bin schuld“ (V 4). Und wenn er sich irrt?

Warum wird man krank? Auf diese Frage gibt es meist keine eindeutige Antwort, aber ein hilfreiches Mittel: Zuhören. Darum setzt die Beterin ihre ganze Hoffnung auf Gott, der das Verborgene sieht (siehe Matthäus 6,6). „Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen“ (V. 10). Gott möge einstehen, beistehen und erretten (V. 23). An Leib, Seele und Geist. Gut, wenn Kranke in ihrer äußeren und inneren Not nicht allein bleiben, sondern gemeinsam mit anderen Menschen ihre Sehnsucht vor Gott zum Ausdruck bringen.

Prof. Dr. Dirk Sager
Professor für Altes Testament

September 2018

Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.
(Prediger 3, 11)


Mitten im Leben

Alles hat seine Zeit: geboren werden und sterben ... abbrechen und bauen ... weinen und lachen ... umarmen und loslassen (Prediger 3, 1-8). Gott hat dem Menschen aber nicht nur die Zeit und damit die Vergänglichkeit zugemutet, er hat ihm auch eine Sehnsucht ins Herz gelegt, die über alles Zeitliche, Sichtbare und Vergängliche hinausgeht.

Der Mensch möchte wissen, erforschen und erfahren was das Ganze ist. Dahinter schauen, darüber hinausgehen, in die Weite und die Tiefe blicken, jedes Detail kennen lernen. Wissen woher alles kommt und wohin alles geht. So ist der Mensch: immer suchend, immer unterwegs. Angekommen ist der Mensch erst, wenn er seinen Platz akzeptiert. Wenn er seine Grenzen kennt, wenn er begreift, dass ihm seine Zeit geschenkt ist und er sie selber nicht in seiner Hand hält. Wenn er Anfang und Ende loslässt und sich mit der Mitte des Lebens begnügt. Dann kann Vertrauen wachsen zu dem, der Beides in seiner Hand hält: Zeit und Ewigkeit. Dann kann der Mensch ganz da sein und seine Zeit als ein Geschenk empfangen.

Hier und jetzt gilt es zu leben. Hier ist der Ort der Verantwortung. Jetzt ist die Zeit, das Leben zu gestalten und zu genießen. Und in Beidem, im Gestalten und Genießen kann auch ein wenig „Ewigkeit“ mitten in der Zeit Raum gewinnen. In Beidem kann sich der Mensch mit Gott, dem einzig Ewigen verbinden. Im Mitgestalten in dieser Welt und Zeit, in der Zuwendung zur Schöpfung und in der tätigen Liebe den Mitmenschen gegenüber, hat der Mensch Teil an Gottes Werk und Gottes Liebe. Er liebt mit Gott mit, Gott liebt durch ihn. Und auch im Genießen verbindet sich der Mensch mit Gott, indem er dankbar sein Leben mit seinen Möglichkeiten aus Gottes Hand nimmt: dankbar für Menschen, die uns durchs Leben begleiten; dankbar für Menschen, die uns unterstützen, wenn wir es brauchen; dankbar für die guten Dinge im Leben; dankbar für Brot und Wein und Menschen, die uns lieben. Indem wir unser Gestalten und Genießen mit Gott verbinden, gehen wir über unsere engen menschlichen Grenzen hinaus und erfahren „Ewigkeit“.

Dankbar können wir auch für durchlebte und überwundene Lebenskrisen sein. Gerade die Krisenzeiten unseres Lebens können Zeiten sein, in die ein Stück der Ewigkeit einbrechen kann, auch wenn es sich zunächst gar nicht danach anfühlt. Denn hier verbindet sich Gott mit uns. In Jesus Christus, der als Mensch gelebt und gelitten hat, zeigt Gott seine Solidarität mit menschlichem Leiden. Und durch Jesus Christus, der gestorben und wieder auferstanden ist, gibt es Hoffnung für jede noch so aussichtlose Situation. In dieser Hoffnung strahlt Ewigkeit in die Zeit. Nicht als ein billiger Trost auf bessere Zeiten, sondern als Kraft zur Veränderung.

Die Ewigkeit finden wir nicht am Anfang und am Ende aller Dinge – das ist uns nicht zugänglich. Die Ewigkeit können wir nur mitten im Leben finden, weil wir wissen, dass der, der Zeit und Ewigkeit in seiner Hand hält, alles in seiner Hand hält, auch uns.

Prof. Dr. Andrea Klimt
Professorin für Praktische Theologie

August 2018

Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.
(1. Joh 4,16)


Prägnanter lässt sich die Beziehung zwischen Gott und uns Menschen kaum auf den Punkt bringen. Wer in den Kontext schaut, entdeckt drei Liebesbewegungen. Die erste und für alles Weitere entscheidende Bewegung der Liebe vollzieht sich von Gott zu uns Menschen. In der Sendung seines Sohnes Jesus Christus wird Gottes Liebe unüberbietbar und ein für alle mal sichtbar (V. 9). Die Richtung der Liebe ist dabei wichtig: „nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat“ (V. 10). Jeder Versuch, dieses umzudrehen, ist zum Scheitern verurteilt. Wir Menschen können aus eigener Kraft Gott keine Liebe entgegenbringen. Das würde uns hoffnungslos überfordern. Er hat seinen Sohn zu unserer Versöhnung in die Welt gesandt, damit seine Liebe uns erreicht. Hoffnungsvoll wird unser Leben erst, wenn wir uns von Gottes Liebe beschenken lassen und wenn seine Liebe sich in unser Leben hinein ausbreitet. Die zweite Bewegung der Liebe folgt daraus: „Ihr Lieben, hat uns Gott geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben“ (V. 11). Weil Gott uns liebt, darum gilt, dass wir seine Liebe weitergeben können und sollen. Hier droht es zuweilen anstrengend und ermüdend zu werden. Der mittelalterliche Theologe Bernhard von Clairvaux (1090-1153) schreibt dazu: „Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter. (...) Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch, freigebiger als Gott zu sein.“ Wir können nur weitergeben, was wir von Gott empfangen haben. Es gibt ein Brennen in der Liebe, aber auch ein Ausbrennen in Aktionismus und Selbstüberschätzung. Wer mehr gibt, als er selbst empfangen hat, erschöpft damit seine in jedem Fall begrenzten Kräfte. Schließlich wird eine dritte Bewegung der Liebe sichtbar: Die von Gott geschenkte Liebe, die wir Gott entgegenbringen können (V. 20). Hier schließt sich der Kreislauf des in der Liebe In-Gott-Bleibens: Weil Gott uns zuerst geliebt hat, darum können wir seine Liebe an andere Menschen weitergeben und auf Gott ausrichten. Damit ist Christsein wirklich in wenigen Worten beschrieben: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm.“

Dr. Carsten Claußen
Professor für Neues Testament an der Theologischen Hochschule Elstal

Juli 2018

Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maße der Liebe! Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den HERRN zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt! (Hosea 10,12)

Gibt es zum Thema „Gerechtigkeit“ noch etwas Neues zu sagen? Während politische Partien nicht müde werden zu versichern, dass sie sich programmatisch neu ausrichten, um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, scheint in der Bevölkerung Ernüchterung eingekehrt zu sein: „Gerechtigkeit? Wo bitte soll es die denn noch geben? Das sind doch nur leere Phrasen. Am Ende geht es alles immer so weiter wie bisher.“ Der Prophet Hosea scheint in dieser Hinsicht die Hoffnung nicht ganz aufgegeben zu haben, auch wenn er im folgenden Vers (Hos 10,13) feststellen muss, dass statt Gerechtigkeit und Liebe nur Bosheit und Gewalt um sich greifen. Doch im Blick auf die Frühzeit Israels, in der Israel gleich wie eine junge Kuh Lust und Kraft hatte, die Arbeit zu erledigen (Hos 10,11), wagt der Prophet es, vom Neuanfang zu sprechen. Im Bild gesprochen, nicht nur den bestehenden Acker immer wieder neu umzugraben, und damit nur scheinbar Veränderungen zu bewirken, sondern überhaupt neues Land urbar zu machen. Die eigentliche Forderung ist zwar mit dem landwirtschaftlichen Vergleich nur schwer in Einklang zu bringen (Gerechtigkeit ist ja nichts, was man einfach in die Hand nehmen und Samen gleich in die Furchen werfen könnte), der Sinn dahinter aber eindeutig: Wer nach dem Maßstab von Gerechtigkeit und Liebe handelt, der und die hat auch die Aussicht, dass Gott seinerseits Gerechtigkeit „regnen“ und die Menschen kraft ihrer gegenseitigen Solidarität Gutes erfahren lässt. Gibt es zum Thema Gerechtigkeit noch etwas Neues zu sagen? In den Schriften der Bibel gibt es zur Sozialethik eine ganze Menge alt Bewährtes wieder neu zu entdecken, das auch für unser heutiges Leben relevant ist: die Liebe zum Nächsten wie zum Fremden (3. Mose 19,33-34), den Schutz der Tiere wie der Natur (5. Mose 22,6-7), die Solidarität mit den Armen und Schwachen (Sprüche 14,31), der Einsatz für Frieden statt Segnung der Waffen (Ps 46,10), der Schutz von Frauen (und Männern) vor körperlicher Gewalt und seelischer Misshandlung (2. Samuel 13,1-20), oder ein respekt- und würdevoller Umgang mit älteren Menschen (3. Mose 19,32). So wird die „Suche“ nach Gott praktisch und konkret.

Prof. Dr. Dirk Sager
Professor für Altes Testament

Juni 2018

Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.  (Hebr. 13,2)

Manchmal lohnt es sich, einen Satz von hinten zu lesen. Fangen wir also bei den Engeln an. Was haben Engel mit der Gastfreundschaft zu tun? Ich behaupte: Eine Menge. Zunächst einmal sind sie ein wichtiger Hinweis. Denn die Engel, die man da ahnungslos im Haus hat, lassen erkennen, dass es bei der Gastfreundschaft nicht einfach um ein Tauschgeschäft geht. Also um einen Handel nach dem Motto: Wenn ich diese oder jene Person bei mir aufnehme, kann ich auf eine entsprechende Gegenleistung rechnen. Nein, „ohne es zu ahnen“ waren die Engel da. Sie sind nicht Objekt der Berechnung. Sie sind auch nicht die Vertreter meines Bekannten- oder Gesinnungskreises. Dann wären sie ja auf den ersten oder zumindest auf den zweiten Blick klar zu identifizieren gewesen: Ah, mein Nachbar von gegenüber, meine liebe Schwester aus der Gemeinde, mein Kollege aus der Sportgruppe! Gastfreundschaft erstreckt sich niemals nur auf diejenigen, die man bereits kennt und bei denen man damit rechnen kann, dass sie sich irgendwann erkenntlich zeigen. Es war daher in der Antike ein schöner Brauch, dass man den Fremden am Tisch erst im Anschluss an das Gastmahl nach seinem Namen und nach seiner Herkunft fragte. Der Hinweis auf die ahnungslos beherbergten Engel steht also dafür, dass Gastfreundschaft kein berechnender Vorgang ist. Das aber ist keineswegs alles. Denn Engel sind ja nach biblischem Verständnis Wesen, die neue Möglichkeiten eröffnen. Sie bereichern unsere vorfindliche Wirklichkeit. „Engel sind Einweisungen in das Mögliche“, hat ein kluger Theologe darum formuliert. Bibelkundigen werden dabei viele Beispiele vor Augen stehen, besonders vermutlich die Geschichte von der Aufnahme der Boten Gottes durch Abraham, Sara und Lot vor dem drohenden Untergang von Sodom und Gommora. Wenn wir andere Menschen, wenn wir Fremde in unsere Häuser und an unsere Tische einladen, dann erweitert sich oft genug unser begrenzter Horizont. Wir erfahren etwas über das Leben der anderen und dabei nicht selten auch über uns selbst. Und manchmal, ja manchmal ist sogar die „engelhafte“ Erkenntnis dabei: Ganz anders könnte man leben. Darum: Vergesst die Gastfreundschaft nicht!

Prof. Dr. Volker Spangenberg
Professor für Praktische Theologie

Mai 2018

Es ist aber der Glaube ein feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. (Hebr 11,1)

Seien wir ehrlich: Sich an eine Hoffnung, die man nicht sieht, zu klammern und an einem unsichtbaren Wesen festzuhalten, ist heute alles andere als akzeptiert. Das Phänomen zeigt sich in manchen Regionen der Republik mehr als in anderen, aber mit der Aufklärung und den modernen wissenschaftlichen Methoden scheint ein religiöser Glaube schwer vereinbar zu sein. Das Paradigma lautet: Was man nicht wiegen, greifen, spüren kann, das ist wissenschaftlich irrelevant. Oder kurz: was nicht messbar ist, das gibt es nicht!
Dabei basiert der christliche Glaube in erste Linie gar nicht auf unsichtbaren Wesen und zukünftigen Visionen. Er fußt nicht auf mystischen Geheimlehren und magischen Ritualen. Der christliche Glaube sieht in der Bibel ein Zeugnis, in dem Menschen bereits seit Generationen von ihren Erlebnissen mit Gott berichten. Die Verfasser der Bibel waren überzeugt, dass in Jesus Christus das göttliche Wort Fleisch wurde und unter uns wohnte (Joh 1,14). Die Botschaften seines Lebens, Sterbens und seiner Auferstehung wurden über Jahrhunderte von Glaubenden gesammelt, ausgewählt und schließlich in Form eines Kanons zusammengefasst. Damit hat das Christentum eine handfeste Basis: Wir können die Jesusworte lesen und uns damit kritisch auseinandersetzen. Wir können seinen Lebensweg nachverfolgen und sein Handeln und Fühlen nachempfinden. Wir können ihn durch seine Geschichten und Gleichnissen greifbar machen und uns vorstellen, wie er auf seine Mitmenschen gewirkt haben muss. Wir können die Person Jesu als historische Figur analysieren und seine Spuren in der Kirchengeschichte nachspüren. Welche Schlüsse man daraus zieht, also ob man in Jesus einen großen Philosophen, einen jüdischen Irrlehrer und Staatsfeind oder doch den Sohn Gottes sieht, so wie es die Verfasser sahen, das kann nur jeder für sich selbst entscheiden. Wer jedoch die tiefe Weisheit, Liebe und Relevanz der einzigartigen Botschaft Jesu für das eigene Leben erkennt, der darf wagen zu glauben, dass dahinter mehr steckt, als Menschen sehen können. Wer im Glauben die lebensverändernde Kraft dieser Botschaft spürt, der entwickelt eine feste Zuversicht, dass Jesus sein angefangenes Werk auch in Zukunft zu Ende bringen wird, auch wenn wir das unter Umständen nicht mehr selbst sehen werden.

Markus Höfler
Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Rektoratsassistent

April 2018

Jesus Christus spricht: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.  (Joh 20,21)

Noch konnten es die Jünger Jesu nicht fassen. Noch hatten sie Angst und versteckten sich: nicht, dass auch sie ans Kreuz  genagelt werden und einen schrecklichen Tod sterben wie ihr Meister Jesus. Die Frauen hatten zwar etwas davon erzählt, dass Jesus ihnen im Garten begegnet ist.  Aber das kann ja gar nicht sein: Tot ist tot! Für Jesus und für sie gab es keine Hoffnung. Alle Türen haben sie verschlossen, alle Fenster verrammelt. Hoffnungslos und verzagt kauerten sie im Halbdunkeln. Plötzlich steht Jesus da, einfach so, und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Zweimal sagt er ihnen seinen Frieden zu. „Ich bin kein Gespenst, sondern Jesus, den ihr kennt; seht meine durchbohrten Hände.“ Es geht alles so schnell; sie können es kaum fassen, glauben: Jesus ist wirklich vom Tod auferstanden und er lebt. Nun spricht er das Sendungswort über sie aus und bläst sie an mit dem Geist Gottes, der ihn lebendig und die Macht des Todes gebrochen hat. Jesu Werk ist nicht zu Ende; sein Heil will zu allen Menschen kommen. Und dazu sendet er sie, die sich vor Unsicherheit und Angst verkrochen hatten. Sie sind berufen, die Mission Jesu fortzusetzen.
Jesus hat den Jüngern damals und uns heute den Weg unserer Mission vorgezeichnet: Er predigte das Reich Gottes, forderte zur Umkehr heraus und lud dazu ein, sich auf die Liebe seines himmlischen Vaters einzulassen. Jesus nahm die Menschen in ihren Nöten ernst und berührte sie heilend und befreiend. Er setzte sich mit den Verstoßenen an einen Tisch, aß und trank mit ihnen, und ließ sie so die Nähe Gottes spüren. Wie er als Gottessohn sich erniedrigte und Mensch wurde, so sind wir berufen, unseren Mitmenschen Schwester und Bruder zu sein. Wir müssen nicht alles auf einmal tun; wir müssen eigentlich gar nichts, sondern lassen einfach die Liebe Gottes durch uns hindurch fließen zu den Menschen um uns herum. Dabei mögen wir uns unsicher oder ungenügend fühlen, aber Jesus, der Auferstandene, ist da, und sein Friede durchdringt den Nebel unserer Furcht und kommt bei anderen an, durch uns und manchmal auch trotz uns.

Prof. Dr. Michael Kißkalt
Rektor und Professor für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie

März 2018

Jesus Christus spricht: Es ist vollbracht! (Joh 19,30)

Insgesamt sieben letzte Worte werden uns in den neutestamentlichen Evangelien von Jesus Christus überliefert. Nicht in allen Evangelien sind es dieselben. Das Wort, das zu unserem Monatsspruch geworden ist, steht nur im Johannesevangelium. Am Kreuz hängend spricht Jesus: „Es ist vollbracht!“.

Wenn etwas vollbracht wurde, dann wurde es vollständig zu Ende gebracht. Diesen Sinn enthält auch das griechische Wort, das in der Bibel an dieser Stelle verwendet wird. Seine Grundbedeutung ist „ans Ziel kommen“. Aber was ist denn hier ans Ziel gekommen? Was wurde vollständig zu Ende gebracht?

Es könnte scheinen, als würde dieses Wort vielleicht besser in den Mund des römischen Hauptmanns passen, der die Kreuzigung durchführte. Jetzt, da der Gekreuzigte seine letzten Atemzüge tut, ist die Hinrichtung vollbracht. Das würde passen. Aber im Munde des Gekreuzigten? Was soll das Wort da bedeuten? Jesus ist hier doch ein machtloses Opfer weltlicher Gewalt. Er handelt nicht, er leidet nur.

Aber das ist nur der äußere Schein. Eigentlich geschieht hier etwas anderes, und darauf will uns das Kreuzeswort hinweisen. Entgegen allem Anschein bringt Jesus in diesem Moment eine Aufgabe zu Ende, die Gott der Vater ihm mitgegeben hat, als er auf die Welt kam: Er sollte den Vatergott den Menschen erkennbar machen. In den Worten und Taten Jesu sollte man Gott ablesen können wie in einem aufgeschlagenen Buch.

Auch Jesu Passion, sein Leiden und Sterben, sollte Zeugnis von Gott ablegen – von der unendlichen Liebe, durch die Gott sich selbst als Opfer für die Sünden der Menschen hingibt, indem er dem Hass und der Gleichgültigkeit der Menschen zum Opfer fällt. In der großen Geduld, mit der Jesus den Widerwillen der Menschen gegen ihn ertrug und alles mit sich machen ließ, was sie ihm antaten, in dieser Geduld sollte die Liebe Gottes spürbar werden, die selbst seinen Feinden gilt. Diesen Auftrag hat Jesus am Kreuz vollständig erfüllt. Darum konnte er mit Recht sagen: „Es ist vollbracht“.

Prof. Dr. Uwe Swarat
Professor für Systematische Theologie und Dogmengeschichte

Februar 2018

Es ist das Wort ganz nah bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust. Dtn 30,14

Das Leben als Christ könnte so einfach sein, würde Gott nur deutlicher zu mir sprechen! Würde er mir klar sagen welcher Partner der Richtige für mich ist, ich wäre der glücklichste Beziehungsmensch. Würde er mir sagen welcher Beruf oder welcher Arbeitgeber zu mir passt, ich würde mit Freuden morgens aus dem Bett kriechen und zur Tat schreiten. Würde es mir all meine Fragen beantworten, wie einfach wäre es für mich ein gottgefälliges und gutes Leben zu führen. Schade, guter Gott, dass du so oft schweigst.

Das Volk Israel hatte es während seiner 40-jährigen Wüstenwanderung mit einem sehr gesprächigen Gott zu tun. Er äußerte sich nicht nur in Zeichen und Wundern, sondern offenbarte seinen Willen ganz klar in den zwei Bünden, die er mit dem Volk im Lande Moab und am Berg Horeb schloss (Dtn 28,69). Als Gott am Ende dieser Wüstenzeit das Volk fragte, ob es nach alledem zu Gott gehören und seinen Willen befolgen wollte oder nicht, dürfte die Entscheidung dementsprechend leicht gefallen sein. Es war die Entscheidung, wie der HERR es selbst deutlich formulierte, zwischen Segen und Fluch, zwischen Leben und Tod. An diesem Punkt hätte die Bibel mit einem „Happy End“ aufhören können. Das Volk nimmt unter Josuas Führung das gelobte Land ein und lebt unentwegt unter dem Segen Gottes, der gesunde Familien, reichhaltige Ernten und andauernden Frieden verheißt. Es ist diese Stelle, an der Gott den Vers dieser Andacht spricht und dazu einlädt sein Wort zu halten und dadurch Leben zu empfangen. Doch leider endet die Bibel nicht an diesem Punkt. Es folgt Buch um Buch die Geschichte eines Volkes, das von Götzendienst, Ungerechtigkeit und Korruption nicht lassen konnte. Es ist die Geschichte der ganzen Menschheit, der es nicht gelingt Gottes Wort zu beherzen und der Sünde Stand zu halten (Röm 3,10ff). Gott könnte uns seinen Willen jeden Morgen neu in Großbuchstaben auf den Arm tätowieren, wir würden an seinem Wort genauso scheitern wie an der Einsicht, dass wir gesünder essen, sportlicher leben, leidenschaftlicher glauben und liebevoller mit Anderen umgehen sollen. Es ist zwar schön und gut wenn wir uns bemühen und Fortschritte erzielen, aber Sündlosigkeit liegt leider nicht in unserem Wesen: Das Schweigen Gottes war nie das Problem, sondern das Herz des Menschen.

Aus diesem Grund musste das Wort in Jesus selbst Fleisch werden (Joh 1,14) und für unsere Schuld sterben. Es war die einzige Chance, um die menschliche Geschichte des ewigen Scheiterns zu durchbrechen. Wer nach Gottes Willen für sich fragt, der sollte in erster Linie nicht an einen endlosen Frage-Antwort-Katalog denken, sondern an das große Ja-Wort Gottes an uns. Wer diesem Wort glaubt, dem ist es ganz nahe. Wer dieses Wort Im Munde  und im Herzen behält, der lebt im Bund mit Gott.

Markus Höfler
Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Rektoratsassistent

Januar 2018

Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter und dein Sklave und deine Sklavin und dein Rind und dein Esel und dein ganzes Vieh und dein Fremder in deinen Toren.
Dtn 5,14 (E)

Zentral für die Heiligung des siebten Tages ist in diesem Vers nicht der Besuch eines Gottesdienstes oder eine andere religiöse Pflichterfüllung, sondern die Konzentration auf die Ruhe. So wie Gott nach sechs Tagen schöpferischer Tätigkeit am siebten Tag von seiner Arbeit ausruhte, so soll auch sein Volk nicht zur ununterbrochenen Arbeit verdammt sein. Ein Innehalten wird gefordert, von dem nicht einmal die Sklaven oder die Tiere oder die schutzlosen Fremden ausgenommen sind.

Diese Worte entstammen einer Zeit, in der jeder Tag einen Kampf ums Überleben bedeutete. Aber jeden siebten Tag nur Ausruhen, das Leben genießen, die Vielfalt der Natur bestaunen – so wie Gott am siebten Tag seine Schöpfung besah, um festzustellen, dass alles sehr gut war – das wird hier in den zehn Geboten nicht nur den Reichen zugestanden, sondern allen Menschen, ja sogar den Nutztieren.
Auch in der modernen Gesellschaft, in der permanente Hektik das Leben prägt, in der Rund um die Uhr die Lichter brennen, ist Ruhe und Innehalten keine Selbstverständlichkeit. Auch uns tut es gut, wenn uns der Wochenrhythmus alle sieben Tage einen zeitlichen Schutzraum bietet, in dem von uns keine Arbeit und keine Leistung erwartet werden. Ein Tag der Besinnung, an dem wir nicht nachweisen müssen, dass wir etwas geschafft haben. Ein Tag der Freiheit, um die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zu tun.
Das Gebot der Sabbatheiligung fordert uns heraus, einen kollektiven Tag der Ruhe für alle zu sichern. Der letzte Tag der Woche soll als arbeitsfreier Tag für die schönen Dinge des Lebens reserviert sein. Es ist Gottes Auftrag an uns, einen Tag in der Woche so zu gestalten, das an ihm möglichst niemand fremdbestimmt wird. Das ist keine Pflicht, sondern ein Vorrecht, zu dessen Verteidigung uns Gott im Gebot der Sabbatheiligung auffordert. Ein Tag mit geschlossenen Geschäften, leeren Büros und weniger Verkehr. Ein Tag ohne Hektik, ohne Konsum und ohne Zeiterfassung. Ein Tag zum Spielen, zum Lesen, zum Nachdenken, zum Hören, zum Musizieren, Entspannen und Liebe machen.

Wenn wir diesen Tag der Ruhe wieder suchen und heilig halten, werden wir auch Gott selbst, den Liebhaber des Lebens, an diesen Sonntagen unseres Lebens neu entdecken können. Dann finden wir wieder Zeit zum Gebet, zum Lesen in der Bibel, zum Hören auf Gottes Wort, zum Singen und zum Nachdenken über Gottes Güte. Nicht als Pflichtübung oder aus schlechtem Gewissen, sondern weil unser Kopf wieder dafür frei wird, uns darauf neu einzulassen.

Den Sabbat so zu heiligen, ist nicht leicht in einer hektischen Welt, die auch am Sonntag nicht still steht. Aber in dem Streben nach einer gemeinsamen Sabbatruhe am Ende der Woche liegt seit Israels Zeiten ein besonderer Segen Gottes für unser Leben.

Prof. Dr. Ralf Dziewas
Prorektor und Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Jahreslosung 2018

Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
(Offenbarung 21,6)

Am Anfang eines neuen Jahres nähern wir uns mit diesem Vers dem Ende des letzten Buches der Bibel. Im vorletzten Kapitel der Bibel geht es noch einmal ums Ganze: „Und er sprach zu mir: Es ist geschehen: Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ Wie Jesus am Kreuz unmittelbar vor seinem Tod sein Leben zusammenfasst: „Es ist vollbracht“, so blickt Gott mit diesen Worten auf die gesamte Heilsgeschichte. Der Tod hat nicht das letzte Wort behalten, sondern das Leben hat gesiegt. Der zu Unrecht Hingerichtete ist nun selbst der gerechte Richter auf dem Thron Gottes. Aus himmlischer Perspektive wird ein klarer Blick auf die Dinge zwischen Alpha und Omega, zwischen Anfang und Ende offenbart. In diesem Bereich leben wir. Vom Kreuz her kommend, gehen wir auf den Richterstuhl Gottes zu, auf dem Jesus Christus sitzt. Das ist die Perspektive, in der sich unser gegenwärtiges und zukünftiges Leben als Christinnen und Christen vollzieht. Wir sind auf dem Weg zur endgültigen Verwirklichung des Heils am Ende aller Zeiten. Welche Werke können wir dazu beitragen? Was wird von uns erwartet, damit wir dereinst vor Gott bestehen können? Nichts. Nein, wirklich nichts! Unser Heil ist schon am Kreuz von Golgatha erworben worden und der Glaube daran ist Geschenk. Wir können und sollen Jesus nachfolgen, aber das Heil müssen und können wir nicht selbst hervorbringen. Entscheidend ist jedoch, dass wir auf dem Weg nicht verdursten. Das Bild führt uns weit zurück in die Zeit des Auszugs der Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft zu lebensbedrohlichen Erfahrungen des Wassermangels. Mitten in der Wüste erleben sie, wie Gott Wasser aus einem Felsen fließen lässt (4.Mose 20,2ff.) und Mensch und Vieh vor dem sicheren Tod bewahrt. Als Hirte führt Gott auch uns zum frischen Wasser (Ps 23,2). Dem Ende der Johannesoffenbarung noch etwas näher folgt ein Aufruf (Offb 22,17): „Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme; wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.“ Wir werden vom Geist Gottes und von Jesus aufgefordert, uns kräftig zu bedienen. Wo sind die Orte, an denen dieses Wasser fließt? Lebendig sprudelnde Gottesdienste mit inspirierendem Wort und frischem Lobpreis, gute Gespräche unter Wasserfreunden, tiefschöpfender Austausch über Bibeltexte und Zeiten des stillen Hörens auf das fließende Wasser sind nur einige Beispiele, die unseren Glauben vor dem Vertrocknen bewahren. Für das neue Jahr 2018 wünsche ich uns jede Menge solcher Quellerfahrungen, – von dem, der der Anfang und das Ende ist.

Prof. Dr. Carsten Claußen
Professor für Neues Testament