Monatsandachten

Geistliche Impulse aus der Theologischen Hochschule Elstal

Die Andachten dürfen kostenfrei in Gemeindebriefen abgedruckt werden. Die Nutzungsbedingungen und alle Dokumente und Bilder zum Download finden Sie auf der Seite der Theologischen Hochschule.

Ältere Andachten finden Sie im Archiv.

Januar 2018

Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter und dein Sklave und deine Sklavin und dein Rind und dein Esel und dein ganzes Vieh und dein Fremder in deinen Toren.
Dtn 5,14 (E)

Zentral für die Heiligung des siebten Tages ist in diesem Vers nicht der Besuch eines Gottesdienstes oder eine andere religiöse Pflichterfüllung, sondern die Konzentration auf die Ruhe. So wie Gott nach sechs Tagen schöpferischer Tätigkeit am siebten Tag von seiner Arbeit ausruhte, so soll auch sein Volk nicht zur ununterbrochenen Arbeit verdammt sein. Ein Innehalten wird gefordert, von dem nicht einmal die Sklaven oder die Tiere oder die schutzlosen Fremden ausgenommen sind.

Diese Worte entstammen einer Zeit, in der jeder Tag einen Kampf ums Überleben bedeutete. Aber jeden siebten Tag nur Ausruhen, das Leben genießen, die Vielfalt der Natur bestaunen – so wie Gott am siebten Tag seine Schöpfung besah, um festzustellen, dass alles sehr gut war – das wird hier in den zehn Geboten nicht nur den Reichen zugestanden, sondern allen Menschen, ja sogar den Nutztieren.
Auch in der modernen Gesellschaft, in der permanente Hektik das Leben prägt, in der Rund um die Uhr die Lichter brennen, ist Ruhe und Innehalten keine Selbstverständlichkeit. Auch uns tut es gut, wenn uns der Wochenrhythmus alle sieben Tage einen zeitlichen Schutzraum bietet, in dem von uns keine Arbeit und keine Leistung erwartet werden. Ein Tag der Besinnung, an dem wir nicht nachweisen müssen, dass wir etwas geschafft haben. Ein Tag der Freiheit, um die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zu tun.
Das Gebot der Sabbatheiligung fordert uns heraus, einen kollektiven Tag der Ruhe für alle zu sichern. Der letzte Tag der Woche soll als arbeitsfreier Tag für die schönen Dinge des Lebens reserviert sein. Es ist Gottes Auftrag an uns, einen Tag in der Woche so zu gestalten, das an ihm möglichst niemand fremdbestimmt wird. Das ist keine Pflicht, sondern ein Vorrecht, zu dessen Verteidigung uns Gott im Gebot der Sabbatheiligung auffordert. Ein Tag mit geschlossenen Geschäften, leeren Büros und weniger Verkehr. Ein Tag ohne Hektik, ohne Konsum und ohne Zeiterfassung. Ein Tag zum Spielen, zum Lesen, zum Nachdenken, zum Hören, zum Musizieren, Entspannen und Liebe machen.

Wenn wir diesen Tag der Ruhe wieder suchen und heilig halten, werden wir auch Gott selbst, den Liebhaber des Lebens, an diesen Sonntagen unseres Lebens neu entdecken können. Dann finden wir wieder Zeit zum Gebet, zum Lesen in der Bibel, zum Hören auf Gottes Wort, zum Singen und zum Nachdenken über Gottes Güte. Nicht als Pflichtübung oder aus schlechtem Gewissen, sondern weil unser Kopf wieder dafür frei wird, uns darauf neu einzulassen.

Den Sabbat so zu heiligen, ist nicht leicht in einer hektischen Welt, die auch am Sonntag nicht still steht. Aber in dem Streben nach einer gemeinsamen Sabbatruhe am Ende der Woche liegt seit Israels Zeiten ein besonderer Segen Gottes für unser Leben.

Prof. Dr. Ralf Dziewas
Prorektor und Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Jahreslosung 2018

Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
(Offenbarung 21,6)

Am Anfang eines neuen Jahres nähern wir uns mit diesem Vers dem Ende des letzten Buches der Bibel. Im vorletzten Kapitel der Bibel geht es noch einmal ums Ganze: „Und er sprach zu mir: Es ist geschehen: Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ Wie Jesus am Kreuz unmittelbar vor seinem Tod sein Leben zusammenfasst: „Es ist vollbracht“, so blickt Gott mit diesen Worten auf die gesamte Heilsgeschichte. Der Tod hat nicht das letzte Wort behalten, sondern das Leben hat gesiegt. Der zu Unrecht Hingerichtete ist nun selbst der gerechte Richter auf dem Thron Gottes. Aus himmlischer Perspektive wird ein klarer Blick auf die Dinge zwischen Alpha und Omega, zwischen Anfang und Ende offenbart. In diesem Bereich leben wir. Vom Kreuz her kommend, gehen wir auf den Richterstuhl Gottes zu, auf dem Jesus Christus sitzt. Das ist die Perspektive, in der sich unser gegenwärtiges und zukünftiges Leben als Christinnen und Christen vollzieht. Wir sind auf dem Weg zur endgültigen Verwirklichung des Heils am Ende aller Zeiten. Welche Werke können wir dazu beitragen? Was wird von uns erwartet, damit wir dereinst vor Gott bestehen können? Nichts. Nein, wirklich nichts! Unser Heil ist schon am Kreuz von Golgatha erworben worden und der Glaube daran ist Geschenk. Wir können und sollen Jesus nachfolgen, aber das Heil müssen und können wir nicht selbst hervorbringen. Entscheidend ist jedoch, dass wir auf dem Weg nicht verdursten. Das Bild führt uns weit zurück in die Zeit des Auszugs der Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft zu lebensbedrohlichen Erfahrungen des Wassermangels. Mitten in der Wüste erleben sie, wie Gott Wasser aus einem Felsen fließen lässt (4.Mose 20,2ff.) und Mensch und Vieh vor dem sicheren Tod bewahrt. Als Hirte führt Gott auch uns zum frischen Wasser (Ps 23,2). Dem Ende der Johannesoffenbarung noch etwas näher folgt ein Aufruf (Offb 22,17): „Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme; wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.“ Wir werden vom Geist Gottes und von Jesus aufgefordert, uns kräftig zu bedienen. Wo sind die Orte, an denen dieses Wasser fließt? Lebendig sprudelnde Gottesdienste mit inspirierendem Wort und frischem Lobpreis, gute Gespräche unter Wasserfreunden, tiefschöpfender Austausch über Bibeltexte und Zeiten des stillen Hörens auf das fließende Wasser sind nur einige Beispiele, die unseren Glauben vor dem Vertrocknen bewahren. Für das neue Jahr 2018 wünsche ich uns jede Menge solcher Quellerfahrungen, – von dem, der der Anfang und das Ende ist.

Prof. Dr. Carsten Claußen
Professor für Neues Testament

Dezember 2017

Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes wird uns besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.  Lukas 1,78-79 (L)

Wir sind Gott nicht egal. Die biblischen Geschichten erzählen uns, wie sehr Gottes Herz schmerzt, wenn er das Böse sieht, was auf Erden geschieht. Es ist nicht so, dass er seine Erde nach der Schöpfung sich selbst überlässt, um wieder in seine Ewigkeit zu entschwinden. Wie unfassbar ist es doch, dass der Ewige und Allmächtige sich nicht mit sich selbst alleine zufrieden gibt, sondern mit uns Menschen zusammen sein will. Weil er uns liebt, gibt er uns die Freiheit, unser Leben zu gestalten, wie wir es wollen. Damit gibt er uns auch die Möglichkeit, uns für das Böse zu entscheiden. So finden wir in unserer Welt manches Gute, aber eben auch viel Leid, das wir Menschen in unserer Selbstbezogenheit über andere Menschen bringen. Nun schnipst Gott nicht einfach mit dem Finger, um uns zum Guten zu zwingen. Gott wählt einen anderen Weg, um uns aus dem Schlamassel herauszuführen. Er kommt zu uns, als unser Mitmensch und Bruder: in Jesus. An Advent und an Weihnachten machen wir uns dieses wunderbare Handeln Gottes besonders bewusst. Nicht ein neues göttliches Gesetz posaunt er über unseren Köpfen aus, dem wir nun nachkommen sollen. Das Besondere am christlichen Glauben ist die Erfahrung, dass Gott Mensch wird, um uns zu erlösen und an die Hand zu nehmen, um mit seiner Liebe im Herzen zu leben. Gott gewährt uns seine Barmherzigkeit bedingungslos. Gottes Barmherzigkeit ist Anfang, Mitte und Ziel unserer Rettung. Sie überwindet unseren Egoismus. So nimmt Gott uns mit in ein neues Leben, auf den Weg des Friedens.
Was hilft uns nun diese Glaubenswahrheit in den konkreten Herausforderungen unseres Lebens? Gerade habe ich es auf einer Reise in Haiti erlebt, wie Christen diese Hoffnung im Gottesdienst feiern und in der ausweglosen erscheinenden Situation des Landes evangelistisch, diakonisch und politisch aktiv werden, um konkrete Projekte zur Verbesserung des Lebens anzuschieben.  Es bleibt vieles Stückwerk und es ist ein mühsamer Weg, aber die Hoffnungsenergie der Christen dort ist unglaublich. Wo sie wirken, im Lichte der Barmherzigkeit Gottes, auf dem Weg des Friedens, da schmecken die Menschen etwas vom guten Leben, das Gott für uns gedacht hat.

Prof. Dr. Michael Kißkalt
Rektor und Professor für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie

November 2017

„Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein“ (Hes 37,27)

Wenn man auf einer Wanderung aus dem Wald ins Tal herabsteigt und das nächste Dorf sucht, kann man sich oft am Kirchturm orientieren: Mitten im Dorf wurden einst die Kirchen gebaut, oder eher die Dörfer um die Kirchen herum. Hoch über die Gehöfte ragt der Kirchturm auf und markiert weithin sichtbar den Mittelpunkt. Auch in Dörfern, wo nur noch selten oder gar nicht mehr Gottesdienst gefeiert wird, hängen die Leute an ihren Dorfkirchen, gründen Initiativen zur Rettung und Renovierung der alten Gemäuer. Eine Umnutzung, etwa als Kino oder als Supermarkt, wird empört abgelehnt: Die Kirche bleibt im Dorf. Unausgesprochen schwingt da etwas mit, was man nicht sagen kann oder nicht sagen will: Gott soll hierblieben. Die DDR-Behörden rissen gelegentlich demonstrativ Kirchengebäude nieder. Die amtlichen Begründungen waren gewunden, die unausgesprochene Botschaft war eindeutig: Hier soll kein Gott mehr wohnen.

Im alten Israel, in dem der Priestersohn Hesekiel vor mehr als 2600 Jahren aufwuchs, kannten alle Pilger den heiligen Schauder, die Gänsehaut in jenem Augenblick, wenn sich nach dem langen Aufstieg durch die staubige Hügellandschaft vor den Wanderern weiß und golden der Tempel über den niedrigen Lehmhäusern Jerusalems erhob: der Ort, an dem Gottes Name, Gottes lichtstrahlende Herrlichkeit, wohnt – für die Israeliten der Mittelpunkt der Welt, ja des ganzen Kosmos. Dagegen waren für die Großmächte der Zeit das kleine Königreich Juda und seine Hauptstadt nur unbedeutende, störende Flecken auf der Landkarte der großen Weltpolitik. Im Zuge einer imperialen Flurbereinigung ließ der babylonische Herrscher Nebukadnezar den Kleinstaat beseitigen, den Tempel zerstören, Adel und Priester nach Babylon deportieren. Die Symbolik war klar: Es sollte kein Volk mehr geben, und der Gott Israels sollte keinen Ort mehr haben, wo er wohnen kann. In der Trostlosigkeit des Exils erlebt Hesekiel seine Berufung zum Propheten. Seine Botschaft gipfelt in einem gewaltigen Bauplan für einen neuen Tempel, größer und prächtiger als zuvor. Im Heiligtum werde ein Wasserstrom entspringen, der das dürre Land in einen Garten verwandelt. Dann wird Jerusalem, so schließt das Hesekiel-Buch, einen neuen Namen erhalten: „Hier wohnt Gott“.

Später wurde in Jerusalem tatsächlich wieder ein Tempel für den Gott Israels gebaut, aber so bescheiden, dass er an die gewaltigen Baupläne der Visionen Hesekiels bei weitem nicht heranreichte. Und keine Spur von einem Strom lebendigen Wasser aus dem Heiligtum. Wo wohnt Gott? Man kann weite Teile der biblischen Schriften als Diskussion dieser Frage lesen. Die radikalsten Antworten finden sich im Neue Testament: Gott wohnt nicht in Gebäuden, die von Menschen gebaut werden. Gott ist nicht im Tempel, sondern bei den Menschen. Wir können nicht zu ihm hin pilgern, sondern er ist auf dem Weg zu uns. Er ist mitten unter den Wanderern, bei Jesus und denen, die sich mit ihm auf den Weg machen. Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, enthält in den Schlusskapiteln eine eigenwillige Auslegung der Vision des Hesekiel. Das Bild, mit dem Johannes das Ziel alles Handelns Gottes mit den Menschen beschreibt, ist der Bauplan einer Stadt des Friedens, in der Platz für Menschen aus allen Völkern ist. In dieser Stadt wird es überhaupt keinen Tempel mehr geben. Gott wird einfach da sein.

Ich sehe mir gerne alte oder architektonisch schöne Kirchen an, ja auch Moscheen und Synagogen, auch wenn ich mir nicht vorstelle, dass Gott dort mehr zuhause ist als an irgendeinem anderen Ort. Ich stelle mir vor, dass er auch gar nicht die Zeit dazu hat, in einem ehrwürdigen Gebäude fernab vom Trubel, vom Alltag, vom Leid der Menschen zu sitzen oder zu schweben und zu warten, dass die Leute zu ihm kommen. Er ist ständig unterwegs, um Menschen zu suchen und zu ihnen zu kommen: Wo Menschen sich vom Evangelium anreden lassen und ihr Leben neu wird, ist Gott nahe und ist am Werk. Wo der Glaube Menschen zu Brüdern und Schwestern werden lässt, da wirkt und ist er mitten unter ihnen. Wo in Jesu Namen das Brot gebrochen wird und der Kelch geteilt wird, ist er da, schon jetzt, da wir noch auf dem Weg sind: Mitten unter den Menschen.

Prof. Dr. Dr. Martin Rothkegel
Professor für Kirchengeschichte

Oktober 2017

„Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut“ (Lukas 15,10).

Am 31. Oktober jährt sich zum 500. Mal jenes Ereignis, das zum symbolischen Auftakt der Reformation wurde: Die Bekanntmachung von Martin Luthers 95 Thesen über die Kraft des Ablasses. Luther hatte das Ziel, die Kirche zu reformieren. Dadurch dass sie sich dem verweigerte und ihn ausstieß, entstanden die evangelischen Kirchen weltweit, auch die evangelischen Freikirchen.

Vordergründig ging es in Luthers Thesen um den Ablass, d.h. um die Aufhebung zeitlicher Strafen vor Gott für Sünden, deren Schuld bereits getilgt ist. Ihr eigentliches Thema ist aber die Buße. Was heißt „Buße tun“? Zu Luthers Zeiten verstand man darunter einen kirchlichen Ritus, zu dem die Beichte bei einem Priester gehörte und die Ableistung von Strafen, die dieser Priester zur Wiedergutmachung für die Sünden festgelegt hatte. So wurden die Strafen zum wichtigsten Punkt bei der Buße. Das merkt man in unserer Sprache zum Teil noch bis heute: Für Rechtsverletzungen im Verkehr sind „Bußgelder“ zu zahlen, und Haftstrafen werden „verbüßt“.

Luther wollte nun mit seinen Thesen darauf hinweisen, dass die Buße im Neuen Testament mit einem „Abbüßen“ nichts zu tun hat, sondern eine bestimmte Haltung des Herzens vor Gott ist. Buße beginnt mit der Einsicht, vor Gott schuldig zu sein, und geschieht durch Bekenntnis der Sünden sowie das Vertrauen auf die Zusage von Gottes Vergebung. Wer es damit ernst meint, der fängt an, sein Leben zu ändern, selbst wenn ihm keine Strafen aufgebrummt werden. Wer Buße tut, der versucht sich nicht zu rechtfertigen, sondern verurteilt seine Sünden, wie Gott sie verurteilt, und der nimmt dankbar an, dass Gott den Sünder, der in diesem Sinne Buße tut, nicht verwirft, sondern sich mit himmlischer Freude an ihm freut.

Prof. Dr. Uwe Swarat
Professor für Systematische Theologie und Dogmengeschichte

September 2017

Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein.
Lk 13,30


Wer spät kommt, ist darauf angewiesen, dass ihn jemand hereinlässt. Wenn das große Stadttor von Jerusalem aufgrund der hereinbrechenden Nacht geschlossen war, konnte man noch durch die kleine Türe daneben hereingelassen werden. Jemand musste die verschlossene Türe von innen öffnen.

Von innen öffnet auch der Hausherr die Türe, wenn spät in der Nacht noch unangemeldet Besuch kommt. Personen, die er nicht erkennt, wird er zu so später Stunde nicht mehr hereinlassen. Jesus antwortet mit diesen beiden Vergleichen auf die Frage eines Mannes „sind es wenige, die ins Himmelreichkommen?“ Was hat der Mann mit seiner Frage gewollt oder vermutet? Vielleicht, dass Jesus zu ihm sagt: „Ja, es sind wenige und Du bist dabei!“

Die Tür zum Reich Gottes kann nur von innen geöffnet werden, so wie ein bei Nacht verschlossenes Stadttor oder Haus. Menschen, die meinen, dass sie sich ihren Eintritt sicher verdient haben, haben sich verrechnet. Sie können sich nicht einfach Zutritt verschaffen. Durch Leistung oder Wohlverhalten lässt sich die Türe nicht von außen öffnen. Der Hausherr lässt ein. Er allein entscheidet, wer in seinem Haus bleiben darf. Zu gerne wollten einige Menschen von Jesus hören, dass sie bei ihm einen besonderen Platz einnehmen, waren sie sich selbst doch schon längst sicher, dass es so ist. Jesus nimmt diese unverschämte Selbstsicherheit, mit der sich Menschen breit machen und andere verdrängen. Menschen, die sich selbst den ersten Platz einräumen, bekommen hier einen Spiegel vorgehalten. Ein mahnendes Wort: Deine Rechnung geht nicht auf. Letzte werden Erste sein und Erste Letzte. Die, von denen keiner gedacht hat, dass sie einen Platz in Gottes Reich haben werden, die werden eingelassen: von Ost und West, von Nord und Süd. Nein, wenige sind es nicht, die selig werden!

Aber die, die sich für die Ersten bei Gott halten, die sollten vorsichtig sein. Es kommt darauf an, den Hausherrn wirklich zu kennen, mit ihm in Kontakt, in Beziehung zu sein.

Andere, die sich selber zu den Letzten zählen oder von ihren Mitmenschen an diesen Platz verwiesen werden, dürfen aufatmen. Bei Gott ist es anders: Er stellt sich in Christus solidarisch zu den Letzten und lässt sie in seiner Liebe den ersten Platz einnehmen. Gut für alle, die sich auch zu den Letzten stellen. Die sich denen zuwenden, die die Gesellschaft nach hinten oder unten, eben auf die letzten Plätze drängt. Gut für alle, die sich nicht breitmachen und die besten Plätze für sich beanspruchen, sondern ihre Aufmerksamkeit und Liebe den Letzten widmen. Sie müssen sich nicht um die unwichtige Tatsache sorgen, ob viele oder wenig selig werden. Sie sind jetzt schon selig, weil Christus in den Armen und Schwachen schon immer ganz nah bei ihnen ist.

Prof. Dr. Andrea Klimt
Professorin für Praktische Theologie

August 2017

Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag und stehe nun hier und bin sein Zeuge bei Groß und Klein. (Apostelgeschichte 26,22)

An bestimmten Wegmarken des Lebens halten wir inne, sehen wir uns um, bringen uns in Frage-Stellung: Wo stehe ich, wo komme ich her? Es gibt kalendarische Anlässe, an denen zurückgeblickt wird. Runde Geburtstage, Jubiläen. Nicht immer ist uns in diesen ritualisierten Formen nach einer Rückschau zumute, lassen es uns natürlich nicht anmerken, doch weichen innerlich aus. Jenseits der Feierlichkeiten indes gibt es Momente, die einen auf überraschende Weise nachdenklich stimmen, wo man unweigerlich merkt: es ist so viel passiert und fast wäre mir entgangen, was sich im Laufe der Zeit alles verändert hat. In der Regel sind das Zeiten, die rein äußerlich kaum auffallen, weil sie mit einer gewissen Verzögerung auf bestimmte Ereignisse uns überhaupt bewusst werden. Irgendwann wacht man auf und stellt fest, dass „die alten Zeiten“ vorbei sind, dass man nicht mehr Kind ist, oder Jugendlicher, oder berufstätig oder gesund und stark. Das gleiche beobachten wir bei unseren Mitmenschen, den Familien und Freunden: Die Kinder wachsen heran – „plötzlich“ sind sie groß geworden. Der feste Freundeskreis von damals hat sich mit der Zeit merklich verkleinert – aber mich gibt es noch. Das Gemeindebild verändert sich, nach vielen Herausforderungen, die alle in Atem halten, kehrt etwas Ruhe ein. Ob im Blick auf das je eigene Leben oder das soziale Umfeld, in bestimmten Momenten wird uns bewusst, dass wir – im Hier und Jetzt – da sind und wundern uns, wie überhaupt alles zugehen konnte. Es sind diese besonderen, meist stillen Augenblicke, in denen wir uns neu verorten, uns justieren und zu festigen suchen.

So zieht auch der Völkerapostel Paulus Bilanz, nach mehreren großen Reisen rund um das Mittelmeer, nach vielen Gefahren und lebensbedrohlichen Situationen, und ebenso nach zahllosen Begegnungen mit Menschen, denen er die Kraft des Glaubens zugänglich machte – eine Kraft, die ihn selbst durch alle Höhen und Tiefen hindurchtrug und trägt.

Prof. Dr. Dirk Sager
Professor für Altes Testament

Juli 2017

Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung. (Phil 1,9 (L))

Wie werde ich reich? Durch Glück, weil ich reich erbe. Durch Zufall, weil ich mit 6 Richtigen + Zusatzzahl den Lotto-Jackpot knacke. Oder durch viel Arbeit, weil ich einen Plan verfolge und mich von Rückschlägen nicht entmutigen lasse. Je nach familiärer Vermögenslage und Lottospielgewohnheiten stehen die Chancen für die ersten beiden Varianten eher schlecht und ich werde um die Arbeit nicht umhin kommen, wenn ich reich werden will.

Doch wie wird meine Liebe reicher? Ich kann eines von den Millionen Büchern über die Liebe lesen und verstehe mehr. Ich kann mir von meinen FreundInnen über ihre Erfahrungen mit der Liebe erzählen lassen und daraus meine Schlüsse ziehen. Ich kann gebannt zusehen, wie Hollywoodschönheiten in den Sonnenuntergang reiten und konstruiere mir ein kitschig-romantisches Bild von der Liebe. Wirklich geliebt habe ich dann noch nicht. Und reicher ist meine Liebe auch noch nicht geworden. Reicher in der Liebe werde ich nicht, indem ich darüber nachdenke, rede und träume, sondern indem ich es tue. Indem ich liebe. Indem ich mich ins Leben stürze und mich auf die Menschen in meiner Umgebung einlasse. Wirklich einlasse. So anders sie auch sein mögen, so fremd mir ihre Anschauungen erscheinen und ihre Art zu Glauben der meinen so wenig ähnelt. (Ok, vielleicht genügt es auch mit denen zu beginnen, deren Ansichten mir vertrauter sind!) Denn „reicher an aller Erfahrung“ verheißt leider nicht, dass mir schmerzhafte Erfahrungen und Begegnungen erspart bleiben. Aber gerade diese Erfahrungen, auf die ich und wahrscheinlich wir alle, lieber verzichten würden, machen unsere Liebe reicher – intensiver und tiefer. Und dann kommt bei allem Erleben auch wieder das Reflektieren und Reden ins Spiel – indem ich darüber bete und mir von Gott Einsichten geben lassen, indem ich über Liebe lese, erweitere ich meine Erkenntnis und verstehe besser, was Liebe ist und wie Gott liebt. Indem wir uns austauschen, ehrlich sagen, was verletzend war und was wir schön fanden, wir einander vergeben und gnädig sind, erweitern wir unseren Erfahrungsschatz und unsere Liebe wird reicher. Das ist mitunter harte Arbeit. Aber es lohnt sich!

Stefanie Desamours
Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Mission und Diakonie an der Theologischen Hochschule Elstal und Sachbearbeiterin für Katastrophenhilfe im Dienstbereich Mission

Juni 2017

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. (Apg 5,29)

Zuerst erschrecke ich. Dieser Satz könnte auch ein Slogan sein für religiöse, vielleicht auch für „christliche“ Terroristen. Wenn man dieses Wort für sich allein genommen liest, ohne Zusammenhang, könnte man alles Mögliche damit rechtfertigen. Und sicherlich wurde ein biblisches Wort wie dieses im Laufe der Geschichte auch für manche Unmenschlichkeit missbraucht.

Andererseits enthält dieses „Gott mehr gehorchen als den Menschen“ auch großes Veränderungs- und Trotzpotential, z.B. wenn man sich aufgrund seines Glaubens weigert, bestimmte Dinge zu tun, die andere von einem verlangen, die aber im Widerspruch zur eigenen Überzeugung stehen. Unser Gewissen ist zuerst und vor allem an Gott gebunden, und von daher können wir „nein“ sagen oder „ja“, auch wenn wir in unserer Umgebung damit auf Unverständnis stoßen. In diesem Bibelwort finden wir eine zutiefst biblische Begründung für die Glaubens- und Gewissensfreiheit, für die wir als Baptisten besonders einstehen. Unsere Mütter und Väter im Glauben haben manche Schikane auf sich genommen, weil sie den Weg der Staatskirchen in Deutschland nicht mitgegangen sind, sondern Glaube und Kirche anders leben wollten in der Gesellschaft. Ja, mit diesem Wort im Rücken können wir neu und revolutionär denken und handeln. Und wir geben auch anderen den Raum, ihre Überzeugung, ihren Glauben zu leben, je nachdem, wie ihr Gewissen sie bindet.

Wir werden davor bewahrt bleiben, zu religiösen Idealisten mit Gewaltpotential zu werden, wenn wir den Ruf zur absoluten Loyalität Gott gegenüber zusammen mit dem Liebesgebot Jesu hören und leben. „Gott mehr gehorchen“ – darin steckt so viel Kraft, Geist und Kreativität, wenn wir es mit der Liebe zusammenbinden. Darum kann kein Mensch für sich alleine Gott hören, sondern wir hören gemeinsam, korrigieren einander und bewahren uns gegenseitig vor ideologischen Irrwegen. Im gemeinsamen Suchen nach Gottes Willen ermutigen wir einander, Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, immer wieder neue Wege zu wagen und Gottes Liebe und Gerechtigkeit zu leben, aller Trägheit und allem menschlichen Misstrauen und Widerspruch zum Trotz!

Prof. Dr. Michael Kißkalt
Rektor und Professor für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie

Mai 2017

Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt. (Kolosser 4,6)

Das kurze Wort hat es in sich. Denn die apostolische Aufforderung ist mehr als eine höfliche Empfehlung. Es geht um eine Haltung, die das ganze Leben bestimmen soll. Das Leben derer nämlich, die zur Gemeinde Christi gehören. Diese Haltung lässt sich mit dem Wort „Zugewandtheit“ charakterisieren. Menschen, denen das Evangelium Herz und Verstand berührt hat, ziehen sich nicht in sich selbst zurück. Ihnen geht vielmehr der Mund über. Wer glaubt, redet auch vom Glauben. Genauer gesagt: Von dem Gott, der in Jesus Christus zur Welt und damit auch zur Sprache gekommen ist. Solche Rede der Glaubenden geschieht „allezeit“. Sie prägt also zunächst einmal den ganz normalen Umgangston im Alltag. Freundlich soll er sein. Man kann auch sagen: Wohlklingend, zuvorkommend, sogar das Moment der Gnade spielt darin mit. Es ist die menschliche Entsprechung auf die Art und Weise, wie Gott selbst seine Geschöpfe angesprochen hat und immer wieder anspricht. Freundlichkeit in der Alltagskommunikation ist bereits ein kraftvolles Hoffnungszeichen in einer Welt, deren Umgangston von Engstirnigkeit, Hassreden, Oberflächlichkeit und schlechter Laune bestimmt wird. Dass es dabei nicht um ziellos frommes Gesäusel geht, zeigt sich an der Wendung „mit Salz gewürzt“. Eine gesalzene Rede steht für eine gelungene Rede. Für eine Rede also, die Interesse weckt, weil sie auf Fragen eingeht, die andere haben und stellen. Das macht der Nachsatz zu der gesalzenen Rede klar: „Dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt“. Es geht bei der freundlichen, mit Salz gewürzten Rede demnach immer auch um die Bereitschaft zu einer Rechenschaft vom Glauben. Dafür bedarf es freilich nicht allein rhetorischer Fähigkeiten. Man muss auch gründlich wissen und verstehen, was der Inhalt des Glaubens ist. Die christliche Gemeinde pflegt daher den ständigen Austausch darüber, was sie glaubt. Und sie bittet zugleich um Weisheit und Gelingen dafür, das Geheimnis Christi auf sachgemäße und zeitgemäße Weise zur Sprache zu bringen.

Prof. Dr. Volker Spangenberg
Professor für Praktische Theologie

April 2017

Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden. (Lukas 24, 4-6)

Am ersten Tag der Woche machten sich die Frauen mit wohlriechenden Ölen und Salben auf zum Grab. Ihr Gang ist ruhig und andächtig, im Innersten sitzt der Schrecken jedoch noch tief. Wen besuchen sie da eigentlich? Jesus, den verkündigten Messias, den Friedefürst, Wundervollbringer und Krankenheiler? Oder Jesus, den gescheiterten „Judenkönig“, wie ihn die Römer spöttisch nannten, der zu viel und zu laut seine blasphemischen Worte predigte und dafür nun die Rechnung erhalten hatte? Je näher sie dem Grab kamen, desto sinnloser und unwirklicher wirkten die letzten Monate: Stürme stillen, Brot vermehren, auf dem Wasser gehen und Kranke heilen war für ihn alles kein Problem. Die unendlichen Erwartungen und Hoffnungen in diesen Mann und sein Reich des Friedens waren doch gut begründet, doch jetzt kam sein Tod so schnell und hart, dass es ihnen den Boden unter den Füßen wegzog. Mit dem Tod enden schmerzhaft alle Hoffnungen und Erwartungen. Ein Toter bringt keinen Frieden, vollbringt keine Wunder und heilt keine Kranken. Das erwartete Friedensreich bleibt aus. Sie wollten den verkündigten König salben, nun salben sie einen kalten Leichnam.

Am Grab angekommen fanden sie jedoch keinen Leichnam. In die Ratlosigkeit sprechen „zwei Männer in glänzenden Kleidern“ die Worte dieser Monatsandacht und erweitern dadurch die bereits zahlreichen Titel Jesu um einen Weiteren: Jesus lebt, er ist der Auferstandene!

Der Titel des Auferstandenen ändert nun alles. Weil dieser Titel wahr ist, sind auf einmal wieder alle anderen Titel wahr: Der Auferstandene ist ein Friedensstifter, Wundervollbringer und Krankenheiler. Alle Erwartungen und Hoffnungen, die vor seinem Tod galten, gelten nun wieder, erweitert durch den Faktor Ewigkeit. Ewiger Frieden, ewiger König, ewiges Leben. Dabei zeigt sich die Andersartigkeit des Reiches Gottes gerade darin, dass ausgerechnet der Tod, der eigentlich für das absolute Ende steht, nun das ewige Leben einleitet. Die Frauen und Jünger hatten etwas ganz Anderes erwartet. Ihr Blick war auf das Weltliche gerichtet: Sie sahen das Ende, nicht den Neuanfang! Die Jünger verstanden es erst, nachdem sich Jesus ihnen zeigte. Als er wieder fort ging hatte sich etwas in ihnen verändert.  Der Glaube an Jesu Lebendigkeit trieb die Jünger aus ihren Häusern in die Welt, um die frohe Botschaft zu verkünden. Dort sahen ihre Augen erneut Tod, Gewalt, Hass und sicher auch Enttäuschungen. Doch anstatt aufzugeben war ihr Blick diesmal auf den Lebendigen gerichtet. Sie wussten nun, wo sie ihn suchen mussten.

Der Blick in die Welt kann oft enttäuschen. Tod, Gewalt und Hass nagen an dem Glauben an ein gutes Ende. Doch allem Augenschein zum Trotz glauben wir an einen lebendigen Gott, dessen ewiges Friedensreich im Kommen ist.

Markus Höfler
Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Rektoratsassistent

März 2017

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR. (3.Mo/Lev 19,32)

Dieser Vers steht im sogenannten Heiligkeitsgesetz (Lev 17-26), in dem die Gebote Gottes damit begründet werden, dass Jahwe heilig ist und deshalb sein Volk auch heilig sein und sich entsprechend verhalten soll (vgl. 19,2). An diesen Grundgedanken erinnert auch der immer wieder zur Bekräftigung der Weisungen eingefügte Hinweis: „Ich bin Jahwe“, der in vielen Bibelübersetzungen zur Vermeidung des Gottesnamens mit „Ich bin der HERR“ übersetzt wird. In der Gesetzessammlung des Heiligkeitsgesetzes enthält das Kapitel 19 vor allem Regeln für den Alltag, wobei diese überwiegend dem Schutz der Schwachen dienen und ein gerechtes Miteinander in der Gesellschaft ermöglichen sollen. Und dabei steht in der Mitte dieses Kapitels die Kernaussage: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR.“ (V.18b)

Auch der Monatsspruch muss in diesem Kontext gelesen werden. Dabei benennen die beiden hebräischen Worte, die hinter der Übersetzung von „graues Haupt“ und „Alte“ stehen, zwei sehr unterschiedliche Personengruppen. Die Grauhaarigen, die sehr alt Gewordenen, sind die, die bereits kurz vor dem Tod stehen, wie das Sprichwort: „die grauen Haare in die Grube bringen“ (Gen 42,38; 44,29.31; 1.Kö 2,6.9) zeigt. Hier geht es beim Aufstehen um den Respekt vor der Lebensleistung derer, die sehr alt geworden sind, die man ehrt, weil sie es bis ins Alter der grauen Haare geschafft haben.

Das im Folgenden verwendete Wort für „die Alten“ hingegen meint an anderen Stellen der hebräischen Bibel zumeist die Ältesten, also die, die in der patriarchal geprägten Ordnung des alten Israel die Leitung und das Sagen haben. Diejenigen, die den richtigen Weg in die Zukunft suchen, die Verantwortung für das Miteinander tragen und deren Entscheidungen das Wohlergehen der gesamten Gemeinschaft bestimmen. Sie gilt es zu ehren, wie man verdiente Leitungspersonen mit Ehrenmitgliedschaften, Orden oder Preisen auszeichnet.

Aber am Ende des Verses steht – und das ist sowohl der Vergleichspunkt als auch die Grenze von Respekt und Ehrung der Altgewordenen und der Verantwortlichen – nur Jahwe sollen die Israeliten fürchten, also nur ihm bedingungslos gehorchen. Seine Heiligkeit ist es, die Respekt vor der Lebensleistung der Altgewordenen einfordert und die Würdigung derer verlangt, die Verantwortung tragen. Aber das Kriterium dafür, was zu würdigen ist, ist im Heiligkeitsgesetz die Umsetzung der sozialen Schutzvorschriften und des Nächstenliebegebotes. Und dazu gehört dann in den direkt folgenden Versen z.B. auch, die Fremden zu lieben und sie gegenüber den Einheimischen nicht zu benachteiligen.

Personen besonders zu respektieren und zu würdigen, die ihr Leben an den guten Geboten der Nächsten- und Fremdenliebe ausgerichtet haben, darauf liegt auch heute noch der Segen Gottes. Wir sollten nicht hinnehmen, dass soziales Engagement als naives Gutmenschentum oder gar als Verrat am eigenen Volk verunglimpft wird. Wir sollten solche Menschen vielmehr im privaten wie im öffentlichen Leben ehren und auszuzeichnen, weil wir damit das Miteinander in unserer Gesellschaft an Gottes Willen ausrichten. Insofern fordert uns der Monatsspruch dazu heraus, das Bemühen derer angemessen zu würdigen, die bereit waren und sind, bis ins hohe Alter ihr Lebens dem Wohl anderer Menschen zu widmen.

Prof. Dr. Ralf Dziewas
Prorektor und Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Februar 2017

Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als erstes: Friede diesem Haus! (Lk 10,5)

Schalom – mit diesem freundlichen und vor allem friedlichen Gruß sollen die Jünger die Freundschaft potentieller Gastgeber testen. Unmittelbar bevor Jesus den erweiterten Kreis seiner zweiundsiebzig Jünger in Zweierteams zum ersten Mal aussendet, gibt er ihnen ausführliche Anweisungen (Lk 10,3-4): Sie sollen „wie Schafe mitten unter die Wölfe“ gehen. Ihre materielle Reiseausrüstung wird arg begrenzt: kein Geldbeutel, keine Reisetasche und keine Sandalen. Unterwegs sollen sie merkwürdigerweise niemanden grüßen, vielleicht, um nicht mit dem einen oder anderen belanglosen Schwätzchen Zeit zu vertun. Diese Anweisung bleibt rätselhaft. Auf jeden Fall ist klar: Sie sollen sich auf Gott verlassen und werden auf die Gastfreundschaft an den aufgesuchten Orten angewiesen sein. Sogleich nach ihrer Ankunft sollen sie ein Haus betreten und den Friedensgruß sprechen. Wie wird es ihnen daraufhin ergehen? Sie werden entweder auf einen friedlichen und gastfreundlichen Menschen treffen, der sie nach allen Regeln der Gastfreundschaft mit Essen, Trinken und Unterkunft versorgen wird. So reich beschenkt, wird es für die Jünger ein Leichtes sein, ihre Botschaft vom Reich Gottes weiterzusagen (Lk 10,9): „Das Reich Gottes ist euch nahe.“ Oder aber ihr Friedensgruß verhallt ungehört und trifft vielleicht sogar auf eine gastfeindliche Situation. Dann sollen die Jünger nicht einmal den Staub, der an ihren Füßen klebt, mitnehmen. Auf dem Marktplatz sollen sie ihren Protest kundtun und auch einer solchen Stadt ihre Predigt nicht vorenthalten (Lk 10,11): „Das Reich Gottes ist nahe!“

Die Erzählung ist beispielhaft für die Verkündigung des Reiches Gottes, von Anfang an bis in unsere Zeit. Alles beginnt stets mit der Sendung durch Jesus. Weil er uns sendet, darum kommt er mit uns an Orte und zu Menschen, wo er Wohnung nehmen möchte. Zweitens geht es darum, dass wir als Jünger und Jüngerinnen die Sendung annehmen und uns auf den Weg machen, wirklich hingehen und Menschen den Frieden Gottes wünschen. Dabei haben wir es drittens natürlich nicht in der Hand, welche Reaktionen unser Friedensgruß hervorrufen wird. Sicher kann man dabei schlechte Erfahrungen machen. Aber darum den Frieden Gottes für sich zu behalten und den Friedefürsten zu verschweigen, das ist sicher nicht die Lösung.

Unfriede hat in dieser Welt in den vergangenen Monaten und Jahren zugenommen. Fremde haben es oft schwer, in unseren Städten friedliche und gastfreundliche Aufnahme zu finden. Das ist nicht zu übersehen. Das Klima ist auch in unserem Land rauer geworden. Gerade darum ist es mehr als einen Versuch wert, friedlich auf böse Worte zu reagieren und jene zu segnen, die uns fluchen. Wenn es dann nicht besser wird, mag es ratsam sein, sich aus dem Staub zu machen und sich nicht entmutigen zu lassen. Denn die anderen gibt es ja auch: Gastfreundliche Menschen, denen wir den Frieden Gottes, der all unsere Vernunft übersteigt, wünschen und denen wir von Jesus erzählen können. Das sollten wir tun. In diesem Sinne bitte weitersagen: Schalom!

Prof. Dr. Carsten Claußen
Professor für Neues Testament

Januar 2017

Auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. (Lukas 5,5)

Ich versuche mir vorzustellen, einer der Fischer zu sein, die mit Petrus am Morgen aus den Booten steigen und den Frust ihres nächtlichen Arbeitseinsatzes verarbeiten. Ergebnis der harten Tortor: null Komma null! Zu wenig zum Leben und zu wenig zum Sterben. Den wertlosen Dreck aus den Netzen herausholen muss ich trotzdem. Argwöhnisch beobachte ich, wie ausgerechnet heute lauter Menschen ans Ufer drängen, um einen Wanderprediger zu hören. Das wäre eigentlich die Gelegenheit gewesen, neue Kunden zu gewinnen. Doppeltes Pech! Stattdessen will dieser Jesus auch noch eins unserer Boote zum Predigen zweckentfremden. Davon werde ich heute auch nicht satt. Etwas verwundert reibe ich mir die Augen, als er meinen Kollegen Petrus auffordert, einen zweiten Fangversuch zu starten – am helllichten Tag! Ehrlich gesagt, ich würde dem was erzählen: Mach du deinen Job und ich meinen. Aber gut, wir haben ja eh nichts zu verlieren – außer unser Gesicht. Ob Petrus ahnt, dass da noch was geht? Hat er schon Vertrauen gefasst zu diesem eigenartigen Menschen? Ich weiß nicht, was in meinem Kollegen vorgeht, habe auch keine Zeit, lange zu überlegen, muss ja mit raus, den andern helfen, ziehe nach kurzer Zeit hektisch hunderte Fische in die Boote, so dass ich bald Panik bekomme, wir könnten sinken, doch nein… Mein Gesichtsverlust ist größer als der Stress, den ich mir während der Aktion gemacht habe. Wie stehe ich denn jetzt da vor all den gaffenden Leuten am Ufer!? Ich staune, dass Petrus schon die Traute hat, öffentlich vor Jesus niederzufallen, um ihm einzugestehen, dass er ein Sünder sei. Ich dagegen würde mich am liebsten unsichtbar machen und stehe beschämt und wortlos etwas abseits. Dann höre ich verwundert, dass die Geschichte hier noch nicht zu Ende sein soll. Heute geht’s weiter, heißt es, wir werden gebraucht. Was kann Jesus mit Menschen, die weder erfolgreich noch besonders mutig sind, anfangen? – Um das herauszufinden, muss ich mit; Gedankenversunken laufe ich den anderen nach.

Prof. Dr. Dirk Sager
Professor für Altes Testament

Jahreslosung 2017

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. (Ez 36,26)

Ein neues Jahr – ein neues Herz

Noch einmal ganz neu anfangen – aber so, dass es wirklich funktioniert. Das wäre schön. Wie viele gute Vorsätze gibt es? Wie oft wollen Menschen ihr Leben ändern, es richtig machen, noch mal von vorne anfangen? Und dann geht es eine Weile gut bevor alte Muster wieder vorherrschend werden.

Diese menschliche Grunderfahrung spiegelt sich auch in der Jahreslosung. Das Volk Israel musste das Land verlassen, wurde vertrieben unter andere Völker. Gerade für diese Völker war dann deutlich: der Gott Israels hat versagt. Er ist ohnmächtig, denn er hat es nicht geschafft, sein Volk zu beschützen, vor dieser Katastrophe zu bewahren. So hat Israel den Namen seines Gottes entweiht. Hesekiel schreibt die Ursache der Katastrophe nicht Gott zu, für ihn waren die Menschen unfähig, die Gebote Gottes zu halten. Der Mensch: unverständig, uninteressiert, unfähig eine gesunde Beziehung zu Gott aufrecht zu erhalten. Das ist nach Hesekiel die Ursache für die Niederlage des Volkes und die Vertreibung ins Exil. Der Mensch: beziehungsunfähig. Dafür steht das alte Herz, ein Herz aus Stein, hart – kalt – tot, ohne Bewegung und Flexibilität, keine Liebe, keine Sehnsucht, nur Stillstand. „Für mich bist Du tot!“, so sagen wir, wenn für uns eine Beziehung endet. Auch hier wird deutlich, zwischen Gott und seinem Volk ist keine Beziehung mehr möglich. Ende. Aus.

Jetzt muss Gott aber dringend vor den Völkern „um seines Namens willen“ handeln. Nur indem er Israel rettet, kann er zeigen, dass er nach wie vor ein mächtiger Gott ist. Dazu hätte es genügt, das Volk wieder in sein Land zurückzuführen. Aber Gott tut weit mehr. Er stellt nicht nur „seinen Namen“ vor den Völkern wieder her. Er erbarmt sich. Die Liebe zu seinen Menschen überwältigt ihn. Er schenkt einen neuen Anfang, schafft wieder neues Leben. Da wo nur ein totes Herz aus Stein ist, schenkt er ein lebendiges, pulsierendes, fühlendes, denkendes und sehnendes Herz. Von sich aus ist der Mensch nicht in der Lage, seine Unfähigkeit zur Beziehung mit Gott zu ändern. Aber Gott geht über sich hinaus, versucht es noch einmal. Er selbst schafft nun im Menschen die Voraussetzung ihn zu lieben und ihm zu dienen. Er stattet den Menschen mit einem neuen Geist aus, einer neuen Gesinnung, einem erneuerten Willen, sich auf ihn zu beziehen und ihm zu dienen. So kann es nun gehen, kann eine dauerhafte Beziehung zwischen Mensch und Gott möglich sein. Ein neues Herz aus Fleisch: weich und warm, lebendig, pulsierendes Leben, Sehnsucht und Bewegung. Ein Mensch, dessen Herz sich nach Gott sehnt, der Gottes Willen gerne tun möchte und auch dauerhaft dazu in der Lage ist. Gott erbarmt sich, beschenkt den Menschen mit einem neuen Herzen und einem neuen Geist, geht über sich hinaus und stellt die Beziehung wieder her, damit der Mensch wieder neu lebendig wird.

Und doch kommt auch dieser Mensch wieder an seine Grenzen. Bis Gott letztlich in Christus noch einmal ganz anders über sich hinausgeht und den Menschen in seiner Liebe und seinem Erbarmen noch einmal ganz neu zur Beziehung mit ihm befähigt. Noch einmal schenkt er neues Leben und befähigt den Menschen durch seinen Geist, nach seinem Gebot der Liebe zu leben. Und wenn ich dann wieder an meine menschlichen Grenzen komme? Dann darf ich mit Psalm 51 beten „Schaffe in mir Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen gewissen Geist.“

Prof. Dr. Andrea Klimt
Professorin für Praktische Theologie