Monatsandachten Archiv

2017

Dezember 2017

Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes wird uns besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.  Lukas 1,78-79 (L)

Wir sind Gott nicht egal. Die biblischen Geschichten erzählen uns, wie sehr Gottes Herz schmerzt, wenn er das Böse sieht, was auf Erden geschieht. Es ist nicht so, dass er seine Erde nach der Schöpfung sich selbst überlässt, um wieder in seine Ewigkeit zu entschwinden. Wie unfassbar ist es doch, dass der Ewige und Allmächtige sich nicht mit sich selbst alleine zufrieden gibt, sondern mit uns Menschen zusammen sein will. Weil er uns liebt, gibt er uns die Freiheit, unser Leben zu gestalten, wie wir es wollen. Damit gibt er uns auch die Möglichkeit, uns für das Böse zu entscheiden. So finden wir in unserer Welt manches Gute, aber eben auch viel Leid, das wir Menschen in unserer Selbstbezogenheit über andere Menschen bringen. Nun schnipst Gott nicht einfach mit dem Finger, um uns zum Guten zu zwingen. Gott wählt einen anderen Weg, um uns aus dem Schlamassel herauszuführen. Er kommt zu uns, als unser Mitmensch und Bruder: in Jesus. An Advent und an Weihnachten machen wir uns dieses wunderbare Handeln Gottes besonders bewusst. Nicht ein neues göttliches Gesetz posaunt er über unseren Köpfen aus, dem wir nun nachkommen sollen. Das Besondere am christlichen Glauben ist die Erfahrung, dass Gott Mensch wird, um uns zu erlösen und an die Hand zu nehmen, um mit seiner Liebe im Herzen zu leben. Gott gewährt uns seine Barmherzigkeit bedingungslos. Gottes Barmherzigkeit ist Anfang, Mitte und Ziel unserer Rettung. Sie überwindet unseren Egoismus. So nimmt Gott uns mit in ein neues Leben, auf den Weg des Friedens.
Was hilft uns nun diese Glaubenswahrheit in den konkreten Herausforderungen unseres Lebens? Gerade habe ich es auf einer Reise in Haiti erlebt, wie Christen diese Hoffnung im Gottesdienst feiern und in der ausweglosen erscheinenden Situation des Landes evangelistisch, diakonisch und politisch aktiv werden, um konkrete Projekte zur Verbesserung des Lebens anzuschieben.  Es bleibt vieles Stückwerk und es ist ein mühsamer Weg, aber die Hoffnungsenergie der Christen dort ist unglaublich. Wo sie wirken, im Lichte der Barmherzigkeit Gottes, auf dem Weg des Friedens, da schmecken die Menschen etwas vom guten Leben, das Gott für uns gedacht hat.

Prof. Dr. Michael Kißkalt
Rektor und Professor für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie

November 2017

„Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein“ (Hes 37,27)

Wenn man auf einer Wanderung aus dem Wald ins Tal herabsteigt und das nächste Dorf sucht, kann man sich oft am Kirchturm orientieren: Mitten im Dorf wurden einst die Kirchen gebaut, oder eher die Dörfer um die Kirchen herum. Hoch über die Gehöfte ragt der Kirchturm auf und markiert weithin sichtbar den Mittelpunkt. Auch in Dörfern, wo nur noch selten oder gar nicht mehr Gottesdienst gefeiert wird, hängen die Leute an ihren Dorfkirchen, gründen Initiativen zur Rettung und Renovierung der alten Gemäuer. Eine Umnutzung, etwa als Kino oder als Supermarkt, wird empört abgelehnt: Die Kirche bleibt im Dorf. Unausgesprochen schwingt da etwas mit, was man nicht sagen kann oder nicht sagen will: Gott soll hierblieben. Die DDR-Behörden rissen gelegentlich demonstrativ Kirchengebäude nieder. Die amtlichen Begründungen waren gewunden, die unausgesprochene Botschaft war eindeutig: Hier soll kein Gott mehr wohnen.

Im alten Israel, in dem der Priestersohn Hesekiel vor mehr als 2600 Jahren aufwuchs, kannten alle Pilger den heiligen Schauder, die Gänsehaut in jenem Augenblick, wenn sich nach dem langen Aufstieg durch die staubige Hügellandschaft vor den Wanderern weiß und golden der Tempel über den niedrigen Lehmhäusern Jerusalems erhob: der Ort, an dem Gottes Name, Gottes lichtstrahlende Herrlichkeit, wohnt – für die Israeliten der Mittelpunkt der Welt, ja des ganzen Kosmos. Dagegen waren für die Großmächte der Zeit das kleine Königreich Juda und seine Hauptstadt nur unbedeutende, störende Flecken auf der Landkarte der großen Weltpolitik. Im Zuge einer imperialen Flurbereinigung ließ der babylonische Herrscher Nebukadnezar den Kleinstaat beseitigen, den Tempel zerstören, Adel und Priester nach Babylon deportieren. Die Symbolik war klar: Es sollte kein Volk mehr geben, und der Gott Israels sollte keinen Ort mehr haben, wo er wohnen kann. In der Trostlosigkeit des Exils erlebt Hesekiel seine Berufung zum Propheten. Seine Botschaft gipfelt in einem gewaltigen Bauplan für einen neuen Tempel, größer und prächtiger als zuvor. Im Heiligtum werde ein Wasserstrom entspringen, der das dürre Land in einen Garten verwandelt. Dann wird Jerusalem, so schließt das Hesekiel-Buch, einen neuen Namen erhalten: „Hier wohnt Gott“.

Später wurde in Jerusalem tatsächlich wieder ein Tempel für den Gott Israels gebaut, aber so bescheiden, dass er an die gewaltigen Baupläne der Visionen Hesekiels bei weitem nicht heranreichte. Und keine Spur von einem Strom lebendigen Wasser aus dem Heiligtum. Wo wohnt Gott? Man kann weite Teile der biblischen Schriften als Diskussion dieser Frage lesen. Die radikalsten Antworten finden sich im Neue Testament: Gott wohnt nicht in Gebäuden, die von Menschen gebaut werden. Gott ist nicht im Tempel, sondern bei den Menschen. Wir können nicht zu ihm hin pilgern, sondern er ist auf dem Weg zu uns. Er ist mitten unter den Wanderern, bei Jesus und denen, die sich mit ihm auf den Weg machen. Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, enthält in den Schlusskapiteln eine eigenwillige Auslegung der Vision des Hesekiel. Das Bild, mit dem Johannes das Ziel alles Handelns Gottes mit den Menschen beschreibt, ist der Bauplan einer Stadt des Friedens, in der Platz für Menschen aus allen Völkern ist. In dieser Stadt wird es überhaupt keinen Tempel mehr geben. Gott wird einfach da sein.

Ich sehe mir gerne alte oder architektonisch schöne Kirchen an, ja auch Moscheen und Synagogen, auch wenn ich mir nicht vorstelle, dass Gott dort mehr zuhause ist als an irgendeinem anderen Ort. Ich stelle mir vor, dass er auch gar nicht die Zeit dazu hat, in einem ehrwürdigen Gebäude fernab vom Trubel, vom Alltag, vom Leid der Menschen zu sitzen oder zu schweben und zu warten, dass die Leute zu ihm kommen. Er ist ständig unterwegs, um Menschen zu suchen und zu ihnen zu kommen: Wo Menschen sich vom Evangelium anreden lassen und ihr Leben neu wird, ist Gott nahe und ist am Werk. Wo der Glaube Menschen zu Brüdern und Schwestern werden lässt, da wirkt und ist er mitten unter ihnen. Wo in Jesu Namen das Brot gebrochen wird und der Kelch geteilt wird, ist er da, schon jetzt, da wir noch auf dem Weg sind: Mitten unter den Menschen.

Prof. Dr. Dr. Martin Rothkegel
Professor für Kirchengeschichte

Oktober 2017

„Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut“ (Lukas 15,10).

Am 31. Oktober jährt sich zum 500. Mal jenes Ereignis, das zum symbolischen Auftakt der Reformation wurde: Die Bekanntmachung von Martin Luthers 95 Thesen über die Kraft des Ablasses. Luther hatte das Ziel, die Kirche zu reformieren. Dadurch dass sie sich dem verweigerte und ihn ausstieß, entstanden die evangelischen Kirchen weltweit, auch die evangelischen Freikirchen.

Vordergründig ging es in Luthers Thesen um den Ablass, d.h. um die Aufhebung zeitlicher Strafen vor Gott für Sünden, deren Schuld bereits getilgt ist. Ihr eigentliches Thema ist aber die Buße. Was heißt „Buße tun“? Zu Luthers Zeiten verstand man darunter einen kirchlichen Ritus, zu dem die Beichte bei einem Priester gehörte und die Ableistung von Strafen, die dieser Priester zur Wiedergutmachung für die Sünden festgelegt hatte. So wurden die Strafen zum wichtigsten Punkt bei der Buße. Das merkt man in unserer Sprache zum Teil noch bis heute: Für Rechtsverletzungen im Verkehr sind „Bußgelder“ zu zahlen, und Haftstrafen werden „verbüßt“.

Luther wollte nun mit seinen Thesen darauf hinweisen, dass die Buße im Neuen Testament mit einem „Abbüßen“ nichts zu tun hat, sondern eine bestimmte Haltung des Herzens vor Gott ist. Buße beginnt mit der Einsicht, vor Gott schuldig zu sein, und geschieht durch Bekenntnis der Sünden sowie das Vertrauen auf die Zusage von Gottes Vergebung. Wer es damit ernst meint, der fängt an, sein Leben zu ändern, selbst wenn ihm keine Strafen aufgebrummt werden. Wer Buße tut, der versucht sich nicht zu rechtfertigen, sondern verurteilt seine Sünden, wie Gott sie verurteilt, und der nimmt dankbar an, dass Gott den Sünder, der in diesem Sinne Buße tut, nicht verwirft, sondern sich mit himmlischer Freude an ihm freut.

Prof. Dr. Uwe Swarat
Professor für Systematische Theologie und Dogmengeschichte

September 2017

Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein.
Lk 13,30


Wer spät kommt, ist darauf angewiesen, dass ihn jemand hereinlässt. Wenn das große Stadttor von Jerusalem aufgrund der hereinbrechenden Nacht geschlossen war, konnte man noch durch die kleine Türe daneben hereingelassen werden. Jemand musste die verschlossene Türe von innen öffnen.

Von innen öffnet auch der Hausherr die Türe, wenn spät in der Nacht noch unangemeldet Besuch kommt. Personen, die er nicht erkennt, wird er zu so später Stunde nicht mehr hereinlassen. Jesus antwortet mit diesen beiden Vergleichen auf die Frage eines Mannes „sind es wenige, die ins Himmelreichkommen?“ Was hat der Mann mit seiner Frage gewollt oder vermutet? Vielleicht, dass Jesus zu ihm sagt: „Ja, es sind wenige und Du bist dabei!“

Die Tür zum Reich Gottes kann nur von innen geöffnet werden, so wie ein bei Nacht verschlossenes Stadttor oder Haus. Menschen, die meinen, dass sie sich ihren Eintritt sicher verdient haben, haben sich verrechnet. Sie können sich nicht einfach Zutritt verschaffen. Durch Leistung oder Wohlverhalten lässt sich die Türe nicht von außen öffnen. Der Hausherr lässt ein. Er allein entscheidet, wer in seinem Haus bleiben darf. Zu gerne wollten einige Menschen von Jesus hören, dass sie bei ihm einen besonderen Platz einnehmen, waren sie sich selbst doch schon längst sicher, dass es so ist. Jesus nimmt diese unverschämte Selbstsicherheit, mit der sich Menschen breit machen und andere verdrängen. Menschen, die sich selbst den ersten Platz einräumen, bekommen hier einen Spiegel vorgehalten. Ein mahnendes Wort: Deine Rechnung geht nicht auf. Letzte werden Erste sein und Erste Letzte. Die, von denen keiner gedacht hat, dass sie einen Platz in Gottes Reich haben werden, die werden eingelassen: von Ost und West, von Nord und Süd. Nein, wenige sind es nicht, die selig werden!

Aber die, die sich für die Ersten bei Gott halten, die sollten vorsichtig sein. Es kommt darauf an, den Hausherrn wirklich zu kennen, mit ihm in Kontakt, in Beziehung zu sein.

Andere, die sich selber zu den Letzten zählen oder von ihren Mitmenschen an diesen Platz verwiesen werden, dürfen aufatmen. Bei Gott ist es anders: Er stellt sich in Christus solidarisch zu den Letzten und lässt sie in seiner Liebe den ersten Platz einnehmen. Gut für alle, die sich auch zu den Letzten stellen. Die sich denen zuwenden, die die Gesellschaft nach hinten oder unten, eben auf die letzten Plätze drängt. Gut für alle, die sich nicht breitmachen und die besten Plätze für sich beanspruchen, sondern ihre Aufmerksamkeit und Liebe den Letzten widmen. Sie müssen sich nicht um die unwichtige Tatsache sorgen, ob viele oder wenig selig werden. Sie sind jetzt schon selig, weil Christus in den Armen und Schwachen schon immer ganz nah bei ihnen ist.

Prof. Dr. Andrea Klimt
Professorin für Praktische Theologie

August 2017

Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag und stehe nun hier und bin sein Zeuge bei Groß und Klein. (Apostelgeschichte 26,22)

An bestimmten Wegmarken des Lebens halten wir inne, sehen wir uns um, bringen uns in Frage-Stellung: Wo stehe ich, wo komme ich her? Es gibt kalendarische Anlässe, an denen zurückgeblickt wird. Runde Geburtstage, Jubiläen. Nicht immer ist uns in diesen ritualisierten Formen nach einer Rückschau zumute, lassen es uns natürlich nicht anmerken, doch weichen innerlich aus. Jenseits der Feierlichkeiten indes gibt es Momente, die einen auf überraschende Weise nachdenklich stimmen, wo man unweigerlich merkt: es ist so viel passiert und fast wäre mir entgangen, was sich im Laufe der Zeit alles verändert hat. In der Regel sind das Zeiten, die rein äußerlich kaum auffallen, weil sie mit einer gewissen Verzögerung auf bestimmte Ereignisse uns überhaupt bewusst werden. Irgendwann wacht man auf und stellt fest, dass „die alten Zeiten“ vorbei sind, dass man nicht mehr Kind ist, oder Jugendlicher, oder berufstätig oder gesund und stark. Das gleiche beobachten wir bei unseren Mitmenschen, den Familien und Freunden: Die Kinder wachsen heran – „plötzlich“ sind sie groß geworden. Der feste Freundeskreis von damals hat sich mit der Zeit merklich verkleinert – aber mich gibt es noch. Das Gemeindebild verändert sich, nach vielen Herausforderungen, die alle in Atem halten, kehrt etwas Ruhe ein. Ob im Blick auf das je eigene Leben oder das soziale Umfeld, in bestimmten Momenten wird uns bewusst, dass wir – im Hier und Jetzt – da sind und wundern uns, wie überhaupt alles zugehen konnte. Es sind diese besonderen, meist stillen Augenblicke, in denen wir uns neu verorten, uns justieren und zu festigen suchen.

So zieht auch der Völkerapostel Paulus Bilanz, nach mehreren großen Reisen rund um das Mittelmeer, nach vielen Gefahren und lebensbedrohlichen Situationen, und ebenso nach zahllosen Begegnungen mit Menschen, denen er die Kraft des Glaubens zugänglich machte – eine Kraft, die ihn selbst durch alle Höhen und Tiefen hindurchtrug und trägt.

Prof. Dr. Dirk Sager
Professor für Altes Testament

Juli 2017

Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung. (Phil 1,9 (L))

Wie werde ich reich? Durch Glück, weil ich reich erbe. Durch Zufall, weil ich mit 6 Richtigen + Zusatzzahl den Lotto-Jackpot knacke. Oder durch viel Arbeit, weil ich einen Plan verfolge und mich von Rückschlägen nicht entmutigen lasse. Je nach familiärer Vermögenslage und Lottospielgewohnheiten stehen die Chancen für die ersten beiden Varianten eher schlecht und ich werde um die Arbeit nicht umhin kommen, wenn ich reich werden will.

Doch wie wird meine Liebe reicher? Ich kann eines von den Millionen Büchern über die Liebe lesen und verstehe mehr. Ich kann mir von meinen FreundInnen über ihre Erfahrungen mit der Liebe erzählen lassen und daraus meine Schlüsse ziehen. Ich kann gebannt zusehen, wie Hollywoodschönheiten in den Sonnenuntergang reiten und konstruiere mir ein kitschig-romantisches Bild von der Liebe. Wirklich geliebt habe ich dann noch nicht. Und reicher ist meine Liebe auch noch nicht geworden. Reicher in der Liebe werde ich nicht, indem ich darüber nachdenke, rede und träume, sondern indem ich es tue. Indem ich liebe. Indem ich mich ins Leben stürze und mich auf die Menschen in meiner Umgebung einlasse. Wirklich einlasse. So anders sie auch sein mögen, so fremd mir ihre Anschauungen erscheinen und ihre Art zu Glauben der meinen so wenig ähnelt. (Ok, vielleicht genügt es auch mit denen zu beginnen, deren Ansichten mir vertrauter sind!) Denn „reicher an aller Erfahrung“ verheißt leider nicht, dass mir schmerzhafte Erfahrungen und Begegnungen erspart bleiben. Aber gerade diese Erfahrungen, auf die ich und wahrscheinlich wir alle, lieber verzichten würden, machen unsere Liebe reicher – intensiver und tiefer. Und dann kommt bei allem Erleben auch wieder das Reflektieren und Reden ins Spiel – indem ich darüber bete und mir von Gott Einsichten geben lassen, indem ich über Liebe lese, erweitere ich meine Erkenntnis und verstehe besser, was Liebe ist und wie Gott liebt. Indem wir uns austauschen, ehrlich sagen, was verletzend war und was wir schön fanden, wir einander vergeben und gnädig sind, erweitern wir unseren Erfahrungsschatz und unsere Liebe wird reicher. Das ist mitunter harte Arbeit. Aber es lohnt sich!

Stefanie Desamours
Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Mission und Diakonie an der Theologischen Hochschule Elstal und Sachbearbeiterin für Katastrophenhilfe im Dienstbereich Mission

Juni 2017

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. (Apg 5,29)

Zuerst erschrecke ich. Dieser Satz könnte auch ein Slogan sein für religiöse, vielleicht auch für „christliche“ Terroristen. Wenn man dieses Wort für sich allein genommen liest, ohne Zusammenhang, könnte man alles Mögliche damit rechtfertigen. Und sicherlich wurde ein biblisches Wort wie dieses im Laufe der Geschichte auch für manche Unmenschlichkeit missbraucht.

Andererseits enthält dieses „Gott mehr gehorchen als den Menschen“ auch großes Veränderungs- und Trotzpotential, z.B. wenn man sich aufgrund seines Glaubens weigert, bestimmte Dinge zu tun, die andere von einem verlangen, die aber im Widerspruch zur eigenen Überzeugung stehen. Unser Gewissen ist zuerst und vor allem an Gott gebunden, und von daher können wir „nein“ sagen oder „ja“, auch wenn wir in unserer Umgebung damit auf Unverständnis stoßen. In diesem Bibelwort finden wir eine zutiefst biblische Begründung für die Glaubens- und Gewissensfreiheit, für die wir als Baptisten besonders einstehen. Unsere Mütter und Väter im Glauben haben manche Schikane auf sich genommen, weil sie den Weg der Staatskirchen in Deutschland nicht mitgegangen sind, sondern Glaube und Kirche anders leben wollten in der Gesellschaft. Ja, mit diesem Wort im Rücken können wir neu und revolutionär denken und handeln. Und wir geben auch anderen den Raum, ihre Überzeugung, ihren Glauben zu leben, je nachdem, wie ihr Gewissen sie bindet.

Wir werden davor bewahrt bleiben, zu religiösen Idealisten mit Gewaltpotential zu werden, wenn wir den Ruf zur absoluten Loyalität Gott gegenüber zusammen mit dem Liebesgebot Jesu hören und leben. „Gott mehr gehorchen“ – darin steckt so viel Kraft, Geist und Kreativität, wenn wir es mit der Liebe zusammenbinden. Darum kann kein Mensch für sich alleine Gott hören, sondern wir hören gemeinsam, korrigieren einander und bewahren uns gegenseitig vor ideologischen Irrwegen. Im gemeinsamen Suchen nach Gottes Willen ermutigen wir einander, Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, immer wieder neue Wege zu wagen und Gottes Liebe und Gerechtigkeit zu leben, aller Trägheit und allem menschlichen Misstrauen und Widerspruch zum Trotz!

Prof. Dr. Michael Kißkalt
Rektor und Professor für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie

Mai 2017

Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt. (Kolosser 4,6)

Das kurze Wort hat es in sich. Denn die apostolische Aufforderung ist mehr als eine höfliche Empfehlung. Es geht um eine Haltung, die das ganze Leben bestimmen soll. Das Leben derer nämlich, die zur Gemeinde Christi gehören. Diese Haltung lässt sich mit dem Wort „Zugewandtheit“ charakterisieren. Menschen, denen das Evangelium Herz und Verstand berührt hat, ziehen sich nicht in sich selbst zurück. Ihnen geht vielmehr der Mund über. Wer glaubt, redet auch vom Glauben. Genauer gesagt: Von dem Gott, der in Jesus Christus zur Welt und damit auch zur Sprache gekommen ist. Solche Rede der Glaubenden geschieht „allezeit“. Sie prägt also zunächst einmal den ganz normalen Umgangston im Alltag. Freundlich soll er sein. Man kann auch sagen: Wohlklingend, zuvorkommend, sogar das Moment der Gnade spielt darin mit. Es ist die menschliche Entsprechung auf die Art und Weise, wie Gott selbst seine Geschöpfe angesprochen hat und immer wieder anspricht. Freundlichkeit in der Alltagskommunikation ist bereits ein kraftvolles Hoffnungszeichen in einer Welt, deren Umgangston von Engstirnigkeit, Hassreden, Oberflächlichkeit und schlechter Laune bestimmt wird. Dass es dabei nicht um ziellos frommes Gesäusel geht, zeigt sich an der Wendung „mit Salz gewürzt“. Eine gesalzene Rede steht für eine gelungene Rede. Für eine Rede also, die Interesse weckt, weil sie auf Fragen eingeht, die andere haben und stellen. Das macht der Nachsatz zu der gesalzenen Rede klar: „Dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt“. Es geht bei der freundlichen, mit Salz gewürzten Rede demnach immer auch um die Bereitschaft zu einer Rechenschaft vom Glauben. Dafür bedarf es freilich nicht allein rhetorischer Fähigkeiten. Man muss auch gründlich wissen und verstehen, was der Inhalt des Glaubens ist. Die christliche Gemeinde pflegt daher den ständigen Austausch darüber, was sie glaubt. Und sie bittet zugleich um Weisheit und Gelingen dafür, das Geheimnis Christi auf sachgemäße und zeitgemäße Weise zur Sprache zu bringen.

Prof. Dr. Volker Spangenberg
Professor für Praktische Theologie

April 2017

Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden. (Lukas 24, 4-6)

Am ersten Tag der Woche machten sich die Frauen mit wohlriechenden Ölen und Salben auf zum Grab. Ihr Gang ist ruhig und andächtig, im Innersten sitzt der Schrecken jedoch noch tief. Wen besuchen sie da eigentlich? Jesus, den verkündigten Messias, den Friedefürst, Wundervollbringer und Krankenheiler? Oder Jesus, den gescheiterten „Judenkönig“, wie ihn die Römer spöttisch nannten, der zu viel und zu laut seine blasphemischen Worte predigte und dafür nun die Rechnung erhalten hatte? Je näher sie dem Grab kamen, desto sinnloser und unwirklicher wirkten die letzten Monate: Stürme stillen, Brot vermehren, auf dem Wasser gehen und Kranke heilen war für ihn alles kein Problem. Die unendlichen Erwartungen und Hoffnungen in diesen Mann und sein Reich des Friedens waren doch gut begründet, doch jetzt kam sein Tod so schnell und hart, dass es ihnen den Boden unter den Füßen wegzog. Mit dem Tod enden schmerzhaft alle Hoffnungen und Erwartungen. Ein Toter bringt keinen Frieden, vollbringt keine Wunder und heilt keine Kranken. Das erwartete Friedensreich bleibt aus. Sie wollten den verkündigten König salben, nun salben sie einen kalten Leichnam.

Am Grab angekommen fanden sie jedoch keinen Leichnam. In die Ratlosigkeit sprechen „zwei Männer in glänzenden Kleidern“ die Worte dieser Monatsandacht und erweitern dadurch die bereits zahlreichen Titel Jesu um einen Weiteren: Jesus lebt, er ist der Auferstandene!

Der Titel des Auferstandenen ändert nun alles. Weil dieser Titel wahr ist, sind auf einmal wieder alle anderen Titel wahr: Der Auferstandene ist ein Friedensstifter, Wundervollbringer und Krankenheiler. Alle Erwartungen und Hoffnungen, die vor seinem Tod galten, gelten nun wieder, erweitert durch den Faktor Ewigkeit. Ewiger Frieden, ewiger König, ewiges Leben. Dabei zeigt sich die Andersartigkeit des Reiches Gottes gerade darin, dass ausgerechnet der Tod, der eigentlich für das absolute Ende steht, nun das ewige Leben einleitet. Die Frauen und Jünger hatten etwas ganz Anderes erwartet. Ihr Blick war auf das Weltliche gerichtet: Sie sahen das Ende, nicht den Neuanfang! Die Jünger verstanden es erst, nachdem sich Jesus ihnen zeigte. Als er wieder fort ging hatte sich etwas in ihnen verändert.  Der Glaube an Jesu Lebendigkeit trieb die Jünger aus ihren Häusern in die Welt, um die frohe Botschaft zu verkünden. Dort sahen ihre Augen erneut Tod, Gewalt, Hass und sicher auch Enttäuschungen. Doch anstatt aufzugeben war ihr Blick diesmal auf den Lebendigen gerichtet. Sie wussten nun, wo sie ihn suchen mussten.

Der Blick in die Welt kann oft enttäuschen. Tod, Gewalt und Hass nagen an dem Glauben an ein gutes Ende. Doch allem Augenschein zum Trotz glauben wir an einen lebendigen Gott, dessen ewiges Friedensreich im Kommen ist.

Markus Höfler
Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Rektoratsassistent

März 2017

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR. (3.Mo/Lev 19,32)

Dieser Vers steht im sogenannten Heiligkeitsgesetz (Lev 17-26), in dem die Gebote Gottes damit begründet werden, dass Jahwe heilig ist und deshalb sein Volk auch heilig sein und sich entsprechend verhalten soll (vgl. 19,2). An diesen Grundgedanken erinnert auch der immer wieder zur Bekräftigung der Weisungen eingefügte Hinweis: „Ich bin Jahwe“, der in vielen Bibelübersetzungen zur Vermeidung des Gottesnamens mit „Ich bin der HERR“ übersetzt wird. In der Gesetzessammlung des Heiligkeitsgesetzes enthält das Kapitel 19 vor allem Regeln für den Alltag, wobei diese überwiegend dem Schutz der Schwachen dienen und ein gerechtes Miteinander in der Gesellschaft ermöglichen sollen. Und dabei steht in der Mitte dieses Kapitels die Kernaussage: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR.“ (V.18b)

Auch der Monatsspruch muss in diesem Kontext gelesen werden. Dabei benennen die beiden hebräischen Worte, die hinter der Übersetzung von „graues Haupt“ und „Alte“ stehen, zwei sehr unterschiedliche Personengruppen. Die Grauhaarigen, die sehr alt Gewordenen, sind die, die bereits kurz vor dem Tod stehen, wie das Sprichwort: „die grauen Haare in die Grube bringen“ (Gen 42,38; 44,29.31; 1.Kö 2,6.9) zeigt. Hier geht es beim Aufstehen um den Respekt vor der Lebensleistung derer, die sehr alt geworden sind, die man ehrt, weil sie es bis ins Alter der grauen Haare geschafft haben.

Das im Folgenden verwendete Wort für „die Alten“ hingegen meint an anderen Stellen der hebräischen Bibel zumeist die Ältesten, also die, die in der patriarchal geprägten Ordnung des alten Israel die Leitung und das Sagen haben. Diejenigen, die den richtigen Weg in die Zukunft suchen, die Verantwortung für das Miteinander tragen und deren Entscheidungen das Wohlergehen der gesamten Gemeinschaft bestimmen. Sie gilt es zu ehren, wie man verdiente Leitungspersonen mit Ehrenmitgliedschaften, Orden oder Preisen auszeichnet.

Aber am Ende des Verses steht – und das ist sowohl der Vergleichspunkt als auch die Grenze von Respekt und Ehrung der Altgewordenen und der Verantwortlichen – nur Jahwe sollen die Israeliten fürchten, also nur ihm bedingungslos gehorchen. Seine Heiligkeit ist es, die Respekt vor der Lebensleistung der Altgewordenen einfordert und die Würdigung derer verlangt, die Verantwortung tragen. Aber das Kriterium dafür, was zu würdigen ist, ist im Heiligkeitsgesetz die Umsetzung der sozialen Schutzvorschriften und des Nächstenliebegebotes. Und dazu gehört dann in den direkt folgenden Versen z.B. auch, die Fremden zu lieben und sie gegenüber den Einheimischen nicht zu benachteiligen.

Personen besonders zu respektieren und zu würdigen, die ihr Leben an den guten Geboten der Nächsten- und Fremdenliebe ausgerichtet haben, darauf liegt auch heute noch der Segen Gottes. Wir sollten nicht hinnehmen, dass soziales Engagement als naives Gutmenschentum oder gar als Verrat am eigenen Volk verunglimpft wird. Wir sollten solche Menschen vielmehr im privaten wie im öffentlichen Leben ehren und auszuzeichnen, weil wir damit das Miteinander in unserer Gesellschaft an Gottes Willen ausrichten. Insofern fordert uns der Monatsspruch dazu heraus, das Bemühen derer angemessen zu würdigen, die bereit waren und sind, bis ins hohe Alter ihr Lebens dem Wohl anderer Menschen zu widmen.

Prof. Dr. Ralf Dziewas
Prorektor und Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Februar 2017

Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als erstes: Friede diesem Haus! (Lk 10,5)

Schalom – mit diesem freundlichen und vor allem friedlichen Gruß sollen die Jünger die Freundschaft potentieller Gastgeber testen. Unmittelbar bevor Jesus den erweiterten Kreis seiner zweiundsiebzig Jünger in Zweierteams zum ersten Mal aussendet, gibt er ihnen ausführliche Anweisungen (Lk 10,3-4): Sie sollen „wie Schafe mitten unter die Wölfe“ gehen. Ihre materielle Reiseausrüstung wird arg begrenzt: kein Geldbeutel, keine Reisetasche und keine Sandalen. Unterwegs sollen sie merkwürdigerweise niemanden grüßen, vielleicht, um nicht mit dem einen oder anderen belanglosen Schwätzchen Zeit zu vertun. Diese Anweisung bleibt rätselhaft. Auf jeden Fall ist klar: Sie sollen sich auf Gott verlassen und werden auf die Gastfreundschaft an den aufgesuchten Orten angewiesen sein. Sogleich nach ihrer Ankunft sollen sie ein Haus betreten und den Friedensgruß sprechen. Wie wird es ihnen daraufhin ergehen? Sie werden entweder auf einen friedlichen und gastfreundlichen Menschen treffen, der sie nach allen Regeln der Gastfreundschaft mit Essen, Trinken und Unterkunft versorgen wird. So reich beschenkt, wird es für die Jünger ein Leichtes sein, ihre Botschaft vom Reich Gottes weiterzusagen (Lk 10,9): „Das Reich Gottes ist euch nahe.“ Oder aber ihr Friedensgruß verhallt ungehört und trifft vielleicht sogar auf eine gastfeindliche Situation. Dann sollen die Jünger nicht einmal den Staub, der an ihren Füßen klebt, mitnehmen. Auf dem Marktplatz sollen sie ihren Protest kundtun und auch einer solchen Stadt ihre Predigt nicht vorenthalten (Lk 10,11): „Das Reich Gottes ist nahe!“

Die Erzählung ist beispielhaft für die Verkündigung des Reiches Gottes, von Anfang an bis in unsere Zeit. Alles beginnt stets mit der Sendung durch Jesus. Weil er uns sendet, darum kommt er mit uns an Orte und zu Menschen, wo er Wohnung nehmen möchte. Zweitens geht es darum, dass wir als Jünger und Jüngerinnen die Sendung annehmen und uns auf den Weg machen, wirklich hingehen und Menschen den Frieden Gottes wünschen. Dabei haben wir es drittens natürlich nicht in der Hand, welche Reaktionen unser Friedensgruß hervorrufen wird. Sicher kann man dabei schlechte Erfahrungen machen. Aber darum den Frieden Gottes für sich zu behalten und den Friedefürsten zu verschweigen, das ist sicher nicht die Lösung.

Unfriede hat in dieser Welt in den vergangenen Monaten und Jahren zugenommen. Fremde haben es oft schwer, in unseren Städten friedliche und gastfreundliche Aufnahme zu finden. Das ist nicht zu übersehen. Das Klima ist auch in unserem Land rauer geworden. Gerade darum ist es mehr als einen Versuch wert, friedlich auf böse Worte zu reagieren und jene zu segnen, die uns fluchen. Wenn es dann nicht besser wird, mag es ratsam sein, sich aus dem Staub zu machen und sich nicht entmutigen zu lassen. Denn die anderen gibt es ja auch: Gastfreundliche Menschen, denen wir den Frieden Gottes, der all unsere Vernunft übersteigt, wünschen und denen wir von Jesus erzählen können. Das sollten wir tun. In diesem Sinne bitte weitersagen: Schalom!

Prof. Dr. Carsten Claußen
Professor für Neues Testament

Januar 2017

Auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. (Lukas 5,5)

Ich versuche mir vorzustellen, einer der Fischer zu sein, die mit Petrus am Morgen aus den Booten steigen und den Frust ihres nächtlichen Arbeitseinsatzes verarbeiten. Ergebnis der harten Tortor: null Komma null! Zu wenig zum Leben und zu wenig zum Sterben. Den wertlosen Dreck aus den Netzen herausholen muss ich trotzdem. Argwöhnisch beobachte ich, wie ausgerechnet heute lauter Menschen ans Ufer drängen, um einen Wanderprediger zu hören. Das wäre eigentlich die Gelegenheit gewesen, neue Kunden zu gewinnen. Doppeltes Pech! Stattdessen will dieser Jesus auch noch eins unserer Boote zum Predigen zweckentfremden. Davon werde ich heute auch nicht satt. Etwas verwundert reibe ich mir die Augen, als er meinen Kollegen Petrus auffordert, einen zweiten Fangversuch zu starten – am helllichten Tag! Ehrlich gesagt, ich würde dem was erzählen: Mach du deinen Job und ich meinen. Aber gut, wir haben ja eh nichts zu verlieren – außer unser Gesicht. Ob Petrus ahnt, dass da noch was geht? Hat er schon Vertrauen gefasst zu diesem eigenartigen Menschen? Ich weiß nicht, was in meinem Kollegen vorgeht, habe auch keine Zeit, lange zu überlegen, muss ja mit raus, den andern helfen, ziehe nach kurzer Zeit hektisch hunderte Fische in die Boote, so dass ich bald Panik bekomme, wir könnten sinken, doch nein… Mein Gesichtsverlust ist größer als der Stress, den ich mir während der Aktion gemacht habe. Wie stehe ich denn jetzt da vor all den gaffenden Leuten am Ufer!? Ich staune, dass Petrus schon die Traute hat, öffentlich vor Jesus niederzufallen, um ihm einzugestehen, dass er ein Sünder sei. Ich dagegen würde mich am liebsten unsichtbar machen und stehe beschämt und wortlos etwas abseits. Dann höre ich verwundert, dass die Geschichte hier noch nicht zu Ende sein soll. Heute geht’s weiter, heißt es, wir werden gebraucht. Was kann Jesus mit Menschen, die weder erfolgreich noch besonders mutig sind, anfangen? – Um das herauszufinden, muss ich mit; Gedankenversunken laufe ich den anderen nach.

Prof. Dr. Dirk Sager
Professor für Altes Testament

Jahreslosung 2017

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. (Ez 36,26)

Ein neues Jahr – ein neues Herz

Noch einmal ganz neu anfangen – aber so, dass es wirklich funktioniert. Das wäre schön. Wie viele gute Vorsätze gibt es? Wie oft wollen Menschen ihr Leben ändern, es richtig machen, noch mal von vorne anfangen? Und dann geht es eine Weile gut bevor alte Muster wieder vorherrschend werden.

Diese menschliche Grunderfahrung spiegelt sich auch in der Jahreslosung. Das Volk Israel musste das Land verlassen, wurde vertrieben unter andere Völker. Gerade für diese Völker war dann deutlich: der Gott Israels hat versagt. Er ist ohnmächtig, denn er hat es nicht geschafft, sein Volk zu beschützen, vor dieser Katastrophe zu bewahren. So hat Israel den Namen seines Gottes entweiht. Hesekiel schreibt die Ursache der Katastrophe nicht Gott zu, für ihn waren die Menschen unfähig, die Gebote Gottes zu halten. Der Mensch: unverständig, uninteressiert, unfähig eine gesunde Beziehung zu Gott aufrecht zu erhalten. Das ist nach Hesekiel die Ursache für die Niederlage des Volkes und die Vertreibung ins Exil. Der Mensch: beziehungsunfähig. Dafür steht das alte Herz, ein Herz aus Stein, hart – kalt – tot, ohne Bewegung und Flexibilität, keine Liebe, keine Sehnsucht, nur Stillstand. „Für mich bist Du tot!“, so sagen wir, wenn für uns eine Beziehung endet. Auch hier wird deutlich, zwischen Gott und seinem Volk ist keine Beziehung mehr möglich. Ende. Aus.

Jetzt muss Gott aber dringend vor den Völkern „um seines Namens willen“ handeln. Nur indem er Israel rettet, kann er zeigen, dass er nach wie vor ein mächtiger Gott ist. Dazu hätte es genügt, das Volk wieder in sein Land zurückzuführen. Aber Gott tut weit mehr. Er stellt nicht nur „seinen Namen“ vor den Völkern wieder her. Er erbarmt sich. Die Liebe zu seinen Menschen überwältigt ihn. Er schenkt einen neuen Anfang, schafft wieder neues Leben. Da wo nur ein totes Herz aus Stein ist, schenkt er ein lebendiges, pulsierendes, fühlendes, denkendes und sehnendes Herz. Von sich aus ist der Mensch nicht in der Lage, seine Unfähigkeit zur Beziehung mit Gott zu ändern. Aber Gott geht über sich hinaus, versucht es noch einmal. Er selbst schafft nun im Menschen die Voraussetzung ihn zu lieben und ihm zu dienen. Er stattet den Menschen mit einem neuen Geist aus, einer neuen Gesinnung, einem erneuerten Willen, sich auf ihn zu beziehen und ihm zu dienen. So kann es nun gehen, kann eine dauerhafte Beziehung zwischen Mensch und Gott möglich sein. Ein neues Herz aus Fleisch: weich und warm, lebendig, pulsierendes Leben, Sehnsucht und Bewegung. Ein Mensch, dessen Herz sich nach Gott sehnt, der Gottes Willen gerne tun möchte und auch dauerhaft dazu in der Lage ist. Gott erbarmt sich, beschenkt den Menschen mit einem neuen Herzen und einem neuen Geist, geht über sich hinaus und stellt die Beziehung wieder her, damit der Mensch wieder neu lebendig wird.

Und doch kommt auch dieser Mensch wieder an seine Grenzen. Bis Gott letztlich in Christus noch einmal ganz anders über sich hinausgeht und den Menschen in seiner Liebe und seinem Erbarmen noch einmal ganz neu zur Beziehung mit ihm befähigt. Noch einmal schenkt er neues Leben und befähigt den Menschen durch seinen Geist, nach seinem Gebot der Liebe zu leben. Und wenn ich dann wieder an meine menschlichen Grenzen komme? Dann darf ich mit Psalm 51 beten „Schaffe in mir Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen gewissen Geist.“

Prof. Dr. Andrea Klimt
Professorin für Praktische Theologie

2016

Dezember 2016

Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen. (Ps 130,6)

Wohl jeder kennt sie, schlaflos durchwachte Nächte. Gedanken kreisen, die Seele findet keine Ruhe. Nöte und Ängste werden mit jeder Stunde größer und bedrohlicher. In der Dunkelheit der Nacht scheinen sie schier unüberwindbar. Ein Ausweg ist nicht in Sicht, an Schlaf ist nicht zu denken.
An dieser Stelle lohnt es sich den gesamten Psalm 130 anzuschauen, den Luther als 6. Bußpsalm bezeichnet hat. Aus der Tiefe ruft der Beter zu Gott (V.1). Er ist in größter Not. Aus dem Abgrund menschlichen Leids schreit der Beter zu Jahwe, seinem Gott. Vergebung ist nötig und Gott ist der Einzige, der ihm noch helfen kann. Mit seinem ganzen Sein hofft und harrt er auf den HERRN und seine rettenden Worte (V. 5-6).

Der Morgen steht als Symbol für den Neubeginn. Der Morgen mit der aufgehenden Sonne bildet den Kontrast zur Nacht mit ihrer Dunkelheit. Die Wächter über der Stadt haben diesen neuen Morgen herbeigesehnt. Der Morgen bedeutete für sie das Ende ihrer Arbeitsschicht, aber vor allem war dann die Zeit der größten Gefahren und Bedrohungen für ihre Stadt wieder vorüber.

Und so wie die Wächter auf der Stadtmauer nicht enttäuscht werden, weil Gott die Sonne wieder aufgehen lässt, so ist es auch die Zuversicht des Psalmbeters, dass Gott sich ihm wieder gnadenvoll zuwenden und ihn über kurz oder lang aus seiner tiefen Not erretten wird. An der wiederkehrenden Erfahrung der Nachtwächter, dass die Sonne jeden Morgen wieder neu aufgeht, macht der Beter seine Hoffnung fest, dass Gott sich ihm wieder neu zuwenden wird.

Dies gilt für Menschen, die wie der Psalmbeter aus der Tiefe ihres Lebens zu Gott rufen. Und gleichermaßen gilt dies auch für unsere Verfehlungen, die kleineren und größeren Sorgen, Nöte und Ängste, die uns den Schlaf rauben. Die Schrecken der Nacht verlieren im Morgengrauen des anbrechenden Tages ihre Bedrohlichkeit. Und unsere Zuversicht ist es, dass Gott sich uns über kurz oder lang wieder zuwenden und uns aus dem tiefen Abgrund unserer Seele wieder retten wird.

Stefanie Desamours
Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Mission und Diakonie und Sachbearbeiterin für Katastrophenhilfe im Dienstbereich Mission

November 2016

Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen. (2. Petrus 1,19)

Wenn der Morgenstern aufgeht, als hellstes Einzelgestirn am Nachthimmel sichtbar wird, dann ist der Tag nicht mehr fern. Dann wird auch bald die Sonne aufgehen und es wird wieder hell und warm. Wenn dieser Stern am Himmel erscheint, muss keiner mehr lange auf den Tag warten. Dann schwindet die Angst vor Dunkelheit und Kälte. Bald lebt die Natur wieder auf und der Horizont weitet sich.

Warten auf den Tagesanbruch. Warten darauf, dass der Tag anbricht, an dem Gott einen Retter und Befreier für sein Volk schickt, an dem Gott selbst die Herrschaft antritt und alles gut wird. Dieses Warten durchzieht die alten Prophezeiungen. Die frühen Christinnen und Christen kannten dieses prophetische Wort, die Verheißung eines Retters und Befreiers. Die frühen Christen kannten noch die alte Zeit des Wartens auf den Retter. Eine Zeit, geprägt von Verzweiflung über Ungerechtigkeit, geprägt von vielen Jahren, in denen Gott scheinbar geschwiegen hatte. Wo blieb der verheißene Retter? Eine Zeit, in der Hoffnungslosigkeit sich breit machte und die Nacht scheinbar kein Ende nahm.

Die frühen Christen kannten dann aber auch die Erzählungen von diesem besonderen Ereignis auf einem Berg. Die Erzählung von Jesus und der Stimme, die plötzlich hörbar war. „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich meine Freude habe.“ (vgl. 1.Petrus 2,16- 18) Manche von ihnen hatten es selbst noch erlebt. Für sie war klar: Jesus ist der von Gott versprochene Retter und Befreier seines Volkes. Gott selbst hat ihn bestätigt. Das wurde zu ihrer Botschaft, ihrem Evangelium: Jesus Christus, Gottes Sohn und Retter.
Das Warten hatte für sie ein Ende. Erst einmal. Denn sie waren ja nicht nur Zeugen seiner Gottessohnschaft, seines Lebens und Sterbens, sie waren auch Zeugen und Zeuginnen seiner Auferstehung und seines Weggangs zum Vater. Und schon wieder war eine Zeit des Wartens angebrochen.

Die frühen Christinnen und Christen warteten auf das Zurückkommen ihres Herrn. So wie er sich verabschiedet hatte, so erwarteten sie ihn wieder. Heute? Vielleicht morgen? Vielleicht schon heute Nacht? Doch langsam werden Stimmen laut: „Wo bleibt denn euer Jesus? Hat er nicht versprochen wieder zu kommen. Hat er nicht versprochen die Herrschaft anzutreten und dem Bösen ein Ende zu setzen? Das sind doch alles Märchen!“ Woher sollen sie jetzt die Hoffnung nehmen, dass Gott der Ungerechtigkeit ein Ende setzen wird, dass das Dunkel endet und es einmal Tag sein wird?

Woher Hoffnung nehmen? Der Petrusbrief nimmt sie aus den Berichten der Augenzeugen der Verklärung Jesu. Dort hat sich bestätigt, dass Jesus der verheißene Retter ist. So hat sich das prophetische Wort, als Wort Gottes von der Rettung und Befreiung, von der Liebe Gottes zu seinen Menschen, bestätigt. Jesus, die Mensch gewordene Liebe Gottes, Jesus, den Gott als den Christus bestätigt hat, ist gekommen und er wird wiederkommen. Das steht fest. Darauf können alle vertrauen. Dieses Wort ist wie ein Licht, dass im Dunkeln Orientierung gibt. Schon der Morgenstern, der eigentlich „nur“ den Tag ankündigt, kann Hoffnung schenken und ein Vertrauen, das die Realität im Hier und Jetzt in das Licht der Liebe Gottes taucht.

Prof. Dr. Andrea Klimt
Professorin für Praktische Theologie

Oktober 2016

Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. (2. Kor 3,17)

Die beiden sind unzertrennlich: Der christliche Glaube und die Freiheit. Schon vom ersten Moment an gehören sie zusammen. Denn wo ein Mensch zum Glauben kommt, da kommt zuvor der Geist des auferstandenen Christus zum Menschen. Und dieser Geist befreit den in sich selbst verschlossenen und gefangenen Menschen für Gott. Nicht durch Zwang oder Angstmacherei geschieht das. Sondern durch die Macht der Liebe Gottes. Diese Liebe eröffnet dem geliebten Gegenüber Raum: Freiraum zum Leben. Darum kann und darf niemand zum Glauben gezwungen werden. Wollte man es dennoch versuchen, so käme nichts anderes dabei heraus als Heuchelei. Ein geheuchelter Glaube aber ist nichts anderes als – gar kein Glaube.

Den Freiraum zum Leben, der sich einem Menschen durch den Glauben an Christus auftut, bewohnt man nie allein. Es ist vielmehr das innerste Geheimnis christlicher Freiheit, dass Gott sein zur Freiheit berufenes Geschöpf begleitet. Ja, gerade diese enge Gemeinschaft des Menschen mit seinem Schöpfer und Befreier ist es, die die christliche Freiheit so beglückend macht. Hier nämlich gilt in Anlehnung an ein Wort des Theologen Karl Rahner, dass Abhängigkeit von Gott und menschliche Selbständigkeit und Freiheit im gleichen, nicht im umgekehrten Maße wachsen. In der liebevollen Beziehung zu Gott wird der Mensch durch Gottes Geist auf eigene Füße gestellt. Der Mensch darf selber glauben, lieben und hoffen. Und er soll das auch. Doch all das tut er nun eben „geistlich“, in der Verbindung zum lebendigen Christus durch den Heiligen Geist.

Weil aber dieser lebendige Herr immer auch der Herr seiner Gemeinde ist, teilt ein glaubender Menschen seinen Freiraum mit der Gemeinschaft der Glaubenden. Christsein kann man nur in der „Gemeinschaft der Freien“. Die aber ist kein Selbstzweck. Ihre geistgewirkte Freiheit ist im Kern eine Freiheit für Andere. Die christliche Gemeinde verschließt sich nicht. Sie macht ihre Tore weit und ihre Herzen noch weiter. Damit Menschen hineingeholt werden in die schöne Freiheit Gottes und so die Freiheit wächst.

Prof. Dr. Volker Spangenberg
Professor für Praktische Theologie

September 2016

Gott spricht: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte. (Jer 31,3 nach der Lutherübersetzung)

Eine wunderbare Liebeserklärung Gottes – allerdings nicht direkt an uns, die wir als Christen heute dieses Wort lesen, sondern zunächst an das jüdische Volk. In einer Liebe, die nur in Gott selbst begründet ist, hat Gott dieses Volk ausgesucht und sich mit ihm vermählt wie ein Bräutigam mit seiner Braut. Das Volk hat Gottes Liebe aber nicht auf Dauer erwidert, sondern ist ihm untreu geworden – indem es anderen Göttern diente und die Weisungen Gottes missachtete.

Diese Untreue war ein Scheidungsgrund, und Gott hat Israel entlassen. Als Folge davon wurde das Heilige Land von Feinden erobert, die Stadt Jerusalem zerstört, der Tempel Gottes verbrannt und die Führungsschicht des Volkes umgesiedelt. Da wurde dem Volk klar, was es getan hatte, und es bereute seine Untreue. Aber was würde nun Gott tun? Wäre er bereit, sein Volk wieder anzunehmen?

In dieser Lage las das Volk Worte, von denen es gewiss wurde, dass Gott sie schon vor Beginn alles Unheils dem Propheten Jeremia übergeben hatte: „Ich habe dich je und je geliebt“. Ich habe dich immer geliebt, auch damals, als Du mir untreu geworden warst und mich verlassen hast. Deine Liebe zu mir war zwar erloschen, aber meine Liebe zu Dir nicht.

Darum ist Gott bereit, seine Braut, die fremdgegangen ist, wieder aufzunehmen und die Liebesgeschichte mit ihr fortzusetzen. Weil er sein Volk mit ewiger Liebe geliebt hat, darum hat er ihm auch seine Güte bewahrt (so unser Vers in der Elberfelder Übersetzung). Die Lutherübersetzung sagt: Gott hat das Volk aus Güte zu sich gezogen. Das Volk, das ihn verstoßen hatte, das hat er lieb behalten und hat es wieder in die Arme genommen, als es umkehrte.

Einen solchen Gott bezeugt uns die Bibel: Einen Gott, der nicht nur Israel, sondern auch uns liebbehält, selbst wenn wir ihn enttäuscht haben. Er wartet auf uns mit offenen Armen.

Prof. Dr. Uwe Swarat
Systematische Theologie und Dogmengeschichte

August 2016

Habt Salz in euch und haltet Frieden untereinander! (Mk 9,50)

„Endlich wieder zuhause in Kapernaum“, denken die Jünger Jesu. Als sie aber so vertraut im Haus sitzen, bricht unter den Jüngern Streit aus, wer von ihnen am wichtigsten sei. Da redet Jesus mit ihnen Klartext. Am Ende seiner Rede fordert er sie auf, auf ihr eigenes Leben zu achten, damit nichts sie vom Weg mit Jesus abbringe. Wer mit Jesus auf diesem Weg ist, der ist ganz gefordert. Das Ziel des Reiches Gottes ist so wertvoll, dass es sich lohnt, sein eigenes, von vielen Egoismen gesteuertes Leben zu begrenzen, um wirklich konzentriert auf das Reich Gottes zuzugehen.

In diesem Sinne ist das Schlusswort Jesu in Kapernaum gemeint. Schon beim alttestamentlichen Kult wurde Salz zur Reinigung auf die Schlachtopfer geschüttet. Bei Jesus geht es nicht um irgendwelche Tieropfer, sondern um unser Leben. Auf dem Weg mit Jesus gilt es, auf sein eigenes Herz achten und es rein halten, genau dies drückt das Wort aus: „Habt Salz in euch“. Wir brauchen dieses „Salz" in uns, um unsere egoistischen Motive und Gedanken immer wieder zu überwinden.

Was ist nun dieses „Salz“? In der jüdischen Frömmigkeit der Zeit damals wurde die Thora, das jüdische Gesetzbuch, als Salz bezeichnet, also als das Gotteswort, das reinigt und stärkt. Das Lebenswort der Jesusjünger ist jetzt Jesu Wort. Jesus fordert seine Jünger auf, seine Worte als reinigende Kraft in ihrem Leben wirken zu lassen. Nur dann wird es ihnen gelingen, Frieden untereinander zu halten. Die gemeinsame Zeit in Kapernaum begann mit Streit unter den Jüngern, und am Ende seiner Rede ruft Jesus sie zum Frieden. Diesen Frieden können sie und wir nur leben, wenn wir uns, in allem Gerangel untereinander, durch das Wort Jesu immer wieder infrage stellen und neu ausrichten lassen.

Bei diesem Salzwort Jesu geht es also um den Frieden in Kirchen und Gemeinden, der nur möglich ist, wenn wir Jesus jeden Tag neu in unser Leben sprechen lassen. Durch die Wirkung seines Wortes erkennen wir uns selbst, auch in unseren Fehlern; so können wir demütig und liebevoll bleiben im Umgang untereinander.

Prof. Dr. Michael Kißkalt
Rektor und Professor für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie

Juli 2016

Der Herr gab zur Antwort: Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen und den Namen des Herrn vor dir ausrufen. Ich gewähre Gnade, wem ich will, und ich schenke Erbarmen, wem ich will.  (2.Mo/Ex 33,19)

Gerade erst hat Mose im Gespräch mit Gott gefordert: „Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen.“ (V.18). Und Gott lässt sich auf Moses Bitte ein. In seiner ganzen Schönheit will er sich zeigen, allerdings nur im Vorbeigehen, denn niemand kann Gott ins Angesicht sehen, ohne zu sterben (V.20).

Wie gerne würden auch wir einmal einen Blick auf Gottes Herrlichkeit werfen, einmal unverhüllt seine Schönheit sehen. Aber so wie Mose erhalten auch wir nur einen indirekten Eindruck von Gottes Größe und Macht. Auch wir dürfen ihm im Vorbeigehen nachschauen, entdecken, wo er sich gezeigt und seine Spuren hinterlassen hat.

Gott zeigt sich noch immer in gleicher Weise. Seine Schönheit und Herrlichkeit wird sichtbar, wo er Gnade gewährt und Erbarmen geschenkt hat. Nicht, weil er es müsste, sondern weil das sein Wesen ist, seine Güte, seine Barmherzigkeit. Gott zeigt sich in seiner Schönheit, wo seine Gnade stärker ist als alle Sünde, wo er uns erbarmungsvoll annimmt, obwohl wir genau das nicht verdient haben. Gott zeigt sich in seiner Herrlichkeit, wo er das Urteil über alle Sünde der Welt auf sich selbst nimmt, um die Menschheit zu erlösen. Gottes wahres Wesen sehen wir dort, wo wir den Blick auf den Gekreuzigten richten, der unsere Sünde und Schuld tilgt.

Gottes Schönheit ist seine Gnade und seine Herrlichkeit ist sein Erbarmen. Wo uns das klar wird, haben wir entdeckt, was wir von Gottes Wesen erfahren können. Und wo wir erbarmungsvoll und gnädig handeln, da spiegelt unser Leben ein wenig von Gottes Schönheit und Herrlichkeit in dieser Welt wider.

Prof. Dr. Ralf Dziewas
Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie

Juni 2016

Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden. (2. Mose 15,2)

Was für ein Lied! Es klingt nach Weite und Befreiung, nach Vertrauen und neuer Zuversicht. Es klingt nach einer guten und sehr persönlichen Erfahrung: meine Stärke – mein Lied – Retter für mich. Es ist ein besonderes Lied, kein Lied für alle Tage. Noch nicht.

Den Hintergrund des Liedes bildet die Erfahrung eines ganzen Volkes:
„Damals sang Mose mit den Israeliten dem Herrn dieses Lied; sie sagten: Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Rosse und Wagen warf er ins Meer. Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden. Er ist mein Gott, ihn will ich preisen; den Gott meines Vaters will ich rühmen.“

Rosse und Wagen warf er ins Meer. Ist das eine Situation in der ein Lied angestimmt werden kann? Darf man sich darüber freuen? Was genau wird hier besungen? Hier erklingt kein Siegeslied. Kein lautes Geschrei der Sieger, die sich am Tod der Verlierer erfreuen. Hier singt keine siegreiche Armee starker Männer. Hier singen Familien. Kinder, alte Menschen, Väter, Mütter, Schwestern, Brüder, Großeltern und Enkel. Menschen, die hart gearbeitet haben, die manchmal gerade eben noch überlebt haben und jetzt in diesem Moment ihren Unterdrückern entkommen sind. Hier singen die befreiten Opfer. Ein Chor ehemaliger Sklaven. In den Zwischentönen ihres Liedes klingt noch die Verzweiflung der bitteren Jahre nach, die der Rettung vorausgegangen sind. Leid, Bedrängnis, Angst, Schmerzen, schwere Arbeit, Ungerechtigkeiten – all das klingt noch mit. Aber nun gehört es der Vergangenheit an. Sie sind frei, befreit worden. Jetzt beginnt etwas Neues. Und die ersten Schritte in Freiheit sind noch sehr unsicher.

Doch der Gott, der mit starker Hand befreit hat, geht mit. Daher kann jede einzelne Person im Volk singen: Meine Stärke. Die erlebte Befreiung in der Vergangenheit gibt Sicherheit im Hier und Jetzt. Die neu gewonnene Freiheit lässt den Atem weit werden und die Stimme wieder klingen und singen: Mein Lied. Die Erfahrung der Rettung bleibt und wird die Israeliten stärken. Die erlebte Befreiung in der Vergangenheit wird zur Hoffnung auf eine Zukunft in Freiheit und die Gegenwart wird als ein neu geweiteter Raum erlebt. Ein weiter Raum, in dem Gott gegenwärtig ist als bleibender Retter. Das hilft gegen die Angst vor der ungewissen Zukunft: Mein Retter.

Der Chor der befreiten Sklaven singt: Meine Stärke, mein Lied, mein Retter. Dieses Lied, in einer besonderen Situation angestimmt, bleibt. Wird immer wieder gesungen. Zur Erinnerung an den Gott, der kompromisslos auf der Seite der Opfer steht. Es ist nicht das Lied der Sieger – es ist das Lied der befreiten Opfer. Es ist das Lied von dem Gott, der befreit hat und befreien wird.

Wenn wir es heute singen, klingt auch das Lied von dem Gott mit, der sich selbst zu Opfer gemacht hat, um alle Menschen zu befreien. Klingt das Lied von dem Gott mit, der auch heute noch solidarisch an der Seite der Opfer steht. Das Lied von dem Gott, der befreit hat und befreien wird. Es ist ein persönliches Lied, aber auch ein Lied des Volkes, also durchaus politisch, wenn es um die Befreiung aus ungerechten Strukturen und Verhältnissen geht.

Es bleibt ein besonderes Lied, aber jetzt ist es auch ein Lied für alle Tage. Besonders für die engen, angstvollen Tage, denn es erinnert an die Weite. Besonders für die leichten, gelassenen Tage, denn es erinnert daran, dass diese ein Geschenk sind. Besonders für die schwachen Tage, denn es erinnert daran, dass die Stärke nicht aus uns kommt. Besonders für die guten Tage, denn es erinnert an den, dem wir sie verdanken: Meine Stärke - mein Lied - Retter für mich.                              

Prof. Dr. Andrea Klimt
Professorin für Praktische Theologie

Mai 2016

Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst (1Kor 6,19)

„Körpersorge“ – ein Wort das nicht im Duden steht. Anders als der Seelsorge, der Sorge für die Seele, wird dem Leib theologisch nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. So muss es auch einigen Christen in der korinthischen Gemeinde gegangen sein. Es war ihnen nicht fremd, ihre Sexualität mit Prostituierten auszuleben. „Körpersorge“ wäre auch für sie ein Fremdwort gewesen und ihr Leib war für ihren Glauben ein „Fremd-Körper“. Bei dieser Situation setzt Paulus ein. Für ihn ist der Leib des einzelnen Christen Besitz Gottes. Durch den stellvertretenden Sühnetod Jesu am Kreuz hat Gott nicht nur das Heil für die Menschen aufgerichtet, sondern auch den Leib der Christen und Christinnen als Eigentumswohnung für seinen Heiligen Geist erworben. Hätten die Angesprochenen vielleicht mit dem Slogan argumentiert: „Mein Körper gehört mir!“ – so setzt Paulus dem entgegen: „Ihr gehört nicht mehr euch selbst.“ Dies betrifft nicht nur unsere Sexualität. Der Leib als Tempel des Heiligen Geistes hat Konsequenzen: Nicht nur mit Lobliedern und Psalmengesängen ist Gott zu loben, sondern mit ganzem Leibe. Anders ausgedrückt: Nicht nur unsere Stimmbänder gehören Gott, sondern alle Körperteile. Es ist ein Fehler, dass die christliche Tradition durch die Jahrhunderte hindurch viel zu oft die Seele gegen den Leib ausgespielt hat. Körper- und Sexualitätsabwertung sind dann die Folge. Doch Leib und Seele gehören zusammen. Schon jetzt ist es gute Praxis des Glaubens, dass wir für Menschen mit körperlichen Einschränkungen und Gebrechen beten. Jesu Heilungen sind ein Sinnbild hin auf die Ewigkeit. Für unsere Auferstehung dürfen wir auf einen verwandelten und verklärten Leib hoffen (1Kor 15,42-49). Wer seinem Körper schon jetzt etwas Gutes tun will, der kann den Schwung des Monats Mai nutzen und zur Ehre Gottes und zum Wohle des Körpers Sport treiben. Wer dagegen ohnehin schon durch das Leben rennt, der mag einmal innehalten und sich der Frage stellen, wo denn konkret Gottes Geist in seinem Körper und in seinem Leben wohnt. Christliche Sorge für Seele und Leib wird sich dabei ungnädigen Perfektheitsidealen widersetzen und dem Geist Gottes Lebensraum geben. So oder so, ob wir uns äußerlich oder innerlich bewegen und in Bewegung setzen lassen: „Körpersorge“ wird unserem Leib als Tempel des Heiligen Geistes Gutes tun.

Prof. Dr. Carsten Claußen
Professor für Neues Testament

April 2016

Berufen zur Verkündigung des Evangeliums, nicht zum religiösen Individualismus

Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht. (1Petr 2,9)

Ich habe noch nie einen König gesehen. In dem unwahrscheinlichen Fall, dass ich einmal einem König begegnen würde, wäre ich zwar möglicherweise neugierig. Als Kind einer demokratischen Gesellschaft würde ich aber nicht wirklich empfinden können, was es heißt, Untertan eines Herrschers zu sein. Ich habe gar kein Gespür für das, was die ehrfurchtgebietende Würde des Königs, seine „Erhabenheit“ oder „Majestät“, ausmacht. Ähnlich steht es mit dem Priestertum. Ich gehöre einer christlichen Gemeinde an, der die Vorstellung von einem aus der Schar der Gläubigen ausgesonderten Priester, der durch eine geheimnisvolle Vollmacht zwischen Gott und den Menschen vermittelt, völlig fremd ist.

Allerdings kommen Priester in unserem Alltag nicht ganz so selten vor wie Könige. Einmal öffnete ich in einer alten Kirche die Tür zu einer Seitenkapelle, die ich besichtigen wollte. Plötzlich stand ich direkt vor einem Bischof in vollem Ornat, der gerade im Begriff war, aus der Kapelle in das Kirchenschiff zu treten. Unwillkürlich spürte ich einen winzigen Augenblick lang eine ferne Ahnung von jenem geheimnisvollen Schauder, wie ihn vielleicht einst die Israeliten im Tempel von Jerusalem empfanden, wenn sie aus dem Vorhof einen Blick auf die Priester mit ihren heiligen Gewändern und heilsvermittelnden Ritualen werfen konnten. Der Bischof, ein freundlicher älterer Herr, war übrigens genauso verdutzt wie ich. Er hielt mir seinen Ring zum Kuss hin, aber ich murmelte entschuldigend, ich sei evangelisch und machte mich höflich aus dem Staube.

So wie ein König nur dadurch König ist, dass alle anderen Untertanen sind, ist ein Priester nur dadurch ein Priester, dass alle anderen ohne seine Mittlerschaft keinen Zugang zum Heiligen haben. Evangelischen Christen ist die Formulierung „allgemeines Priestertum“ so geläufig, dass sie oft überhören, dass es sich um ein Paradox handelt, ebenso wie ein „allgemeines Königtum“ eine widersinnige Staatsverfassung wäre. Und in der Tat wäre die Rede vom allgemeinen König- und Priestertum aller Christen widersinnig, wenn sie bedeuten würde, dass jede und jeder Einzelne als religiöse Selbstversorger ihrem eigenen Kopf folgen sollen. Eine königliche Priesterschaft sind die Christen nur deshalb, weil Christus ein König und Priester ist. Die Aufgabe der christlichen Kirche ist nicht die Verkündigung einer Theorie der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung aller Menschen, sondern die Verkündigung der Alleinherrschaft des Königs Christus und der alleinigen Mittlerschaft des Priesters Christus.

Dennoch wurde in der baptistischen Tradition die biblische Rede vom königlichen Priestertum häufig mit dem modernen Begriff „geistliche Demokratie“ übersetzt und mit dem aktiven Eintreten für Freiheit und Gleichheit aller Menschen verbunden: Christi Königtum und Priestertum besteht nämlich nicht in Unterwerfung und Entmündigung, sondern darin, dass er alle, die zu ihm gehören, zu seinen Teilhabern macht. Er ist ein König, der alle seine Untertanen krönt. Er ist ein Priester, der alle aus seinem Volk mit sich hineinnimmt ins Heiligtum. Deshalb ist die Gemeinde berufen, die Gleichheit aller Gläubigen in die Lebenspraxis umzusetzen und keine Bevormundung durch menschliche Autoritäten in Glaubensdingen zu dulden. Deshalb sind Christen berufen, in ihren jeweiligen gesellschaftlichen Kontexten, und seien sie bedrückend, anderen zum Vorbild „als die Freien“ zu leben, denen niemand Würde und Freiheit rauben kann.

Prof. Dr. Dr. Martin Rothkegel
Professor für Kirchengeschichte und Leiter der Bibliothek

März 2016

Jesus Christus spricht: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! (Joh 15,9)

Als Teil der Weinstockrede Jesu gehört dieser Vers in den Kontext der Abschiedsreden Jesu an seine Jünger. Darin bereitet er seine Nachfolger auf die Zeit vor, in der er nicht mehr leiblich gegenwärtig ist. In den vorausgehenden Versen wählt Jesus einen bildlichen Vergleich, um deutlich zu machen, wie wichtig es ist, dass seine Jünger in ihm bleiben. Nur eine Rebe, die fest mit dem Weinstock verbunden ist, bringt Frucht (V.4-5) und verherrlicht dadurch den Vater (V.8).
Ohne Zweifel ist die Bildrede vom wahren Weinstock von ermahnenden Elementen geprägt. Die Beschreibung dessen, was mit den fruchtlosen Reben geschieht, ist sehr eindrücklich (15,6). Und mehrfach fordert Jesus seine Jünger ganz direkt auf: „Bleibt in mir“ (V.4); „Bleibt in meiner Liebe“ (V.9); „Dies gebiete ich euch, dass ihr einander liebt“ (V.17).

Die Zielrichtung dieser Rede Jesu liegt aber nicht allein in der Ermahnung. Jesus erinnert seine Jünger ebenso deutlich daran, wie sehr er sie liebt: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt.“ Die Liebe zwischen Gott und seinem Sohn ist das Maß der Liebe, mit dem sich Jesu Jünger damals und heute geliebt wissen dürfen. Diese Liebe Jesu ist mit seinem leiblichen Scheiden aus dieser Welt keine Vergangenheit. Sie ist nicht abgeschlossen, wie man aufgrund der Vergangenheitsform „ich habe euch geliebt“ in deutschen Bibelübersetzungen annehmen könnte. Im Griechischen kann und will der Evangelist Johannes durch eine bestimmte Vergangenheitsform genau das Gegenteil ausdrücken: Sowohl die Liebe Gottes zu Jesus als auch die Liebe Jesu zu seinen Jüngern damals und heute ist eine bleibende Wirklichkeit.

Mit der Erinnerung daran, dass Jesu Liebe bleibt, dass sie wirklich und real ist, auch wenn er zurückkehrt in die Ewigkeit zum Vater – mit dieser Erinnerung tröstet Jesus seine Jünger kurz vor seinem Tod am Kreuz im Blick auf den Schmerz und die Trauer, die ihnen bevorstehen. Und ebenso dürfen wir uns als Nachfolgerinnen und Nachfolger Christi heute von ihm zusprechen lassen: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt“ – als ein Wort des Trostes und der Ermutigung inmitten der Passionszeit und im Blick auf Karfreitag, auf den wir als Gemeinschaft der Glaubenden zugehen.

Es kann uns aber auch ein Wort des Trostes werden in Zeiten persönlicher Krisen, in denen Gott so unendlich weit weg zu sein scheint – in denen wir uns wie abgetrennt vom Weinstock fühlen. Denn auch in der Weinstockrede geht allen Aufforderungen eine Zusage Christi voraus. Christus hat uns zuerst geliebt. Er hat uns zuerst erwählt (V.16). Er nennt uns Freunde (V.15). Das ist die bleibende Wirklichkeit, auch wenn unser Gefühl uns etwas Anderes sagt. Gefühle können täuschen und deswegen sind wir eingeladen, in Jesus zu bleiben, durch Gebet (V.7), durch Festhalten an seinem Wort und den Geboten (V.7.10), und besonders durch die Liebe zueinander (V.12-13). Er lädt dazu ein, nicht damit wir, sondern weil wir durch all dies Frucht bringen. Denn die Bitte zu Gott – gerade auch die klagende und flehende Bitte oder die Fürbitte durch Glaubensgeschwister –, oder das verzweifelte Suchen nach einer Ansprache Gottes in seinem Wort – das ist Bleiben in seiner Liebe. Manchmal ist es ein Festhalten an der Liebe Gottes gegen das eigene Gefühl bis die ewig gültige Zusage Jesu wieder das eigene Herz erreicht: „Wie mich der Vater liebt, so liebe ich Dich!“
   
Christian Wehde
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Neues Testament an der Theologischen Hochschule Elstal

Februar 2016

„Und wenn ihr beten wollt und ihr habt einem anderen etwas vorzuwerfen, dann vergebt ihm, damit auch euer Vater im Himmel euch eure Verfehlungen vergibt.“ (Markus 11,25)

Der Glaube an Christus rettet allein, zu dem wir jederzeit nach freiem Herzen beten dürfen. Dieser Satz liest sich wie selbstverständlich und doch wirkt es in diesem Text so, als werden diese zwei Grundpfeiler des christliches Glaubens an Bedingungen geknüpft. Wer beten und Vergebung will, soll erst einmal selbst dem Anderen vergeben. Es hat eben doch alles seinen Preis!  -  Warum empört uns dieser Gedanke so? Eigentlich ist uns das christliche Prinzip, es mit seinem Nächsten (auch seinen Gegnern!) gut zu meinen ja schon hinreichend bekannt. Das Gebot der Feindesliebe (Mt 5, 43-48) ruft uns dazu auf unsere Feinde zu segnen statt zu hassen und noch deutlicher beten wir im Vater Unser:  „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“ (Mt 6,12). Inhaltlich liegt der einzige Unterschied wohl darin, dass die Stellen in Matthäus wie Ratschläge oder Aufforderungen wirken. Sie scheinen weniger radikal, da keine direkten Konsequenzen genannt werden. Überspitzt gesagt: Hier darf man über den Inhalt nicken, ohne ihn wirklich ausführen zu müssen. Dagegen lässt uns Markus 11,25 keine Wahl und macht zwei Dinge sehr deutlich:

1. Das Gebet ist keine Einbahnstraße, die bei uns beginnt und bei Gott endet.
Stattdessen sollen in der Gemeinschaft mit Gott auch wir selbst immer wieder angesprochen werden und uns und unser Handeln hinterfragen. Vergeben wir, wo wir um Vergebung beten? Verändern wir, wo wir um Veränderung beten? Unser Gebet soll auch Anspruch an uns selbst sein.

2. Das Gebet führt in die Gemeinschaft mit anderen Menschen.
Auch das privateste und intimste Gebet mit Gott hat unsere Mitmenschen im Blick. Wer sein Gebet im Zorn gegen den Nächsten missbraucht, der betet nicht recht. Stattdessen beinhaltet die Gemeinschaft mit Gott auch den Willen zur liebevollen Gemeinschaft mit den Menschen.
Dieser radikale Aufruf zur Vergebung, zur Veränderung und zur Gemeinschaft kann auf einer seelsorgerlichen Ebene jedoch sehr verstörend sein. In Momenten tiefster physischer oder psychischer Verletzungen  scheint es makaber, wenn das Opfer auch noch zusätzlich um die Vergebung Christi bangen muss, nur weil es nicht vergeben kann. Eine solche Auslegung wäre nicht nur unbarmherzig, sondern auch unbiblisch. Wer momentan nicht vergeben kann wird hier nicht dazu genötigt durch ein erzwungenes Lippenbekenntnis seine eigene Haut zu retten. Vielmehr kann es nur die Kraft Christi bewirken, dass wir vergeben können. Manchmal von einem Moment auf den Anderen, manchmal in langen, schmerzhaften Prozessen. Doch auch das leidvolle oder klagende Gebet „Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?“ (Psalm 13,3) kann ein Schritt zur Leidbewältigung und ein Schritt hin zur Vergebung sein. Darum sollen wir beständig in dieser Haltung weiter beten, dass Gott auch uns im Gebet verändern will. Denn so passiert es, ohne dass wir es gleich merken, dass das Gebet unseren Nächsten und die Welt verändert, aber am allermeisten uns selbst.
                 
Markus Höfler
Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Rektoratsassistent

Januar 2016

Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit (2Tim 1,7)

Manche Situationen sind einfach zum Verzweifeln! Von Verzagtheit ist hier im Brief an Timotheus die Rede. Timotheus ist der engste Mitarbeiter des Apostels Paulus. Gleich mehrfach wird er mit anstrengenden Aufgaben betraut. So musste er die Gemeindeglieder in Thessalonich stärken und sie im Glauben ermahnen (1Thess 3,2), als sie angesichts schwer einzuordnender Trauerfälle ratlos sind. Später soll Timotheus nach Korinth reisen, um in der dortigen Gemeinde daran zu erinnern, was der Apostel gelehrt hatte (1Kor 4,17). Was mochte ihn in Korinth wohl erwarten, wo manche sich recht aufgeblasen über die Abwesenheit des Paulus freuen – frei nach der Devise: „Der Himmel ist hoch und der Apostel ist weit; alles ist mir erlaubt!“ Schlägt dem Paulus schon aus der Ferne Hochmut seiner Gegner entgegen, wie würde es erst seinem Gesandten vor Ort ergehen? Da kann einem schon angst und bange werden. Bereits aus diesen wenigen Hinweisen entsteht ein Bild: Timotheus ist ein Mitarbeiter für schwierige Missionen. Wenn Paulus selbst nicht eingreifen kann, dann sendet er diesen Mann, den er sogar als seinen Sohn bezeichnet (1Tim 1,2 vgl. Phil 2,19-24). Ob der die schwierigen Situationen immer gut meistern konnte, wissen wir nicht. Das Stichwort Verzagtheit deutet eher in eine andere Richtung. In dem ermutigenden Wort des Paulus spiegelt sich ein Mitarbeiter, dem angesichts großer Herausforderungen die Kraft schwindet, der nicht weiß, wie es weitergehen soll und der an die Grenzen seiner Möglichkeiten gekommen sein mag. Ja, seiner Möglichkeiten und Kräfte. Aber eben nicht Seiner Kraft. Paulus erinnert seinen Mitarbeiter daran, dass die unerschöpfliche Quelle an Kraft, Liebe und Besonnenheit außerhalb unserer selbst liegt. Gott wird uns davon geben, immer wieder neu und frisch. Er will und wird unseren Mangel ausgleichen, so wie Jesus Christus die Mühseligen und Beladenen zu sich ruft, um sie zu erfrischen. Gottes Erfrischungen für Leib, Seele und Geist dürfen wir für jeden Tag neu erbitten. Dies können wir uns mit dem Wort des Paulus an Timotheus zusprechen lassen – oder es mit der Ermutigung eines Propheten einander zusingen: „Seid nicht bekümmert, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke“ (Neh 8,10).

Dr. Carsten Claußen
Professor für Neues Testament an der Theologischen Hochschule Elstal

Jahreslosung 2016

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet (Jes 66,13)

Dieser zur Jahreslosung für das Jahr 2016 gewählte Vers steht in einem Kontext von Versen, die alle Gottes Heilshandeln mit weiblichen Bildern beschreiben: Eine Frau bringt einen Sohn ohne Wehen zur Welt (V.7). Ein ganzes Volk wird geboren, noch bevor die Wehen einsetzen (V.8). Dabei betätigt sich Gott selber als Hebamme, die für eine gute Geburt sorgt (V.9). Die darauf folgende Freude wird mit einem Baby verglichen, dass aus der Mutterbrust Trost und Nahrung saugt und sich an der Muttermilch satt trinken kann (V.10f). Und wie Kinder auf den Armen genommen und auf den Knien geschaukelt werden möchten (V.12), wenn ihnen etwas fehlt, so will Gott selbst Trost spenden. Eben wie es eine Mutter tut, die ihre Kinder tröstet und beruhigt (V.13).
Mit ihrer mütterlich-weiblichen Bilderwelt bieten diese Verse am Ende des Jesajabuches eine wichtige Ergänzung zu den ansonsten eher maskulin geprägten Gottesbildern der Bibel. Der, der sich um sein Volk sorgt, ist nicht nur ein starker Herrscher und ein machtvoller Souverän. Er kann auch ganz nahbar und weich sein, ganz liebevoll und Trost spendend. Während viele männliche Sinnbilder eher die Unnahbarkeit und Autorität Gottes symbolisieren, finden sich hier weibliche Bilder vom Gebären, Trösten und Ernähren. Sie erinnern uns an Urerfahrungen unserer frühesten Kindheit: Die Mutterbrust, die unseren Hunger stillte, die Wärme und der beruhigende Herzschlag unserer Mutter, an die wir uns kuscheln durften, wenn wir aus Albträumen aufwachten. Arme, die uns hochhoben und nach Hause trugen, wenn wir hingefallen oder müde waren, oder die Knie, auf denen wir Hoppe-Hoppe-Reiter spielen konnten, auch das sind Bilder für Gott und seine Art, uns tröstend nahe zu kommen.
Diese Verse sind in einer Zeit verfasst worden, in der nur Männer die Theologie Israels schrieben. Und so ist es kein Wunder, dass sie für Aussagen über Gott meist männliche Bilder verwendeten. Umso bemerkenswerter aber sind Verse wie die diesjährige Jahreslosung. Hier zeigt sich, dass sich Israel sehr wohl bewusst war, dass ihr Gott kein starker Mann im Himmel ist. Es gehörte zu Israels Glaubenstraditionen, dass ihr Gott Männer und Frauen in gleicher Weise als göttliches Ebenbild erschaffen hatte und daher auch in weiblichen Bildern angemessen beschrieben werden konnte. Gottes Wirken ist auch für uns heute väterlich-mütterlich oder brüderlich-schwesterlich deutbar, je nachdem, welche Erfahrungen wir mit Vater, Mutter und unseren Geschwistern verbinden. Bei wem auch immer wir in unserem Leben Trost und Güte erlebt haben, wer auch immer uns Halt und Sicherheit geschenkt hat, als wir Trost und Schutz brauchten, darf für uns ein Sinnbild für diesen tröstenden und liebenden Gott sein, der uns zuspricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Und wo immer wir uns als Frauen oder Männer den Bedürftigen, oder als Väter oder Mütter unseren Kindern liebevoll, stärkend und tröstend zuwenden, repräsentieren wir diesen Gott, der uns in liebevoller Weise umsorgt.

Dr. Ralf Dziewas
Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie an der Theologischen Hochschule Elstal

2015

Dezember 2015

Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden. (Jes 49,13)

Der Prophet ist außer sich vor Freude, denn er sieht, wie Gott in das Elend seines Volkes eingreift. Noch ist es nicht so weit; noch fristet das Volk sein Dasein im Exil in Babylon, aber der Prophet sieht schon das Licht am Horizont: Bald dürfen sie nach Hause gehen, nach Jerusalem, nach 40 Jahren im Exil. Es ging den Israeliten äußerlich nicht schlecht in Babylon. Sie bauten Häuser, legten Gärten an, hatten ihren Alltag, ihr Einkommen.

Aber in ihrer Seele, in ihrem Glauben waren sie verzagt: Sie konnten einfach nicht fassen, dass ihr Gott zulassen konnte, dass Jerusalem erobert und der Tempel zerstört wurde. Waren nicht doch die Götter der Babylonier stärker und größer als der Gott Israels? Die Propheten erklärten diese Katastrophe mit dem schuldhaften Verhalten Israels: Das Ganze sei eine Strafaktion Gottes gewesen; man müsse sich zu seiner Schuld stellen und umkehren.

Nun die Ankündigung: der Gott Israels wendet das Schicksal, er schenkt die Heimat zurück, - und Erleichterung und Trost machen sich breit. So begeistert ist der Prophet, dass er die ganze Schöpfung in seine Freude einbezieht. Wenn Gott kommt, sind nicht nur einige Menschen betroffen, sondern alle! Nichts und niemand bleibt von der kommenden Gott der Befreiung unberührt.

Genau diese Bewegung steckt auch in der Geschichte, auf der wir in den Wochen vor Weihnachten zuleben: In Jesus kommt Gott in die Welt, als Bruder der Menschen, um Heilung und Erlösung in unser geschundenes Leben zu bringen. Noch sind wir nicht geheilt, noch sind wir oft böse, noch ist nicht alles gut! Aber Gott sieht uns mit anderen Augen an: Er sieht uns durch Jesus hindurch, der für unsere Schuld und in unser Leid hinein sterben wird.

Wenn wir das Evangelium hören und an Jesus festhalten, dann sehen wir auch den Lichtstreifen am Horizont. Die Sonne wird aufgehen, auch wenn es noch Nacht ist. Darum können wir jetzt schon Lieder der Freude singen, zuerst leise vielleicht und dann immer lauter werdend. Und in unserer Freude über den sich erbarmenden Gott werden wir die Menschen um uns herum mithineinnehmen, hoffentlich!

Michael Kißkalt
Rektor der Theologischen Hochschule Elstal

November 2015

Erbarmt euch derer, die zweifeln. (Jud 22)

Hätten Sie das gedacht? Auch in neutestamentlichen Gemeinden gab es Leute, die Zweifel hatten! Freilich: Der methodische Zweifel, der für unser neuzeitliches Denken so wichtig geworden ist, war damals noch unbekannt – auch außerhalb der Christenheit. Dass man sich mit überlieferten Gewissheiten nicht einfach zufrieden geben soll, sondern kritisch fragen, ob sie zureichend begründet sind, war die Kernforderung erst der Aufklärung, ohne die moderne Natur- und Geisteswissenschaften, auch die Theologie, nicht mehr denkbar sind. Die kritische Nachfrage hält unser Denken und Handeln in Bewegung.

Der Zweifel, von dem im Neuen Testament gesprochen wird, ist anderer Art, aber uns ebenfalls gut bekannt. Dieser Zweifel tritt auf, wo ein Mensch zwischen Für und Wider hin- und hergerissen ist, wo er nicht weiß, wem er Recht geben und wofür er sich entscheiden soll. Das griechische Wort, das in unserem Monatsspruch für „zweifeln“ steht, hat die Grundbedeutung „mit sich im Streit liegen“. Ein solcher Zweifler ist innerlich zerrissen.

Die Situation, in die der Judasbrief hineinspricht, ist ein schwerer innergemeindlicher und übergemeindlicher Konflikt, in dem der christliche Glaube insgesamt auf dem Spiel steht. Judas hat Christen vor Augen, die für ihn gefährliche Irrlehrer sind, aber die doch sehr viele Gläubige auf ihre Seite gezogen haben. Es gab also Anhänger der neuen Richtung, es gab standhafte Vertreter der Apostelüberlieferung, und es gab die Zweifler, die sich nicht entscheiden konnten.

Wie sollen die entschiedenen Christen mit diesen Unentschiedenen umgehen? Judas sagt: Erbarmt euch ihrer! Nehmt euch ihrer helfend an! Macht ihnen also keine Vorwürfe und gebt sie nicht vorschnell verloren! Helft ihnen vielmehr zu einer klaren und richtigen Entscheidung. Und was kann in dieser Situation helfen? Natürlich nur überzeugende Argumente! „Erbarmt euch derer, die zweifeln“, bedeutet also: Sucht das Gespräch, geht auf kritische Fragen geduldig ein und gewinnt die Unsicheren mit der Kraft des besseren Arguments. Das ist intellektuelle Barmherzigkeit, die auch heute gebraucht wird.

Uwe Swarat
Professor für Systematische Theologie

Oktober 2015

Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? (Hiob 2,10)

Hiob gibt ein jämmerliches Bild ab. Er hat seinen Besitz und seine Kinder verloren und nicht genug, er hat „bösen Ausschlag“ (1,7). Vom Scheitel bis zur Sohle ist Hiob krank und unansehnlich. Ein gutes Leben ist nicht erkennbar. Das Gute, das er empfangen hat – kinderreich und „reicher als alle, die im Osten wohnen“ (1,3) und dazu gläubig zu sein – es rückt in den Rückblick. Hiob – der Gerechte leidet. Hiob, der unschuldig ist, erlebt Unheil. Der leidende Hiob ist eine Provokation für jede Lehre von Glück und Leiden.

Wer über Hiobsbotschaften im Leben ins Nachdenken über Gott kommt, steht vor einer Alternative: Kann ich auch die dunklen, unverständlichen Seiten meines Lebens mit Gott in Verbindung bringen? Ist es tröstlicher, wenn Gut und Böse miteinander kämpfen, man in das „Räderwerk des Bösen“ (Rüdiger Lux) gerät oder letztlich alles aus Gottes gütiger Hand anzunehmen ist?

Hiob denkt über solche Fragen nicht am Schreibtisch nach als philosophisches Problem, sondern aus persönlicher Betroffenheit heraus. Der Leidende wagt es, sich einen Reim darauf zu machen, wie er sein Leid und sein Vertrauen zu Gott zusammen halten kann.

Die Frau Hiobs spielt eine eher unrühmliche Rolle. Sie selbst hat auch ihre Kinder verloren und ist betroffen von den Verlusterfahrungen Hiobs. Aber sie hat für Hiob nur einen negativen Rat: Gott abzusagen und zu sterben. Was bringt es ihm noch an seinem Gottvertrauen festzuhalten – so wie er in der Asche sitzt? Hiob widerspricht energisch mit den berühmten Sätzen von Hiob 2 Vers 10. „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“

Wenn sich ein Leidender so äußert, dann ist dies mit Respekt zu hören! Ein Lebender, der Böses im Leben aus der Hand Gottes annehmen kann, ist ein Zeugnis. Ein Zeugnis für großes Gottvertrauen in dunklen Tälern begleitet zu sein. Ein Zeugnis dafür, eine Adresse für Klage und Anklage zu haben, nämlich Gott selbst. Ein Zeugnis dafür, dass es immer das Beste ist, in Gottes Hand zu fallen, als in irgendeine andere.
Hiob steht mit diesem Glauben nicht alleine da. Die Glaubensüberzeugungen des weisen Predigers führen zu einer ähnlichen Botschaft: „Am guten Tag sei guter Dinge, und am bösen Tag bedenke: Diesen hat Gott geschaffen wie jenen, damit der Mensch nicht wissen soll, was künftig ist.“ (Prediger 7,4).

Den Umgang mit Hiobsbotschaften gibt es nicht auf Rezept. Es gibt vielfältige biblische Wege. Der Weg von Hiob 2,10 bekennt sich zum Glauben an Gott in allen Lebenslagen.

Michael Rohde
seit Oktober 2015 Pastor der EFG Hannover Walderseestraße

September 2015

Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. (Mt 18,3)

Wie ein Kind werden – damit verbinden sich in der Auslegungsgeschichte zu diesem Vers unterschiedliche Vorstellungen. Christinnen und Christen sollen sich kindliche Eigenschaften wie Sanftmut, Bescheidenheit, Einfältigkeit zu Eigen machen. Auch Enthaltsamkeit und bescheidenes Leben wurden damit assoziiert, oder die Hörigkeit gegenüber Eltern und Lehrern, die Lernbereitschaft, das grenzenlose Vertrauen zu den Eltern, die kindliche Naivität. Der Exeget Ulrich Luz hat dazu treffend formuliert, dass diese Vorstellung vielmehr spiegeln, wie ein Kind sein sollte und nicht, wie es tatsächlich ist. Und wer eigene Kinder hat oder intensiver mit Kindern zu tun hat, der kann dem sicherlich zustimmen: bohrende Fragen und Wissen wollen statt kindlicher Naivität, – eine Trotzphase nach der nächsten statt kindlicher Hörigkeit gegenüber den Eltern, – aktives Einfordern von Zeit, Zuneigung, Anerkennung, Süßigkeiten, – neuen Spielsachen statt Bescheidenheit und Einfältigkeit, – häufige Geschwisterstreitigkeiten statt Sanftmut.

Für das Verständnis dieses Verses hilfreich ist die Frage, wie Kinder im antiken Judentum zur Zeit Jesu gesehen wurden. Einerseits wurden sie als Gottesgeschenk betrachtet. An ihnen zeigt sich der Segen Gottes für die Eltern. Andererseits aber galten sie nur als unfertige Menschen. Sie waren keine voll einsetzbaren Arbeitskräfte und existentiell von der Versorgung durch die Familie abhängig. Ebenso waren sie noch unmündig in Fragen des Glaubens und des ethischen Handelns. Kindheit wurde als defizitäre Lebensphase angesehen, die möglichst bald zu überwinden sei. Die Lebenssituation von Kindern lässt sich daher sehr gut mit dem Begriff der Niedrigkeit beschreiben. Kinder waren damit nicht nur äußerlich sondern auch innerlich klein und machtlos und damit auch unbedeutend. Jesus hingegen stellt die Kinder als positives Beispiel in den Mittelpunkt und spricht ihnen damit gleichzeitig besondere Bedeutung und Relevanz zu.

Ihre Lebenssituation steht Jesus vor Augen, wenn er seinen Jüngern erklärt, dass die „Eintrittskarte“ für das Himmelreich das „werden wie die Kinder“ ist. Damit fordert er ein Leben wider die Maßstäbe der damaligen Gesellschaft. Er erwartet von seinen Jüngern, dass sie klein, machtlos, ja „unbedeutend“ werden sollen, so wie eben ein Kind damals wahrgenommen wurde. Wie sich das im Leben konkretisieren soll, wird in den nachfolgenden Textabschnitten erkennbar, beispielsweise durch Vergebungsbereitschaft statt Beharrung auf dem eigenen Recht (Mt 18,15-35), durch Verzicht auf eigenen Wohlstand zugunsten der Bedürftigen (Mt 19,16ff) oder durch Verzicht auf Hierarchien und damit verbundene Ehre (Mt 20,26-28; 23,11).

Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu sollen damit bewusst nach Maßstäben leben, die im Widerspruch zur damaligen Gesellschaftsordnung standen. Es sind Maßstäbe, die nicht auf das irdische Wohl und den Erfolg des Einzelnen zielen, sondern auf das Wohl des Nächsten und damit zugleich auf eine positive, wertschätzende, lebensförderliche Beziehung zwischen Menschen. Solch ein alternatives Lebenskonzept zu den gesellschaftlichen Maßstäben war nicht nur zur Zeit Jesu revolutionär. Das ist es auch heute in einer westlichen Gesellschaft, in der individueller Wohlstand und Erfolg Leitmaßstäbe sind. Zu einem derart revolutionären Lebensstil sind wir als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu aufgefordert. Solch ein Leben steht unter der Verheißung der Teilhabe am Himmelreich. Und diese Verheißung gilt nicht erst für das Ende der Zeit. Denn dort, wo Menschen in Demut leben, sich selbst nicht so wichtig nehmen, den eigenen Wohlstand teilen, vergeben statt auf Recht zu beharren, andere Menschen höher achten als sich selbst, dort bricht das Himmelreich durch in unsere Welt. Und daher ist solch ein Leben in Niedrigkeit alles andere als unbedeutend.

Christian Wehde
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Neues Testament an der Theologischen Hochschule Elstal

August 2015

Jesus Christus spricht: Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben (Mt 10,16)

In Deutschland kommen nur wenige Schlangenarten vor, die alle unter strengem Naturschutz stehen. Schlangen zu schädigen steht hierzulande unter Strafe. Bei Begegnungen mit den seltenen Tieren macht man möglichst einen großen Bogen, damit sie sich wieder verkriechen können. Zur Zeit Jesu war das noch anders. Schlangen wurden nicht als wertvolle Naturbewohner, sondern einfach nur als Bedrohung wahrgenommen. Wer eine Schlange sah, schlug sie tot, wenn er irgend konnte. Eine Schlange zu erschlagen, ist allerdings gar nicht so einfach, da die Tiere auf Gefahr blitzschnell reagieren und mit großer Beweglichkeit entwischen. Wegen dieser Eigenschaft galten sie seit Urzeiten als besonders kluge Tiere, ja als „listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte“ (1. Mose 3,1). Die Jünger benötigen für die gefährliche Aufgabe, zu der Jesus sie aussendet, die Wachsamkeit und Wendigkeit der Schlangen. Sie werden Menschen begegnen, die auf die Verkündigung des Reiches Gottes mit Gewalt reagieren werden, so wie man zum Schlag ausholt, wenn man eine Schlange sieht.

Als moderner Stadtbewohner habe ich keine günstige Meinung von Tauben, aber auch hier lagen die Verhältnisse in der Welt der Bibel anders. Tauben waren das beliebteste Zuchtgeflügel. Im Gegensatz zu den Schlangen galten Tauben als besonders dumme und harmlose Tiere. Die Einfalt der Tauben ist laut dem „Physiologus“, einer frühchristlichen Schrift über die in der Bibel erwähnten Tiere, daran zu erkennen, dass man ihnen immer wieder die frischgelegten Eier wegnehmen kann und sie sich jedesmal ganz unverdrossen daran machen, ein neues Nest zu bauen und neue Eier zu legen. Weil Tauben so zärtlich gurren, galten sie als besonders sanft. Das verband man mit der Beobachtung, dass Tauben keine Gallenblase haben. In der Antike nahm man nämlich an, dass die übermäßige Beimischung von Gallenflüssigkeit im Körper zu Jähzorn führe. Die Charakterisierung, die Jesus bei den Tauben im Blick hat, lautet im griechischen Text „unvermischt“. Im Deutschen könnte man das Wort präzise als „lauter“ übersetzen.

Wenn diese historisch-zoologischen Detailbeobachtungen in die richtige Richtung gehen, sagt Jesus also nicht etwa, seine Jünger dürfen hinterlistig wie die Schlangen und dumm wie die Tauben sein, sondern genau das Gegenteil. Die Verkündiger des Evangeliums müssen Geschicklichkeit und Geistesgegenwart an den Tag legen, sollen dabei aber keine faulen Kompromisse schließen, ihre Botschaft nicht kompromittieren. Was Jesus seinen Jüngern angesichts von unmittelbar drohender Gefahr und Verfolgung gesagt hat, als er sie wie die „Lämmer mitten unter die Wölfe“ sandte (noch mehr Tiervergleiche!), soll auch von solchen Gemeinden der Jesusjünger gehört werden, die in Ruhe und Sicherheit leben dürfen. Im Vers, der dem Monatsspruch unmittelbar folgt, warnt Jesus: „Hütet euch vor den Menschen.“ Vor wem eigentlich? Vielleicht vor uns selbst, vor unserer eigenen Neigung zur Trägheit, wo Wachheit und Wendigkeit am Platz sind, und zum faulen Kompromiß, wo Eindeutigkeit gefragt ist.

Prof. Dr. Martin Rothkegel
Professor für Kirchengeschichte an der Theologischen Hochschule Elstal

Juli 2015

Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen. (Mt 5,37)

„Alter, isch schwör dir, isch mach dich …“, so hört man es allenthalben im Kiezdeutsch, besonders in Berlin. Und nicht nur von Jugendlichen mit türkischem oder arabischen Hintergrund, zunehmend auch von deutschen. Dem „Schwur“ folgen eine Drohung oder Beleidigung, oft aber nur eine belanglose Aussage. Der so „Schwörende“ will dem, was dann folgt, Nachdruck verleihen oder mehr noch die eigene Wichtigkeit herausstellen.

Derart inflationäres Schwören gab es auch zur Zeit Jesu. Einer schwört, dass er isst, schläft oder nicht schläft, ein Steinchen ins Wasser wirft und allerlei anderes Banales. Weit weg von der ursprünglichen Bedeutung des Schwurs, gedankenlos, und doch von Übel. Nicht weniger böse war das berechnende Vorgehen der Frommen, welche Art von Eid unverbindlich sei: „beim Tempel oder beim Altar zu schwören“, und welche denn verbindlich: „beim Gold des Tempels oder beim Opfer, das auf dem Altar liegt, zu schwören“. (Mt 23,16ff)

Dem Schwören jeder Art gebietet Jesus Einhalt. Nicht nur den Meineid verbietet er in diesem Abschnitt der Bergpredigt „Über das Schwören“. Jede Art ist zu verurteilen, ob banale oder ernste Bekräftigungsformel oder mit List erdachtes Schlupfloch. Die Alte Kirche wusste sich dieser Radikalität verpflichtet. Mit der Anerkennung der Christen durch Kaiser Konstantin wurden heidnische Eidformeln abgelehnt, aber eine Fülle erlaubter Formen „christlichen“ Eides gestattet. Die großkirchliche Tradition setzte sich über Jesu Verbot hinweg, täuferische Gruppen mit dem Eidverbot blieben Exoten.

Jesus fasst seine Ausführungen über das Schwören mit der Forderung nach klarer Ansage und verbindlicher Aussage zusammen: Ein JA sei ein JA, ein NEIN ein NEIN! Nichts dazwischen und nichts darüber hinaus! Jeder Schwur entwertet das einfache JA. Auf dieses ist dann kein Verlass mehr. Die Vielzahl der oft kreativen Eidesformeln (vgl. Mt 5,34-36; 23,16ff) führt zur unseligen gegenseitigen Überbietung, bei dem eins auf der Strecke bleibt: Die Wahrheit. Wahrheit lässt sich nicht steigern. „Wahrer“ als die andern oder gar „ganz wahr“ sein zu wollen geht nicht.

Leute mit einem einfachen Ja oder Nein sind Jesus am liebsten. Menschen, die sich nicht winden und drehen und herausreden, die einfach eindeutig sind, und klar. So klar wie der Vater im Himmel ist, so klar sollen auch die sein, die ihm folgen. Gott sagt JA, zum Menschen und zu seiner Schöpfung. Sein JA lässt sich an Klarheit nicht überbieten. Unter dem geht es aber auch nicht. Jesus will Menschen, die verlässlich sind, so wie Gott der Inbegriff von Treue und Verlässlichkeit ist. Wie können Christen von diesem Gott reden, wenn sie selber unklar bleiben?

Euer Ja sein ein Ja, ob Ihr es zu Gott als Antwort auf sein JA sprecht oder in den vielfältigen menschlichen Beziehungen. Mitunter braucht Klarheit Mut. Die Urlaubszeit bietet mehr als der Alltag Zeiten zum Innehalten und Erspüren, was das eigene klare Ja oder Nein erschwert. Auch zum Einüben dieser vergessenen Kunst der Eindeutigkeit und zur Freude über ein neues, befreites Miteinander, das daraus folgt. „Ehrlich, isch schwör!“

Olaf Kormannshaus
Olaf Kormannshaus lehrte bis Juni 2015 Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Juni 2015

Ich lasse Dich nicht los, wenn Du mich nicht segnest. (Genesis 32,27)

Jakob ist unterwegs, um seinem Bruder Esau nach vielen Jahren wieder zu begegnen. Er fürchtet sich vor dieser Begegnung. Wie wird Esau reagieren? Wird er ihm freundlich entgegen eilen oder trägt er ihm den Betrug um das Erstgeburtsrecht, um das väterliche Erbe, immer noch nach? Jakob ist gut vorbereitet. Er hat seinen Besitz schon aufgeteilt und will Esau großzügig beschenken. Seine Familie schickt er schon einmal vor. Er selber bleibt zurück.

Es wird Nacht. Unvermittelt findet sich Jakob in einem Kampf wieder. Mit wem er hier kämpft bleibt zunächst im Dunkel. Von einem Mann ist die Rede, aber wer ist dieser Mann? Ist es ein Mensch, der ihm hier an diesem Flussufer begegnet? Sind es seine eigenen Ängste, mit denen er ringt, mit denen er sich nun auseinandersetzen muss? Ist es ein Dämon oder ein Engel? Oder am Ende Gott selbst?

Jakob ist ein starker Gegner. Lange kämpft er mit dem Mann - bis der Morgen kommt. Doch das herannahende Tageslicht zwingt den Gegner zu gehen. Auf einmal hat er es eilig, er will fort. Er vermag Jakob nicht zu besiegen und so macht er ihn wenigstens kampfunfähig, verletzt ihn an seiner Hüfte. Aber noch immer ist Jakob stark und ringt mit seinem Gegenüber. „Lass mich los!“ Ein Satz gesprochen mitten im Kampf. Sollte Jakob nicht froh sein, wenn sei Gegner weggeht? Doch er hält ihn fest. Er hält an dem fest, der ihn verletzt hat. Jakob gibt nicht auf, gibt sich nicht geschlagen. Er ist kein Verlieren. Mit Gewinn will er aus diesem Kampf hervorgehen. Einen Segen will er für sich. Die Kraft, die sich jetzt noch gegen ihn wendet, will er zum Guten nutzen.

Der Fremde kann sich nicht einfach aus dem Staub machen, sich nicht davon schleichen. Also bekommt Jakob etwas. Er bekommt einen neuen Namen: Israel. Die Kraft, die sich gegen ihn gewendet hat, wird fortan mit ihm sein. Aus dem Gegner wird der Verbündete. Der Fremde kämpft für ihn, so könnte man den Namen „Israel“ verstehen. Und nun will Jakob doch endlich wissen, mit wem er es zu tun hat: „Sag mir deinen Namen.“ Doch der Fremde nennt seinen Namen nicht, bleibt weiterhin im Verborgenen. Aber er segnet Jakob. Jakob ist nicht der Gewinner und doch zieht er Gewinn aus dieser schwierigen Situation. Und er hat eine Ahnung, mit wem er zu kämpfen hatte, denn jetzt gibt er einen Namen. Er benennt den Ort: Pnuel - Angesicht Gottes. Jakob ist sich sicher: Er hat Gott gesehen und trotzdem überlebt.

Wenn dann der Morgen kommt, ist er stärker geworden, trotz seiner Verletzung. Das Morgenlicht zeigt einen Gesegneten, der darauf vertrauen kann, dass Gott selbst seine Kraft für ihn einsetzt.

Dr. Andrea Klimt
Professorin für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Mai 2015

Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt. (Phil 4,13)

„Alles vermag ich“ – das ist ein stolzer Satz. Zumal wenn er von jemandem stammt, der als Gefangener hinter Gittern sitzt. „Alles vermag ich“ –  das ist aber auch ein zutiefst demütiger Satz. Denn er steht nicht allein. Er wird begründet. Und auf die Begründung kommt es an: „Durch den, der mir Kraft gibt.“ Gemeint ist Jesus Christus. Es ist also kein plumpes Selbstvertrauen, das sich hier ausspricht. Es ist kein Zweckoptimismus nach dem Motto: Irgendwie stehen wir das schon durch. Und zugleich steht dahinter auch kein jämmerliches sich Verkriechen: Der Herr wird’s schon richten. Der apostolische Satz „Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt“, ist ein Satz, der die Freiheit des Glaubens atmet. Und die sagt weder, dass ich alles allein kann. Noch sagt sie, dass ich gar nichts kann. Es ist bemerkenswert, dass im Neuen Testament durchaus von menschlicher Stärke, ja sogar Macht die Rede ist. Und davon, dass der glaubende Mensch davon Gebrauch machen darf und soll. Freilich ist dabei völlig klar, dass es sich hier um eine verliehene Macht und Stärke handelt. Um Recht und Vollmacht also, die man sich nicht selbst geben kann.

Wozu macht uns die verliehene Kraft stark? Dazu, etwas zu wagen. Ja, Christen dürfen etwas wagen und um Gottes willen etwas Tapferes tun. Aber auch: Etwas von anderen zu empfangen. Denn um etwas anzunehmen – zum Beispiel Hilfe von außen, braucht man manchmal mehr Kraft als zum Geben. Und natürlich auch: Etwas auszuhalten, wenn es ertragen werden muss. Um schwierige Mitmenschen zu ertragen, braucht man manchmal unerhört viel Kraft.  

Was ist das für eine Kraft, die uns gegeben wird und durch die wir etwas vermögen? Es ist die Liebe Christi, die er mit uns teilt. Sie ist kein Zaubertrank, sondern eine personale, geistliche Macht, die eine neue Gesinnung in uns schafft. Eine Gesinnung aus der Kraft der Liebe Gottes, die gerade darin allmächtig ist, dass sie alles erträgt und nicht das Ihre sucht, sondern das des Andern. Und die als Gottes Kraft letztlich sogar stärker ist als der Tod.

Dr. Volker Spangenberg
Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Apri 2015

Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen! Mt 27,54 (L)        

Was für ein kühner Satz – gesprochen von einem Heiden. Mehr noch – gesprochen von einem römischen Soldaten. Dabei galt seine Treue einem anderen Gottessohn – dem römischen Kaiser. Sein Bekenntnis ist unerwartet – nach menschlichen Erwägungen fast deplatziert. Denn es ist kein Einstimmen in den feierlichen Ruf der Massen „Hosianna Davids Sohn“ als sie Jesu Weg mit Palmenzweigen säumten. Ihre Rufe waren längst in das „Kreuzige ihn!“ umgeschlagen.  Selbst den Jüngern hat das Kreuz den Glauben geraubt. Petrus sagte einmal voller Überzeugung: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16, 16). Von ihm fehlt auf Golgatha jede Spur. Der Hauptmann fällt sein Urteil im Anblick eines Gesichtes, das unter einer Kruste aus Blut, Schweiß und Schmutz zu einer schmerzerfüllten Grimasse verzerrt ist. Als sich niemand zu entsinnen scheint, dass jener, der dort so armselig stirbt, der Retter, der König, der Messias sein soll, fällt es dem Hauptmann wie Schuppen von den Augen: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“

Was hat diesen Hauptmann so in seinen Grundfesten erschüttert? Auf Golgatha, wo der höchste von Allen erhaben über den Köpfen der Massen armselig stirbt, begreift er das paradoxe und zugleich (er-)lösende Moment des Kreuzes. Auf der Schädelstätte wird Gottes Weg zu den Menschen ein brutales Ende gesetzt. Jesus der Christus wird geschlagen und ausgepeitscht, bespuckt und mit Hass und Häme überschüttet. Er wird in die unendliche Ferne des Todes gestoßen. Und Gott antwortet mit seiner ganzen Herrlichkeit. Dunkelheit umhüllt das Kreuz, ein mächtiges Beben erschüttert die Erde, Felsen werden zerschmettert und Gräber öffnen sich. All diese Erschütterungen kündigen im Alten Testament Gottes mächtiges Kommen zum Gericht an. In der Todesstunde offenbart sich Gott selbst und bekennt sich zu jenem Jesus, der von den Menschen verworfen wurde. So hält Gott Gericht. Er richtet die Ignoranz, den Hass und die Hartherzigkeit der Menschen. Sein Urteil, das über die Menschen hereinbricht, geschieht am Kreuz. Doch es kreuzigt die Menschen nicht. Es stößt sie nicht in die Ferne und verdammt sie nicht zum Tode. Es zerreißt symbolisch den Vorhang im Tempel, der die verlassene Wohnung Gottes unter den Menschen verhüllte. Alles was zwischen Gott und Mensch stand ist hinweggenommen. Auf unsere Ablehnung antwortete Gott mit Annahme, auf unseren Hass mit Vergebung, auf Jesu Tod mit ewigem Leben.

Das ist erschütternd, besonders für alle, die in der Logik von Strafe und Vergeltung gefangen sind – so wie der Hauptmann am Kreuz. Gottes Gericht am Kreuz lässt nicht die Welt vergehen – es verkehrt sie: Wo Gottes Zorn wieder den Menschen lodern müsste, wird seine Liebe zu seinen Geschöpfen neu entzündet. Statt uns den Rücken zu zukehren, blickt Gott uns freundlich an. Das ist die Gerechtigkeit des Kreuzes. Sie bringt die Welt des Hauptmanns ins Wanken, bis sie in sich zusammenbricht. Nicht der Kaiser und das römische Heer mit ihren ruhmvollen Siegen und ihrem Recht haben der Welt den letztendlichen Frieden und Gerechtigkeit gebracht, sondern der armselige Tod von Jesus am Kreuz. Seit jenem Tag hat unsere Welt so viel Unrecht gesehen und unzählige Tage haben die Menschen den Zorn Gottes herbeigeschrien. Doch die Antwort ist bis heut gleich geblieben: Das Kreuz und seine Versöhnung. Sie wollen auch uns ins Wanken bringen, bis wir voller Ehrfurcht bekennen: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“

Sebastian Gräbe
Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie am Theologischen Seminar Elstal (FH).

März 2015

„Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?“ (Röm 8,31)

Wenn ich nur ein Kapitel der Bibel behalten dürfte, ich würde mich vermutlich für das achte Kapitel des Römerbriefes entscheiden. Dieses Kapitel beschreibt wie kein anderes die Heilsgewissheit, die der christliche Glaube schenkt. Es beginnt mit der Aussage: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“ (Röm 8,1) Und es endet mit dem großartigen Bekenntnis: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn“ (Röm 8,38f).

Zwischen diesen Eckversen schreibt Paulus von der Sendung des Sohnes Gottes in die Welt, beschreibt er die Überwindung der Sünde durch die befreiende Wirkung des Heiligen Geistes und verkündigt er die Hoffnung auf die Auferstehung zu ewigem Leben und die Erlösung der gesamten Schöpfung. Und nach all diesen wichtigen Glaubens- und Hoffnungsworten steht als Fazit der Monatsspruch für diesen März: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?“ (Röm 8,31)

Diese Frage ist im Kontext des achten Kapitels des Römerbriefes eine rein rhetorische Frage, denn die Antwort ist klar: Niemand! Wenn Gottes Liebe zu uns so groß ist, dass er uns seinen Sohn schenkt, um uns von Sünde, Schuld und Tod zu befreien, wer sollte dieses Heilswerk Gottes ungeschehen machen können? Die Antwort ist: Niemand! Wenn Gott uns freispricht, wer könnte uns verurteilen? Niemand! Wenn der, der für uns gestorben ist und unsere Sündenschuld getilgt hat, für uns als Anwalt eintritt, wer könnte uns dann noch erfolgreich verklagen? Niemand! Und wenn der Satan selbst als Ankläger aufträte, er hätte keine Chance gegen die vergebende Liebe Christi. Das ist die zentrale Gewissheit unseres christlichen Glaubens: Selbst wenn unser Gewissen uns verurteilt oder Menschen über uns den Stab brechen, wir dürfen dennoch gewiss sein, dass Gottes Liebe zu uns größer und mächtiger ist als alle Sünde, alle Schuld, alles Leid und alle negativen Mächte und Gewalten die gegen uns antreten könnten. Deshalb liebe ich dieses achte Kapitel des Römerbriefes so. Es enthält Evangelium pur.

Dr. Ralf Dziewas
Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule)